Literaturgefluester

2018-07-13

Tyll

Filed under: Bücher — jancak @ 00:10
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Jetzt kommt wieder etwas von meiner Liste, nämlich ein Buch, das ich mir im letzten November auf der „Buch-Wien“ von dem Geburtstagsgutschein der Anna gekauft habe, weil ich es auf dem „Thalia-Stapel“ liegen gesehen habe und etwas anderes mir nicht so ins Auge sprang, denn ich bin ja eigentlich kein Kehlmann-Fan, den ich eigentlich für einen sehr genau arbeitenden, aber vielleicht etwas langweiligen Schriftsteller halte, obwohl ich schon einiges von ihm gelesen habe und einmal lang lang ists her, ich glaube es war nine eleven oder kurz danach, habe ich ihn in der „Alten Schmiede“ erlebt, als er von  ein paar Studenten angegriffen wurde und sich krampfhaft freundlich „Es freut mich, daß Sie sich so sehr für mich interessieren!“, verteidigt hat, während der Herr an meiner Seite verärgert „Raunzt nichts kaufts!“, geschrien hat und Kurt Neumann, die Diskussion abbrach und Till Eulenspiegel, der Narr aus dem vierzehnten jahrhundert und überhaupt historische Rlomane interessieren mich ja nicht so sehr, so steht die „Vermessung der Welt“ mit der er berühmt geworden ist, noch immer in meinen Regalen, aber dann habe ich doch nicht widerstehen können und ich muß sagen, ich war überrascht.

Daß das einer der besten Romane der Saison sei, habe ich schon vorher wo gehört und dem will ich nicht unbedingt zustimmen, aber es war spannend mich zwar nicht durch das Mittelalter aber durch den dreißigjährigen Krieg zu lesen, hatten wir ja  vor kurzem ein Luther-Jahr und Ferdiun Zaimoglu hat mit „Evangelio“  etwas Ähnliches gemacht und da sind wir auch schon bei einer Kehlmannschen Spezialität.

Vor ein paar Jahren habe ich „F“ gelesen und da auch gehört, daß er in einem Interview sagte, ein jeder Schriftsteller würde lügen. Was ich mir so interpretiere, daß er meinte, er muß etwas erfinden oder Geschichten fabulieren und den Ausdruck eigentlich für unglücklich hielt.

Aber das Jonglieren mit der Wirklichkeit gehört wahrscheinlich wirklich zu den Kehlmannschen Spezialitäten und seiner Kunst, denn er hat den Tyll Ulenspiegel in den dreißigjährigen Krieg verlegt. Einen Gaukler, Schausteller und Vaganten aus ihm gemacht und zieht in acht Kapiteln, die eigentlich Bilder sind durch die dreißig Jahre, zieht durch das Vagantenleben seines Tyll und durch die Geschichte, erfindet, fabuliert dabei selber wahrscheinlich sehr  wortgewaltig und ich muß sagen, Hut ab, langweilig, brav und  streberhaft ist da wahrscheinlich nicht mehr sehr viel, sondern alles spitzbübisch schlau durchdacht.

Die acht Sittenbilder des Krieges sind auch nicht chronologisch und von jenem Tyll wird eigentlich auch gar nicht so viel erzählt, der dient vielleicht nur als Vorwand für die Kehlmannsche Fabulierkunst und so zeichnet er wahrscheinlich genauso scharf, direkt, bunt und derb die Armeligkeit des Krieges und das Leid der Menschen damals, wie es Feridun Zaimoglu in seinem „Evangelio“ tat.

Beginnen tut es mit den Schuhen. Da zieht der berühmte Gaukler mit seiner Schwester oder Freundin, Nele, der Bäckerstochter seines Heimattorts und einer Alten durch ein Dorf und gibt eine Vorstellung. Er tanzt am Seil und fordert die Leute dann auf, die Schuhe in die Luft zu werfen, was zuerst zu Euphorie und dann zu bitteren Streit führt, weil  sie die dann nicht wiederfinden.

Dann geht es in die Kindheit des kleinen Tyll. Er ist der Sohn eines Müllers, der aber auch ein Heiler ist und sich sehr für Bücher und Gelehrtheit interessiert, das tut in Zeiten wie diesen nicht gut, so kommen zwei Gelehrte zu ihm auf Besuch und er wird als Hexer verbrannt. Der kleine Tyll, der Junge, der einmal schon ein traumatisches Erlebnis hatte, als er mit seiner hochschwangeren Mutter einen Karren Mehl durch den Wald führen mußte und dann die Nacht allein ausharren mußte, mußt dabei zusehen. Er reißt aber mit der schon erwähnten Bäckerstochter aus, schließt sich einen Schausteller an, der ihm noch das Jonglieren   beibringt und einen sprechenden Esel, wo man nie ganz  herausfindet, ob das nun Bauchredner- oder doch Zauberkunst ist, gibt es auch und dann noch eine Reihe berühmte Herren und Wissenschaftler, die in Zeiten, wie diesen nach Drachen suchen oder ihre Memoiren schreiben und weil sie sich auf ihr Gedächtnis nicht mehr so gut verlassen können, dabei einiges verändern.

Ja, Meister Kehlmann ist sehr ausgefuchst und eine Liz, die Enkeltochter der Maria Stuart, Winterkönigin, und Kurfürstin gibt es auch, bei der Tyll, der nicht sterben wollte, nicht sterben konnte oder sich auch nur für unsterblich hielt, Hofnarr war, gibt es auch.

Ein sehr interssantes Buch, wo einiges von Daniel Kehlmanns Meisterschaft, die er sich inzwischen strebsam,  fleißig höchstwahrscheinlich erarbeitet hat, zu sehen ist, also und wem es interessiert, in meinem momentanten Work on progress, an dem ich ja immer noch, wie verrückt oder auch verzweifelt korrigiere, kommt der Meister auch vor und liest ihm österreichischen Kulturinstitut von New York aus dem Buch und diskutiert mit Jonathan Franzen dabei von dem ich in diesem Jahr ja auch schon etwas gelesen habe.

2016-01-15

Die Verwerfung

Weiter geht es mit der Graphic Novel Schiene des „Zwerchfell-Verlags“,  jetzt mit der „Verwerfung – eine Geschichte aus dem dreißigjährigen Krieg“, des 1988 in Innsbruck geborenen Lukas Kummer,  der 2007 nach Kassel zog und dort Illustration und Comic studierte.

„Lukas Kummer“, steht am Buchrücken „erzählt eine historisch versierte Antikriegsgeschichte, die keine erbauenden Schlachten zeigt oder verklärte Heldenromantik zuläßt, sondern einzig und allein von den Opfern des Krieges erzählt.“

Und das macht der junge Zeichner sehr brutal und höchstwahrscheinlich mehr als realistisch, fast in Michaela Falkners Manier und die Geschichte von den beiden Kindern, Jakob und Johanna, die da Mutterseelen allein durch die Kriegsgebiete wandern, könnte sich wahrscheinlich auch in Syrien oder Afhanistan zutragen und von Kindersoldaten handeln.

Denn das sind die Beiden, die Mutter ist bei der Geburt des kleinen Jakobs gestorben, der Vater war bei den Soldaten und ist umgekommen und die Kinder, Johanna hat sich als Junge verkleidet, nennt sich fortan Harald „um ihre Fut zu schonen“ und ist von den Soldaten, obwohl es dort zu essen gab, geflohen, als denen dort offenbar ihre Brüste auffielen.

Der kleine Bruder schloß sich an und ist nun offenbar offenbar Last der älteren sehr verhärteten Schwester, die mit ihm schimpft, wenn er hustet, seine Sachen nicht tragen will oder so schnell nicht mitkommen kann.

Denn es ist wahrscheinlich nicht lustig im Winter über die verbrannten Felder zu ziehen, die Leichen baumeln von den Bäumen oder liegen von der Pest dahingestreckt am Boden und die alte Frau, die finden, lebt zwar noch, beginnt aber schon ihre eigenen Zehen zu essen….

Furchtbar, furchtbar und nichts wie weg, trotzdem versucht die Schwester, weil sie es dem Vater versprochen hat, dem Kleinen, der, vielleicht nicht ganz so realistisch, wie sie ist, sondern die Sterne beobachtet und auch mal vor sich hinphilosophiert und sich seine Gedanken über das Leben, wie er es kennenlernte „mit jeder Tat ob gut oder böse vernichtet man sich immer mehr ein Stück weit selber“, macht, das Lesen beizubringen, damit er vielleicht später Schreiber werden kann.

Sie will eigentlich bei den Soldaten bleiben und als sie einen ausgehungerten Marketender finden, der zwar noch Gold in seinen Kleidern, aber nichts mehr zu essen hat, nimmt sie ihm ganz brutal das, sein Patent und seine Kleider weg, in der Hoffnung, damit selber ihre Geschäfte zu machen.

Der Kleine warnt sie noch, daß das nicht gut gehen kann, weil ja nicht ihre Namen auf dem Papier stehen. Sie finden ein Nachtquartier und einen Topf mit Wasser, wo sie sich waschen können, dann kommen schon die Soldaten, finden das Gold und das Patent, vergewaltigen das Mädchen „der Soldat muß ja auch was haben für seine Kriegsmüh“ und hacken ihnen am Schluß noch die Daumen ab.

Der kleine Jakob stirbt und das Mädchen zieht weiter durch den Krieg und die Nacht mit verbundenen Händen…

Eine sehr brutale Geschichte, schön gezeichnet und „versiert recherchiert“ wie schon erwähnt.

Wird wohl so  gewesen sein, im dreißigjährigen Krieg, im World war one or two und jetzt in Afghanistan, Syrien, Irak etcetera, denn „Gut und böse das gibt es sowieso nicht. Das ist nur eine Erfindung. Es war immer nur die Mühsal und das Verheizen!“, philosophierte der kleine Jakob, als er noch nicht gestorben war und ich denke wieder an Michaela Falkners Manifeste, an die Flüchtlingsproblematik, die uns das letzte Jahr begleitet und daran, daß ich eigentlich etwas Schöneres lesen will….

Die Titelgebung habe ich nicht ganz verstanden.

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