Literaturgefluester

2016-10-21

Die Auswandernden

Im Literaturbetrieb und beim Longlistenlesen erlebt man manchmal Überraschungen, obwohl ich ja eigentlich glaube mich dort ganz gut auszukennen, nachdem ich mich da  schon seit über vierzig Jahren daneben stehe.

So habe ich, als ich in der vorigen Woche überlegte, was das wohl auf die österreichische Shortlist kommen würde, ganz ehrlich nicht im Entfernstesten an Peter Waterhouse gedacht.

Ihn und Daniela Emminger habe ich weggelassen, sonst hätte ich eigentlich alle acht als  wahrscheinlich gesehen und was das Experimentelle betrifft, hätte ich mir eher Anne Cottens Verseops gewünscht, denn, als der 1956 in Berlin geborene und in Wien lebende, 2007 den „Erich Fried Preis“ bekam, habe ich, glaube ich nicht sehr viel mit ihm und seinen Büchern anfangen können, denn das Experimentelle liegt mir nun einmal nicht.

2009 hat Michael Hammerschmid den „Prießnitz-Preis“ bekommen und da hat Peter Waterhouse, die Laudatio gehalten, eine sehr sprachgenau, wie ich mich erinnern kann, die Wort für Wort, die Texte des Gewinners auseinandernahm und das ist jetzt mit den „Auswandernden“, das zweite öst Shortlistbuch das ich gelesen habe und wahrscheinlich auch lesen werde, passiert.

Eine punktgenaue Auseinandersetzung und Auseinandernehmen der Sprache und das in Bezug zu einem gerade sehr aktuellen Thema und da  habe ich gedacht, die experimentellen Sprachanalylytiker würden sich dafür interessieren.

Über die österreichischen Shortlist habe ich in den Medien und in den Blogs noch nicht sehr viel gelesen, bei der deutschen wurde allgemein bedauert, daß sie sich nicht mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzte und die Bücher der jungen Deutschen, die aus dem Iran, Saudiarabien, etcetea kommen und darüber schrieben links oder rechts liegen ließ.

Von Peter Waterhouse hätte ich mir eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht erwartet und es ist auch ein sehr  ungewöhnliches Buch, das da in dem kleinen „Starfruit-Verlag“ erschienen ist und das ich für einen Kanditaten für die „schönsten Bücher Österreichs, Deutschlands“ oder wo auch immer halten würde.

Denn Peter Waterhouse ist nicht der alleinige Autor, Nanne Meyer steht auch noch darauf und die 1953 in Hamburg geborene, die Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ist, hat die Illustrationen dazu geliefert oder besser ein zweites Buch dazu gezeichnet, so daß man durch die „Auswandernden“, wie durch ein Museum gehen kann.

Es beginnt auch ganz banal, nämlich mit einer Tafel, die angeblich oder tatsächlich im Einsiedlerpark hängt, ich müßte da mal nachschauen, er ist ja gleich in meiner Nähe, auf der „Am frühen Morgen des 15. Oktober 1936 holte Johann Urban, Schuldiener in der Lehranstalt für Textilindustrie in der Spengergasse, im Postamt am Hundsturm das für die Gehälter des Schulpersonals bestimmte Geld ab und durchquerte gerade den Einsiedlerpark, als ihm ein junger Mann weißen Pfeffer ins Gesicht schleuderte.“, steht.

Mit der Flüchtlingsfrau Media, die mit einigen Wörterbüchern gerade Deutsch zu lernen beginnt und der der Autor oder Ich-Erzähler dabei hilft, durchquert er den Park, bleibt vor der Tafel lange stehen,  liest und liest, kommt dabei zu Adalbert Stifter und zu Hebbel und beginnt die Sprache auseinanderzunehmen.

Denn, was weißt Flucht, ergreifen, begreifen, aufgreifen, wenn man genau hinaschaut, kommt man damit wahrscheinlich so durcheinander, wie es Katja Lange Müllers Asta tat, als sie nach zweiundzwanzig Helferjahren im Ausland wieder zurück nach Deutschland geschoben wurde.

Man sieht auch die deutsche Liste ist aktuell und der Preisträger hat ja auch, wenn auch vielleicht sehr konstruiert und abgehoben sich mit dem Flüchtlingsthema auseinandergesetzt.

Media muß sich auch mit der Sprache auseinanderetzen, sagt „Pippi Langstrupfhose und schreibt in ihre Bewerbungsschreiben „Timm“, denn so hat sie das Wort „Team“ verstanden.

Von Stifter und  Hebbel kommt Peter Waterhouse zu Charles Dickens und zur englischen Sprache, dem Namen nach hat er wohl auch englische Wurzeln und er kommt auch nach Bozen, weil er dort eine Lesung aus einem von ihm übersetzen Gedichtbandes hat.

Aber das passiert erst später in dem Buch, das immer wieder durch sehr schöne Illustrationsblöcke unterbrochen wird, wo der Inhalt des Vorher beschriebenen visuell wiedergegeben wird.

„Keine, kein, keine, ohne“, steht da mit den dazugehörigen Zeichnungen, das Messer oder Stock, das Blatt, eine Zwiebel ohne Zitrone, so genau ist das nicht zu erkennen und mit der Sprache hat man es auch nicht leicht.

Peter Waterhouse geht inzwischen aber zum Asylgerichtshof nach Wiener Neustadt, hält dort, wenn ich mich nicht irre, im Rahmen des „Mit Sprache unterwegs Projekt“ eine Rede und wundert sich, daß keine Richterinnen im Saal saßen.

Vorher hat er Medias Bescheide auseinandergenommen, die bevor sie mit ihrer Tochter das Land verließ, einen deutschen Satz auswendig lernte, um ihn den Grenzbeamten aufzusagen, die ihre Fluchtroute natürlich nicht nachvollziehen konnten.

Vom Auswandern kommt man leicht zum Überqueren und Überfahren, zum Fuhrmann aus einem Märchen oder einer Hebbel-Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert, zu Zeiten der französischen Revolution, leider fehlen in dem ansonst so schönen Buch, die Quellenangaben, was da jetzt wo zitiert wurde.

Es wird aber auch von einer Freundin, einer Rechenkünstlerin erzählt, die sich ihr Todesdatum genau ausrechnete und dann wirklich punktgenau ein paar Tage vor oder nach dem 4. 4. 2002 gestorben ist und der Erzählter wachte eine Zeit danach jeweils um vier uhr früh auf und konnte nicht  mehr schlafen.

Vom Greifen zum Ergreifen, Begreifen, Auswandern und Zurückdringen, man sieht, man kann sich mit der aktuellen Situation auf verschiedene Art und Weise auseinandersetzen, man kann, wie ich es mit meiner Flüchtlingstrilogie getan habe, realistisch davon erzählen, man kann aber auch mit einer Zeichnerin eine Sprachanalyse daraus machen, kann vom Schuldiener Johann Urban, von Adalbert Stifter, Charles Dickens und anderen erzählen und dann immer wieder die absurde Sprache der Asylbescheide aufzugreifen und zu untersuchen.

Ein interessantes Buch, das ich durch die Shortlist-Juroren kennenlernen durfte, wofür ich herzlich danke, weil es sonst höchstwahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre.

Als Buchpreisbuch wünsche ich es mir nicht, denn dafür habe ich ja schon eine Kanditain, die heute auch beim „Grillparzer Symposium“ liest, wo bei der gestrigen Auftaktveranstaltung für mich überraschend der sehr kritische Literaturprofessor Arno Dusini auf das Buch hingewiesen hat, obwohl er sich vorher über den „Bachmannpreis“ ärgerte, aber dort haben ja heuer Tomer Gardi mit seinem Broken German und die vielleicht auch sehr experimentelle Stefanie Sargnagel gelesen und den Preis hat eine Autorin gewonnen, die auch nicht Deutsch zur Muttersprache hat.

Ob es ein Buch für die berühmte Schwiegermutter ist, glaube ich nicht, der ist es wohl zu experimentell und vielleicht auch zu schwierig zu lesen und das befürchte ich ganz ehrlich auch bei den Bücherbloggern und bin nicht ganz sicher, ob die, die Geduld aufbringen werden, sich durch die zweihundertfünfzig Seiten zu lesen, wo nicht viel passiert, es keinen Plot gibt, aber die Sprache auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird.

Man kann aber, wenn einem das zu anstrengend ist, sich immer wieder durch die wirklich schönen Zeichnung lesen. In jedem Sinn also die große Überraschung auf der öst List ich kann das Buch wirklich jeden nur empfehlen und werde jetzt mit dem letzten Buch auf der österreichischen Liste, dem Longlist Buch von Kathrin Röggla weitermachen, die auch eine sehr experimentelle Sprachkünstlerin mit gesellschaftlichen Ansatz ist.

2016-01-15

Die Verwerfung

Weiter geht es mit der Graphic Novel Schiene des „Zwerchfell-Verlags“,  jetzt mit der „Verwerfung – eine Geschichte aus dem dreißigjährigen Krieg“, des 1988 in Innsbruck geborenen Lukas Kummer,  der 2007 nach Kassel zog und dort Illustration und Comic studierte.

„Lukas Kummer“, steht am Buchrücken „erzählt eine historisch versierte Antikriegsgeschichte, die keine erbauenden Schlachten zeigt oder verklärte Heldenromantik zuläßt, sondern einzig und allein von den Opfern des Krieges erzählt.“

Und das macht der junge Zeichner sehr brutal und höchstwahrscheinlich mehr als realistisch, fast in Michaela Falkners Manier und die Geschichte von den beiden Kindern, Jakob und Johanna, die da Mutterseelen allein durch die Kriegsgebiete wandern, könnte sich wahrscheinlich auch in Syrien oder Afhanistan zutragen und von Kindersoldaten handeln.

Denn das sind die Beiden, die Mutter ist bei der Geburt des kleinen Jakobs gestorben, der Vater war bei den Soldaten und ist umgekommen und die Kinder, Johanna hat sich als Junge verkleidet, nennt sich fortan Harald „um ihre Fut zu schonen“ und ist von den Soldaten, obwohl es dort zu essen gab, geflohen, als denen dort offenbar ihre Brüste auffielen.

Der kleine Bruder schloß sich an und ist nun offenbar offenbar Last der älteren sehr verhärteten Schwester, die mit ihm schimpft, wenn er hustet, seine Sachen nicht tragen will oder so schnell nicht mitkommen kann.

Denn es ist wahrscheinlich nicht lustig im Winter über die verbrannten Felder zu ziehen, die Leichen baumeln von den Bäumen oder liegen von der Pest dahingestreckt am Boden und die alte Frau, die finden, lebt zwar noch, beginnt aber schon ihre eigenen Zehen zu essen….

Furchtbar, furchtbar und nichts wie weg, trotzdem versucht die Schwester, weil sie es dem Vater versprochen hat, dem Kleinen, der, vielleicht nicht ganz so realistisch, wie sie ist, sondern die Sterne beobachtet und auch mal vor sich hinphilosophiert und sich seine Gedanken über das Leben, wie er es kennenlernte „mit jeder Tat ob gut oder böse vernichtet man sich immer mehr ein Stück weit selber“, macht, das Lesen beizubringen, damit er vielleicht später Schreiber werden kann.

Sie will eigentlich bei den Soldaten bleiben und als sie einen ausgehungerten Marketender finden, der zwar noch Gold in seinen Kleidern, aber nichts mehr zu essen hat, nimmt sie ihm ganz brutal das, sein Patent und seine Kleider weg, in der Hoffnung, damit selber ihre Geschäfte zu machen.

Der Kleine warnt sie noch, daß das nicht gut gehen kann, weil ja nicht ihre Namen auf dem Papier stehen. Sie finden ein Nachtquartier und einen Topf mit Wasser, wo sie sich waschen können, dann kommen schon die Soldaten, finden das Gold und das Patent, vergewaltigen das Mädchen „der Soldat muß ja auch was haben für seine Kriegsmüh“ und hacken ihnen am Schluß noch die Daumen ab.

Der kleine Jakob stirbt und das Mädchen zieht weiter durch den Krieg und die Nacht mit verbundenen Händen…

Eine sehr brutale Geschichte, schön gezeichnet und „versiert recherchiert“ wie schon erwähnt.

Wird wohl so  gewesen sein, im dreißigjährigen Krieg, im World war one or two und jetzt in Afghanistan, Syrien, Irak etcetera, denn „Gut und böse das gibt es sowieso nicht. Das ist nur eine Erfindung. Es war immer nur die Mühsal und das Verheizen!“, philosophierte der kleine Jakob, als er noch nicht gestorben war und ich denke wieder an Michaela Falkners Manifeste, an die Flüchtlingsproblematik, die uns das letzte Jahr begleitet und daran, daß ich eigentlich etwas Schöneres lesen will….

Die Titelgebung habe ich nicht ganz verstanden.

2016-01-08

Blutige Steine

Jetzt habe ich die „Blutigen Steine – Commissario Brunettis vierzehnten Fall“, doch noch gefunden. das Buch stand ganz oben und ganz hinten ohne Umschlag im Regal. Ich kann das Jahr mit meiner jährlichen Donna Leon beginnen und zufälligerweise gibt es noch zwei Aktualitäten, die mir zu mindestens am Anfang bestätigten, daß es gut ist, auch ältere Bücher, der Roman ist 2006 herausgekommen und steht schon ein paar Jahre bei mir, zu lesen.

Später war ich mir dann nicht mehr so sicher. Aber wieder schön der Reihe nach.

Es beginnt für einen Roman, der am letzten Weihnachtsfeiertag und nach dem „Adventkalenderschreiben“, wo ich mit dem Korrigieren, wieder zufällig, auch  gerade fertig geworden bin, an einem Adventsonntag am Weihnachtsmarkt in Venedig, nämlich zuerst mit den Käse- und Salamiproben.

Dann wird der offizielle Markt geschlossen und die ambulanten Händler, die sogenannten „vucumpras“ dunkelglänzende junge Männer aus Schwarzafrika, meist aus Senegal stammend, die ihre falschen Markentaschen phantasievoll am Boden ausbreiten, übernehmen.

Eine amerikanische Reisegruppe aus pensionierten Ärzten kommt herbei, goutiert, wählt aus und auf einmal wird diese Idylle durch ein paar „Peng-Geräusche“ unterbrochen. Zwei mutmaßliche Serienkiller haben sich angeschlichen und einen der Händler, einen etwa dreißigjährigen jungen Mann niedergestreckt.

Jetzt kommt mit einer halbstündigen Verspätung auch Commissario Brunetti angefahren und ermittelt das oben Beschriebene.

Er ermittelt auch, wie die Polizei mit diesen abulanten Händlern vorgeht. Sie werden einvernommen, die Taschen abgenommen und mit einer Aufforderung, das Land innerhalb von vierzehn Tagen zu verlassen, nach Hause geschickt und meist in der nächsten Woche wieder verhaftet.

Weil man nicht weiß, wie der Tote heißt, versucht sich Brunetti auch schlau zu machen, wo die Afrikaner leben und wer an sie vermietet. Das alles wurde sehr langatmig und auch sehr genau geschildert und erschien mir in Zeiten, wie diesen, wo Frauen von alkoholisierten arabisch aussehenden Männern in Köln und Hamburg angegriffen und beraubt wurden und alle reden herum und winden sich, fürchten sich vor Fremdenhaß und schlechter Stimmung, statt da einzugreifen, wo es wirklich nötig ist und damit meine ich keine Ausweisung oder verschärfte Grenzkontrollen, die  ohnehin nichts nützten, höchst aktuell, für einen zehn Jahre alten Roman, der vor einiger Zeit im Schrank gelegen ist.

Dann wird es allerdings platter, beziehungsweise geht es offenbar nach dem schon gewohnten Donna Leon Muster weiter. Mit dem Konflikt zwischen Brunetti und seinem unfähigen Chef dem Vize-Questore Patta, der ihm wieder von dem Fall abzieht, so daß der Comissario intrigieren, ein falsches Handy etcetera, verwenden muß.

Vorher hat er sich,  beziehungsweise seine Frau Paola aber über seine Tochter Chiara geärgert, die beim Essen achtlos einwirft, „Das war ja nur ein  vucumbra!“

Haben die Brunettis eine rassistische  Tochter herangezogen?, ärgert sich die Mutter und beschiimpft das Mädchen. Später wird sie dann eine iranische Arzttochter als Freundin nach Hause bringen und das ist wieder gut.

Während sich Brunetti inzwischen in ein Wohnhaus begibt, das an die Schwarzen vermietet wurde. Dort herscht Armut und Elend, aber große Freundlichkeit, obwohl die Mieter dem Polizisten gegenüber mißtrauisch sind. Der verhält sich auch ein wenig tolpatschig. Dann geht er in die Dachkammer und findet in einem Salzpäckchen wertvolle ungeschliffene Rohdiamanten und auf einmal ist klar, das ist das Zimmer des Ermordeten, obwohl man von ihm nicht  einmal den Namen weiß.

Brunetti schnappt die Diamanten und gibt sie einem väterlichen Freund, einem Juwelenhändler, um Weiteres über sie herauszufinden.

Aber jetzt ist schon Patta gekommen, hat den Commissaro abgezogen, weil Rom, das Innen- und das Außenministerium übernimmt und sogar die Computer werden gehackt, damit der Fall verschwindet.

Das ist bei Signora Elettra zwar nicht möglich und Brunetti hält sich ebenfalls nicht an seine Anweisungen. Er hat auch den einflußreichen Schwiegervater. Einen Mafiaschwiegersohn hat er vorher auch erpresst und sein Schwiegervater spielt ihm dann auch Informationen zu, wie es  gewesen ist.

Die Al- Qaida spielt eine Rolle, ein paar Terroristen werden noch erschoßen und eine  Notiz steht in der Zeitung „daß die Gruppe Mailänder Förderbetriebe für Öl einen zehn Jahresvertrag mit der Regierung von Angola abgeschlossen habe, der ihnen die Exclusivrechte auf Förderung und Abbau von Rohstoffen im Ostteil der ehemaligen portugiesischen Kolonie garantiert“.

Da gibt aber noch die Diamanten auf der Bank, die der Juwelenhändler dort deponiert hat. Die werden jetzt für einen guten Zweck an einen Geistlichen, eine männliche Ute Bock, habe ich verstanden, übergeben, damit er Gutes für die Hilfsbedürftigen machen kann.

So weit, so what und ich habe schon einige Donna Leons gelesen, man findet sie ja häufig in den offenen Bücherschränken und habe ja auch einmal die Erfahrung gemacht, daß die Filme besser, als die Originale sind.

Es ist aber immer das selbe Muster, wie bei anderen Krimis auch.

Es werden aktuelle Themen aufgegriffen und dieses war es offenbar schon vor zehn Jahren, dann wird eine etwas aufgesetzte Handlung daraus gemacht,  die Leser haben ihre Spannung und die Aussage von Donna Leon ist ja meistens, die Korruption Italiens oder deren Polizei, die Steuerhinterziehung, das Computerhacken, etcetera, also ein pessimistisches Bild.

Bei „Amazon“ habe ich schon, als ich von der aktuellen Thematik noch sehr begeistert war, die negativen Lesermeinungen gelesen, die mit dieser Fallabgabe und den Winkzügen, die dann Brunetti anstellen muß, nicht so begeistert waren.

Nun das hat mir auch nicht gefallen. Ein Commissario, der seinen Chef bellügt und betrügt und gefundenene Diamanten, wenn auch für einen guten Zweck, verscherbelt.

Aber das ist wahrscheinlich die Strahlkraft von Kriminalromanen und warum wir sie so gerne lesen. Ein Donna Leon-Fan, war ich, glaube ich nie. Habe aber etliche Bücher von ihr angesammelt, schreibt sie immer wieder und immer neue, weil die Leser das wahrscheinlich haben wollen.

Es warten noch ein paar andere Donna Leons auf meiner Leseliste. Neue werde ich mir wahrscheinlich nicht mehr aus dem Kasten nehmen.

2015-09-15

Gehen, ging, gegangen

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:47
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Jenny Erpenbecks, im August erschienener Roman, ist wahrscheinlich der aktuellste auf Longlist und er verbindet fast, wie ich es immer tue, zwei Handlungsstränge miteinander.

Da ist Richard, wahrscheinlich siebzig und emeritierter Altphilologe, der am Rande von Ostberlin allein in einem Haus an einem See wohnt. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, die Geliebte hat ihn verlassen, Kinder gibt es nicht, so schleppt er seine Bücher von der Humboldt- Uni nach Hause und überlegt, ob er fortan Strickjacken statt Jackets tragen und sich nicht mehr rasieren soll?

Er wird auch lernen müßen mit seiner Zeit umzugehen, das Denken will er nicht aufgeben und so umkreist dieses am Beginn, den Toten in See, den Unfall, den es vor einiger Zeit gegeben hat, der ihn in diesem Sommer am Schwimmen gehindert hat.

Dann fährt er in die Stadt und sieht am Alex, beim roten Rathaus, einen Hungerstreik von afrikanischen Flüchtlingen, „We become visible!“ steht auf ihren Transparenten und er beginnt sich mit ihnen zu beschäftigen, liest über die Situation in Afrika nach, lernt die Hauptstädte auswendig und stellt auch einen Fragenkatalog zusammen. Denn nach dem der Streik beendet wurde, werden sie in ein lehres Altersheim in seiner Nähe einquartiert, so geht er hin, läßt sich ihre Geschichten erzählen und verändert sich.

Dazwischen gibt es immer wieder Einschübe aus der „Odyssee“ und anderen altphilologischen Texten,  aus seiner Vergangenheit, er hat noch die letzten Kriegstage erlebt, ist im Osten aufgewachsen, der Westen ist ihm noch immer  fremd. Er trifft seine Freunde, auch alles ältere Paare, geht einkaufen und schreibt dazu penible Einkaufslisten, bringt aber nach und nach den einen oder anderen der jungen Männer nach Hause, einen damit er Klavier spielen kann, ein anderer soll ihm im Garten helfen. Er gibt ihnen gemeinsam mit einer schönen Äthiopierin, in die er sich auch ein bißchen zu verlieben scheint, Deutschunterricht.

Und als die Gesichter alle Geschichten haben, sollen sie verlegt werden, zuerst kann das die Heimleitung durch tatsächliche oder erfundene Windpocken verhindern, dann kommt es zu Unruhen und Polizeieinsätzen.

Richard organisiert zum ersten Mal in seinem Leben eine Demonstration, weil man dazu einen deutschen Paß  benötigt und am Ende schlafen eine Menge junger Männer in seinem Haus, ein paar andere bei seinen Freunden, die fast ungewöhnlich solidarisch sind.

Eine kleine Verstimmung gibt es auch, weil nicht sicher ist, ob es nicht einer der jungen traumatisierten Männer war, der bei ihm eingebrochen hat, während er in Frankfurt einen Vortrag über Seneca hielt und das Buch schließt auch ziemlich abrupt  bei der Geburtstastagsfeier, die er mit ihnen und seinen Freunden veranstaltet, er sitzt da und denkt nach warum er mit seiner Frau Christl keine Kinder hatte, weil das für Afrikaner offenbar etwas sehr ungewöhnlich ist.

Ungewöhnlich ist vielleicht auch der Stil und das ist, wie ich in einigen Rezensionen lesen konnte, vielleicht auch das Problem des Buches.

Denn die 1962 in Berlin geborene Jenny Erpenbeck, die mit „Heimsuchung“, ein Buch, das ich ich mir als TB vor kurzem um einen Euro kaufte und „Aller Tage Abend“ berühmt geworden ist, machte sich an ein sehr aktuelles Thema.

Auf den letzten Seiten gibt es auch einen Spendenaufruf, auch ein bißchen ungewöhnlich, denn wenn das Buch in zehn zwanzig Jahren im Bücherschrank oder einem Antiquariat liegt, wird es das Konto nicht mehr geben und inzwischen habe ich ja auch gelernt, daß es als nicht sehr literarisch gilt, sich an solche tagespolitische Themen zu wagen.

Jenny Erpenbeck juckte es wahrscheinlich unter den Fingern und um entsprechenden Vorwürfen zun Entgehen, packte sie auch noch einige andere Handlungselemente hinein. So gibt es viele Anspielungen, viele Gedankengänge, das  „gehen ging gegangen“, kommt immer wieder, auch andere Wortwiederholungen und im Klappentext steht etwas vom „Vergehen der Zeit“, um das es ja eigentlich gar nicht geht oder doch natürlich, wenn du jahrlelang auf deinen Asylbescheid wartetst und von einem Lager ins andere geschickt wirst, ist das bestimmt sehr wichtig.

Aber Journalistisch solllte es  nicht werden, dann wäre das Buch nicht auf der Longlist gekommen, also gibt es immer  fast surreale Szenen in dem Buch, das am Anfang auch sehr distanziert beginnt „Richard kocht sich einen Kaffee“ beispielsweise, das mir, wen wundert es, sehr gut gefallen hat, etwa die, wo einer seine Geschichte erzählt und dabei den Boden kehrt, Richard ist aber, als er daran denkt, schon in seinem Haus oder die, wo sich alle herausputzen, um gemeinsam zum Deutschkurs in die VHS aufzubrechen oder die von dem Anwalt mit Zylinder und Bratenrock, also höchst literarisch, obwohl es ja um so etwas „banales“ wie Flüchtlingsschicksale in Oranienburg geht.

In den Blogs wurde das sehr diskutiert und die Blogger, die ja ihre Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ haben, sind hin und hergerissen ob das jetzt gelungen ist oder nicht und ich denke, daß uns die Realität, seit Erscheinen des Buches, mit den Flüchtlingscamps am Westbahnhof beispielsweise und den Toten auf der A1 schon wieder überholt hat und es ist wahrscheinlich auch spannend, das, was man sonst im Fernsehen sieht oder in der Kronenzeitung liest, literarisch aufbereitet bekommen.

Ich habe vieles gelernt, das ich vorher noch nicht wußte, obwohl ich mich schon länger mit der Problematik beschäftigte und in diesem Sommer auch darüber geschrieben habe. Beispielsweise war mir fremd, daß viele der jungen Männer Italienisch sprechen, was aber, wenn sie sich vorher in Lampedusa oder in den italienischen Städten aufgehalten haben, bevor sie nach Deutschland kamen, eigentlich kein Kunststück ist.

Irgendwo wird Richard auch als schrullig beschrieben, was ich eigentlich nicht so empfinde und mich auch wehren würde, jeden alteren Herrn gleich so zu bezeichnen und der hier beschriebene ist auch noch sehr gelehrt und gebildet.

Aber zwei Eigenheiten oder Ungereimtheiten fielen mir schon auf, so zum Beispiel, daß er sich hauptsächlich aus Bohnen- und Erbenseintöpfen zu ernähren scheint und die gleich aus der Dose löffelt, ein Universitätsprofessor würde, würde ich einmal vermuten, auch wenn er in Ostberlin wohnt, eher in Gasthäuser essen gehen, wenn er nicht kochen kann und dann hat er den Adventkranz fünf Jahre auf dem Wohnzimmertisch stehen, weil er ihn nach dem Tod seiner Frau nicht mehr entfernte, ein bißchen unrealistisch für einen Mann vieleicht, der seine Frau mit der Geliebten betrogen hat oder vielleicht einer der literarischen Kunstgriffe Jenny Erpenbecks und dann kommt wieder eine Weihnachtsszene, die dritte, die ich lese, seit ich „Buchpreisblogge“, diesmal eine sehr ausführliche sogar.

Richard nimmt einen der jungen Männer nach Hause und führt ihn, obwohl er Atheist ist, durch sein „Weihnachtsmuseum“. Da frage ich mich wieder, ob das die Verlage von ihren Autoren so verlangen, damit die Leute, wenn sie zu Weihnachten ihr Büchlein auspacken, zufrieden sind. Aber das würde wieder nicht zu dem brandaktuellen Thema und dem engagierten Anliegen passen.

Spannend also die Wirklichkeit so schnell literarisch aufbereitet zu bekommen, ich danke für das Rezensionsexemplar und bin jetzt sehr gespannt, ob es morgen auf die Shortlist kommt.

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