Literaturgefluester

2017-10-27

Reibungsverluste

„Reibungsverluste“ der 1981 in Sarajevo geborenen Mascha Dabic, die 1992 nach Österreich kam, hier Translations- und Politikwissenschaften studierte und als Übersetzerin im Asyl- und Konferenzbereich tätig ist und unter anderen auch Barbi Markovic übersetzte, ist das zweite und wahrscheinlich letzte Buch der österreichischen Debutshortliste, das ich gelesen habe und es ist, obwohl das wahrscheinlich draufsteht, kein Roman, sondern, ich weiß nicht, ob man es als Memoir oder Personal Essay bezeichnen könnte. Vieles davon ist wahrscheinlich autobiografisch und aus dem Leben und Erfahrungsschatz der jungen Autorin gegriffen.

Ein Sachbuch ist es wahrscheinlich auch nicht, denn es hat  eine Handlung. Ein Tag im Leben einer jungen prekären Geisteswissenschaftlerin, die zwei Jahre lang in Russland lebte und daher jetzt in Asylheimen bei Therapien Tschetschenen dolmetscht, wird da erzählt.

Ein narrativer Sachbericht ist wahrscheinlich der bessere Ausdruck, der uns viel vom Leben der prekären Geisteswissenschaftler und der Asylsuchenden, ihren Alltag, ihren Sorgenschildert und das ist in Zeiten, wie diesen ein sehr wichtiges Thema, das uns alle angeht, obwohl der Zug nach rechts mit blauer Wolke ja wahrscheinlich schon längst fährt.

Friederike Gössweiner hat im Vorjahr mit ihrer „Traurigen Freiheit“, nur vom Leben eine prekären jungen Akademikerin erzählt und damit den Debutpreis gewonnen.

Ich dachte damals, das wäre deshalb, weil die „Arbeiterkammer“ den Preisträger aussucht und das ist ja ein soziales Thema, während Katharina Winklers „Blauschmuck“, das sicher viel literarischerischer war, leer ausgegangen ist.

Jetzt könnte ich sagen „Liebwies“ ist literarischer,  skurriler und wahrscheinlich ausgedacht, während „Reibungsverluste“ vom Alltag in dem wir leben erzählt, der,auch für mich, die über Sechzigjährige erfolglos schreibenden Psychologin und Psychotherapeutin, die in ihrer Praxis keine Dolmetsch gestützte Therapien, aber eine Zeitling eine solche Diagnostik mit oft auch tschetschenischen Asylwerbern machte, sehr interessant ist.

So weiß ich auch nicht genau, welchen Buch ich den Preis wünschen soll, das von  Nava Ebrahimi, das wahrscheinlich genauso sozialkritisch einzuschätzen ist, habe ich nicht gelesen.

Muß mich aber ohnehin nicht entscheiden und denke, es ist auf jeden Fall sehr interessant „Reibungsverluste“ zu lesen, obwohl ich das Buch nicht als Roman verstehen würde.

Interessant für mich natürlich in den Alltag einer Dolmetsch gestützten Therapie hineinzugleiten. Da erschien mir manches hözern und dahin erzählt. Aber Mascha Dabic ist wahrscheinlich keine Theraupeutin, wie das auch ihre Protagonistin Nora nicht ist und die hat ihre liebe Not, wie sie beispielsweise, die Therapeutenfloskel „Was haben Sie aus dieser Stunde mitgenommen?“, übersetzten soll, ohne daß der Klient empört „Ich habe nichts geklaut!“, antwortet.

Darum geht es in dem Buch, um die Reibungsverluste, die entstehen, wenn der Klient „Doppelgänger“ sagt, die Doolmetscherin „Zwilling“ übersetzt und Klient und Therapeut dann eine Weile aneinander vorbeirreden, bis der Dolmetscher eingreift und neu übersetzt.

Das ist das Interessante an dem Buch, für mich und wahrscheinlich auch für die, die letzte Woche schwarz oder blau wählten, weil man darin Einblick in das Leben von tschetschenischen Flüchtingen bekommt, den man sonst wahrscheinlich nicht erfährt, wenn man sie nur auf der Straße sieht oder in den Medien über die sogenannte Flüchtlingskrise hört.

Mascha Dabic übersetzt wahrscheinlich auch dem Russischen oder Serbischen, deshalb kommen in dem Buch die syrischen Flüchtlinge, die momentaner aktueller sind, nur am Rande vor.

Ich habe es aber und das gehört wahrscheinlich auch zu den „Reibungsverlusten“, das Buch, weil ein PDF und ich meinen Laptop nicht in meine ohnehin viel zu kleine neue schwarze Handtasche stecken kann, parallel mit Eva Rossmanns „Patrioten“ gelesen und da geht es unter anderen, um eine syrische Flüchtilingsfrau und ich hoffe, ich komme dadurch nicht zu sehr durcheinander und die dabei entstandenen Reibungsverluste halten sich in Grenzen.

Mascha Dabic, die ich mit ihrem Buch auch schon bei den „O-Tönen“ hörte, wurde auch von Daniela Strigl für den „Franz Tumler-Preis“, den inzwischen Julia Weber gewonnen hat, vorgeschlagen und steht auch auf der „Blogger Debut-Longlist“.

Sie war schon drauf, als ich von den O-Tönen kommend, auf der Seite nachschaute. Ich mußte sie also nicht vorschlagen, beginnt aber den Tag, durch den sie ihre Protagonistin Nora Kant führt, literarisch und läßt sie beim Aufstehen fluchen. Der Wecker läutet, sie muß los, denn am Montag dolmetscht sie im Flüchtlingsheim, am Mittwoch bei der Caritas, dazwischen gibt sie syrischen Flüchtlingen Deutschunterricht. Das kommt also doch vor und auch die „Flüchtlingsindustrie“ von denen ganze Heerschafen sonst arbeitsloser Geisteswissenschaftler leben und sie sieht schlecht,  hat „sieben Dioptriein und einen Astigmatismus am linken Auge“ und setzte als Kind immer die Brillen ihrer weit- beziehungsweise kurzsichtigen Eltern auf, die sie dann prompft vor dem schecht Sehen warnten.

In der kleinen Wohnung die, die prekäre Geisteswissenschaftlerin bewohnt, liegen überall Bücherstapeln, über die eine verschwommen Sehende schon mal stolpern kann und Nora hat sich und das finde ich, die „Büchernärrin“, wie die Ruth es einmal nannte, sehr originell sich ein dreimonatiges Leseverbot erteilt.

Bei „Amazon“ gibt es eine Einsternrezension, der das Buch “ eine langweilige Geschichte aus dem langweiligen Leben seines  sehr langweilig Menschen nennt“ nennt, da hat der Rezensent glaube ich  den Hintergrund „der zahlreichen Fluchtgeschichten“ nicht verstanden oder verstehen wollen, der sich aber genau auf das bezieht und das das spannenste Moment der Geschichte hält, daß sie am Abend wenn sie müde nach Hause kommt, nach einem Buch und da zwar zu japanischer Literatur, greift, was ich auch sehr spannend finde.

Die Protagonistin steigt also am Morgen unter die Dusche, macht sich eine Tasse Espresso, denkt dabei an ihren Russlandaufenthalt, wo sie am Geothe-Institut beschäftigt war, von Olgabei der sie zuerst wohnte, Unterricht im Nägelmaniküren bekam, dann mit einem Vladimir zusammenlebte und nach der Trennung von ihm, jetzt in einer kleinen Wohnung lebt und von einem Termin zum nächsten hetzt.

Sie kommt in das Flüchtlingsheim auch zu spät, sagt „Entschuldigung!“, zur Sekretärin Erika, die „Kein Problem!“, antwortet, denn der Klient hat abgesagt. So hat Nora eine Stehstunde, für die sie elf Euro bekommt und übersetzt in dieser Zeit für die Therapeutin Roswitha „Folterprotokolle“, denn nur wenn die selbstverständlich anonymisiert abgegeben werden, bekommt das Heim Subventionen und kann die Therapeuten, die „Sozialkas“ und die Dolmestscher zahlen.

Ich finde das nicht langweilig, sondern im Gegenteil sehr interessant, aber natürlich surrealistisch, experimentell oder sonst literaisch unverständlich ist es nicht, wenn die Klienten erscheinen.

Aber da kommt es eben zu „Reibungsverlusten“ und das fand ich auch besonders interessant, wie es bei diesen Dolmetsch gestützten Therapien zugeht und das ist ein bißchen anders als in meinen Kassentherapien.

Die Therapeutin Roswitha scheint aber auch eher analytisch zu arbeiten und die Dolmetscherin Nora hat sich erst an den Therapeutenjargon gewöhnen müssen und wenn ein Mann der Klient ist, stecken sich beide Eheringe an, um nicht noch unnötigere Reibungsverluste zu haben und wertvolle Zeit zu verlieren.

Es kommen aber ohenhin, wie meist üblich mehr Frauen mit Kopftücher. Malinka, die tschetschenische Zweitfrau mit dem einjährigen Baby auf dem Schioß, das natürlich quengelt und die Stunde verkürzt. Diese Stelle hat Mascha Dabic bei den O-Tönen gelesen und da wird vorher von Dolmetscherin und Sekretärin darüber philosophiert, ob die muslimischen Zweitehen-Gewohnheiten grausamer, als die die Seitensprünge und die Betrügereien einer angeblich monogamen Gesellschaft sind?

Vorher ist Frau Magomadowa zu Roswitha gekommen und da gibt es auch Reibungsverluste, denn sie sollte eigentlich davon erzählen, wie es war, als ihr Mann  geschlagen und gefoltert wurde und der kleine Mustafa unter dem Bett lag, nicht ganz klar war, was er beobachtet hat, aber ihn seine Mutter, die mit dem Kind jetzt alleine in dem Asylheim ist, schon erzählen hörte, daß der Vater auf Dienstreise wäre.

„Man soll nicht lügen!“, eh klar, also auch Reibungsverluste. Frau Magomadowa ist aber ohnehin zu spät gekomen, beziehungsweise hat sie die letzte Stunde abgesagt, weil sie sich mit der afrikanischen Nachbarin, die laut ist und schlecht putzt, zerstritten hat. Sie hat von dem Lärm Kopfweh gekommen, die Folge des PTSD und hat sich bei den Sozialarbeitern und der Heimleiterin über die Frau beschwert. Jetzt hat sie Angst, daß man sie für rassistisch halten könnte. Und als sie von der Stunde in ihr Zmmer geht, um für Mustafa zu kochen, überlegt sie, daß sie der Therapeutin eigentlich von den Geschehnissen damals erzählen hötte sollen,  aber nicht konnte, weil sie die Theapeutin schonen wollte.

Reibungsverluste oder Aspekte, die auch für mich neu und meinen therapeutischen Alltag interessant sein könnten.

Dazwischen wird eingekauft oder Kaffee aus dem Stockwerk geholt, wo die Familien wohnen. Da schüttet Nora den Kaffee aus, sagt „Scheiße!“ und der kleine Jusuf, der mit seinem Vater, einem Witwer und der altklugen Halbschwester  dort lebt, sagt ebenso altklug „Scheiße darf man nicht sagen!“

So geht der“ langweilige Tag einer langweiligen Dolmetscherin“ und Flüchtlingsleben dahin. Am Ende sind trotzdem alle erschöpft. Nora fällt vom Fahrrad, verletzt sich die Wange, fährt mit einem aserbaidschanischen Taxilenker nach Hause, mit dem sie sich tut unterhält und der ihr auch seine Visitenkarte gibt und am Ende stolpert sie wieder über ein Buch und bricht ihren Vorsatz.

Sie liest das Buch im Bett, mit der obligatorischen Zigaretten, denkt kurz an Ingeborg Bachmann,  dann zuerst „Das Bettt ist ein sicherer Ort“.

Aber „Es gibt keinen sicheren Ort. Nirgends“

So schließt das Buch und ich bin gespannt, weil ich wirklich nicht weiß, ob ich Mascha Dabic oder Irene Diwiak den Preis wünschen soll und denke wieder „So eine Scheiße, daß man sich da entscheiden muß und angeblich nur einer gewinnen kann!“, weil man, wie ich ja schon oft schrieb, Äpfel mit Birnen nicht vergleichen kann.

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2016-12-06

Adolf Opels Veröffentlichungen

Bei einem meiner Geburtstagsfeste hat mir meine Schulkollegin Trude Kloiber, die im Haus gegenüber wohnt, Adolf Opels „Wo mir das lachen zurückgekommen ist – Auf  Reisen mit Ingeborg Bachmann“ gebracht.

Das war meine erste bewußte Begegnung mit dem 1935 in Wien geborenen Dokumentarfilmer, Journalisten und Sachbuchautor, den ich regelmäßig auf Literaturveranstaltungen, beispielsweise denen des Lesetheaters, wo die Lesefrauen unter anderen Lina Loos vorstellten, sehe.

Denn die, 1882 als Carolina Catarina Obertimpfler geborene Lina Loos, scheint sein Spezialgebiet zu sein, habe ich von ihm doch sein Loos Buch „Wie man wird was man ist“, 1994, bei Deuticke erschienen, einmal im Schrank gefunden, aber das erste Mal bin ich mit Lina Loos durch den Bücherschrank meiner Eltern, den sogenannten Bücherkasten in der Wattgasse in Berührung gekommen.

Gab es da ja die „Gutenberg-Ausgabe“- „Das Buch ohne Titel“, von 1953, meinem Geburtsjahr, das ich, ich glaube schon nach dem Tod meiner Eltern, mit noch nicht sehr viel Wissen und Verständnis, um die sogenannte Künstlermuse, gelesen habe.

Als ich heuer in Salzburg auf Büchertour war, habe ich in Margot Kollers Keller noch Lisa Fischers „Lina Loos oder Wenn die Muse sich selbst küßt“ gefunden und bei der Lesetheaterveranstaltung vor ein paar Jahren, wo ich Adolf Opel von Hilde Schmölzer vorgestellt, wahrscheinlich das erste Mal bewußt registrierte, war ich auch.

Seither sehe ich ihn, wie gechrieben, regelmäßig auf Symposien und Lesungen, wo er sich auch zu Wort meldet und Fragen stellt und heute gab es in der „Gesellschaft für Literatur“ einen Abend mit ihm, beziehungsweise ging es um zwei Bücher, die er in der „Edition Atelier“ herausgegeben hat.

So saß er mit dem Verleger Jorghi Poll am Vortragstisch und Ursula Ebel leitete schon ein, als ich den Saal betrat.

Sie tut das ja immer sehr lang und sehr gründlich, so bekam ich mit, daß Adolf Opel auch das „Buch ohne Titel“, bei der „Edition Atelier“ wieder herausgegeben hat, das eine Sammlung von Texten und Zeitungsartikel ist, den die Schauspielerin und frühe Gattin von Adolf Loos, deshalb der Name, 1947 herausgegeben hat und weil es eine Textsammlung ist, bestehen die jeweiligen Neuauflagen auch aus jeweils anderen Texten, wie Adolf Opel erklärte, den der Verleger zu ihrem Leben befragte.

Sie hat Adolf Loos, als Schauspielschülerin in einem Kaffeehaus kennengelernt, ihn geheiratet, die Ehe wurde bald geschieden, weil es auch andere Männer gab und mit denen hat sie auch viele Briefe geschrieben, so daß das jetzt vorgestellte und wiederaufgelegte Buch „Du silberne Dame du- Briefe von und an Lina Loos“, heißt.

Einige der Briefe stammen auch von Franz Theodor Csokor und die hat der Verleger gelesen, bevor es zu dem zweiten Buch ging, das mit einem Nachwort von Adolf Opel in der „Edition Atelier“ erschienen ist, nämlich Bohuslav Kokoschkas „Ketten in das Meer“, der ist der Bruder von Oskar Kokoschka, hat von 1892-1976 gelebt und Adolf Opel erzählte, daß Oskar Kokoschka seinen Bruder und dessen Familie finanziell unterstützte.

Der Roman bezieht sich auf den ersten Weltkrieg, wo Bohuslav, als Musikmatrose in Pula stationiert war und erinnerte mich zumindest an der vorgelesenen Stellean Ja roslav Hasek „Braven Soldaten Schwejk„.

Ein sehr interessanter Abend also mit sehr interessanten Neuerscheinungen, denn ich interessierre mich ja sehr für die großen Namen und die Literatur des Fin de Sciecle des vorvorigen Jahrhunderts und habe da ja schon sehr viel gelesen und wie man sieht, auch schon viele Bücher zusammengetragen, von denen ich zwar noch einige lesen muß, obwohl ich das in diesem Jahr ja schon sehr reichlich mit Stefan Zweig und Heimito von Doderer getan habe und dessen Art Romanskizzen zu verfassen, hat Bohuslav Kokoschka, wie Adolf Loos auch wußte, nicht sehr gefallen.

2016-03-24

Unvollendete Symphonie

Als es 2006 zum achtzigsten Geburtstag in Wien das große Bachmann-Symposium gab, hat es am Sonntag auch eine Führung auf Bachmanns-Spuren gegeben. Ein junger Mann hat uns das Wohnhaus im dritten Bezirk gezeigt und ist mit uns zum Cafe Raimund vis a vis dem Volkstheater gefahren.

Dort hat er  von einem 1951 erschienenen Schlüßelroman von Hans Weigel erzählt, den dieser, der ja im Cafe Raimund seinen Stammtisch hatte und dort die jungen Literaturtalente förderte und den Kommunismus zu verhindern versuchte, über seine Beziehung zu der Dichterin geschrieben hat.

Da bin ich auf den Roman neugierig geworden und habe ihn als es 2010 die offenen Bücherschränke gab zu suchen angefangen, da ich Schlüßelromane ja liebe und vielleicht sogar selber solche schreibe.

Beim „Weigel-Symposium“ in der „Gesellschaft für Literatur“ wurde der Roman dann erwähnt, der 1991 wieder aufgelegt wurde und vor ein paar Monaten, war es schon vorigen November, habe ich das Radio aufgedreht und zwischen Tür und Angel gehört, daß der Roman wieder aufgelegt wurde.

Ich hab auch ein bißchen danach gesucht, bin aber nur auf eine „Weigel-Biografie“ gestoßen und habe geglaubt, ich hätte mich verhört, bis ich dann in Leipzig, ich glaube, in der Zeitschrift „Buchkultur“ oder war es eine andere österreichische Postille, daraufgekommen bin, die „Edition Atelier“ hat in der von Alexander Kluy herausgegebenen Reihe „Wiener Literaturen“ den Roman wieder aufgelegt.

Ich habe angefragt und herausbekommen, daß die Auflage schon fast vergriffen ist und nun das PDF gelesen, so daß ich, da E-Books ja keine“ richtigen Bücher“ sind, in den Schränken weiter nach den beiden früheren oder auch der neuen Ausgabe suchen werde.

Die Erstausgabe, die sich auch Hans Weigel, als er das Buch kurz vor seinem Tod 1991 wieder herausgab, ausborgen mußte, wäre natürlich schön und wie Ronja von Rönne in Leipzig auf dem „blauen Sofa“ alle warnte, sich ihr Buch zu kaufen, wenn sie sich einen Skandal erwarten, muß auch ich das bei denen tun, die etwas über die Bachmann darbei lesen möchten.

In der zweiten Auflage hat Weigel ja geoutet, daß das Vorbild der weiblichen Ich-Erzählerin, eine junge Malerin, seine Kollegin Ingeborg Bachmann war und er hat wohl sicher seine Beziehung, seinen Schmerz und seine Kränkung darin aufgearbeitet, vom Leben der Bachmann, die damals noch ein junges Mädchen war, sie hat 1951, als Rundfunkredakteurin für den Sender „Rot weiß Rot“ gearbeitet und dabei Drehbücher für die „Familie Floriani“, ein Buch, das ich inzwischen gefunden habe, geschrieben, bekommt man aber nichts mit.

Die „Unvollendete Symphonie“ ist, denke ich vor allem und dafür würde ich das Buch empfehlen, eine der besten Schilderungen des Nachkriegswien, wo noch der Hunger herrscht, es keinen Bohnenkaffee gibt, man mit Marken bezahlen muß und alle in den Straßenbahnen rauchten, wenn sie am Schmarzmarkt Zigaretten ergatterten, obwohl das verboten war.

Das Interessante daran ist auch, daß Weigel, wie er 1991 in seinen Nachwort schrieb, sich das Experiment leistete, aus der Perspektive einer weiblichen Ich-Erzählerin zu schreiben und so tauchen wir in das Nachkriegswien des Hungers und des gerade Überlebt habens, in die Zeit nach 1945, wo, die Ich-Erzählerin gerade zum Studium nach Wien gekommen ist, in einem kalten Zimmer lebt und bei Freunden den älteren Peter Taussig kennenlernte, der von Zürich  nach Wien zurückgekommen ist.

Denn er ist Jude und mußte, wie Weigel in die Schweiz emigrieren und die Freunde fragten ihn auch, ob er verrückt ist, wieder zurückzukommen?

Er kann aber nicht anders, er ist ein echter Wiener, wie man auch an der Stelle merken kann, wo es einen Exkurs über das Wienerlied „Erst wenns aus wirds sein“ gibt und ich kann nicht verhehlen, daß ich, die ich,  Weigel bisher für einen eher mittelmäßigen Schriftsteller „Den grünen Stern“ und „Niemandsland“ habe gelesen, gehalten habe, beeindruckt von seinen hervorragenden Schilderungen des Nachkriegswien, sowie seines  lockeren Plauderton war. Aber es schreibt ja die junge, irgendwo habe ich „naive“ Frau gelesen und so schildert Weigel die, die später berühmt geworden ist, auch, weshalb ich auch glaube, daß sie nicht zu erkennen ist.

Denn Hans Weigels Ich-Erzählerin kommt nach Wien, fängt zu studieren kann, verliebt sich in den Älteren, irrt tagelang durch Wien herum und als sie sich zufällig wiedertreffen, er springt von der Straßenbahn und rennt ihr nach, wird es kompliziert, denn sie hat eine Verabredeung und was macht man jetzt?

Handys hat es noch keine gegeben, nur „Telephonzellen“ ohne „Telephonbücher“ und als man doch eines findet, ist keiner zu Haus. Man nimmt ein Stück Papier, schreibt eine Nachricht und drückt es einen Passanten mit einer Schachtel Zigaretten in die Hand.

„Sie können den Brief auch wegwerfen, aber wenn Sie mir Morgen eine Empfangsbestätigung bringen, bekommen Sie noch eine!“

Das habe ich noch nie so gelesen und die Erzählerin beschreibt auch ausführlich, wie sich alle damals nach Zigaretten und Kaffe sehnten, die neben Brot und Butter das wichtigste Lebensmittel waren.

Der Peter Taussig ist auch ein reicher Mann und er fördert „seine Damen“ auch mit Geschenken aus Paketen, die er aus aller Welt bekommt. Und weil er beiläufig von „seinen Damen“ spricht, muß sie sich auch „Herren“ zulegen. Obwohl so  arg ist es nicht damit, erst später wird es schwierig, als sie einen chaotischen jungen Wilden, Lyriker und Prosaschreiber kennenlernt und ihn in ihrem Zimmer schlafen läßt, weil sie ja die meiste Zeit bei Peter in der Gumpendorferstraße ist.

Sie schreibt ihren Bericht  aus den Fünzigerjahren zurück und reflektiert dabei ihre Beziehung zu Peter, wo sie mit ihm durch die Cafehäuser und die Heurigen zieht, auch nach Salzburg und nach Zürich fährt, wo er seine Verwandten und Freunde hat, die sie, die Tochter eines NSDAP-Mitglieds, die natürlich beim BDM war, mißtrauisch mustern und nach ihrer Gesinnung fragen und sie erst in ihren Kreis aufnehmen, als sie ein „Dirndl“ ablehnt, das ihr eine Emigrantin schenken will, weil das „narzistisch“ war.

Die „Unvollendete Symphonie“ endet, als sie sich ihm entfremdet und verläßt. In dem Buch heißt es, daß sie wohl erst dann vollendet ist, wenn der Verfasser stirbt. Die Bachmann hat Weigel wohl wegen Paul Celan, dem chaotischen Dichter verlassen, mit dem sie auch nicht glücklich geworden ist und ist 1953 nach Rom gegangen.

Weigel hat zu dieser Zeit noch einmal geheiratet und später mit Elfriede Ott zusammengelebt, die er kurz vor seinem Tod geheiratet hat und ich weiß jetzt nicht mehr über die Bachmann, als ich schon früher wußte, aber mehr über dieses Nachkriegs-Wien, in das ich ja zwei Jahre nach Erscheinen der Erstauflage geboren bin und auch, daß Hans Weigel, den ich bisher für einen eher konservativen Kritiker und Brecht-Verhinderer hielt und ihn 1987 im NIG an der Seite, des oder viellecht noch der Schutting gesehen habe, als die GAV zu einer großen Anti Waldheim-Lesung aufgerufen hat, an der ich mich auch beteiligt habe, vielleicht doch ein hervorragender Schriftsteller, wenn wahrscheinlich auch, nicht leicht zu handhabender Mann war.

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