Literaturgefluester

2018-12-15

Anmut und Feigheit

Filed under: Bücher — jancak @ 00:55
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Jetzt kommt ein Erzählband, obwohl ich Erzählumgen ja gar nicht so gerne mag, da es mir immer schwer fällt mich so schnell von einem Sujet auf das andere einzulassen, des 1956 geborenen Frank Schulz, einem deutschen Dichter, der mir bisher unbekannt war, der aber schon viel geschrieben und viele Preise gewonnen hat und die  dreiundzwanzig Erzählungen, in denen es in allen Varianten um die Liebe geht, „Liebe ist nichts für Feiglinge -Frank Schulz  blickt in einen Erzählungen hinauf zu Wolke 7 und hinab in die Abgründe der Seele“, steht am Buchrücken, sind auch genau datiert.

Mit denen die im  Jahr 2018 geschrieben wurden, fängt es an und geht bis in das Jahr 1955-1950 hinunter, wo der Autor noch ein Kleinstkind war. Und es beginnt in einer  auffällig sorgsamen Sprache, in der immer wieder für mich seltsame Worte, wie beispielweise das “ voll krass“ auftauchen, die die heutige Jugend offenbar gern verwendet, während man früher „echt geil“ sagte.

In „Szenen in beige“ geht es um einen „Juniorsenior“, einen gerade sechzigjährigen, der aber schon einen Schlaganfall hatte und daher ein Langzeit-EKG benötigt, mit dem er durch die Stadt rennt, um sich mit seiner jungendlichen Betreuerin oder Gefährtin  Yvonne zu treffen und sich mit ihr mit Worten zu duellieren.

In „Rotkehlchen“ geht es um das Sterben einer Mutter, der Erzählung ist ein langes Gedicht hineingepackt:

„Jeden Morgen vier Uhr dreißig

weckt die Mama einen Hahn,

auf dass dann seinerseits der fleißig

krähen und sie wecken kann“.

Sehr originell und beeindruckend, die 2016 geschriebene Erzählung „Zwei Briefe in die Zukunft“, wo sich 1997 zwei Klassenkameraden, ein Mann und eine Frau ausmachen, einander Briefe zu schreiben, die man aber erst zwanzig Jahre später aufmachen und lesen darf.

In „Hüli mit Füll“ geht es um die Leiden eines arbeitslosen Journalisten, der auf eine Verlagsparty seines ehemaligen Chefs eingeladen ist, mit dem er Schwierigkeiten hat, seit er ihm noch als Schulfreund einmal einen zigarillo verweigert hat. Jetzt ist der sein Vorgesetzter und einen Bestseller hat er außerdem auch noch geschrieben. Wieder auffällig sorgsam mit vielen neuen Wendungen und Neuschöpfungen, die Sprache, in der es von Worten und Wendungen, wie „Neuranze“ eine Mischung aus Roman und Neurose oder „Ein Schlittschuh für das gefroene Meer in uns“ nur so kreucht und fleucht.

Gruselig wird es dann wenn die zweiundsechzigjährige Unternehmerin Annelene Borsig zum Feiern ihres Ruhestand ein Luxusspa bucht und dort nicht schlafen kann, weil Gillenzirpen, sie hat eine Insektenphobie sie stört und der Horrortrip beginnt, lernt sie doch an der Bar einen älteren und einem jüngeren Herrn kennen, dem jüngeren erzählt sie ihre Geheimnisse und eine weitere Alptraumnacht beginnt, die zu einer Horrorszene während eines Schneespaziergangs führt, bevor sie sich von ihren Alpträumen und den jungen Männern lösen kann.

Die nächsten zwei Geschichten führen wahrscheinlich in das Heimatdörfchen des Autors und hier hat sich Frank Schulz mit einem Nachlaßredner, wenn ich mich nicht irre, selbst ein Grab gesetzt, während er in der nächsten Geschichte wieder sprachgewaltig mit vielen schönen fast altertümlichen Ausdrücken, das Leben und Sterben einer Roßkastanie erzählt.

Es gibt Schnurren, Anekdoten,  Farces und andere Textsorten in dem schönsprachlichen Liebesgesang durch die Jahrzehnte, die immer wieder durch ihre Aufarbeitung verblüffen und gar nicht so einfach zu lesen sind.

In „Flaschenpost für Ekke Nekkepen“ geht es um eine Frau, die in einer Konditorei am der Nordsee drei Burschen, einer in einem Norwegerpulli, beobachtet, die sich über die Flaschenpost belustigen, die sie beim Liebesspiel zu Silvester am Strand zurückließ und der „Korfiotische Kuss“ schildert  die Tragik, die durch das maßlose Saufen entstehen kann.

Denn da quartiert sich ein Promipaar aus Hamburg auf einer Insel in Korfu ein, im Nebenappartement logiert ein langweiliges Pärchen. Heißt sie jetzt Martinia oder doch Mar- weil das Charlotte nicht langweilig genug ist. Jedenfalls kann sich Evchen ihr Gesicht nicht merken. Man ißt aber mitsammen, besäuft sich am Ouzo und ein Jahr später klingelt in Hamburg das Telefon und Char- oder Marlotte fragt unschuldig, ob Evchen mit ihrem Michael Oralverkehr gehabt hat und dann sitzt in einer anderen Geschichte einer am Balkon, stopft Cola und Schokoriegel in sich hinein und beobachtet in der Nebenwohnung, Vorhänge kennt man in der Gegend nicht, eine schöne Frau, mit der allmählich alt wird.

In“Die weiße Fee von Töwerland“, 1986-1990, steht darüber, geht es um die Feriensommer von Lisa und Swante, wo Lisa un ter dem Namen“Arrassica“, „bei der Errettung der Welt mithelfen“, beziehungsweise, die „unendlichen Weiten des Planeten Fu erkunden“ wollten, damit sie „ihre Puppe und Kuscheltiere dorthin evakuieren konnten, wenn die Welt unterging.“

Eine abenteuerliche Fahrt von „Chalatanango nach San Antonio Los Ranchos „am „11.November 1989“ gibt es in den „Ballistischen Augen“, und dann geht weit in eine vielleicht autobiografisch oder auch nur ausgedachte Kindheit und Jugend zurück, nämlich  in „Drachen über der Alster“, 1973- 1977, in die Lehrlingsjahre von Hans und dem Ich-Erzähler, die sich, während sie arbeiten und zur Schule gingen, an manchen Bierchen in den Alsterstuben erfreuten. Dann gibt es noch die Geschichte vom „Sommer, in dem ich ein Zebra ritt“, 1972, da geht es um die ersten journalistischen Erfahrungen, die ersten Gedichte und natürlich um die ersten Begegnungen mit den Frauen“.

Es folgt, 1968, ein „Tagebucheintrag“ oder ein Schulaufsatz über „Heiligabend, in dem sich der Schreiber über die vier Bücher, die neuen Schuhe und die Süßigkeiten freut, die es für ihn zur Bescherung gegeben hat und dann wird es ein wenig kryptisch, ist doch das „ausgemalte Memoir“ „Mamapapamamapapa“ mit 1950-1055 datiert. Der Autor aber erst 1957 geboren und so kann man sich über die dichterische Freiheit wundern, den Kopf schütteln, sie hinnehmen, den Erzähler mit dem Autor oder was auch immer verwechseln und damit vielleicht den Autor ärgern.

Die dreiundzwanzig Geschichten, beziehungsweise das „Prosa-Album über Leidenschaft“ und der Weg zurück vielleicht in ein Erzählerleben war aber sehr spannend, obwohl ich, wie schon geschrieben, eigentlich keine Erzählungen mag, weil ich nicht so schnell von einem Sujet ins andere hinüberspringen will.

Klaus Kastberger, der Literaturprofessor, Literaturhausleiter und“ Bachmann-Juror“ hat aber auf Twitter vor einiger Zeit nach einem aktuellen Erzählband gefragt und im „Literaturcafe“ gibt es auch einen Artikel, wo sich Vito von Eichborn mit den „Chancen von Kurzgeschichten“ beschäftigt.

Man müßte wahrscheinlich mehr Zeit haben, um sich in sie einzulassen. Dafür dürfte man wahrscheinlich nicht von sovielen Bücherbergen umgeben sein, für die langsam und vor dem Einschlafen Leser wäre das Buch aber als Adventkalender zu empfehlen, jeden Tag eine Geschichte  und einen Freitag zum Verschnaufen hätte man dann auch und die „Weihnachtsgeschichte“ läßt sich vielleicht unter dem Christbaum lesen, damit sich die Kinder wundern können, was es 1968 so unter Christbaum gab.

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2018-05-30

Erinnerungen aus der Sackgasse

Von der 1964 in Tokyo geborenen Banana Yoshimoto, die eigentlich mit Vornamen Mahoko heißt, habe ich vor Jahren, ich weiß gar nicht, ob ich vorher oder nachher zehn Tage in Japan war, ihr inzwischen zum Kultbuch gewordenes „Kitchen“ gelesen und den Stil, wie ich mich erinnern kann, ein wenig fremd und eigenartig gefunden.

Nun, das Japanische eben, von dem ich damals wohl noch wenig Ahnung hatte, inzwischen ist die japanische Literatur sehr „in“ geworden. Die Blogger schwärmen sämtlich davon und „Diogenes“ hat jetzt einen Erzähband mit fünf Erzählungen der Autorin herausgebracht, die, wie sie in ihrem Nachwort schreibt und sich wohl auf die japanische Art bei ihren Lesern dafür entschuldigt, alle sehr traurig sind, obwohl oder weil sie von der Liebe handeln.

Nun das habe ich beim „Geisterhaus“ gar nicht so empfunden, da hat mich wohl der Stil und diesmal auf sehr angenehme Art und Weise positiv überrascht.

Die Ich-Erzählerin Setchan, die wohl am Anfang noch sehr jung ist, Tochter eines Restaurantbesitzerpaars, das sie gern einmal übernehmen will, studiert noch auf einer sogenannten „Idioten-Uni“ und da, beziehungsweise beim Jobben lernt sie Iwakura kennen, dessen Eltern haben eine Biskuitrollen-Bäckerei und die soll er übernehmen, will aber nicht so recht. Deshalb ist er sehr sparsam und lebt in einem verfallenen Haus, das bald abgerissen werden soll. Dorthin lädt er Setchan ein und bitte sie für ihn Nabe, das ist, wie ich den Anmerkungen entnehme, ein japanisches Wintergericht, zu kochen. Dort erzählt er ihr, daß in der geräumigen Wohnung, die ehemaligen Hausbesitzer wohnten und  sie oder ihre Geister sind immer noch dort anzutreffen.

Das wird eigentlich sehr einfach und wohl auch, als Symbol für die Familientraditionen und das sich Finden erzählt. Denn Setchan kommt noch einmal dorthin, um für Iwakura zu kochen, was eigentlich ein Symbol dafür ist, daß sie Sex miteinander haben wollen. Da erzählt er ihr, daß er nach Frankreich gehen und dort einen Patisserie-Kurs machen wird. Zum Abschied beschließt sie für ihn oder eigentlich für die Hausbesitzer deren Lieblingsessen Schweinfleisch Curry und  Reisomlett zu kochen  und ihnen zu opfern. Dann geht er dahin und sie sehen sich länger nicht, haben ihre Liebschaften, sie übernimmt das Restaurant ihrer Eltern und als seine Mutter stirbt, kommt er zurück, um mit seinem Vater die Buskuitrollenbäckerei zu übernehmen. Sie heiraten auch und verbringen ihre Hochzeitsreise in Nizza, weil er so gut franhzösisch kann.

Eigentlich eine sehr fröhliche und hoffnungsvolle Geschichte, finde ich und sie hat mich überrascht, weil ich ja  zwischen dem zweiten Weltkrieglesen und vor Mareike Fallwickl so gar nicht auf  japanische Literatur eingestellt war.

Etwas verwirrender fand ich dagegen die Geschichte „Maamaaa!“

Da erwischt eine Verlagsangestellte in der Betriebskantine ein vergiftetes Curry, das ein Mitarbeiter hineinmischte, der vorher eine Autorin stalkte und entlassen wurde. Sie kommt ins Krankenhaus, geht danach aber gleich arbeiteten, ist aber offenbar doch mit ihren Nerven zu Ende, so daß sie einem anderen Autor, dem sie ein Manuskript bringen soll, der sie nach ihrem Befinden fragt, anzuschreien beginnt. Das endet in die üblichen japanischen Entschuldigungsrituale, der Chef rät Urlaub zu nehmen, was sie tut, um dann gleich ihren Verlobten zu heiraten und in die Familiengeschichte mit ihrer Mutter, wie schon der Titel besagt, gleitet das Ganze dann auch noch ab, was mir aber etwas zu aufgesetzt erschien.

Poetischer die Geschichte der sachlichen Schriftstellerin, einer Buchhändlerstochter, die in ihren Romanen „die Dinge bis in die allerletzen, tiefsten Winkel durchdringen will“.

Da geht es um das Licht und das Wasser und um ihre Jugenderinnerungen an den kleinen Makoto, den Nachbarsbub, der als unehelicher Sohn trotzdem im Hause seines Vaters wohnte, mit ihr befreundet war und die unergründlichsten Gespräche mit ihr führte. Eines Tages war er bei ihr und wollte nicht nach Hause, ihre Mutter rief bei der Familie an, ob er nicht übernachten könne?

„Das geht nicht!“,  sagte die. Das Hausmäüdchen holte ihn ab. Am nächsten Tag war er tot, weil ihn seine leibliche Mutter mit in einem erweiterten Selbstmord nahm.

Dann geht es wieder oder ebenfalls, um die unerfüllte Liebe, denn  Tomo-, die auch schon traumatische Erfahrungen durchlebte, mit Sechzehn wurde sie vergewaltigt und dann wurde ihre Mutter auch noch von ihrem Vater verlassen, das heißt die Sekretärin hatte sich vorgedrüngt und saß schon, bald schwanger, am Kankenbett, als Mutter und Tochter ihn dort nach einem Schiunfall während des Betriebsausflugs besuchen wollten, -ist in einen Mann verliebt, den sie in der Kantine des Hauses in dem sie arbeitet fast täglich sieht. Er sitzt mit seiner Freundin dort, sie wartet, so lange bis die verschwunden ist und dann wird sich vielleicht etwas zwischen den beiden anbahnen oder schiefgehen, man weiß es nicht so genau, meint die Autorin hintergründig und kommt zu ihrer, wie sie schreibt Lieblingsgeschichte, „Den Erinnerungen aus der Sackgasse“, wo  Mimi miterleben muß, daß ihr ihr Verlobgter mehr und mehr entgleitet. Sie ist langsam von Begriff, er arbeitet in einer anderen Stadt und antwortet ihr immer weniger auf ihre Mails. So fährt sie hin, sieht das Auto für das sie ihm das Geld geborgt hat, vor der Türe stehen. Es öffnet die Geliebte und sagt „Tut mir leid, das ist uns so passiert!“

Sie bespricht mit ihren Eltern, daß sie eine Weile allein sein will und zieht in das Haus ihres Onkels, in dem sich eine Bar befindet, die „Sackgasse“ heißt. Mit dem Geschäftsführer dort freundet sie sich an. Er holt sie aus ihrer Traurigkeit heraus und bringt ihr  das Auto zurück und später, schreibt die Autorin werden sie sich wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen, die Erinnerungen und die Gefühle werden aberommer immer vorhanden sein.“

„Fünf starke Erzählungen, herzergreifen und liebeswert!“, steht am Klappentext. Das Buch ist „dem großen Fujiko F. Fujio“ gewidmet, „dem Schöpfer von Doraemon“.

Das das eine Mangaserie ist, die seit Dezember 1969 durchgehenden im japanischen Fernsehen läuft, erfährt man in den Anmerkungen und wer mehr darüber, beziehungsweise über die traditionellen japanischen Süßigkeiten, Zeremonien und Riten erfahren will, dem sind die poetischen und manchmal etwas hintergründigen Geschichten, sehr zu empfehlen.

2018-05-12

Signalstörung

Filed under: Bücher — jancak @ 00:39
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Jetzt kommt, obwohl ich ja eigentlich keine Erzählungen mag, ein Erzählband, der 1977 in Chemnitz geborenen Kirsten Fuchs, von der ich „Heile, heile“ gelesen habe und, wie ich dem Klappentext entnommen habe, Star der Berliner Lesebühne ist, ein Buch, das erstaunlich realistische Themen aufgreift, was mir sehr sympathisch ist und mich auch etwas erstaunte, weil ich den Roman ja, glaube ich, als eher „worträuschig“erlebte.

Also erstaunlich interessante Geschichten zu höchst aktuellen Themen sprachlich originell und, wie ich meine, auch etwas vorwitzig erzählt.

Nach zwei Aufwärmgeschichten, die vom Fußballspielen auf einer Insel und einem nächtlichen Schwärmer, der auf Grund eines einschneidenden Erlebnissen zu trinken aufhört, geht es gleich hinein in das Medias res, oder nein, eigentlich zu einem Journalisten, der in einem Club kommt, um eine Band zu interviewen. Er ist zu früh dran, so bringt ihm der Angestellte dort ein Bier und erzählt ihm dann eine Geschichte, wie er zu trinken aufgehört hat, was wie man merken kann, ein Thema für Kirsten Fuchs sein dürfte.

Seine Frau hat ein Haus geerbt, weil sie vorher das Ehepaar, das dort lebte, gepflegt hat. Jetzt steht der tote alte Mann, der, wie der Erzähler meinte, am Ende seines Lebens rassistisch wurde und vorher, weil er wahrscheinlich keine Wahl hatte, bei den Wehrmachtssoldaten, im Garten und erzählt dem nächtlichen Heimkehrer, wie es war im Krieg, wo er in die Leute geschossen hat, aber eigentlich nicht viel davon gesehen hat, weil er beim Schießen immer die Augen schloß.

Man sieht höchst originell, nicht nur die Themenwahl, die das bei dieser Geschichte ja nicht wirklich ist, sondern auch der Ton, in dem erzählt wird und so geht es auch gleich weiter zu einem anderen Hausmeister, einem der in einer Kita arbeitet, also meistens im Keller steht und dort die kaputtgegangenen Spielzeuge reparieren soll. Seine Chefin namens Sabine hat ihm aufgetragen, sich ein wenig herumzuhören, denn sie hat einen „unangemessenen Brief“ bekommen. Also tut er es aus dem Fenster und hört, wie die Mamis ihren Kleinen, die zum Teil „Minala“ oder anders heißen, erklären, warum sie leider leider, obwohl sie es nicht wollen, da die Mami arbeiten muß, in die Kita müssen. Die lebt vom Integrationsbedarf ihrer Integrationskinder und als er den Drucker reapieren mußt, stellt sich Herr Gustav vor, wie der Erzieher auf ihn eigeredet hat und formuliert dabei die Flosklel, die er dabei verwendet hat.

Da ist dann von „Einfühlungsvermögen“, also „Sag mir doch mal, was du hast, hm. Bestimmt versteh ich dich viel besser, wenn du es mir sagst. Hast du ein Blatt quer sitzen?“- bis zu „Soziale Isolation als Strafe“ – „Du kommst jetzt runter zum Hausmeister“, der natürlich sofort weiß, woran es liegt und den Schatten beheben kann.

In diesem Tonfall geht es munter weiter zur „Signalstörung“, der dem Buch den Titel gebenden Geschichte. Und da sitzen zwei Frauen namens Nermin und Jagwida in einem aufgelassenen Schulungscenter der Bundesbahn und sollen die Pläne für die Bahn erstellen. Es sind offenbar die Zeiten der Flüchtlingswelle und Sonderzüge müssen eingeplant, Demonstrationen beachtet werden und die Gerüchteküche spielt  natürlich auch eine große Rolle und ganz besonders zynisch und wahrscheinlich, wie ich, die ich ja auch sehr viel mit vom AMS betreuten Klienten arbeite, ein wenig hilflos, anmerken möchte, ist das „Kleinjobcenter“ und auch ein bißchen autobiografisch, denn da heißt, die Heldin „Frau Fuchs“ und die hatte eine Krise oder eine Schreibhemmung. So kam der schon geplante Vorschuß nicht und sie muß für ein halbes Jahr „Unterhaltsbevorschußung“ beantragen.

Wie das erzählt wird, ist köstlich bis tragisch komisch, denn man stolpert da zuerst über jede Menge von „Hartvierwitzen“, da man zuerst gar nicht lustig findet. Dann kommt die Antragsstellerin zu ihrer Betreuungskraft, macht zuerst ein paar Vorschläge, die auch wohlwollend, „Wir werden einen Antrag stellen!“, aufgenommen werden und dann, als sie gehen will wird sie noch gefragt, ob sie auch einen Antrag auf den ihr zustehenden monatlichen „Hartzvierwitz“ machen will und der Clou der gar nicht so lustigen Geschichte ist, das Geld kommt, ein halbes Jahr später, für das es ja eigentlich gedacht war, so daß sie es gleich ihren wohlwollenden Freunde, die ihr inzwischen aushalfen, zurückgeben und sich wahrscheinlich denken konnte, daß sie sich den Aufwand, wenn er nicht Recherchematerial für eine Geschichte gewesen wäre, sparen hätte können und sie fügt dann noch die Frage an, wie es wohl denen geht, die nicht nur verrübergehend und auch nur recherchieren auf die Leistungen des Jobcenters angewiesen sind?

In „Onkel“ fährt eine Frau von Besuch bei einer Freundin vom Stadtrand im Bus nach Hause und belauscht dabei das Gespräch eininger Jugendlichen, die zu ihrer Clique am anderen Ende der Stadt fahren:

„Hast du was?“ -„Nee“ – „Scheiße. Wo kriegen wir was her?“ – „Weiß nicht.“…., während in „Casablanca“ einer zum Flughafen fährt, sich dort in ein Cafe setzt, wo er schon die Stammgäste kennt und auf seine Freundin wartet, mit der einmal in dem berühmten Film war und die ihn danach verlassen hatte, weil er dabei nicht weinen und auch nicht „Ich liebe dich!“, zu ihr sagen konnte.

Und in „La Schuhkran“ wird 2003 nach Syrien gereist, wo man das noch gefahrlos konnte. Das heißt, so ganz gefahrlos war es auch nicht, wenn man zu Weihnachten eine Freundin besuchen wollte, die auf der deutschen Botschaft arbeitete, wenn man vorher in Israel war. Gut, da konnte man sich einen anderen Pass besorgen, aber weil man das 2004 nicht schon wieder tun konnte, wudre man in Amerika am Flughafen aufgehalten und genau befragt, was man da gemacht hat.

Weihnachten gefeiert ganz klar, aber wo bekommt man in Damaskas Weihnachtsgeschenke her, wenn man am Markt von jeden angesprochen wird, in Geschäfte gelockt und dann mit Datteln herauskommt, so kommt am Schluß ein doppeltes Zungenküßen und vielleicht ein Partnertausch heraus.

In „Erbe“ kommt einer in das verfallene Haus mit Garten in dem verfallenen Dörfchen seiner Jugend zurück, um seinen Vater zu pflegen und wahrscheinlich auch biographisch, fährt ein paar mit Kind einen „Nachtschrank“ zum Schuster, denn der Schlüßel ist verloren und darin steckten Tagebücher, die die Mutter mit zwölf, also im Jahr der Wende geschrieben hat. Die Tochter fragt neugierig nach, was der ganze Aufwand soll und versteht nicht ganz, warum man einem Land, das es nicht gibt, nachspüren will?  Das versteht nur der Schuster Roman, der auch aus einem solchen kommt.

Und dann ist noch eine Frau zu Hause, weil das Kind krank geworden ist. Sie beschließt die Wohnung zu putzen, bleibt aber am Türspion hängen, um von dort das Gespräch der Nachbarn am Gang zu erlauschen, während das Kind Pfirsiche essen will.

Surreal kann es Kirsten Fuchs auch und spielt das in allen Tönen, so habe ich „Maran“ nicht ganz verstanden, während es im „Rosa Mantel“ offenbar, um die  verdrängten Anteile geht. Da liegt eine Frau in der Badewanne hat eine Haarspülung am Kopf, fürchtet sich vor dem Fremden und bekommt die ganze Zeit, die Begegnung und den Geruch der Obdachlosen, die sie in der U-Bahn begegnete, nicht aus dem Kopf und dann ist die plötzlich in der Wohnung und wird von ihr gebadet.

Dann fährt eine junge Frau mit einem Hund mit dem Rad von Berlin an die Ostsee, will Zelten und die Angst,  was da alles geschehen kann, läßt sie nicht aus, obwohl und das ist vielleicht das Teufliche an der Sache, gar nichts passiert und um den Kreis zu schließen, geht es noch einmal in die DDR zurück, in die Zeiten, wo ich Erzählerin zwölf war, die Mauer fiel, das erste Tagebuch geschenkt wurde und auch die erste Monatsblutung passierte, die im Osten offenbar „Besuch aus Moskau“ genannt wurde, natürlich Blut ist rot und das ist die rote Armee offenbar auch und am Schluß wird noch vom ersten Mai erzählt.

Den „Tag der Arbeit“, wo die Männer an der Demonstration teilnahmen, die Mutter mit der Neuen ihres Sohnes kocht und am Schluß sitzen alle im Garten und beglückwünschen sich:

„Als die Männer sagten, daß die beiden Köchinnen hoch- hoch- hochleben sollten, schauten beide streng.“

Es ist wirklich die ganze Variante des Lebens in allen seinen Facetten und literarischen Gattungen, die Kirsten Fuchs da in neunzehn Geschichten vor ihren Lesern ausbreitet.

„Nun kann man Kirsten Fuchs als glänzenden, vielseitige Geschichtenerzählerin entdecken: Ihre mal komischen, mal ernsten, schrägen, schnoddrigen und in hundert anderen Farben leuchtenden Storys erzählen so originell von unserer Gegenwart, wie es selten gelingt, und erfassen wie nebenher das Wesentliche, was einem so  beim Leben passieren kann.“, steht so auch am Klappentext.

2018-01-03

Aber sicher! – Die besten Texte aus dem Ö1 Literaturwettbewerb

Filed under: Bücher — jancak @ 19:41
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Jetzt kommt das Buch zum Wettbewerb, ich bin ja bei der Präsentation des Ö1 Literaturwettbewerb zum Thema „Aber sicher!“ ich glaube im November im Radio Kulturcafe gewesen, nachdem der Wettbewerb sonst an mir vorbeigegangen ist, ich höre jetzt weniger Radio, weil ich so viel bei den Booktubern surfe und bei Wettbewerben beteilige ich mich auch kaum noch, weil es bringt ja nicht, von wegen unverständlich schreiben oder mangelnden Stilgefühl, wie es der Uli sagen würde.

Aber zu der Veranstaltung habe ich mich entschlossen und mir dann auch gleich die dazupassende Anthologie bestellt und jetzt konnte ich die ausgewählten Siegertexte zur Gänze lesen, bei der Präsentation wurden sie nur angetippt und die Übertragung auf Ö1 habe ich mit Ausnahme der Wenger-Geschichte auch verpasst.

So passt es aber besser und ist viel „sicherer“, könnte ich in Anlehnung an das Motto sagen und habe mich zuerst durch die Juroren-Begleittexte gelesen, da war ja Edith Ulla Gasser, zu der ich ja lange meine neuen Bücher immer schickte und die mich auch zweimal auf Ö1 gesendet hat, dann eines vom Vorstand des Sponsering Partner der „Städtischen Versicherung“, die wahrscheinlich die Preise zahlten und dann noch eines von der anderen Ö1 Jurorin Gudrun Hamböck.

Die sparten nicht mit Bonmots und Anspielungen, lobten die Talente, neun Texte aus zweihundertfünfzig Einsendungen, da frage ich mich immer, was und wo sind, die anderen Texte und endeten meistens mehr oder weniger originell mit dem Slogan „Aber sicher!“

„Ist Österreichs Literatur gut?“, „Soll man alle Texte lesen?“, etcetera, ich habs getan  und der erste Text „Mein lieber Ali“, des 1982 in Grieskirchen geborenen Dominik Barta, der an der Sigmund Freud Uni und als Sprachtrainer für gefüchtete Menschen tätig ist, behandelt in einer sehr schönen Sprache, ein wichtiges, uns alle betreffendes Thema, die Flüchtlingsfrage und, wie geht man um mit den Flüchtlinge aus Afghanistan, die man vielleicht mit Machetten im Stadtpark trifft und sie zu den Anwältern und Dolmetschern begleitet.

Wie nahe kann und darf man ihnen kommen?

„Abgrenzung!“, sagt die Chefin und wenn man sie angreft und umarmen will, werden sie vielleicht rot und weichen zurück. Trotzdem gibt es den Ausflug auf den Kahlenberg, wo alles so scheinbar gut und leiwand ist. Trotzdem ist der Ali dann verschwunden, kommt nicht mehr zum Deutschkurs.

„Abgeschoben!“, vermutet der Freund und schickt ein Bild von jedem Ausflug und eines, das Ali  im sicheren Heimatland und in der Stadt Kabul zeigt.

„Zebraritäten“ von der 1983 in Friesach geborenen Miriam  H. Auer ist eine, wie Edith Ulla Gasser in ihrem Vorwort schreibt „eine poetische Geschichte, über das Daseinsgefühl gefährdeter Menschen am Rand der Mehrheitsgesellschaft“, die im Klartext von einer Ling, ihren Freier und wahrscheinlich auch vom safer sex erzählt und der 1969 in Salzburg geborene Anton Badinger erzählt im „Tank“ eine Annäherungsgeschichte eines Jugendlicher, der am Bahnhof seineeSpiel spielt, da kommt die Außeseiterin Flavia hinzu, steigt in den Tank, das Seil wird zerrissen, der Bursche holt Fanta und Gummibärli, um die  Angebetene zu erfreuen und bleibt dann selber „mit einem ziemlich guten Gefühl“ im Tank zurück.

„Bold Never Regular“ heißt Magdalener Schrefels Geschichte, in der ein Flughafen Angestellter von seiner, wie es Edith Ulla Gasser nennt, „allzu alltäglichen Sicherheitschoreografie“ einer Journalistin erzählt. Die Ausbilderin kommt dabei vor, die keine Ausnahmen duldet, der alte Mann, der in den Wartenschlagen in Ohnmacht fällt und ein anderer, der weil er sich zu seiner Sicherheit nicht anpassen will, von der jungen alleinerziehenden Kollegin zusammengeschlagen wird.

Sehr spannend die Geschichte des 1962 in Braunau geborenen Wolfgang Wengers, den ich ja seit meiner Jurytätigkeit für das Nachwuchsstipendien Ende der Neunzigerjahre kenne.

Im „Nautlus-Kalküs“, das Science Fi unter den neun Sicherheitsgeschichten, geht es um einen Chef einer Waffenfirma, der sich während des die Welt zerstörenden Kriegs in einem U-Boot abgesetzt hat und nun meint, alleine unter der Welt ganz ganz sicher zu sein. Er hat alles, die technischten Systeme, Apparaturen und Robotor, so zum Beispiel den Liebesroboter Ella, den er aber leider ein bißchen zu viel programmiert hat, so daß ihm sein Geschöpf dann über den Kopf gewachsen ist.Lakonisch grinsend zeigt der Autor auf, wie man sich, wenn man sich zu sicher wähnt, verkalkulieren kann.

„Tschopperl“ Cathrin A. Stadlers Geschichte, um zwei alte Leute und ihre rund um die Uhr Betreuerinnen, habe ich schon im „MUSA“ gehört, die Geschichte, wo die Frau Doktor und die Frau Helga von dem dementgewordenen ehemaligen Arzt erzählen, den die Frau Doktor dann bei der Umarmung mit der Betreuung erwischt und, als die vom Einkaufen zurückkommt, ist er leider tot und „Tschopperl“ hat der Herr Doktor, als er noch in Amt und Würden war, zu seiner Frau, die ihm drei Kinder geboren hat, immer gesagt.

Bekannt auch die „Inselfestung“ von Tanja Raich, die Programmleiterin von „Kremayr und Scheriau“, die, habe ich, glaube ich, in der „Alten Schmiede“ gehört, die Geschichte von der einsamen Inselbewohnerin die sich fürs Überleben rüstet.

In „Daily Selfie“ des 1965 in Klagenfurt geborenen Felix Kucher, von dem bald ein Roman bei „Picus“ erscheinen wird, geht es in die „Instagram“ und „Facebook-Welt“, einer Sachbearbeiter, die von sich ein tägliches „Selfie“ in das Netz stellt und dabei gestaklt oder gespamt wird, wie das in der Welt von „#style #beauty #hair # mylook #follow#follow#follow“,eben ist und vielleicht noch ein bißchen beklemmender ist die zweite Demenz Geschichte der 1983 geobrenen Magda Woitzuck von der ich auch schon einiges gehört und gelesen habe, wo ein hilfloser alter Mann, der sich plötzlich in einem Pub befindet von einem anderen ausgeraubt wird und das gar nicht bemerkt.

Das war also der gründlichere Rundgang durch die neun Sicherheitsgeschichten, die von Ö1 ausgezeichnet und von der Städtischen Versicherung gesponsert wurde.

Sicherheit in allen seinen Varianten und Formen, die in dem Buch mit dem roten Feuerlöscher zu lesen sind.

Aber sicher oder eigentlich nicht so sehr, denn da bleibt ja die Frage nach den anderen zweihunderteinundvierzig hier nicht zu lesenden Geschichten, die sicherlich und höchsttwahrscheinlich auch nicht so uninteressant gewesen sind und die „Literaturflüsterin“ ein wenig unbefriedigt zurücklassen.

 

2017-12-25

Das Wetter hat viele Haare

Jetzt kommt der bei „Kremayr&Scheriau“ erschiene Erzählband, der 1975 geborenen Renate Silberer, die ich, glaube ich, aus der „Alten Schmiede“ und den „Lockstoffen“ kenne, der eigentlich keiner ist, handeln die elf Geschichten, die durch kurze „Momentaufnahmen“ verbunden sind, doch von den Geschwistern Annemarie und Konrad und sind, wie im Klappentext steht, oft“traumhafte Momene und Spuren der Erinnerung, die zu einem neuen Bildführen.“

Eine Hilda gibt es auch, die ist von irgendwo weither zu ihrer Cousine Ester in die Stadt gekommen, um mit ihrer Krankenschwesternausbildung Gld zu verdienen. Jetzt lebt sie in einem großen Haus mit ihrem Mann und möchte gerne mit „Deckweiß“ die grauen Stellen in ihrem Zimmer bemalen.

Sie gibt aber auch Annemarie Interviews für deren Dissertation, dazu treffen sich die beiden in einen Cafe und die „Münder“ und die „Zungen“ spielen in den Geschichten auch eine große Rolle.

Konrad besucht das Haus des Großvaters und blättert in alten Familienaufnahmen. Franziska die Urgroßmutter mußte ihren Sohn weggeben, hat ihn später aber wieder zurück auf den Hof geholt und Ester und Hilda gehen tanzen. Ester die sich von Manfred trennen will, betrinkt sich dabei und während sie ihren Rausch auschläft, kommt Manfred in die Küche und Esters Kleid das jetzt Hilda trägt, wird dabei zerrissen.

Birgit Birnbacher hat mit „Wir ohne Wal“ einen Roman geschrieben, der aus lauter Kurzgeschichten besteht, der durch die handelnden Personen verknüpft ist und der mich dadruch sehr verwirrte.

Hier scheint es anders zu sein, denn man kann, die im Buch ausgewisenen sehr poetischen surrealen Erzählungen durchaus zu einer Romanhandlung verknüpfen, wie man auch bei „Amazon“ nachlesen kann und sich wieder einmal die Frage stellen, was ein Roman eigentlich ist und wie weit Geschichten ineinander verwoben sein müßen, um zu einem solchen zu werden?

In „Flugzeuge“ treffen wir jedenfalls auf Hanni und Karli in deren Garten ein Flugzeug abstürzt, eine sehr poetische Geschichte und in der nächsten „Vor dem Verschwinden“ taucht eine schwangere Ich-Erzählunerin auf und kommt nach Hause. Später begreift man, daß es Annemarie ist, die eine Freundin namens Hanni hat, die zwei Geschichten weiter ihr erstes Kind Mareike gebärt. Dazwischen gibt es noch eine Konradgeschichte, wie der mit seinen zwei Töchtern ins Elternhaus zurückkommt, die Kinder wollen nicht essen, der Sohn liest seine alten Tagebücher und den Karli, der eigentlich ein Charly oder Karl sein möchte, treffen wir in der nächsten Geschichte wieder.

Zu Mareike kommt auch noch die kleine Leni und in der Wohnung gibt es Schlangen und das du, zu dem die Mutter Annemarie immer spricht ist Manfred und der hatte ja einmal etwas mit einer Ester und in der letzten Geschichte sind die beiden getrennt.Annemarie zieht mit den Kinder aus, verdingt sich durch Bügelarbeiten und die Eltern können sie leider nicht unterstützen.

Sehr poetisch, die romanhaften Geschichten der Renate Silberer, die aus dem Buch auch bei der „Buch-Wien“ gelesen hat, Preise und Stipendien gewonnen hat und ich wieder einmal sehr gespannt bin, was ich von der Autorin noch hören und lesen werde können.

Und zum Adventkalender geht es hier 5 7 9 19 20 24 25 29 30.

Ein paar Lücken in der Handlung gibt es also noch, in ein paar Jahren wird es hier wahrscheinlich alles im Dezember zu lesen geben und für ungeduldige habe ich noch ein paar Exemplare, die man bei mir bestellen kann.

2017-07-02

Milzschnitten und andere Spezialitäten

Jetzt kommt ein Erzählband meiner GAV-Kollegin C.H.Huber, in Innsbruck gboren, die ich beim vorigen „Kulturpolitischen Arbeitskreis“ kennenlernte und der in der „Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative“ herausgekommen ist.

Vierzehn Geschichten auf etwa hundertfünfzig Seiten.

„Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig“, steht Klagen vorbeugend, unterm Inhaltsverzeichnis, das mache ich auch manchmal und auf der Seite vorher steht „Für Hannah, später“, ist das jetzt eine Widmung oder ein Motto? Man weiß das nicht so genau.

Die erste Geschichten sind die „Milzschnitten“ und da geht es, um eine rüstige Pensionistin, die sich ebenfalls vorbeugend in eine Seniorenresidenz oder besseres Altersheim zurückgezogen hat und da am Stefanitag vor ihrer Nudelsuppe sitzt und an die Stefanitage denkt, wo sie ihrer Familie „Milzschnitten“ und anderes für die Suppe aufgekocht hat.

Die ganze Familie ist da zusammengekommen, auch Walter, der Ex und die Kinder und eine Tante wurde aus dem Altersheim geholt, damit die noch einmal ein  richtiges Weihnachten im Kreise ihrer Familie erleben kann. Und wie das Schicksal es so wollte, ist die dann da über Nacht gestorben und die Pensionistin geht in ihr Bett, legt sich  nieder und denkt: „Noch werde ich wieder aufwachsen. Sicher ist aber nicht einmal das.“

Das mit der zufälligen Ähnlichkeit der handelnden Personen, wird  schon bei der zweiten Geschichte „Gross.Atemlas“ im Titel hintertrieben, weil da ist einer, der Wissenschaftler, der im dritten Reich in einer psychiatrischen Klink seine Pflicht tat und jetzt durch „den jungen Chirurgen und anderen Widersachern“, an seinem gemütlichen Lebensabend gehindert wird.

Da tue ich mir ein wenig schwer, wenn die eigenen Regeln so offensichtlich gebrochen werden und auch die anderen Geschichen waren beim Lesen manchmal schwierig.

Handelt es sich da ja oft um Monologe, ohne direkten Handlungsaufbau  auch ohne Show und Tell, sondern da wird und ich gebe schon zu, ich tue das manchmal auch, unendlich monologiesiert und dabei auch noch, wie bei den „Perspektiven“ von der einen zu der anderen hurtig hin und hergesprungen.

Da monologisiert ein Mann über seine Frauen und ich dachte zuerst nach der Gross-Geschichte, aha, da geht es um den Jack Unterweger, aber der Mann hat Freundinnen, eine Ex-Frau, eine Mutter die im Altersheim dahinvegetiert, dann geht es wieder auf ein Begräbnis und so weiter und so fort.

Das Monologisieren wiederholt sich  auch in den nächsten Geschichten.

Im „Purgatorium“ kommt ein Gott offenbar wieder auf die Erde und hatProbleme mit den „Sexsklavinnen“ der heutigen Zeit, die leider nicht mehr so problemlos mitmachen, wie er das von seinem früheren Leben gewohnt war.

In einer der nächsten Geschichte geht es um eine Frau, die sich um den Mann in ihrer Küche ärgert.

Ein wenig verständlicher wurde es  für mich erst wieder bei „Frau Irma oder die Liebe zum Gesang“, denn da erzählt eine Frau über ihr verfehltes Leben, beziehungsweise ihre Angst, die sie vor den Schlägen der Eltern, im Kindergarten, in der Schule ausstand und, die sie nur durch das Singen kompensieren konnte.

Auch der Ehemann war mit ihr unzufrieden, weil sie keine Kinder hatte ,während sie „Von der Übelkeit, vom verzweifelten Herabspringen vom Tisch damals und den Kräuterbändern, den Stricknadeln…“ etcetera sinniert.

Im Klappentext steht etwas vom Spiegel, den die Autorin der Gesellschaft in ihren deutlichen  Worten der Gesellschaft vorhält, Helmut Schönauer hat auch in bewährter Manier eine Rezension über das Buch geschrieben und spricht von der „abgehangenden Melancholie“ iund „atemlosen Nennformgruppen“ und ich bemerke wieder einmal, daß mir das Lesen von Erzählbänden Schwierigkeiten macht, da die nötige Konzentration aufzubringen, mich im zehn Seiten Rhythmus von der einen auf eine andere Welt einzulassen.

H.C. Huber mit ihrer intensiven Sprache und ihrer Monologform, mit der in das Denken und das Fühlen der anderen hineingleitet, machte es mir dabei besonders schwer.

„In trautes Heim“, geht es dann weiter mit einer Ich-Erzählerin und zwar einer Frau, die für ihren Mann das Gulasch und die Polenta auftisch, dann mit ihm Sex hat, schlafen geht, am nächsten Morgen das Frühstück vorbereitet und während er in die Arbeit geht, ruft sie dann eine nur ihr vertraute Nummer an.

Bei der nächsten Geschichte „Totschlagen“ geht dann weiter in einem endlos Monolog über Gott und die Welt, die Poltiker und all die anderen Schwierigkeiten, die einem im Laufe des Lebens so behindern und ich dachte zuerst, das ist die Fortsetzung vom „Trauten Heim“, nur daß die Frau, die Lamentiererin, die auf ihren Mann wartet, jetzt Knödelsuppe, statt Gulasch mit Polenta kocht.

Im Laufe der etwa fünfzig Seiten der Erzählung kommt man darauf, die Frau ist eine Friseurin und der Mann, der nicht kommt, eigentlich nur ihr Freund, ein Schriftsteller.

Sie ißt während sie auf ihn wartet und räsumiert, die Suppe und das Steak selber und dann beginnt sie sich mit Schlaftabletten für den Suicid in ihr Bett zu legen, immer in der Hoffnung, daß er vielleicht doch noch kommt.

Bei „Liebe Butzerln“ macht sich eine „Fensterguckerin“ Sorgen um das noch nicht geborene Kind der Frau gegenüber und ärgert sich über die „Gfraster“, der Flüchtlinge, die ihnen ins Haus gesetzt wurden.

Dann beobachtet ein Bademeister eine „fette Blondine“ und durchlebt dabei seine Träume und bei „Späte Wanderung“ umrundet offenbar einer mit einer Demenzdiagnose einen See.

Viele Themen werden, wie man lesen kann, hier angeschnitten, Gedanken über die Sterbehilfe“ tauchen immer wieder auf und immer wieder geht es um das Monologisieren, was es mir, wie schon beschrieben ein wenig schwer mit der Aufmerksamkeit machte.

Sonst aber spannende Geschichten auf dem und für das Leben einer vielleicht noch nicht so bekannten Tiroler Autorin, von der ich übrigens noch einen Gedichtband auf meinen Badezimmerstapel liegen habe, aber wann ich da  zum Lesen komme, ist  noch nicht ganz klar.

2017-03-24

Mir ist die Zunge so schwer

Weiter geht es mit den jungen Talenten, mit den „Unter Dreißigjährigen“ und zu den achtzehn Kurzgeschichten über Menschen, wie im Klappentext steht, „die Zeit ihres Lebens versäumt haben zu sprechen,Täter, Opfer, Sehnsüchtige und Missverstanden, Einsame und Trauernde“, der 1990 in OÖ geborenen Lucia Leidenfrost, die seit 2014 in Mannheim lebt und am „Institut für Deutsche Sprache arbeitet“.

Einige Preise hat sie schon bekommen und es ist tatsächlich sehr beeindruckend, wie sich diese junge Frau in die Köpfe und die Hirne ihrer Großelterngeneration hineindenken kann.

„Fast hört man die Stimmen ihrer Figuren, so genau trifft sie deren Ton“, schwämt  der Klappentext und das stimmt genau, kann ich dazu flüstern, obwohl das Verstehen bei der ersten Geschichte „Erdbeer-Rhabarba null sechs“ gar nicht so einfach ist.

Aber so ist das mit den Demenzen, kann die Psychologin schon mal klugscheißern und verraten, daß da eine alte Dame offenbar ihren dementen Mann pflegt und mit ihm spricht. Dabei kocht sie Marmelade aus Rhabarba, weil man ja nichts überlassen darf, die schließlich anbrennt und sie sie spricht auch immer davon, daß sie den Mann nach Hause bringen wird. Nicht ganz so verständlich für die Lesende, aber wenn ich mich plötzlich in einer Seniorenresidenz befinde und nach Hause will, kann ich vielleicht auch nicht ganz verstehen, wenn mir die freundliche Schwester mittels Validation erklärt, daß ich das schon lange bin.

In „Gefangenspielen“, geht es um die Qualen eines alten Apotheker, der im Krieg in der schlimmen Zeit, seine tauben Kinder verstecken mußte, damit sie nicht ins Schloß Hartheim kamen. Ehrenhaft könnte man  sagen, aber offenbar war er auch ein Nazi, bei der SS oder sonstwo und hatte mit dem Holzapfel Edi, der sich dem Kriegsdienst verweigern wollte, kein Verständnis. So jagte er ihn mit seinen Freunden, schoß ihn an und sperrte ihn dann ins Feuerhaus, wo er verbluten mußte.  Seither hat er  Probleme mit seiner Schwester, wenn die in seine Apotheke kommt und ihn vorwurfsvoll ansieht, denn sie hat ihn nicht verraten.

In „Flugübungen“ geht es wieder in ein Spital oder in ein Altersheim, denn der alte Mann, der hier spricht und sich nach seiner Heidi sehnt, die ihm, weil schon gestorben, nur mehr des Nachts besuchen kann, machte die offenbar im Krieg und der ist schon lang vorbei. Die Erinnerungen bleiben aber im Kopf und wenn es jetzt immer weniger Menschen gibt, die sich in ihren Altersheimen noch wirklich daran erinnern können, ist es schön, wenn sich junge Leute damit auseinandersetzen und eindruckvoll und einfühlsam darüber schreiben.

Ein bißen anders geht es in „Die vom Bach zu“. Da hat einer, ein Bauernsohn, eine Selbstmörderin, die Vroni aus dem Bach gezogen und sich in sie verliebt. Sie kam, wie das damals so war, in die Irrenanstalt und er wollte sogar Pfleger werden, um ihr nahe zu sein. Der Vater hat es ihm verboten und so hat er geheiratet, sie später nur gesehen, wenn sie mit von den Medikamenten aufgeschwemmten Gesicht auf seinen Hof kam und nicht mehr so schön, wie damals war und irgendwann ist sie gestorben und er kann von ihrem Tod in der Zeitung lesen.

„Friedrich“ ist auch einer, den sie jung, wahrscheinlich von der Schulbank weg, in den Krieg schickten. Einer aus einer gläubigen Familie, dessen Mutter listig den „Hitler-Gruß“ verweigerte und der ihr Briefe aus dem Feld schreibt und um einen Rosenkrankz bittet. Schließlich wird er von den Russen gefangen genommen, muß ohne es zu verstehen, unterschreiben, daß er ein Nazi ist und wird nach Moskau gebracht, um dort die Stadt wieder aufzubauen, während „Janek“ der Bruder von der Bäckerin Helena oder Helenka ist, deren Eltern mit den Kindern den Sprung über den eisernen Vorhang machten. Die Großeltern blieben zurück und die junge Helena sehnt sich nach ihnen und kann die Funktion eines eisernen Vorhangs genauswenig verstehen, wie was ein Lungenkrebs ist, an dessen Folgen der rauchende und Kafka lesende Vater verstarb.

Originell, die Geschichte von dem „Hans Warum“, der am Friedhof zwischen dem jüdischischen Schriftsteller Jakob Wassermann, dem nationalsozialistischen Bruno Brehm und dann noch neben einem Paul Preuß einem Bergsteiger liegt und dann kommen immer wieder die Geschichten von dem Krieg, die die junge Frau zu beschäftigen scheinen und die in allen ihren Formen erzählt werden.

Die von dem Mann, der zwischen 1938 „derisch“ also taub für alle meine bundesdeutschen Lesern, wurde, damit er das was er sah, nicht der Gestapo verraten konnte oder wollte, die vom Desertieren, die ein Großvater seinen Enkeln erzählt oder besonders berührend, die von der kleinen Marianne, die fast verrückt wird, weil die Erwachsenen mit ihren Geschichten von den KZ immer verstummen, wenn sie auftaucht und die doch neugierig ist und alles wissen will und sich dann fürchtet oder natürlich auch mißversteht. Da braucht es dann schon einen jungen Kaplan, Psychotherapeuten hat es damals und am Land, wo die Geschichte spielt, wohl noch nicht gegeben, der die Füße ins Wasser baumeln und das Kind einfach fragen läßt.

Um Gewalt gegen Frauen und Kinder und das Beten, wie es am Land in der Nachkriegsgeneration offenbar so üblich war geht es auch und um das, was die Sprachlosen, ihren Kindern nicht oder schon sagen können, so erfährt eine oder eine am Sterbebett des Vaters von der Existenz eines Halbbrunders und eine ebenso sprachlose Mutter will ihren Sohn, der inzwischen im Ausland lebt und zum Abschied „Bis denne“ sagt und den sie nur ganz gelegentlich in Wien in der Konditrei Adia visa a vis der Oper seinen Mutterkuchen mitgegeben.

Und wieder sehr berührend die letzte Geschichte in denen die Kinder Briefe an die tote Mutter schreiben. Sie sprechen davon von den Honig und den Marmeladegläsern, die sie sie ihnen als ordentliche Hausfrau offenbar hinterlassen hat und diie sie jetzt langsam leeressen. Von Bienen ist viel die Rede und von Zeichnungen des Großvaters der offenbar in einem KZ gewesen ist. eines Tages finden die Kinder den Vater erhängt im Bienenhaus, sie geben ihm Honig, Marmelade und die Zeichnungen in den Sarg und winken ihm nach.

Sehr beeindruckend die achtzehn Geschichten in der sich eine sehr junge Frau sprachlich sehr prägnant und mit sehr originellen Ansätzen mit den Gewalt- und Kriegserfahrungen ihrer Eltern- und Großelterngeneration auseinandersetzt und sie sowohl stimmig, als auch höchst literarisch umsetzen kann.

Bei „Amazon“ hat ein Leser beklagt, daß die Geschichten so schnell verschwinden und nicht dicht genug sind.

Ich habe sie sehr eindringlich und gar nicht banal, wie ich auch gelesen habe, sondern laut gefunden, obwohl sie vielleicht leise geschrieben sind und wundere mich immer noch, daß eine so junge Frau so viel vom Leben ihrer Eltern und Großeltern weiß und das dann auch noch literarisch gestalten kann.

Ebenfalls sehr eindringlich und schön ist die graphische Gestaltung des Bandes, der bei mir hängen bleiben wird und den ich vielleicht auch den Kindern und den Enkelkindern empfehlen kann, damit sie besser verstehen können, wie es  damals war und ich, merke ich, am Schluß noch an, gehöre, als eine 1953 in der Großstadt in einen atheistischen Haushalt Geborene, die den Krieg nicht selbst erlebte auch schon der Nachkriegsgeneration an und kann vieles so nachempfinden, obwohl meine Eltern, auch wenn sie keine Täter waren, ebenfalls nicht viel davon gesprochen haben.

Aber die Zunge ist den frisch aus dem Wahnsinn, den man nicht wirklich verstehen kann, entkommenen eben schwer, wie auch die Titelgeschichte zu erzählen weiß.

 

2017-02-16

Unter der Sonne

Filed under: Bücher — jancak @ 00:05
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Jetzt kommt wieder etwas ganz Altes, nämlich Daniel Kehlmanns, 1998 bei „Deuticke“ erschienener Erzählband „Unter der Sonne“, da war der 1975 in München geborene und in Wien aufgewachsene Sohn des berühmten Regisseurs Michael Kehlmann, gerade dreiundzwanzig.

„Beerholms Vorstellungen“, das ich mir einmal in einem Antiquariat in der Kirchengasse, um dreißig Cent kaufte, war da schon erschienen und das Buch stammt aus einem der Bücher-Türme der „Literatur im März“, wo ich mir ja damals viel mitnahm und langsam aufzulesen versuchte, als ich mir vor ein paar Jahren alle meine ungelesene Bücher auf meine Leseliste schrieb. Die habe ich im vorigen Herbst mitten meines Buchpreislesens, als sich die Rezensionsexemplare türmten und ich sah, daß ich sie nicht, schaffte, wieder umgeändert.

„Unter der Sonne“ ist daraufgeblieben und das Buch passt jetzt auch ganz gut, wurde gerade ein Theaterstück von Daniel Kehlmann, der ja inzwischen aufgestiegen und berühmt geworden ist, in der Josefstadt aufgeführt, deshalb war er auch in der Sendereihe im Gespräch und eine Frage beim Ö1-Quiz und ich habe von den noch nicht so berühmten Kehlmann „Der fernste Ort“, 2001, bei „Rund um die Burg“ sowie in der „Alten Schmiede“ gehört und die dabei gemachten Erfahrungen in meiner „Viertagebuchfrau“ verarbeitet.

Dann kam 2003 „Ich und Kaminsky“, alles schon bei „Suhrkamp“ erchienen und der kleine österreichische „Deuticke“ und inzwischen „Hanser-Ableger“ leidet ja noch immer, daß der große Khelmann ihn verlassen hat, obwohl schon ein Vertrag, für dann bei einem anderen Verlag erschienenes Buch, geplant oder vorhanden war.

Nun ja, die „Vermessung der Welt“ erschien 2005 bei „Rowohlt“ und machte den Autor schlagartig mit einem historischen Roman berühmt, interessant, bei dem Radiointerwiew sagte er, daß er in seinem Literaturstudium gelernt hat, daß man ja nicht, unter gar keinen Umständen mehr einen historischen Roman schreiben dürfe und dann kam vielleicht auch ein Knick, denn die späteren Werke sind möglicherweise nicht mehr so erfolgreich oder bekannt geworden.

„Ruhm“ habe ich jedenfalls gelesen und den Roman „F“ 2013, als ich noch nicht so buchpreisbloggte auf der LL des dBps und jetzt ein Griff zu den Anfängen und die sind, ich schreibe es gleich, sehr interessant.

Richtig, etwas habe ich noch vergessen. In einer der aus Leseproben zusammengeknipsten Gratisbücher zum Welttag des Buches des Hauptverbands, war einmal eine Kehlmann-Geschichte, die mich sehr beeindruckt hat, sonst würde ich den inzwischen auch nicht mehr so ganzen jungen Mann ja eher für einen sehr eifrigen und ehrgeizigen Schreiber halten, der vielleicht auch gut gefördert wurde und jetzt sind diese Kurzgeschichten, die ich ja gar nicht so gerne lese, auch höchst eindrucksvoll.

„Bankraub“ heißt die erste und da wacht ein höchst mittelmäßiger junger Mann mit einem ganz gewöhnlichen Leben, der eine kleine Wohnung hat, gerne Bücher liest, aber sonst keine Interessen, auf und hat, als er seinen Bankauszug ansieht, plötzlich durch einen Irrtum ein paar Millionen auf dem Konto. Er hebt sie ab, bekommt sie sonderbarer Weise auch gleich in einem Koffer, nimmt ein Taxi, fährt zum Flughafen und dann an einemfernen Ort, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Geht wahrscheinlich und passiert auch in Echtzeit nicht, ist aber sicher der Traum des kleinen Mannes und sehr gut und sehr präzis erzählt, das ist wahrscheinlich auch Daniel Kehlmanns Stärke.

„Töten“ heißt die zweite und erzählt von genausoviel Mittelmäßigkeit, vielleicht auch ein Kehlmann Thema.

Sommerferien, irgendwo in einer Gartensiedlung, ein gelangweilter Vierzehnjährigerärgert sich über den Hund des Nachbarn, schnappt im rennenden Fernseher ein paar Sätze über das Böse im Menschen auf, geht auf die Straße findet einen Ziegelstein, schmeißt ihn auf ein Auot, geht zurück, klaut der Mutter Wurst aus dem Kühlschrank, vermischt sie mit Rattengift, füttert den Hund damit und die Mutter fragt beim Essen „Wunderbares Wetter, nicht. Genau richtig für die Ferien. War das nicht ein schöner Vormittag?“

„Doch!“, sagte er dann, „doch ja. Er war ziemlich gut!“.

Für mich noch beeindruckender die Titelgeschichte, in der ich  Vorstudien für „Ich und Kaminski“ vermute, denn da geht ein, wahrscheinlich, wie Kehlmann sagen will, wieder mittelmäßiger Literaturdozent auf die Suche nach seinem Idol, der heißt Bonvard und ist ein schon verstorbener Dichter, der einen Roman oder eine Trologie unter dem Titel „Unter der Sonne“ geschrieben hat und Kramer, so heißt der erfolgllose Dozent hat sein ganzes Leben ihm gewidmet. Seine Bücher gelesen, vielleicht wegen ihm Literaturwissenschaft studiert, Diplomarbeit, Dissertation, jetzt die Habilitation, die in einem mittelmäßigen Verlag erscheinen soll, allles ihm gewidmet. Er hat ihm auch öfter Briefe geschrieben und ihm seine Verehrung ausgedrückt, keine Antwort, der Sekretär des Berühmtes hat die Briefe wohl alle weggeschmissen. Jetzt soll das Buch „Bonvards Grab“ heißen. Ein Foto von desselben ist aber nicht aufzufinden. So reist der Wissenschaftler in der Sommerhitze, an den kleinen französischen Ort, wo der Dichter lebte, hetzt einen Berg hinauf auf den Friedhof, um vom Gärtner dort zu erfahren, das Grab liegt in einem anderen Ort. Er fährt dorthin, aber der Zug ist ein schneller, der nicht stehen bleibt, sondern direkt nach Paris fährt, wo der Wissenschafter auch am Abend einen Vortrag halten muß. Jetzt erkennt er seine Mittelmäßigkeit und fängt im Zug zu weinen an und der Schaffner geht betreten hinaus.

Nun, das ist vielleicht ein wenig übertrieben und was soll eine seit über vierzig Jahren erfolglos Schreibende, der öfter von ihren Kriikern geraten wird, doch endlich damit aufzuhören, zu dem Text eines Zwanzigjährigen sagen, der inzwischen viel höher aufgestiegen ist?

Den Nobelpreis, den Bonvard übermütig ablehnte „Solche Ehrungen der Mittelmäßigkeit benötige ich weder künstlerisch noch finanziell“, hat er aber noch nicht und wird ihn vielleicht auch nicht bekommen, denn wir haben ja schon eine Nobelpreisträgerin und Deutschland, wo Kehlmann jetzt wieder zu leben scheint, hat die auch schon und so füge ich nur hinzu, daß ich auch einmal an einem sehr heißen Sommertag auf den Grinziger Friedhof hinausgegangen bin und während die anderen in wahrscheinlich fröhlicher Runde beim Leichenschmaus saßen, vergeblich das Grab unseres Idols Thomas Bernhard suchte und es auch nicht gefunden habe, aber ich bin ja eigentlich kein Fan der großen Meister und also auch von diesem nicht.

Mit der genauen Beschreibung der Sinnlosigkeit des durchschnittlichen Lebens beziehungsweise dessen Extremsituationen geht es weiter.

In „Auflösung“ verschwindet einer in die Psychiatrie, weil er die Zeit verliert. in „Pyr“ legt ein Pyromane seinem Autor die Liebe zum Feuer in die Feder und in „Schnee“ verschwindet der Direktor einer Firma in den weißen Massen und erlebt ein nie geahntes Glücksgefühl dabei.

Wie schon gewußt, sehr präzise und genau erzählt „Ein Fall von früher Meisterschaft“, schrieb die „Abendzeitung am Buchrücken.

Wir wissen  nun inzwischen, wie es mit Daniel Kehlmanns Begabung weitergegangen ist.

 

2016-04-08

Unzeit

Aus „Leipzig“ habe ich mir eine Reihe Bücher mitgebracht, die man sich so von den Ständen klauben konnte.

So hatten die“ oberösterreichischen Autoren“ ja ein Tischchen, wo sie Bücher zur freien Entnahme hatten und interessant, der Vortrag von Professor Wagner über Bernhard und Hanke, den ich vor ein paar Jahren bei den „Wiener Vorlesungen“ hörte, als ich kurz danach nach Leipzig fuhr.

Das „Marbacher Literaturinstitut“ hat, glaube ich, bevor es nach Leipzig fuhr, seine Bestände ausgeräumt und die Exemplare, die es nicht haben wollte, so ein „Jahresband zur Dostojewski-Forschung“, einen „Brobowsky-Band“ und dann noch etwas zum „Joachim Ringelnatz-Preis“, „Amazon Kindle Publishing Books“ gab es zur freien Entnahme und ich habe auch ein paar Bücher angefragt, als ich zurückgekommen bin.

Hans Weigels „Unvollende Symphonie“ habe ich schon besprochen und Marlen Schachingers „Unzeit“ zu lesen angefangen, denn der Alfred war auf ihrer Lesung im „Österreich Cafe“, ich nicht, wir trennen uns ja nach dem Eingang immer, erst durch ihr Foto bin ich auf ihr neues Buch aufmerksam geworden, das heißt, während ich in Leipzig war, hat jemand meine „Denn ihre Werke folgen ihnen nach-Besprechung“ verlinkt.

Die 1970 in OÖ Geborene ist eine, deren literarischen Aufstieg ich , ähnlich wie dem, der Gertraud Klemm, hautnahm verfolgen konnte, den ihren vielleicht noch genauer, denn „Morgen vielleicht“, ihr erstes Buch, hat die Ruth in ihrer „Donau Edition“ herausgebracht.

Ich habe es mit ihr getauscht und sie war  auch eine Zeitlang bei der „Frauen lesen Frauen-Gruppe“ des ersten Wiener Lesetheaters. Bei den „Mittleren I“, zu dem es  noch keinen Blogbeitrag gibt, habe ich sie eingeladen und in „Radio Orange“ haben wir auch einmal zusammen gelesen. Ich aus „Tauben füttern“, einem meiner Lieblingsbücher.

Sie hatte dann auch einen Krimi, ihre Dissertation geschrieben und im Literaturhaus bei dem „Schreiber–Workshop“ vorgestellt, jetzt hat sie ihr eigenes narratives Institut, drei Romane bei „Otto Müller“, die mir diese immer so freundlich zusenden.

Der Letzte hat mir ja nicht so besonders gefallen, weil sich die Realistin in mir gegen das allzu mir etwas antiquert erscheinende Phantasiche wehrte.

Jetzt also Erzählungen, etwas was ichauch nicht so gerne mag, weil mir das Herumspringen von einem Sujet zum nächsten, während ich ja noch beim letzten bin, manchmal als zu anstrengend erscheint. Aber jetzt passte es, habe ich Harland, wo ich Ostern verbrachte, ja mit zwei gelesenen Geschichten verlassen und in Wien wartete  noch die angefangene Jane Austen auf mich.

Marlen Schachinger ist auch eine frauenbewegte Feministin wahrscheinlich, hat die letzte „Autoren feiern Autorinnen-Vorlesung“ über Betty Paoli gehalten und sich in ihren elf Erzählungen, wie im Klappentext steht, anhand von Einzelfiguren mit der Geschichte des letzten Jahrhunderts, etwas also, das mir sehr gefällt, beschäftigt und auch das Thema, der ersten Geschichte „Hinter Mauern“ erscheint mir sehr vertraut.

Geht es da ja um eine Urgroßmutter, die sich das Sterben wünscht, „denn es ging doch nicht an, daß der Tod sie vergaß, nahm er die anderen allesamt mit sich Michael, Michl-Mischa und Michel“ und so beschließt sie in dem Örtchen, das wohl Rechnitz sein wird, wo ja 1945 die Ereignisse geschahen, denen jetzt wieder gedacht wird, mit dem Atmen aufzuhören.

„Die Uroma spinnt!“, sagt  Marie-Therese, die Dorfschreiberin, als sie die Zettelchen entdeckt, die dann auch in der Mauer gefunden werden, die Jan, der Schwiegerenkel, wenn ich recht verstanden habe, endlich abtragen ließ und die Thomas, der Nazi, Bürgermeister, mit den drei Zwangsarbeitern und Ex-Schwager zwischen den Grundstücken aufbauen ließ.

Michal, der Zwangsarbeiter hat sie gebaut und Michael, der Mann ist 1942 gefallen und der Sohn Michl, den die Hochschwangerer damals gebar hat Ahnlichkeinten mit beiden. Sehr interessant, der Geschichtenaufbau und an die Ereignisse von damals wurde auch erinnert.

Dann geht es weiter mit Marietta Blau, 1894-1970, eine Wiener Physikerin, die wie Lise Meitner nie den Nobelpreis bekam, denn „Frau und jüdisch, das ist zuviel!“ und die Lorbeeren ernteten auch in diesem Fall die Männer.

In „Grenzgänge“ marschiert Hannah mit  siebzehn  Djinns und einem Kätzchen im Nacken oder Rucksack sprachgewaltig, wortschöpferisch und auch ein wenig verwirrend über die Grenzsteine an der Thaya, die es heute ja nicht mehr gibt und man angeblich „nur noch ein paar Sprachkurse braucht, um sie zu überwinden“, wenn da nicht die Festung Europa wäre, die die Syrier am Überschreiten hindern, aber es gibt auch eine Vergangenheit und eine zweite Hälfte, die die Menschheit ja verloren habt, so ist Hannah auf der Suche nach ihrem Oskar und auch auf die nach der  Geschichte einer deutsch-tschehischen Zuckerfabrik und nach dem was von ihr übergeblieben ist.

Noch geheimnisvoller und grenzträchtiger, Marlen Schichinger nennt das glaube ich „Übergrenzen“ und hat auch dazu eine gleichnamige „Anthologie“ herausgegeben, geht es in „Dich rufen“ zu, wo an den Seitenrändern, manchmal Musiker und Musikstücknamen beziehungsweise Noten angegeben sind und es geht, wenn ich richtig verstanden habe, um die Fernliebe zwischen einem Geiger und einer Schriftstellerin zwischen Havanna, Argentinien, etc und um das Anpflanzen von gesundheitsschädlichen Saatengut, das wir alle wahrscheinlich nicht verhindern können, geht es auch.

Bei  „Tote Seelen“ geht es nach Havanna und zu dem Versuch eines Journalisten über den „Commandante“ kritisch zu berichten, während es bei „Was heißt schon Freiheit“ nach Cesky Krumlov geht und  über die Transformationen  einer berichtet, die die Gewalt um sich herum nicht aushält und sie auch nicht abwehren kann, während wenn ich es richtig verstanden habe „Suche und sei es in China“ die seltsame Beziehung eines Sohnes zu seiner Mutter erzählt.

Die nächste Geschichte geht auch nach Kuba und handelt „Heute reisen Sie nicht“, von den Ausreiseschwierigkeiten einer Schriftstellerin aus einem land, wo „kubanische Dichter träumen nicht mehr und das Auge verpflichtet zu sehen“ schreiben, um dann später doch all das zu schreiben, was ihren kubanischen Freunden verboten ist und für das sie keine Publiziererlaubnis bekommen.

Eine „Familienidylle“ mit Demonstration gibt es noch, zwei Linzer Kellnerinnen, die ihren Alltag unterschiedlich strukturieren und das Wochenende eine „HR-Managerin“, die wieder mit Marlen Schachingers poetisch schöner Sprache, den „Neoliberalismus“ genießt.

„Marlen Schachingers Erzählungen bilden die Zeit ab, stellen die Verhältnisse der Welt dar, welche Realitäten einzelnner widerspigeln. Manchmal zynisch, oft ironisch, sind sie  real, ein Abbild der Gegenwart, schlicht am Puls der Zeit. Die eine Unzeit ist“, heißt es im Klappentext und ich füge noch hinzu, daß mir dieser poetische Realismus viel mehr, als Geschichten mit geheimnissvollen rothaarigen Frauen, die in Kirchen wohnen und vom Wasser herkommen, gefällt.

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