Literaturgefluester

2018-04-22

Die Kinetik der Lügen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:30
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Zweiundertjahre nach dem Erscheinen des „Frankensteins“, den ich inzwischen, wie ich glaube, gefunden, aber noch nicht gelesen habe, kommt jetzt ein schon 2016 beim „Hommunculus“ erschienenes Buchs des 1958 bei Dresden geborenen Olaf Trunschke, das ich mir aus Leipzig mitgenommen habe, das wohl auch zu einem aktuellen Anlaß erschienen ist, denn den Sommer 1816 haben sowohl Lord Byron, sein Lleibarzt, der Dichter Shelley, sowie Mary Godwin, als auch deren Schwester Claire am Genfer See verbracht.

Dort war es, glaube ich, kalt und verregnet, so vertrieb sich die Gesellschaft die Zeit mit Gespenstergeschichten und der Clou war der Frankenstein der damals erst achtzehnjährigen Mary, schwanger vom damals noch verheirateten Percey Shelley.

So lautet die Legende und das Wissen, was man wohl über die Entstehung des berühmten „Frankensteins“, diese Grudselgeschichte, um die Erschaffung eines künstlichen Lebenswesens, hat, von dem man schon gehört und vielleicht das Buch gelesen und den Film gesehen hat.

Ich habe beides noch nicht, wollte mir einmal auf einer der Buch-Wochen im Rathaus, die englische Ausgabe um zwei Euro kaufen. Habe zulange gezögert und wahrscheinlich das deutsche Buch ungelesen in meinen Regalen und mich jetzt durch Olaf Truschkes Roman gelesen, der der Legendenbildung und den Mythen, um die Entstehung wohl noch eine Krone aufsetzt, wie man sagen könnte und auf eine höchst eigenwillige Art und Weise durch das Leben der Mary Shelley führt.

Er verbindet es mit einer heutigen Handlung, läßt er doch einen Dokumentarfilmer einen Film über das berühmte CERN-Institut drehen und der reist mit einer Maria dort herum. Beide Handlungsstränge werden verquickt und, wie der Beschreibungstext lautet: „….ohne, daß sie es merken verstricken sich dabei ihre Lebensläufe unaufhaltsam mit denen der historischen Akteure“ und das macht es für eine, die es gewohnt ist, sich beim Lesen an Struktruen, wie Zeit, Handlung und Chronologie zu halten, etwas schwierig, da Olaf Trunschke gleich in die Geschichten hineinspringt, Spekulationen anstellt, vom Hundersten ins Tausendste kommt, nicht chronologisch erzählt und auch seinen Ich-Erzähler auf einmal Droschken sehen läßt, beziehungsweise Shelley plötzlich T-Shirts trägt, einen Museumsshop besucht, Mary Shelley mit Bus und Eisenbahn fährt, man einen Pparkplatz sucht, etcetera.

Etwas von der spannenden Geschichte bleibt aber trotzdem hängen und wenn es auch nur Gedanke ist, jetzt endlich den „Frankenstein“ zu lesen oder sich mit Lord Byron zu beschäftigen. Da gibt es auch noch die „Golem-Saga“ und vieles andere, was in dem Buch erwähnt wird, habe ich von den Gruselgeschichten des neunzehnten Jahrhunderts ja nur den „Dracula“ gelesen.

Mary Wollstonecraft-Shelley, lehrt mich Wikipedia, wurde 1797 in Llondon geboren und ist dort 1851 gestorben. Sie war die Tochter der berühmten Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die kurz nach ihrer Geburt verstarb und des politischen Anarchisten William Godwin. So wurde sie wohl sehr freizügig erzogen und konnte schon mit sechzehn mit Percey Shelley auf Europareise gehen, den sie erst nach dem Tod seiner Frau heiraten konnte, von ihm drei Kinder hatte, von denen nur eines überlebte. 1922 ertrank Percy Shelley während einer Segeltour. Mary Shelly kehrte nach England zurück. Ihr Buch wurde, glaube ich, anonym oder unter einem Männernamen herausgegeben. Sie schrieb noch andere Romane, Gedichte und auch Reisebücher und während meiner Leseprobenjagd, in Würzburg, Essen und Leipzig, habe ich auch ein Heftchen über ihre „Streifhzüge durch Deutschland“, die deutsche Erstausgabe, die pünktlich zum Zweihundertjahrsjubiläum erschienen ist, gefunden.

Das alles kann man auch, wenn auch weit unübersichtlicher in Olaf Trunschkes Buch finden, der auch die Fragen stellt, was menschliches Leben ist?

In CERN soll oder gibt es einen Computer namen G.O.L. E.M., der  viel schlauer als die Menschheit ist und im neunzehnten Jahrhundert wurden Experimente gemacht, wie man Leichname mittels Galvanisierung wieder zum Leben erwecken kann.

Das alles erfahren wir in dem Buch, in dem auch die Frage gestellt wird, ob der berühmte Frankenstein nicht vielleicht auch von den Gebrüdern Grimm erschaffen worden sein könnte?

Es gibt auch ein Tagebuch zu der Entstehung, um das sich so manches Rätsel prangt, so daß, wie man auch in einer „Amazon-Rezension“ lesen kann, fast ein Krimi aus der Entstehungsgeschichte wurde.

Es geht in die Schweizer Berge, zum Eigner und zur Jungfrau: „In Grindelwald kaufte sich Byron neue Karten – Karikaturen der Berge, die Gipfel mit Gesichtern: Der Eigner will zur Jungfrau, aber der Mönch steht im Weg“ und nach Paris, wo man nach der französoschen Revolution Marie Antoinettes Disneyland, Klein Trianon besichtigte „Östlich davon hatte sich Marie Antoinette, ein idyllisches Dörfchen bauen lassen: Mit Mühle und Molkerei, einem Taubenhaus und einer Fischerei, einem Aussichtsturm und natürlich dem Haus der Königin mit Zimmern für Billard und Ball. Claire versuchte sich vorzustellen, wie die Königin mit silbernen Haaren und Eimerchen aus Porzellan das schlichte Landleben zelebrierte….“

Und so weiter durch die Geschichte vor zweihundert Jahre und dem, was im Leben der Mary Shelley, um ihren berühmten „Frankenstein“ passierte und in die Geschichte danach in das Cern von 2016 und jetzt wieder zwei Jahre später, können wir uns ja gut ausgerüstet in das „Zweihundert Jahre „Frankenstein-Jubiläum“ stürzen.

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2017-09-15

Das Singen der Sirenen

Weiter geht des mit dem dBp und da mit dem achten Buch und, wie ich irrtümlich glaubte, mit dem zweiten mir bis dato unbekannten Autor.

Dabei habe ich den 1958 geborenen Michael Wildenhain wahrscheinlich 2015 in Leipzig gesehen, denn da wurde „Das Leben der Alligatoren“ für den „Preis der Leipziger Messe“ nominiert und das Lesen des bei „Klett-Cotta“ erschienenen Romans „Das Singen der Sirenen“ war anfänglich, glaube ich, genauso schwierig, wie „Das Jahr der Frauen“ und das Buch hat,  genauso einen ungewöhnlich frischen Ton und es erzählt viel, wahrscheinlich wieder einmal viel mehr, als man erfassen kann und daher war es zumindest am Beginn sehr kompliziert. Später wird es einfacher und entpuppt sich wahrscheinlich sogar als ein „ganz gewöhnlicher Liebes- oder Lebensroman“.

Also, da geht es um einen Frankenstein-Forscher namens Jörg Krippen und der fährt nach London weil er dort auf  einer Uni ein Schreibseminar halten, beziehungsweise über den berühmten Roman der Mary Shelley schreiben will.

Er kommt an und das ist schon kompliziert, weil man vorher schon auf ein paar anders gedruckten Seiten in den Text hineingeworfen wurde.

Er wird, weil er verwirrt ist und sich nicht recht auskennt, wo er jetzt hinsoll von einer Inderin angesprochen, die zu ihm sagt „You look so lost“

Die kommt dann in sein Schreibseminar, wo man einen Text schreiben soll, „in dem ein künstlich erschaffenes Wesen… eine tragende Rolle spielt.“

Sie heißt Mae und forscht im Bereich der Stammzellenforschung und der Klappentext verspricht etwas von den „Fragen nach dem Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften.“

Das klingt sehr interessant und das hat mich auf das Buch auch neugierig gemacht, umsomehr, da es bei „Katie“ und bei „Ikarien“ um ähnliche Inhalte geht.

Michael Wildenhain hält aber nicht, was er verspricht, könnte man so sagen oder aber auch, er erzählt sehr viel mehr und wenn man so in seinem Lebenslauf nachschaut, ist wahrscheinlich wieder einiges Autobiografisches dabei.

Jörg Krippen  älter als die junge Mae, war nämlich bevor er Wissenschaftler wurde, Dramatiker und hat da einige Theaterstücke geschrieben, dann aber damit aufgehört und Mae hat ihn auch nicht zufällig angesprochen, sondern ihn erwartet, sie war nämlich vor Jahren in Berlin und hat ihn da beobachtet.

Das Ganze wird in abwechselnden Kapiteln erzählt, die in London oder Deutschland spielen und von seiner Familie ist auch sehr viel die Rede. Seine Frau Sabrina, eine Supermarktkassierin ist nämlich  mit ihm sehr unzufrieden. Er hat auch einen fünzehnjährigen Sohn. So etwas hatten wir schon bei „Kraft“ und sie wirft ihm auch vor ihn zu betrügen.

Jörg Krippen fliegt dann, was mir nicht so ganz klar wurde, bald auch aus dem Seminar heraus, muß aus seiner Uniunterkunft ausziehen und zieht zu seinem Kollegen Simon, der, was heutzutage wahrscheinlich auch ein wenig ungewöhnlich ist, sich weigert ihn zu duzen und er hat dann eine Begegnung mit einem elfjährigen indischen Buben einen Schach- und Rugbyspieler. Eine andere Inderin führt ihn zu ihm oder ist es umgekehrt und es stellt sich heraus, daß er sein Sohn sein soll.

Das ist dann zwar nicht ganz sicher, ein Vaterschafttest scheint es zu widerlegen und es beginnt auch ein leidenschaftliches Liebesverhältnis zwischen Mae und jörg, die die jüngere Schwester der anderen Inderin ist.

Dazwischen wird auch von der Vergangenheit Jörg Krippen erzählt. Er war wie sein Autor politisch aktiv und er versöhnt sich trotz der großen Liebe am Ende wieder mit seiner Frau und kehrt, obwohl er inzwischen mit Mae auch in Amerika war, zu seiner Familie nach Berlin zurück.

Wo bleibt da der Frankenstein und der Konflikt zwischen der Natur und der Geisteswissenschaft könnte man so fragen, denn eigentlich geht es ja um die anarchistische Vergangenheit des Protagonisten und um die politischen Verwirrungen auf dieser Welt.

Ich fand das Buch  trotzdem literarisch spannend, werde mir den Autor sicher merken und es war auch sehr interessant es in Vergleich zu den anderen Buchpreisbüchern zu setzen.

Einen kritischen Nachsatz muß ich auch noch anfügen. Das Buch hat mein zweimaliges Badewannenlesen nur sehr schlecht ausgehalten.

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