Literaturgefluester

2017-03-13

Tiere für Fortgeschrittene

Weiter geht es mit den Neuerscheinungen und  mit den Tieren. Denn „Kiepenheur & Witsch“ hat dieses Frühjahr gleich zwei Bücher herausgegeben, die „Tiere“ im Titel haben.

„Tierchen unlimited“ und „Tiere für Fortgeschrittene“ und der Unterschied ist, daß es sich bei Eva Menasse, um eine Erzählsammlung handelt und man könnte jetzt noch kritisch anmerken, daß ich mich eigentlich weder für Tiere noch für Erzählbände so besonders interessiere.

Aber ich bin eine Namensammlerin und wähle meine Lektüre bevorzugt nach den Autorennamen aus und Eva Menasse, die Halbschwester vom Robert, 1970 in Wien geboren, seit 2003 in Berlin lebend, kenne ich wahrscheinlich spätestens durch ihren Roman „Vienna“ für den ich eine meine ersten „Thalia-Rensionen“ geschrieben habe, die auch erschienen ist.

„Mit den „Quasikristallen“ hat sie den „Alpha“ und auch andere Preise bekommen und wie im Klappentext steht eine Sammlung mit skurillen Tiergeschichten, die sie in Zeitungen fand.

Grund genug daraus Geschichten zu schreiben, die das moderne Großstadtleben mit seinen Höhen und Tiefen beziehungsweise Alltagskurlitäten, die das Leben und das Sterben umfassen.

Das Buch ist dem 2014 verstorbenen Filmemacher Michael Glawogger gewidmet und im Anhang gibt es eine Liste, wo die Tierzitate erschienen sind.

„Schmetterling, Biene, Krokodil“ heißt die erste Geschichte und der Notiz ist zu entnehmen, daß Bienen und Schmetterlinge ihre Nahrung an seltsamen Orten finden, so setzten sie sich beispielsweise auch auf Krokodile, um deren Tränen aufzusammeln und dann kommt die Geschichte von einer Tom genannten Frau, die mit ihrem Sohn und den zwei Kindern ihres Mannes Georg in einer Patchworkfamlie lebt.

Eine Woche sind die beiden Kinder, Karo und Jonas bei der Mutter, die andere beim Vater und bei ihr und das führt zu Überlebenskämpfen, denn, die Mutter ist so unzufrieden und beschuldigt Tom immer die Kinder schmutzig oder unvollständig angezogen zurückzubringen, so daß sie alle ihre Kleider zweimal kaufte und in den Kleidungsstücken auch Erkennungszeichen angebracht hat. Jetzt geht es aber eine Woche in eine „Touristenfabrik“ in die Türkei, das heißt in einen all inclusive Urlaub ans Meer.  Aber Tom ist nicht gut drauf, ist doch gerade ihr Jugendfreund Martin gestorben und dann spricht sie in dem Hotel noch ein alter Mann an, der sie für seine Schwester hält.

Interessant, die Assoziationskette könnte man meinen und vielleicht nicht viele Übereinstimmungen finden, aber Eva Menasses Erzähleisterschaft, die aus „pointierten Witz, Geheimnis und melancholischen Ernst“ besteht, wird im Klappentext ausdrücklich gelobt.

In „Raupen“ geht es um die „Tabakschwärmerraupen“, die sich ungewollt selbst ihr Grab schaufeln und das erscheint wahrscheinlich jenem alten „Despoten“ als Ausweg, dessen Frau an Demenz erkrankt ist und der sich jetzt gegen die Veränderungen, wie Wohnungsumbau, Annehmen von Dienstleistern beziehungsweise Pflegehelfern zur Wehr setzt,  die ihm seine Töchter aufschwatzen wollen,  in dem er sich, in den zur Pensionierung geschenkt bekommenen Direktorensessel setzt, sich Pornofilme auflegt und an seiner eigenen Todesanzeige schreibt.

Und die „Igel“, die in den von Mc Donald`s erzeugten „Mc Flurry Eisbechern“ verhungern, tauchen dann in Geschichte drei, wo es, um ein Luxusweibchen geht, das nichts gelernt hat und nichts kann, als Champagner zu trinken und sich von ihrem erfolgreichen Ehemann aushalten zu lassen, tatsächlich auf.

Sie rettet einen solchen armen Igel in einem Luxushotel, wo das Paar, beziehungsweise, die Frau Urlaub macht, der Gatte mußte dazwischen zu seinen Aufsichtsratsitzungen und angelte sich einen Liebhaber  und hat  dabei höchstwahrscheinlich ein liebesleeres Leben, wie das bei den nichtberufstätigen Luxusweibchen eben so ist.

Zu den „Schafen“, die ihre Wolle selbst abwerfen, ist Eva Menasse eine bizarre Geschichte von einer Kolonie eingefallen, in die während oder nach einer Krise, vielleicht ist die Welt zusammengebrochen, eine Reihe von ausgewählten Wissenschaften und Künstlern eingeladen werden, um eine unbestimmte Aufgabe zu lösen. Schafe gibt es dort nicht, nur Blattläuse und Mücke, eine Katze, die man nicht füttern und Zitronen die man von bestimmten Stellen nicht pflücken darf.

In Amerika wurde einmal ein betrunkener Autofahrer dabei erwischt, daß er ein totes „Possum“ wiederbeleben versuchte, das läßt Eva Menasse jetzt einen bekannten Regisseur bei einem Reh machen und da ihre Protagonisten ja bevorzugt der Mittelschicht, den Intellektuellen, sowie den Reichen und den Schönen angehören, haben diese dann auch Probleme, wenn sie so offen und „multikulti“ sind, daß  sie ihre Kinder in eine öffentliche Schule geben wollen.

Wie das mit dem „Hai“ im „Haus des Meeres“ zusammenhängt, habe ich nicht ganz verstanden oder ja, denn der gehört dort eigentlich nicht hinein.

Das Kletterverhalten von „Schlangen“ bringt Eva Menasse zu einer komplizierten Beziehungsgeschichte, beziehungsweise einen Neuanfang, in dem ein abgeschlagenes Bein eines Tisches eine große Rolle spielt und, daß „Enten“ gleichzeitig schlafen, als auch nach Feinden Ausschau halten können, habe ich schon irgendwo gehört.

Eva Menasse macht eine Urlaubsreise daraus, die von Panikattacken und Flugangst gequälte Jenna fährt mit ihrem Mann Ben und dem Sohn Sammy im Auto auf Urlaub nach Italien. Dabei machen ihre Kleinhirnhälten gleich mehrere Arbeitsprozesse durch. Geht sie dabei doch in die Holocaustvergangenheit ihrer Familie zurück, während sie sie sich mit ihrem Mann beim Fahren abwechselt, den kleinen Sohn beruhigt und ihm schließlich ein Kuscheltier in einer Tankstelle kauft.

Grandiose Meisterleistung diese Verbindung von tierischen Eigenschaften zu menschlichen Schicksalen und ihren Neurosen, Ängsten, könnte man so sagen.

Manches war  für mich leicht nachvollziehbar, anderes, wie schon erwähnt, eher schwierig bis unverständlich und am Cover prangen neuen Käfer und schillern von grün bis rot in allen Farb-und Formnuancen, obwohl von Käfern in den acht Geschichten eigentlich auch nicht die Rede war.

2016-11-21

Internationale Erich-Fried-Tage

Im November finden ja meistens die „Erich Fried-Tage“ statt, beziehungweise wird da dann der „Erich Fried-Preis“ vergeben, manchmal gab es da Paralellen mit meinem Geburtstagsfest, auch mit der „Buch-Wien“ mit der „Literatur im Herbst“ hat es sich aber noch nie überschnitten.

Heuer hat es, was sich dann  nicht ganz so schlimm, herausstellen sollte, denn heuer ist ja alles anders und so wurden die „Fried-Tage“, die es seit einigen Jahren mit einem jährlichen Symposium gibt, am Samstag mit einer Ausstellung eröffnet, da war ich im „Odeon“  und am Sonntag gabs die Preisverleihung zeitgleich mit dem „Werkstattgespräch in der „Alten Schmiede“ zu „Echos aus Japan“, das ich versäumte, denn die Preisverleihung wollte ich mir gerne anhören, da ich ja, wie meine Leser wissen, solche sehr mag und auch regelmäßig besuche, vielleicht weil ich selber keine Preise bekomme und dann ist der Preisträger, der 1983 in Frankfurt am Main geborene, Leif Randt, von dem ich zum ersten Mal etwas hörte, als er beim „Bachmannpreis“ gewonnen hat, auch sehr interessant.

Ist er doch ein sehr schlagfertiger junger Mann, der seine Preisverleihung „einen interessanten Vormittag“ nannte, während er sonst am Sonntag eher schlafen würde und seinen Erstlingsroman „Leuchtspielhaus“, habe ich mir vor einem Jahr, in einer Trafik, um zwei Euro als „unverkäufliches Leseexemplar“ auch gekauft, in meinen Bücherbergen versenkt und noch nocht gelesen, vielleicht komme ich einmal dazu.

Beim Bachmannpreis hat er aus seinem zweiten Roman „Schimmender Dunst über Coby County“ gelesen, inzwischen ist noch der dritte Roman „Planet Magnum“ erschienen und die einzige Jurorin, die, wie das bei diesem Preis so üblich ist, ihn vorschlug, war Eva Menasse, von der ich „Vienna“ und „Quasikristalle“ gelesen hat, weil sie damit ja vor zwei Jahren beim „Alpha“ gewonnen hat, deshalb war auch Robert Menasse bei der Preisverleihung.

das heißt wahrscheinlich nicht nur deshalb, trat er doch am Abend bei der Tagung „Jüdische Kultur der Gegenwart“ auf, da war ich  im Odeon,  aber als ich in der Früh ins Literaturhaus gegangen bin, lagen schöne Bücher im „Wortschatz“ darunter Robert Mensasses „Schubumkehr“, jetzt bin ich zwar gar nicht sicher, ob ich das Buch nicht schon habe, habe es aber signieren lassen, finde ich es in meiner Leseliste, lege ich es am Montag  mit der taufrischen Unterschrift zurück, wenn ich zum „Round Table Gespräch 1“ ins Literaturhaus gehe.

Es ist mir auch vorgekommen, als wären weniger Leute im Publikum, wahrscheinlich die, die in der „Alten Schmiede“ beim „Werkstattgespräch“ waren, Gustav Ernst war aber da, Herbert J. Wimmer, Karin Invacsics und und…

Christel Fallenstein und Friederike Mayröcker, die früher gern zur Preisverleihung gekommen sind, nicht mehr, aber Julia Franck saß in der ersten Reihe und tritt ja am Montag bei den „Round Table Gesprächen, gemeinsam mit Robert Schindel auf, der auch im Publikum war.

Es kamen dann auch die Grußworte von Robert Stocker vom Bundeskanzleramt und vom deutschen Botschafter, Heinz Lunzer, der derzeitge Präsident der „Fried Gesellschaft“ stellte  Eva Menasse vor und fand für sie sehr launige Lobesworte.

dann kam die 1970 in Wien geborene, die derzeit in Berlin lebt und hielt ihre Laudatio, erklärte, daß es sich bei „Planet Magnum“ nicht oder nicht nur um einen „Science Fiction Roman“ handelt, wie der deutsche Botschafter meinte, da ist auch schon sehr viel Gesellschaftskritik dabei und Leif Randt hielt dann, wie er anmerkte, seine erste Dankesrede, für die er sich sehr bemüht hatte.

Erich Fried kam dabei nicht sehr vor, wohl aber die Texte des Autors, nämlich die, die er gerne schreiben würde und auch die Reisen um die Welt, die er im Rahmen des „Goethe Instituts“ macht und zu denen er, seit er einmal in Sibirien war, oft eingeladen wird.

Dann wollte er ein Video zeigen, das klappte aber nicht mit der Technik, so daß er die Frage stellte, ob die Leute nicht fernsehen würdenund was sie sonst am Abend machen?

„Bücher lesen!“, schrie einer aus dem Publikum und da sowohl Eva Menasse, als auch der Botschafter, den Fernseher in Betrieb setzen konnten, ging es mit der Rede weiter.

Danach gabs Sekt zum Anstoßen, ein bißchen Smalltalk und ich bin  ins „Odeon“ zum zweiten oder dritten Teil des „Japanischen Echos“ gegangen und da die „Fried Tage“ diesmal erst begonnen haben, ist es am Montag mit den Round Table Gesprächen zum „Jüdischen Leben“ weitergegangen und da hat es um fünf mit Edek Bartz, ein im Kasachtan geborener Musiker und Lektor an der angewandten Kunst, de rin Ostberlin geborenen Barbara Hongmann und Robert Schindel, moderiert von Doron Rabinovici zu der Frage „Erinnerung im globalen Zeitalter“ weitergegangen und die Erinnerungen sind der Holocaust, genauso, wie der Auszug aus Ägypten  und der Begriff Holocaust wurde auch erst in den Neunzehnsiebzigerjahren durch den gleichnamigen Film geprägt, an dem ich mich sehr gut erinnern kann, denn da bin ich ja einmal im Wienerwald spazierengegangen, habe am Cobenzel an einem Wirtshaustisch eine Reihe junger Männer in brauen Hemden sitzen geeshen, habe böse geschaut und gedacht, das wären Nenazis, später habe ich dann im Fernsehen gesehen, das waren Filmaufnahmen für die berühmte Serie.

Robert Schindel wurde in Wien. als Kind von jüdischen Kommunisten geboren, Barbara Honigmann, von der ich, glaube ich schon einige Bücher gelesen habe, von jüdischen Eltern, die nach dem Krieg nach Ostberlin zurückgegangen sind und die Diskussion schwankte zwischen Erinnerungen, dann gab es eine lange Pause, wo man sowohl ein Glas Wein trinken, als auch den Büchertisch betrachten konnte, ich bin aber wieder schon vorher beim Bücherschrank fündig geworden und habe dort zwei zum Thema passenden Bücher gefunden, nämlich Margot Kleinbergers „Als Kind in Theresienstadt“ und Eva Mozes Kor und Lisa Rojany Buccien „Ich habe den Todenengel überlebt-Ein Mengele-Opfer erzählt“ und habe mich darüber mit meiner Sitznachbarin und Volker Kaukoreit unterhalten.

Dann ging es von Ursula Seeber, der vorigen Leiterin der EXil-Bibliothek eingeleitet, weiter mit dem  zeitgenössischen jüdischen Literatur, die von zwei Lesungen, nämlich von Arnon Grünbergs „Mutermale“ und Deborah Feldmans „Unorthodox“ begonnen wurden.

Dann wurde darüber unter der Leitung von Bettina Banasch, die einen Essay von Mirna Funk, deren Debutroman „Winterende“ sich auch mit diesem Thema befasst, diskutiert und das war sehr interessant, denn die 1986 geborene Deorrah Feldman, die jetzt in Berlin lebt, ist in dem jüdischen Stettl Williamsburg in New York in einer orthodoxen Familie und mit Jiddisch aufgewachsen, hat sich dann davon distanziert und einen Roman darüber geschrieben und das Stück, das sie vorlas, beschreibt, wie sie sich den Talmud kauft und beim Lesen die erstaunlichsten Entdeckungen macht.

Arnolds Grünberg „Muttermale“, der in Amsterdam, als Kind aus Berlin stammender Eltern, 1971 geboren wurde, habe ich schon während meines „Frankfurtsurfens“ kennengelernt, da ja dort Holland das Gastland war.

Er lebt aber jetzt in New York und sagte in der Diskussion, daß er nicht in der Reihe zeitgenössischer jüdischer Literatur eingereiht werden wolle und, daß sich auch natürlich auch Nichtjuden mit diesem Thema beschäftigen können, wie auch er über mexikanische Lesberinnen schreiben würde dürfen und nicht gesagt bekommen wolle, daß er das nicht könne, weil er ein Jude ist.

Das ist ein Vorwurf mit dem ich ja auch öfter konfrontiert wurde, Chris Bader Zintzen hat mir mal gesagt, ich solle mich mit den Depressionen älterer Frauen und nicht mit Transgender beschäftigen und die Ruth, daß es sie stört, daß meine Protagonisten oft ausländische Namen haben, das war in der Schreibgruppe, als ich die „Bierdosengeschichte“ vorgetragen habe.

In der Diskussion im Literaturhaus war noch Julia Frank, die in Ostberlin geborene deutsche Buchpreisträgerin von 2007, deren „Mittagsfrau“ ich gelesen habe und die teilweise auch in Tel Aviv lebt und deren Sohn Hebräisch lernt, beteiligt und sie war sehr interessant, weil Arnon Grünberg und Deborah Feldman sehr unterschiedliche Ansichten hatten und am Dienstag geht es mit noch einer Round Table Runde und dann mit dem „Reden über Liebe oder dem literarischen Werk von Jeffrey Eugeniden“ im Akademietheater weiter, aber da werde ich nicht kommen können, da ich Christel Fallenstein in ihrer Seniorenresidenz besuche, um ihr aus „Paul und Paula“ oder auch aus etwas anderem vorzulesen und dann am Nachmittag zwei Stunden habe, so daß sich das nicht ausgehen wird.

2015-12-12

Quasikristalle

Filed under: Bücher — jancak @ 00:25
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Auf die Idee,  einen Roman zu schreiben, der von einer Figur ausgehend, zum nächsten Kapitel über eine andere, eine Geschichte erzählt, bin ich, glaube ich, gekommen, als ich im Radio eine Vorschau auf Eva Menasses „Quasikristalle“ hörte.

Da habe ich gedacht, Daniel Kehlmann hat das mit „Ruhm“  auch einmal so gemacht und bin mit der Laura Augustin, der Nika Weihnachtsfrau, etcetera losgezogen und es ist natürlich nicht so geworden, wie geplant, sondern eine eher lineare Geschichte, die in jedem der dreizehn Kapitel, einen anderen Protagonisten oder Protagtonistin hat.

Von Eva Menasse, der 1970 geborene Halbschwester des berühmten Roberts, den ich öfter im Cafe Sperl sitzen sah, einmal bei einer Benefizveranstaltung in der Rahlgasse, statt ihm einen Essay zusätzlich zu einer Szene aus meiner „Viertagebuchfrau“ las, weil er, was ich schon erwartet hatte, absagte, der einmal in der „Alten Schmiede“ den Kritiker Paul Jandl  sehr provozierte und wenn ich ihm bei Preisverleiungen im Rathaus sehe, immer mit den Politikern über seine Meinung diskutieren höre, habe ich ihren ersten Roman „Vienna“ gelesen.

Die „Quasikristalle“ sind 2013 erschienen, 2014 hat sie dafür, sehr voraussagbar, den „Alpha-Literatur-Preis“ gewonnen, den 2015 nicht, wie von mir erwartet Valerie Fritsch, sondern Karin Peschka bekommen hat und weil meine Leseliste ja so lang ist und immer länger wird, habe ich den Roman jetzt erst gelesen, dafür habe ich das mit „Watschenmann“ schon im Vorjahr getan.

Mit „Quasikristallen“ gelingt Eva Menasse also etwas, was mir nicht gelungen ist, nämlich einen Roman aus dreizehn Erzählungen zu machen oder dreizehn Geschichten von Personen zu erzählen, die alle etwas mit der Heldin Xane oder Roxane Molin zu tun haben, obwohl die in den einzelnen Geschichten nicht die Hauptrolle spielt und Quasikristalle heißt es, um die Brüchigkeit aufzuzeigen, wie ich dem Klappentext entnehme, weil wenn man dreizehnmal ein Licht auf eine Person wirft, immer etwas anderes herauskommt, offenbar so, wie bei dem Elefanten, der von drei Blinden abgetastet wird und jeder hat ein anderes Bild.

Da ist also Judith im ersten Kapitel, ein vierzehnjähriges Mädchen, das eine depressive Mutter hat und einen Vater, der Konditor ist, aber an einer verfallenen Jugendstilvilla herumbaut und in die lädt Judith ihre Freundin Xane ein, um sie ihrer anderen Freundin Claudia abspenstig zu machen, die dann diesen Sommer einem Gehirnschlag erliegt.

Dann geht es, Jahre später weiter zu einem Professor oder Dozenten, der für einen erkrankten Professor, eine Exkursion nach Auschwitz machen soll, die meisten Studenten sagen aber ab, so wird für Ersatz gesorgt, eine der einspringenden Personen ist die angebliche Nichte des Professors, der gar keine Kinder hat und Bernay, der Held verliebt sich in die Frau mit der roten Bluse, während er mit seiner Geliebten Paula telefoniert und die Teinehmer durch das KZ führt.

Dann geht es zu einem Altösterreicher, der der jungen Xane, die etwas mit PR macht, eine Wohnung in seiner Villa vermietet und aus dem Häuschen gerät, als er sie nackt auf den Balkon liegen sieht.

Er hält sich nämlich am Dachboden Frettchen und versteckt dort auch Glasscherben mit deren Hilfe er die Balkone seiner vermieteten Wohnungen kontrolliert und er hat auch ein geschnitztes Jesuskindchen, das Xane fotografieren will und dann sitzt er mit seiner Familie vor dem Fernseher und sieht Xane in einer Diskussion, wo sie an Hand des Fotos demonstriert, daß „sich die meisten Österreicher immer noch weigerten, sich an die Verbrechen zu erinnern, die direkt vor ihrer Haustür, ja vor ihren Augen stattgefunden hätten, stattdessen bekreuzigen sie sich und fütterten fröhlich ihre Frettchen.“

Dann geht es nach Berlin zu Sally, das ist Judiths Schwester Salome, die dort in einer Bar singt, dazwischen kellnert und ihrer vierhährigen Tochter Baby drei Tropfen Diazepram auf ein Stück Würfelzucker träufelt, wenn sie sich die Babysitterkosten bei Frau Hilpert nicht mehr leisten kann. Die trifft Xane in einer Galerie wieder, wo sie in der Partyküche Rosen aus Kartotten schnpselt, die dann wieder abserviert werden. Xane und ihr Freund Mor kümmern sich um Sally, deren Mutter inzwischen Selbstmord begangen hat und dann besucht Sally Xane in der Klinik, wo sie nach einer Eileiterschwangerschaft liegt und beklagt, keine Kinder zu haben, während Sally ihres gar nicht wollte und der Rechtsanwalt Mor immer Drohbriefe schreibt, wenn sie sich um seine aus der ersten Ehe kümmern will.

Dann kommt ein Kapitel über eine Kinderwunschärztin, ein Kabinettstück kann man sagen, wo man sehr viel alles über die Kinderwunschproblematik mit den ganzen Fachausdrücken erfährt. Frau Doktor hat auch zwei Kinder, über die sie mit ihrer Haushaltshilfe kommuniziert, welche Fußballdress die für sie bügeln soll und ihre Wunsch- bzw. Problempatienten, eine davon ist Xane, die kommt wieder in ein paar Sätzen vor, wird aber schwanger, bekommt einen Sohn und trifft im nächsten Kapitel einen Nelson im Bus, das ist ein alter berühmter Mann, Opfer eines Bürgerkriegs, in dem er seine Frau verloren hat, mit dem tritt sie in Beziehung, betrügt ihren Mor aber offensichtlich nicht wirklich, sondern tritt im nächsten Kapitel selber als Erzählstimme auf, wo sie anhand des Fremdgehens ihrer Freundin Krystzyna ihre Beziehung zu Mor und seinen zwei Töchtern aus erster unglücklicher Ehe, die inzwischen bei ihr leben undm die sich in der Pubertät gegen die Stiefmutter auflehnen oder ihre Depressionen bekommen, reflektiert.

Das nächste Geschichte gehört der Stieftochter Viola und dann kommt eine aus der Sicht eines Mitarbeiters von Xanes Agentur, der um der Kreativität wegen zu ihr gegangen ist und sich dann bei der Chefin doch nicht durchsetzen konnte, denn die ist wie die Freundin Kryztyna weiß sehr stur und macht aus allem ein Theater, so wie sie plötzlich auf Besuch nach Wien kommen will und dann erfahren die Freundinnen, nachdem sie abgewimmelt haben, daß Xane in einer Klinik liegt.

Der alte Vater wird zu einem runden Geburtstag in Wien besucht, am Schluß schreibt der Sohn der Mutter einen Brief, die sich nach Mors Tod eingebildet hat, nach Wien zurückzuziehen und dort offenbar noch mit einem Mann in einer bürgerliche Villa nach Sivering zieht, dazwischen kommt dann noch ein Kapitel, das scheinbar gar nichts mit Xane zu tun hat, denn es ist aus der Sicht einer Journalistin geschrieben, die ein Buch über Sterbehilfepraktiken geschrieben hat und dadurch soviel Aufsehen erregte, daß sie sich in eine sicherheitsgeschützte Wohnung zurückzieht und alle Zeiten ihre Paßwörter ändert, trotzdem bekommt sie einen Anruf bezüglich eines geheimnisvollen Sterbefalles und während sie diesbezüglich recherchiert beobachtet sie auf dem Platz vor ihrem Balkon ein altes Paar, wo er plötzlich, während sie liest, einen Schlaganfall bekommt.

Ein interessantes hochgelobtes Buch einer hochgelobten Promijournalistin und Promischriftstellerin, das auch ein bißchen in der intellektuellen Promiszene spielt und die das, was mir in den „Dreizehn Kapitel“ vorschwebte, konsequenter durchgezogen hat.

Mir fehlte der Mut dazu, jetzt weiß ich auch warum, weil nämlich wenn man dreizehn Menschen ihre Erfahrungen und Eindrücke über eine Person schildern läßt, am Ende dreizehn Geschichten, in diesem Fall mit sehr vielen aktuellen Themen vom Kinderwunsch bis zur Holocaustvewältigung, aber wahrscheinlich doch kein linearer Roman herauskommt, wie es bei den „Dreizehn Kapitel“ viel banaler und weniger abgehoben wahrscheinlich doch gelungen ist, wenn ich das Ganze auch wegen seiner Kürze eher eine Erzählung nenne.

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