Literaturgefluester

2017-08-13

Aus dem Cafe Größenwahn

Jetzt kommt wieder etwas vom rasenden Reporter Egon Erwin Kisch, mit dem ich ja schon in China war, das alte Prag und ihn dan noch im mexikanischen Exil besuchte.

„Wagenbach“ machts möglich, obwohl die Berlinder reportagen aus den Neunzehnzwanzigerjahren schon im Frühjahr 2013 erschienen sind.

Nun denn auf, bevor es an das große und auch doppelte Buchpreislesen geht, in die Weltstad,t der Zwischenkriegszeit,, die ja schon bei der guten alten Hedwig Courths Mahler so treffend beschrieben wird, ich nur damals, als ich sie verschlungen habe, leider noch nicht bloggte.

Der rasende Reporter aus dem alten Prag machts natürlich auf seine männliche überlegene Art mit der Prise Humor und da „sucht er sich gleich eine Frau“, denn in Berlin wurden die Heiratsannoucen oder die Heiratswilligen damals offenbar in einem Lokal ausgestellt.

Nur leider ist das schon geschlossen, als es der Reporter besucht,  die Damen, die in der entsprechenden Zeitung inserieren, passen dann auch nicht und die Heiratsvermittlerin im schmuddeligen Hinterhof kassiert zwar die Vermittlungsgebühr, meldet sich dann aber nicht mehr.

Dafür kann man in einer „Gelehrten Gesellschaft für okkultues Wissen“ alles über Lombros Totenköpfe erfahren und sehr hinterhältig listig ist die kurz Notiz über die „Weihnachtsfreude“ aus dem „Echtesten Berin W“, denn da schickt die Dame das Mädchen aus, den Christbaum samt Weihnachtsschmuck zu kaufen. Der wird dann am nächsten Tag samt Monteur und Grammaphon geliefert und die Familie braucht dann für die 325 Mark, die sie dafür ausgegeben hat, nichts weiter zu machen, als den stecker aufzudrehen.

Daß die Echtheit des Berlin vorwiegend aus Böhmen oder den anderen Kronländern stammt, wird dann im folgenden Artikel bewiesen und das Cafe Größenwahn war wohl das Cafe des Westens, Ecke Kurfürstendamm Joachimsthaler Straße. Da verkehrte die Bohemie, Künstler wie Else Lasker- Schüler, Erich Mühsam, etcetera, wurde dann vom Besitzer hinausgeschmissen, weil offenbar zu wenig Umsatz. Das Cafe auf schön renoviert, nur leider kamen dann die anderen Gäste nicht mehr.

In den Tabakläden wurden die Tabakdosen wegen unsittlicher Darstellungen am Deckel konfisziert, während die Lokale alle schon, um ein Uhr morgens geschlossen wurden, so daß die noch Amüsierlustigen, dann von Schleppern oder Spannern umgeleitet werden mußten.

Dann wird das Themas gewechselt und es geht in die „Bülowstraße“ zu einem „Nasendoktor“, der seine Patienten zuerst fragt, woher sie kommen und wieviel Geld sie hätten und dann kosmetische Korrekturen an ihren Nasen vornahm.

In die politische Situation geht es dann bei der Glosse „Professor Einstein stellt die Vorlesung ein“, da gibt es auch ein Bild von Albert Einstein aus dem Jahr 1925, wie das Buch überhaupt sehr schöne Fotos aus der damaligen Zeit hat.

Mit der Untergrundbahn wird auch gefahren und dann beschäftigt Egon Erwin Kisch sich mit den Auswirkungen der Inflation, wo ein Pfund Butter eine Million Mark kostet.

Mit den kriegsbedingten Veränderungen geht es gleich weiter. So wurden auf den Straßen die Normaluhren und die schönen alten Toilettenhäuschen, die es, glaube ich, in Wien manchmal noch zu sehen gibt, entfernt und dafür amerikanische Wechslestuben aufgestellt,  die Bettler kommen und die ehrbaren Gattinnen von nun arbeitslosen Architekten, die sich inflationsbedingt prostiutieren müssen.

Über die „Siegesallee“, das ist eine Reihe von Büsten, die Kaiser Wilhelm im Tiergarten aufstellen ließ, macht Kisch sich gehörig lustig und damit das so bleibt, gehts gleich in den „Lunapark“ der angeblich weniger harmlos als der „Wiener Wurstlprater“ war und ins „Anatomische Museum“.

Dann geht es zu dem Rettungsgürtel, der an der kleinen Brücke beim Landwehrkanal hängt oder hing. Das ist nur auf dem ersten Blick kurios, denn Kisch kommt  gleich zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die dort hineingestoßen und nicht gerettet wurden.

Weniger dramatisch, dafür kurios geht es weiter, wenn Kisch erzählt, wie er Experimente beim Trinkgeldgeben bei den Berliner Bus- und Straßenbahnschaffnern machte, die sich angeblich für fünf Pfennige dreimal verbeugen sollen, gibt man dagegen eine Mark wird man verachtet und muß vor Scham vorher aussteigen.

Dann gibt es noch das „Sechstagerennen“ und das „Böhmische Dorf“ und der Polizei wird das längste Kapitel des Buches gewidmet, die agiert oft sehr gewalttätig, hat Spitzel und Spione und dann wahrscheinlich auch sehr bald das Hakenkreuz angelegt und dem, dem politischen Aufstieg Hitlers ist die letzte Kolumne im Buch gewidmet.

Die wurde dann schon  schon 1933 geschrieben, die ersten stammen noch aus den Neunzehnhundertneunzehnerjahren und da wurde nach dem Reichstagbrandt der „ganze Kulturbolschweismus“ verhaftet. So läutete es  um fünf Uhr früh bei Kischs Wirtin, der konnte sich noch schnell anziehen und sich fünf Mark ausborgen. Dann wurde er ausf Revier gebracht, traf dort gleich Carl von Oissiesky, Ludwig Renn und andere Intellektuelle, so wie einen Rechtsnwalt, der aber ebenfalls verhaftet war und wurde mit ihnen nach Spandau gebracht.

Später hat er Berlin wahrscheinlich verlassen, emigrierte wie schon beschrieben nach Mexiko und kehrte nach dem dritten Reich nach Prag zurück, wo er 1948 starb.

Ein tolles Buch mit tollen Reportagen aus einem längstvergangenen Berlin, das ich allen, die sich nicht die Mühe machen wollen, sich durch gesamte Courths-Mahler zu lesen und die vielleicht auch als zu trivial empfinden, sehr empfehlen kann.

Advertisements

2015-06-04

Entdeckungen in Mexiko

Filed under: Bücher — jancak @ 00:22
Tags: , ,

Nachdem ich mit Egon Erwin Kisch schon in China gewesen bin und seinen jouralistischen Werdegang in Prag mitbeobachten konnte, geht es jetzt nach Mexiko, wo auch „Der Jahrmarkt der Sensationen“ geschrieben wurde, dort kamen die „Entdeckungen“ 1945 noch vor Ende des Krieges, in einem Exil-Verlag heraus, es war das letzte Buch, das Kisch geschrieben hat, der dann nach Prag zurückkehrte, wo er 1948 gestorben ist.

Also die Reisereportagen, mein Buch ist 1947 im „Globus-Verlag“ erschienen, ich habe es natürlich aus dem Bücherschrank,  die vor siebzig Jahren über ein Land geschrieben wurden, das ich mit dem Alfred und der kleinen Anna in den Neunzehnneunzigerjahren bereiste, der Alfred ist mit dem Karli vor kurzem dort gewesen und, hat Vanille, Schokolade, Topflappen, T-Shirts und noch einiges anderes mitgebracht.

Der rasende Reisereporter, der ein excellenter Schreiber war und seine Reportagen immer  entsprechend aufbereitete, beginnt mit dem Essen oder „Geschichten mit dem Mais“, denn das ist das Grundnahrungsmittel der Mexikaner, die es in Form von „Tamales“, „Enchiladas“, „Tacos“ oder „Quesadillas“ essen, einiges davon ist auch mir bekannt.

Man kann den Mais auch trinken, schreibt Kisch weiter und gebacken werden die Tortillas in den Städten in den „Tortilleras“, am Land geht man zu den Maismühlen, mahlt sein Selbstangebautet und brutzelt es dann zu Hause.

Die Mexianer sind und waren sehr arm und zu Zeiten, als Kisch dort war, wurden sie von den Amerikanern über die Grenze geholt um dort in den Gemüsefeldern zu arbeiten, während der Maisanbau zu Hause verödete.

Über die Besatzung durch die Spanier, die mit den goldenen Korn zuerst nichts anfangen konnten, wird auch berichtet, später wurde es auch in Spanien angeplanzt und entsprechenden vermarktet.

Dann berichtet Kisch vom Ausbruch eines Vulkans, der das Maisfeld des Indio Dionisio Pulido vernichtet und gibt anschließend ein „Kolleg über die Kulturgteschichte des Kaktus“, wo er Goethe, Stifter, Karl May, Cortez, den Eroberer, Napoleon, Hebbel, Spitzweg, Humboldt , sowie Henri Rousseau erwähnt und über die Heraldik, die bildende Kunst, die Literatur, die Geschichte, das Manufakturwesens, die Industrie, die Pharmakologie, die Ethnographie, die Hydologie und die Dialektik des besagten Gegenstandes Auskunft gibt.

In „Der Nibelungenschatz von Mexiko“ wird über den Goldschatz der Atzeken berichtet, über den der „brave Soldat Bernal Diaz del Castillo“ 1519 meinte „Die ganze übrige Welt zusammengenommen kann nicht so viele Köstlichkeiten besitzen“ und darüber, wie die Spanier ihn unter sich aufteilen bzw. dem König zukommen lassen wollten und wie er zuletzt verschwand.

Dann begibt sich Kisch als Interviewer zu den Pyramiden, entlockt ihnen so manche Geheimnisse, bis sie ihm ankündigen, daß sie sich nun nach Europa begeben werden, um sich mit den Trümmern, die dort gerade angerichtet wurden, zu beschäftigen.

Und weil die Spanier die Indios natürlich missionieren wollten, wird im nächsten Kapitel von der Madonnenbegegnung des kleinen Juan Diego im Jahre 1531 berichtete, die von ihm, wie in Lourdes, die Errichtung einer Kapelle forderte und interessant dazu, Werfel hat über das Wunder in Lourdes, auch während seiner Flucht aus Nazi-Deutschland geschrieben.

Dann geht es um „Das verteilte Baumwollland“, B. Traven hat ja über die Unfreiheit der mexikanischen Landarbeiter geschrieben, dann kam der Streik, die Bauern wurden frei, waren aber, weil ihnen die Herren nur verrostetes Arbeitszeug hinterlassen haben, bald bei den Banken sehr verschuldet, es gab tolle Spitäler, aber die Bauern hatten keine Zeit dorthin zu gehen und brauchten ihre Kinder auch auf dem Feld, statt sie zur Schule zu schicken.

Kaiser Maximillian hatte in Mexiko kein Glück und Kisch besuchte dann ein  Silberbergwerk, wo es aussieht, wie in „einen Jules Verne Roman“ und wo es nicht sicher ist, ob es das heute noch gibt.

Dann geht es in ein Lepraspital, eine damals laut Kisch auch in Europa noch weit verbreitete Krankheit und das Metall Mica oder Glimmer, wie ich ergooglet habe, wurde zum Segen „der motorisierten Menschheit“ ich glaube nahe der Stadt Oaxaca, in der wir auch waren, abgebaut, dort gibt es auch den Monte Alban und der birgt Kristalle, aus denen schon die Ureinwohner kunstvollen Schmuck herstellten.

Aus den Agaven wird das Volksgetränk „Pulque“ hergestellt, an dem sich dann alle betrinken und die Krankheiten werden mittels Kräuter vertrieben, die von den einheimischen Frauen gesammelt und am Markt verkauft werden. Da gibt es welche die einen in Schlaf versetzen, so daß die Wöcherinnen, die Wehen nicht merken und erst aufwachen, wenn der Säugling seine Milch haben will.

Und Hahnenkämpfe gibt es auch, da werden den Hähnen die Federn und die Flügel abgeschnitten und alle beteiligen sich an den Wetten, obwohl die Kämpfe in den Städten verboten sind.

In „Geschäftsreise“ geht es mit einem Amerikaner zu den Heimarbeitern und sogar in ein Gefängnis, wo in Töpfereien Souveniers für die Amerikaner hergestellt werden und ein „Indiodorf unter dem Davidstern“ gibt es auc, genauso, wie bei den Nazis auch Mexikoforschung betrieben wurde. Da gibt es dann auch einige Deunizanten, die sich gegenseitig verunglimpften, so daß die „Verwirrungen einer Kaiserin“ geradezu erholsam sind. Oder auch nicht natürlich, denn Carlotta, die Frau von Kaiser Maximillian soll nach einer Vergiftung in lebenslangen Wahnsinn verfallen sein, so reist der rasende Reporter herum und untersucht alle Gifte, die dafür in Frage kommen und landet schließlich bei einem Pilz, den sie angeblich als Abteibungsmittel verwenden wollte.

Dann geht es noch weiter mit der Erforschung Mexiko Mitte der Neunzehnhundertvierzigerjahre, wo ein Jahr nach dem Vulkanausbruch die Geschäfte blüten, Petroleumleitungen verlegt wurden und Kisch ein solches Werk besucht. Einen Film über das Elend, die die Silberausbeutung verursachte, hat er auch in seinen Kopf gedreht und man bekommt, falls das inzwischen wahrscheinlich längst vergriffene Buch noch zu bekommen ist, einen sehr guten Eindruck über das mexikanische Leben vor siebzig Jahren, das immer wieder durch Eindrücke was gleichzeitig in Europa geschah und wahrscheinlich Kischs Traumatisierung im fernen Mexiko sichtbar macht, vermischt wird.

Ein sehr interessantes Buch, ich empfehle es zu lesen, in den Bibliotheken und Antiquariaten wird es wahrscheinlich aufzuspüren sein.

2015-05-28

Marktplatz der Sensationen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:54
Tags: , ,

Jetzt kommt wieder ein Gustostückerl aus dem Bücherschrank, „Marktplatz der Sensationen“ des radenden Reporter Egon Erwin Kisch,  1895 – 1948,  Reportagen aus dem Wiener Globus Verlag das 1947 herausgegeben wurde, geschrieben wurden die Erinnerungen an die Prager Kindheit und das Reporterleben bezeichneterweise im Exil im Mexiko, herausgegeben, 1942 in ein einem dortigen Exilverlag, von dort stammt auch sein letztes Buch „Entdeckungen in Mexiko“, das als nächstes auf meiner Leseliste steht.

„China Geheim“, von 1932 oder 1933, habe ich schon gelesen.

Reportagen steht in dem schönen alten Buch, eigentlich ist eine Autobiographie würde ich vermuten, die da kapitelweise von den Anfängen des jüdischen Tuchhändler Sohns in Prag erzählt und mit den „Balladen des blinden Methodius“, einem Messerschleiferlehrling beginnt, der  singend seine Arbeit verrichtet, die Dienstmädchen und die Hausfrauen, die eigentlich die Teppiche klopfen wollten, hörten zu und  riefen „Schön!“, wenn er sich seiner Zuhörerschaft versicherte und man konnte auch sehr viel von der tschechischen Geschichte aus den Balladen lernen, die Kisch sowohl an Schiller, als auch die Ermordung der Fürstin Windischgrätz, die angeblich durch die Kanaonenkugel eines Schulbuben erfolgte, erinnerte.

Der kleine Egon, war wohl schon früh im „Inneren von S. Kisch und Bruder“, stellte dort falsche Münzen her, legte sie auf die Straße, erregte damit einen „Volksaufstand“, der in die Zeitung kam und eine solche stellte er auch, in einem Exemplar unter der Pudel hockend vor.

Dann wurde er älter, kam ins Gymnasium und in den Karzer, weil seine Großmutter einen Wutanfall bekam als er aus dem Schulbuch „Salzburg ist die Hauptstadt von Salzburg“ lernte und wenn man drei Karzer hatte, flog man aus der Schule. Das war schlimm, denn es erschien bald das erste Gedicht in einer Zeitung und das war den Gymnasiuasten strengsten verboten, da rettete ihm, daß statt Egon, wie er wirklich hieß, Erwin als Vorname angegeben war, den der dann offenbar später als Doppelvornamen weiter verwendete.

Grotesk die Geschichte wo er sein freiwilligen  Jahr im Arrest verbringt, weil ihm jemand am Rücken das Bild des Oberst eingravierte.

Dann gibt er sein erstes Gedichtbändchen, interessant, bei einem Druckkostenverlag heraus, zahlt zweihundert Kronen, erzählt aber jeden, er hätte dreihundert dafür bekommen, während die Frau Mama jeden erzählt, sie hätte dreihundert dafür bezahlt.

Danach beginnt er über den Umweg beim Prager Tagblatt Lokalreporter, der „Bohemia“zu werden.

Im Kapitel „Deutsche und Tschechen“ geht es um das deutsche Prag und die strikte Trennung der beiden Nationalitäten. Es gab deutsche und tschechische Theater, Banken, Geschäfte, Zeitungen, etc und die Redakteure der einen berichteten nicht über die Aufführungen und Gastspiele der anderen. Kisch torpedierte das, in dem er in der deutschen „Bohemia“ tschechisch telefonierte, was die alten Herren in der Redaktion dem jungen Redakteur gnädig nachsahen und im nächsten Kapitel wird dann über die Veralterung der Redakteurenschaft berichtet, so weiß 1923 ein schon längst in Pension gegangener Redakteur, der das aber nicht weiß und immer noch sein Büro benützt, nicht, daß der Kaiser längst gestorben ist und es keine Monarchie mehr gibt.

Zu den Aufgaben eines Lokalreporters, dessen Ansehen nicht sehr hoch war, gehörte es über die Morde und die Selbstmorde zu berichten, so war die Aufregung hoch über einen Knochenfund, der von einem Mann und von einer Frau stammten, die Zeitungen fielen gegeneinander her und verhöhnte die anderen als „Adipocire“, das ist die Seifenbildung bei Leichen, die aus den Knochen austritt, bis man auf ein Gärtnerpaar mit Stieftochter kam, das vor Jahren das in ihrer Villa urlaubende Liebespaar ermordet hat und weil das Verkünden eines Selbstmordes schon damals in den Prager Zeitungen verboten war, mußten die Reporter von einem Herztod des Kronprinzen Rudolf und der Baronesse Vetsera berichten, trotzdem lockte das Selbstmordthema, so überredete ein frommer Redakteur einen Selbstmörder sich nicht nur zu erschießen, sondern sich auch noch zu vergiften und aus dem Fenster zu springen, der Betroffene überlebte, denn der geizige Redakteur hatte ihm statt Gift Brausepulver besorgt.

Der Erfinder des Schwejks, Jaroslav Hasek war auch unter der Reporterschar und langweilte beim Bier die anderen mit seinen phanstastischen Ausschmückungen und als der junge Kisch zu einem Mühlenbrand gerufen wurde, hatte er keine Ahnung was passiert war und worüber er schreiben sollte. Die Kollegen gaben keine Auskunft. Sein Vorgesetzter verlangfte hundertfünfzig Zeilen und der Reporter setzte sich hin und knabberte am Bleistift, dann begann er die lodernden Flammen zu schildern, erfand ein paar Obdachlose, die sich den Brand ansahen, während die anderen nur die langweiligen Fakten berichteten, auf ihn am nächsten Tag bös waren, mit Ausschluß aus der „Börsenschaft“ drohten, denn ein Romanautor kann selbstverständlich alles erfinden, ein Reporter muß aber wahr sein und Kisch schwur sich „fürderhin der Wahrheit nachzuspüren“.

So klärt er zu Weihnachten an Hand einer Polizeinotiz einen Raubüberfall auf, läßt sich von einem schönen Postfräulein mit einem rosa Unterhöschen und weißer Spitze von einem Telegramm des Kaisers Wilhelms erzählen, das genau vierundneunzig Worte hatte und von „unabsehbaren Konsequenzen“ handelte und für die heutige Zeit wahrscheinlich nicht mehr ganz korrekt, deckt er auch die Schwangerschaft und die Geburt eines siamesischen Zwillings auf.

Sehr beeindruckend auch die Geschichte von der Mutter des Raubmörders, einer alten Wäscherin, die um ihren Sohn zu schützen, dem Reporter ihre „Morde“ gesteht, weil der ihr etwas von „mildernden Umständen bezüglich Vererbung“ erzählt. So offenbart sie ihm, daß sie als junges Dienstmädchen vom Bruder der Herrschaft vergewaltigt worden war und dann als sie von einem Polizeibeamten schwanger war, das Kind, das er nicht haben wollte, einem anderen unterschieben mußte, am Ende kommt der Sohn daher, offenbart ihr, daß er unschuldig ist und etwas essen möchte, das Leben geht weiter und der Reporter schleicht sich ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben, vielleicht etwas begossen davon.

Dann wird er zur „Wasserkatastrophe von Konopitscht“ gerufen, das ist dort, wo es das Schloß gibt, in dem der Thronfolger Franz Ferdinand auf seine Thronbesteigung wartete und ein Polizist, will von dem „studierten“ Kisch wissen, wieso sich der Erzherzog die toten Fische ins Schloß liefern läßt. Die benützt er zum Düngen der Blumen und schwarze Rosen, die angeblich Unglück bedeuten, läßt er auch zuüchten, den Reportetr schmeißt er hinaus, der kommt aber wieder, weil es der Herr Moriz  Bendedikt so will, der allein bestimmt, was in der „Neuen Freien Presse“ erscheinen darf.

Dann kommen zwei Mordgeschichten, in der zweiten tötet ein gewisser Litera, was sowohl auf Tschechisch als auch auf Lateinisch Buchstabe bedeutet, den Wirten des König Ottokars in dem Mozartstädtchen Smichow, Kisch weist gleich auf den Täter hin, weil er von einer seiner Freundinnen diesbezügliche Informationen hatte, darf aber nicht sein, die bürgerliche Presse, will den „Roten“ die Schuld in die Schuhe schieben. Kisch setzt sich aber durch und dann geht es noch  „Um die Himmelfahrt der Galgentoni“, die ist ein fünfzigjähriges Strichmädchen, die in den übelsten Prager Nachtlokalen um den Gemüsemarkt verkehrt und die, als sie jung und hübsch war, zu einem dreifachen Mädchenmörder in die Zelle gerufen wurde, weil das sein letzter Wunsch vor der Hinrichtung war. Seither wird sie von den Kolleginnen gehänselt, kann nur noch auf der Straße arbeiten und kommt am Ende, was Kisch sehr stilistisch schildert, doch in den Himmel.

Während er seine Recherchen in einem Obdachlosenasyl macht, wird sein Onkel ermordet und er wird fast der Tat verdächtigt und auf das Schicksal der armen Frauen und Mädchen damals kommt er auch zurück, als ihm die Frau seines Verlegers von der Romanze ihrer Köchin erzählte, denn die kündigte vor Jahren, um mit Geld und Sparbuch nach Wien zu fahren, wo der Verlobte sie erwarten sollte, doch der war nicht da, so fuhr sie zurück und wartete noch immer, Reporter Kisch deckte auf, daß der Verlobte ein berüchtigter Dienstmädchenmörder war, der zu ihrem Glück rechtzeitig von der Polizei erfaßt wurde. Eine Reportage in einem Heim für gefallene Mädchen machte er auch einmal, das war sehr kompliziert, die Stiftdamen dort ließen ihn warten, der Pfarrer drückte ihm ein Manuskript in die Hand und als er endlich zu den Gefallenen durfte, waren die Damen sehr bestürrzt, daß die Mädchen von ihren Sitzen aufsprangen und ihm mit „Hallo Egon!“, begrüßten, die Geschichte hat noch ein Nachspiel, denn als die Nazi an die Macht kamen, schrieben sie einen deutschen Satirepreis aus und den gewann ein Hamburger, mit der von Kisch gestohlenen Geschichte und auch sonst wurde er häufig Opfer von Plagatiteuren, die Geschichte der Galgen- toni wurde zur Operette, die Geschichte vom Oberst Redl wurde ihm geklaut und als der erste Weltkrieg kam, wurde der Reporter zum Soldat und schrieb Tagbebuch, besser als jeder Kriegsberichterstatter.

„Schreib das auf Kisch!“, riefen die Kameraden, trotzdem fiel das Tagebuch der größten aller Zensuren, nämlich dem Wasser zum Opfer und das Buch, in dem immer wieder der blinde Moritatensänger seine Rolle spielt, endet mit einer Farce, als der Kadettenanwärter im Zug fährt, eigentlich über die Veränderung der Welt zum Besseren lesen will, sich aber nach der Vorschrift allen Höhergestellten vorstellen muß „Herr Oberst Kadett Offizier Stellvertreter Kisch stellt sich vor!“, sagt er zu allen Ungarn, die ihm nicht glauben, daß er kein Ungar ist, denn Kisch bedeutet Klein und ist nach Nagy, was groß bedeutet, der zweithäufigste Name im Ungarischen.

Dem ersten Weltkrieg ist dann bald der zweite gefolgt, der Egon Erwin Kisch ins Exil nach Mexiko brachte und ich, wie schon geschrieben, seine „Entdeckungen“ dort, dank dem offenen Bücherschrank, bald lesen kann.

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.