Literaturgefluester

2019-04-04

Vor der Flut

Weiter geht es bei den Neuerscheinungen mit der Frauenliteratur, könnte man so sagen, jetzt geht es aber nach der Gewalt an Frauen, die von Fernanda Melchor und Paul Ingendday beschrieben wurde, zu der weiblichen Erotik und da scheinen die Schweizer Ärtzinnen besonders wagemutig zu sein, hat doch die in Zürich lebende Psychiaterin Csilla Bekes, die auch 2017 bei meinem Geburtstagsfest gelesen hat, im „Verheerenden Tausch“, die sexuellen Phantasien einer Psychiaterin, die mit einer Prostituierten tauscht, beschrieben und die in Deutschland geborene Corinna T. Sievers, die in Zürich praktizierenden Zahnärztin ist, hat beim letzten „Bachmann-Preis“ mit ihrem Text „Der Nächste, bitte“, ja so einiges ausgelöst, Wolfgang Tischer war entsetzt, Klaus Kastberger, wollte sich glaube ich, gleich als Patient anmelden und mir hat,  die ich ja bezüglich Porno und Erotik eher prüde bin, das schonungslose Ausleben der weiblichen Sexualität,  die ich als Parodie der Walser und Roth-Bücher verstanden habe, gut gefallen.

Wenn das ein Mann geschrieben hötte, wäre ich entsetzt, aber so hat mir die Zahnärztin, die nicht nur ihre Patienten behandelt, sondern auch durchvögelt und dabei ihre erotischen phantasien auslebt, sehr gefallen.

Jetzt ist der Textauszug als Buch erschienen. Ich habe es begierig gelesen und muß sagen, ich bleibe ein wenig ambivalent zurück.

Judith ist Zahnärztin auf einer norddeutschen Insel. Sie ist zweiundfünzig, also für eine Nymphomanin, als sie sie sich selbst bezeichnet, nicht mehr jung genug. Aber ungefähr so alt wird auch Carinna T. Sievers sein, obwohl im Buch keine Altersangabe angegeben ist.

Sie hat einen Mann, Horvard mit Namen, der ist Psychiater oder und Psychoanalytiker, sogar ein entfernter Verwandter Freuds, zumindestens ein Freudianer und hat kein Interessen an Sex mit ihr, weiß aber von ihren sexuellen Vorlieben und so wird durch das Buch gevögelt oder und auch eine wissenschaftliche Abhandlung über den weiblichen und männlichen Sex gegeben und das ist, was mir sehr gefallen hat und was ich, was mir in KLagenfurt nicht so aufgefallen wäre, als das Besondere an dem Buch empfinden würde.

Der Schreibstil ist eher konventionell, so a la Walser und Roth, künstlerisch und die Handlung eigentlich trivial. So kann ich mich erinnern, daß ich einmal vor Jahren, ein Groschenheftchen gelesen habe, wo es auch, um eine Beziehung zwischen einer Ärztin und einem Psychiater ging, an die mich das Buch erinnerte, obwohl das sicher kein erotischer Roman oder die Parodie darauf war.

Bei „Amazon“ habe ich eine „Ein Stern- Rezension“ gefunden, wo sich der Autor, offenbar ein geübter Erotikleser, sowohl am Schreibstil, als auch mit dem Alter der Protagonistin seine Schwierigkeiten hatte.

Ja richtig, als  Plädoyer für den Sex der Frau in reiferen Jahren, ist das Ganze auch zu verstehen und das würde wieder einen Pluspunkt  abgeben.

Sonst denke ich, daß ein Buch, das nur von den erotischen Phantasien und deren praktischen Auslebung handelt,  mir zu wenig ist, denn eigentlich denke ich ja, das man Sex haben und nicht darüber lesen muß.

Ein interessantes Buch von dieser Judith auf dieser Nordseeinsel im Winter, die in ihrer leeren Zahnarztpraxis sitzt, denn ihre erotischen Praktiken haben sich herumgersprochen und wahrscheinlich ganz konventionell von ihrem Hovard ausgehalten wird, während sie den Freiherrn Erik, der ihr seinen Sohn und seine Gattin, in die Praxis schickt, vögelt mit ihm dann auch in  einem Fünfsternehotel, während ihr Mann von einen Schwächeanfall umgehauen am Boden ihrer Wohnung liegt, handelt und das ein Ende hat, das ich nicht ganz begriffen habe, weil es mir wahrscheinlich zu überspitzt symbolisch war und sich die nüchterne Verhaltenstherapeutin, die ja keine Freudianerin ist, fragt, ist der Mann jetzt gestorben oder nicht und was hat das mit der Flut zu tun, ist es wahrscheinlich allemal, das, wie am Buchrücken steht „Ein mutiger Text von dem Begehren einer Frau, das über  seine Grenzen geht“

Ein interessantes Buch und ein sehr originelles, denn ich würde mich ganz ehrlich nicht trauen, ein Buch zu schreiben, wo eine Psychotherapeutin ihre Klienten vögelt, würde  wahrscheinlich gar nicht auf die Idee kommen, das tun zu wollen, bin ich ja,wie schon geschrieben, obwohl ich  schon einige erotische Bücher gelesen hab, ein wenig prüde, das von Corinna T. Sievers fand ich aber sehr interessant und das wahrscheinlich auch, weil ich denke, daß man den Männern durchaus Paroli bieten soll und ich eigentlich nicht immer nur die sexuellen Phantasien der mittelalten oder älteren Männer lesen möchte.

2018-07-01

Dämmer und Aufruhr

Filed under: Bücher — jancak @ 00:26
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Jetzt kommt der „Roman der frühen Jugend“, also die  poetisch gefärbte Autobiografie, pünktlich zum siebzigsten Geburtstag, wahrscheinlich nach dem Tod der Mutter geschrieben, des 1948 geborenen Bodo Kirchhoff, der seine Bücher seit 2012 bei FVA verlegt und da 2016 mit seiner Novelle genannten, „Widerfahrnis“, den dBp gewonnen hat, der ja eigentlich ein Romanpreis ist.

Aber Dichtung und Wahrheit liegen ja sehr dicht beeinander, das sieht man auch an dem Roman, dem am Schluß eine Zeittafel angefügt ist und ich bin mit Bodo Kirchhoff, glaube ich, 2002 mit seinem „Schundroman“, den ich mir damals zum Geburtstag wünschte und wofür ich mich fast ein wenig schämte in Berührung gekommen.

Dann habe ich weil FVA es mir getreulich schickte, die wiederaufgelegte und 1984 erstmals erschienene „Mexikanische Novelle“ gelesen, die mir wie „Widerfahrnis“ trotz seiner sehr schönen aber doch sehr künstlichen „machohaften“ Konstruktion nicht so sehr gefallen hat und im letzten Jahr die Erzählung „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“, wo in fast Bernhardesker Manier auf zig Seiten beschrieben wird, warum eine Einladung zu einer solchen nit angenommen werden kann.

Und jetzt also die Kindheitserinnerungen zum Siebziger des eleganten weißhaarigen Herrn, Liebling aller Frauen, füge ich ein wenig vorlaut an und kann ergänzen, das das Buch wieder sehr gekonnt komponiert wurde und es ein wahrscheinlich sehr erfolgreiches Männerleben war, was da beschrieben wird.

Der Hauch des Eror weht überall, das ist sicher eine Kirchhoffsche Spezialität, von mir, der um fünf Jahre jüngern, die erstaunt feststellte, daß ich nur ein Jahr später als er zu studieren begann und sonst vielleicht ähnliche pubertäre Schwierigkeiten erlebte, obwohl das mit dem Eros war bei mir sicher nicht so stark ausgeprägt, Camus und Satre habe ich aber nach meiner Knödelmatura auch mit Begeisterung gelesen und schreiben wollte ich auch, aber das hat Kirchhoff, obwohl es schon frühere Versuche gab, erst nach seinem Militärdienst begonnen, denn da wollte er ja eigentlich Maler werden, ein Winsch den ich nie hatte, manchmal belächelt.

Aber es liest sich, das kann ich nicht bestreiten gut, das über vierhundertfünfzig Seiten Buch, das kunstvoll in eine Rahmenhandlung gewickelt ist.

Da ist einmal er alternde Schriftsteller oder Sohn genannt, der sich mit einer Schachtel mit Bildern in eine kleine Pension in Italien zurückzieht, wo er einmal als Kind mit einen Eltern, bevor die sich trennten, einen Sommeraufenthalt verbrachte.

„Wer spricht da, wenn einer von früher erzählt, auf sein ertes Glühen in der Kindheit blickt, wessen Stimme macht hier den Anfang, sagt Es  war einmal – ein unvergesslicher, gültiger Alpensommer“, lautet der erste lange Satz.

Und da sind wir schon wieder ein paar Jahre früher, nämlich im Jahr 1952, wo der Vierjährige mit seiner „Damemammi“, einer Schauspielerin aus Wien und deren Mutter, einer ehemaligen Opernsängerin, von ihm oft die „Hüterin“ genannt, einen Sommer in Kietzbühel verbringt und da wird die Erotik, wie in Zweigs „Brennenden Geheimnis“ mit aller Bravour berührt und die Beziehung zu der Mutter bleibt auch das Thema des Buches.

Es gibt auch einen Vater, einen Hamburger, der vom Krieg mit einem Holzbeim zurückgekommen, sehr früh mit der jungen Wiener Schauspielerin verheiratet wurde und als der erste frühe Kitzbüheler Sommer, mit den beiden Hüterinnen, die der Kleine aber doch schon, wie ein Kavalier begleitet, erlebt, ist die Mutter wieder mit der Schwester schwanger.

Von vorn nach hinten in dreiHandlungssträngen, werden die frühen Jahre des großen Dichters erzählt. Da ist einmal sein Aufenthalt in der Pension, wo er die Tage in seinem Zimmer verbringt, die Bilder aus der Schachtel nimmt, sich in seine Erinnerungen vertieft, während draußen am Strand nach und nach die Badeliegen und die Sonnenschirme weggeräumt werden, weil, eine gekonnte Metapher, der Herbst des Lebens oder auch nur des Jahres beginnt. Es gibt auch eine wahrscheinlich noch ältere Pensionsbewohnerin, die Amerikanerin Missis Bennet, die immer auftaucht und den Dichter danach fragt, warum er nicht an den Strand geht und sie war damals, in dem letzten Sommer, in dem seine Eltern, noch glücklich waren, auch schon da. Durch einen Zufall hat die Famlie, ihr sonst bewohntes Zimmer bekommen, an das sie ihn lächelnd erinnert und es gibt dann auch ein Plakat von der kleinen Stadt, in den Fünfzigerjahren, das ein Paar zeigt, das die Eltern sein könnten und das die Amerikanerin kauft und den Abreisenden, später, wenn alles geschrieben und geschehen ist, zur Erinnerung schenkt.

Dann geht es durch das Leben, das man hinten in der Biografie, getreulich nachlesen und vergleichen kann, „Wikipedia“ ist dagegen eher schwach bestückt. Da steht eigentlich nur wenig von den frühen Jahren.

Nur, daß es in dem Internat, in das der Jüngling nach der Trennung der Eltern, die sie den Kindern lang verheimlichten und stattdessen glückliche Familie spielten, gegeben wurde, einen Mißbrauchsvorfall gegeben hat.

Der wird in dem Buch fast mit der selben erotischen Leichtigkeit erzählt und darüber hinweggegangen und dann gibt es auch immer wieder, die Besuche des alternden Schriftstellers in der Seniorenredidenz der fast Neunzigjährigen, wo er sie bis zu ihren Tod begleitet und mit ihr immer wieder über die erlebte Kindheit spricht.

Die Sommer wurden also gemeinsam mit der Mutter und der Großmutter meistens in Kitzbühel verbracht. Später zog die Familie, weil der Vater in geschäftlichen Schwierigkeiten war, in den Schwarzwald. Hier ging der Sohn zu Schule. Machte seine ersten erotischen Erfahrungen. Verliebte sich in eine schöne Arzttochter, bei deren Eltern, die Großmutter in Untermiete lebte. Mit zehn kam er in das Internat am Bodensee, die Heimutter Frau Guth war sehr streng. Der Kantor führte den Knaben in ein verbotenes Geheimnis über das man nicht sprechen dürfte und verschwand dann schnell. Dafür kam ein Freund, der sich später mit der jüngeren Schwester verheiratete. Es wurde Satre, Camus und noch einiges andere gelesen, nach dem Abitur in den legendären Jahr 1968 ging es, man glaubt es kaum, zum zweijährigen Militärdienst. Reisen nach Amerika und Mexiko, wo wohl auch die „Mexikanische Novelle“ begonnen wurde, folgten und wiederum erstaunlich, kam es 1978 schon zum ersten Vertrag mit „Suhrkamp“, vom autor, der bald nach Frankfurt in die Stadt, wo die Mutter nach der Scheidung lebte und dort sowohl in einer Agentur, als auch unter den Namen Evelyn Peters und andere Pseudonyme Liebesromane und Krimis schrieb,  „der berühmte Verlag in der Lindenstraße genannt“ und vorher, das Buch ist ja nicht chronologisch geschrieben, sondern springt lustig hin und her, besuchte der frührreife Fünzehnjährige in den Ferien, die Mutter in ihrer Frankfurter Wohnung, die dort mit einem Herrn Kurt lebte oder von ihm besucht wurde. Der gab dem Knaben je zwei fünf Mark Stücke. Sein Taschengeld hatte er schon vorher in einem Pornokino ausgegeben, schwindelte der Mutter vor, das Portemonnaie wurde gestohlen, die gab ihm mitleidig dreißig Mark aus ihrem, damit er sich einen schönen Nachmittag in Frankfurt, während sie arbeite machen könne, Kaffeehaus und Kino schlug sie vor.

Er ging in eine Buchhandlung, kaufte sich dort Tennesse Wililams „Mrs Stone und ihr römischer Frühling“, las es bei einer Cola im „plüschigen Cafe Schwille, das kaum mehr einer kennt“ aus und wollte dann über das berüchtige Bahnhofsviertel ins Kino gehen. Eine Nutte sprach ihn an, verlangte dreißig Mark, der Jüngling hatte aber nur mehr fünfundzwanzig. So gab er das Geld dahin und hatte dann keines mehr für den Kinobesuch. Mußte der Mutter also vorschwindeln, er hätte den Film gesehen. Das Buch war aber gelesen. So war das Fabulieren für den Fantasiebegabten nicht sehr schwer, der inzwischen ein Mann geworden war, schon mit Vierzehn oder Zwölf, etwas das man sich heute nicht mehr vorstellen kann, seine Zigarretten rauchte, wie überhaupt alle, der Mutter Liebhaber, die Heimleiterin, der Verführer Kettenrauchen waren und der alt gewordene Schriftsteller sitzt in Italien über seinen Bildern, denkt an die tote Mutter und an seine Kindheit zuirück.

Hier endet das buch, mit der Rückfahrt aus dem kleinen Strandhotel  Beau Sejour in Alassio, das Paket öffnend, das ihm Missis Bennet mit dem Plakat gegeben hat, während draußen am Gang, die Polizisten, die afrikanischen Flüchtlinge verhaften. Seinen Paß, weil ja ein Weißer, nicht sehen wollen. Die biografieschen Notizen gehen aber weiter, führen auch nach 1984 die Werke an, erwähnen, daß Bodo Kirchhoff, sowohl in Frankfurt, als auch am Gardasee lebt und dort mit seiner Frau schon lange Schreibkurse gibt. Dem Buch ist auch ein kleiner Folder beigelegt, wo man die Bücher des Autors sehen und auch die Adresse finden kann, bei der man sich für diese Schreibkurse am Gardasee anmelden kann.

Das werde ich wohl nicht tun, vielleicht aber noch etwas anderes von Bodo Kirchhoff lesen. Vielleicht schickt es mir FVA in den nächsten Jahren zu oder ich nehme es von meinem reisengroßen SUB, denn  ich habe, wenn ich mich nicht irre, inzwischen auch noch andere Kirchhoff Romane gefunden.

2017-07-08

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Filed under: Bücher — jancak @ 00:27
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Auf unserem Wanderwochenende auf der Rax, habe ich mehr oder weniger passend, als Sommerbuch, das ich mir da ja, nicht so schwer, weil ich es im Rucksack tragen muß, Bodo Kirchhoffs neue Erzählung ausgesucht und das war ein Zufall, weil mir die Frankfurter Verlagsanstalt, bei der die Bücher des letzten Buchpreisträgers erscheinen, das Buch vor ein paar Tagen schickte.

Sonst hätte ich Barbara Frischmuths „Die Ferienfamilie“ mitgenommen, das ist, glaube ich, ein noch leichteres Büchlein und auf die letzten Wanderwochenenden bin ich schon einmal mit Texten aus dem Salzkammergut beziehungsweise mit meinen ersten Buchpreisbüchern gegangen.

Und da bin ich schon wieder beim Ausgangspunkt.

Denn die, wie er behauptet, „Novelle“ des 1948 in Frankfurt am Main geborenen Bodo Kirchhoff, von der ich behaupte, daß sie ein Roman ist, hat ja 2016 den dBp für den Roman, den besten, heißt es, glaube ich, nicht mehr, gewonnen, da habe ich angefragt.

Die Pressedame war sehr freundlich und hat mir dann auch gleich die Neuauflage seiner „Mexikanischen Novelle“ geschickt,  sowie mir das neue Buch angeboten und weil ich ja sehr neugierig bin, habe ich nicht „Nein!“, gesagt, obwohl ich mit den zitierten Büchern ein wenig Schwierigkeiten hatte und ich mich schon fragte, ob ich immer das „Gejammere, der alten Männer um die Liebe“ lesen will und dann noch die Rezensionsexemplare schlecht besprechte, weil zu maniriert, zu künstlich, etcetera…

Das ist mir zum Glück diesmal erspart geblieben, denn der Meister hat, will ich mal unken, damit einen anderen alten Meister übertroffen.

Denn der ging ja ins Kunsthistorische Museum und sinnierte dort dreihundert Seiten lang, ob er am Abend ins Burgtheater gehen solle. Dann ging er hin und die Vorstellung „war eine fürchterliche!“

Selten so sehr gelacht, das habe ich schon öfter geschrieben und dieser Meister bekommt von einer Frau Faber- Eschenbach eine Einladung auf einer Kreuzfahrt von Havanna durch dieKaribik zwei Wochen mitzufahren. Ales gratis, auch für die Begleitperson, nur ein paar Lesungen muß er dafür halten.

Das gibt es, glaube ich, tatsächlich. Zumindest erzählt Ingrid Noll manchmal auf ihren Lesungen, daß sie eine solche Kreuzfahrt gemacht und wohl auch darüber geschrieben hat und so hat auch Bodo Kirchhoff, der hintergründige, höchstwahrschlich eine solche bekommen und schreibt jetzt darüber auf hundertsechsundzwanzig Seiten, der einladenden Dame und kommt dabei von Hundersten ins Tausendste.

Fragt nach, ob die Agentin vielleicht mit der Marie von Ebner-Eschenbach verwandt ist, kommt dann darauf zu sprechen, daß wenn auf See jemand verschwindet, es kein Nachforschungsrecht  gibt und auch die Behörden in Havanna sich kaum darum kümmern werden, wenn er oder jemand anderer, dann nicht mehr von Bord geht.

Es gibt zu der scheinbar sehr freundlichen Einladung offenbar einen Anhang mit Regeln, wie sich der, der sie annimmt, dann zu verhalten hat. Der eingeladene Künstler heißt dann in den Veträgen „Edutainer“ oder „Sprachliferant“ und es ist auch genau geregelt, wieviel Kontakt ein solcher zu den zahlenden Gästen haben oder nicht haben darf.

Er darf sich jedenfalls, meint der Schreiber weder „moralisch oder unmoralisch“ äußern und sieht da schon ein Problem, ist er doch erfolgsgewohnt und vor allen, die Damen rennen ihm gern nach oder liegen ihn zu Füßen und darf er sich dann während der zwei Wochen auf dem Schiff frei bewegen oder mußer in seiner Kabine bleiben und das Geschehen vom Balkon aus beobachten und dann kommen auch noch die Fragen des Publikums, die ja bewantwortet werden sollen und die sind meistens „Warum schreiben Sie?, Werden Sie auch über diese Kreuzfahrt schreiben und werden Sie mich oder meine Frau in ihr nächstes Werk einbeziehen“ und „Kann ich Sie dann klagen?“, füge ich hinzu?

Dann bezweifelt er auch den literarischen Geschmack des zahlenden Publikums und meint, daß das lieber, die Sonnenuntergänge beobachten, als in einem Buch lesen würde.

Irrtum, Herr Kirchhoff, da kann ich Sie beruhigen, ich bin zwar kein zahlender Gast einer Karibik-Kreuzfahrt und würde auch meinen, daß man dort lieber den neuesten Krimi der Frau Noll, als den neuesten Kirchhoff mitnimmt, habe aber auf der Rax im Habsburghaus, als alle beim Fenster saßen, um den Sonnenuntergang zu sehen, in dem Buch, gerade diese Stelle gelesen. Dnn bin ich hinausgegangen, habe mich auf eine Bank vors Haus gesetzt und beides abwechselnd getan.

Bodo Kirchhoff oder sein Erzähler geht aber noch weiter. Zitiert Kafka und den „Hungerkünstler“, fragt sich,  ob der eine solche Einladung angenommen hätte und ich frage mich, wie es Meister Bernhard damit gehalten hatt und nattürlich auch, ob Meister Kirchhof auf einer oder mehreren solcher Kreuzfahrten war und das Ergebnis diese leichte lockere und doch auch verteufelt hintergründige Erzähhlung ist und setze gleich hinzu, daß ich gerne auf eine solche Kreuzfahrt ginge und dort beispielsweise aus meinen „Sommerelebnissen“ oder auf einer auf der Adria aus „Claire-Klara-Clarisse“ lesen würde.

Aber mich, weil ich ja nur als eine Selfpublisherin oder Hobbyautorin gelte und dem zahlenden Publkium kein Begriff bin, lädt wahrscheinlich keiner ein, finde die „Einladung zu einer Kreuzfahrt“ sehr interessant und vielleicht ist Bodo Kirchhoff mit seinem neuen Buch auf einer  Kreuzfahrt gerade unterwegs und wird dann sicher nicht vom Bord geschmissen, sondern die anwesenden Damen und auch die Herren Studienräte oder, wer sonst auf Kreuzfahrten und auf die dort angebotenen Lesungen geht, werden sicher sehr erfreut sein.

Aber vielleicht wollen, die auch wirklich lieber Ingrid Noll und ihren neuesten Krimi hören und der hintergründige Meister und Buchpreisträger hat sich das alles nur ausgedacht.

Das Cover des Buches ziert jedenfalls ein schönes Schiff und ich füge hinzu, man kann es auch herrlich auf einer Wiese auf der Raxalm, also von der Karibik sehr weit entfernt lesen.

Aber bei der beschriebenen Kreuzfahrt ist es, glaube ich, auch, um eine Reise zwischen Weihnachten und Sylvester gegangen.

Also doch kein Sommerbuch, auch wenn es am vierten Juli erschienen ist und im Buch sind auch sämtliche andere bei FVA erschienene Werke des Meisters aufgelistet und da habe ich ja noch den „Schundroman“ gelesen und „Infanta“, glaube ich, einmal im Bücherschrank gefunden.

Also ein meisterhaft hinterfotziges Buch und ideal wahrscheinlich für den oder die die wissen wollen, was man alles auf hundertsechsundzwanzig Seiten „Betreff: Einer Einladung zu einer Kreuzfahrt“ schreiben kann.

2017-04-06

Walter Nowak bleibt liegen

Julia Wolfs zweiter Roman, aus dem sie letztes Jahr ein Stückchen beim „Bachmannpreis“ vorgelesen hat, habe ich mir neben Feridun Zaimoglus „Evangelo“ mit als „deutsche Lektüre“ nach Leipzig mitgenommen.

Zum Lesen bin ich dann nicht gekommen, obwohl es gepasst hätte, lebt doch die1980 geborene in Leipzig und in Berlin und es ist auch eigentlich mein Thema, über das die junge Frau da in einem klaren und doch nicht einfach zu verstehenden Stil geschrieben hat.

Denn Walter Nowak, achtundsechzig und ein „Alphatier“ wie es in den Beschreibungen so heißt und ich das gar nicht so empfunden habe, redet oder denkt sich um sein Leben.

Walter Nowak, achtundsechzig, ein Ex Geschäftsmann, Nachkriegs- und Besatzungskind, dreht, vielleicht seit er sich in Pension befindet, jeden Morgen seine Runde im Schwimmbad, das ist gesund und soll man auch so tun und so beginnt das Buch auch damit.

Seine zweite Frau Yvonne ist auf einer Tagung, er sieht im Bad eine junge Frau in rosa Bikini mit einem Kind und dann passierts, er stößt sich den Kopf an, fährt mit der Badekappe und den Ohrstöpsel nach Hause, liegt dann am Boden, eine Beule, überall Blut oder ist es vielleicht doch nur Saft und einmal liegt Walter Nowak im Bett, einmal geht er in den Keller, um ein Wildschwein aus der Tiefkühltruhe zu holen, fährt mit dem Auto zu seiner ehemaligen Firma, ruft seine erste Frau an, um sich nach einem Wildschweinrezept zu erkundigen, sperrt eine Fledermaus ins Bad oder sind das alles doch nur Phantasien eines Sterbenden, eines Mannes nach einem Schlaganfall vielleicht?

Eine Diagnose von einer afrikanischen Ärztin gibt es auch und Yvonne hat ihm, bevor sie zu ihrer Tagung entschwand, auch einen sehr diätischen Speiseplan gemacht, Graupensüppchen und Brei, vielleicht deshalb die Sehnsucht nach dem Wildschweinbraten.

Wenn man so am Boden liegt und sich nicht rühren kann und sich das Blut überall in der Wohnung verteilt, gehen einem die Gedanken über sein bisheriges Leben durch den Kopf und da hat man mit achtundsechzig höchstwahrscheinlich auch schon viel erlebt.

Walter Nowak, der Sohn eines Besatzungssoldaten, selber Vater, der Sohn Felix ist von seiner Frau Gisela, die er wegen der hübschen Yvonne mit dem Pferdeschwanz verlassen hat. Der Sohn ist, als er sich in der Pubertät befindet auf Ahnenforschung und sucht im Stammbaum nach seinem Großvater.

Der hat ein Grab in Nebraska, so will er dort unbedingt hin. Walter Nowak weigert sich zuerst, fährt dann mit Sohn und Yvonne, er er hat in den USA auch etwas zu finden, gibt es doch eine Elvis Verehrung und in dem Örtchen, wo er lebt, einen nach dem berühmten Sänger benannten Platz, der dann aber so nicht mehr heißen soll.

Die Freunde tauchen auf, sogar die russische Putzfrau und schließlich erscheint, während Walter Nowak liegen bleibt oder muß, auch noch der Sohn und soll die Fledermaus aus dem Badezimmer holen.

Rasant, rasant diese Reise durch ein Leben und sehr eindrucksvoll von der siebenunddreißigjährigen Frau erzählt.

Das zweite Buch das ich vom letzten Bachmannpreis in meinen Besitz haben, das erste ist Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“, ein Geburtstagsgeschenk, das ich noch nicht gelesen habe, aber die Autorin in Leipzig daraus vortragen hörte.

Eine interessante Ausbeute des vorigen Bachmannwettbewerbs und, wie schon geschrieben, ein Thema das mir sehr gefällt, der Monolog des alten Mannes und der Gang durch ein Männerleben, das ich gar nicht so machohaft, eher ganz normal und alltäglich empfunden habe und denke, daß ich die Machophatasien eher in der vorigen Novelle vorgefunden habe.

Hier denkt die Psychologin in mir, die ja auch viel in Pflegeheimen unterrichtet hat, daß so das Leben zu Ende geht, da kommt alles hoch und daß das Ganze wird wahrscheinlich auch sehr ungeordnet, durcheinander,  in Puzzlestücken, die man sich erst zusammenlegen muß, wie Marina Büttner, die das Buch schon gelesen hat, in ihrer Rezension beschreibt, erzählt.

2017-04-02

Mexikanische Novelle

Filed under: Bücher — jancak @ 21:00
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Von Bodo Kirchhoff, der mit dem Novelle genannten Roman „Widerfahrnis“, den letzten deutschen Buchpreis gewonnen hat, habe ich mir einmal, des Titels wegen, den 2002 erschienenen „Schundroman“ zum Geburtstag  von Judith Gruber-Ritzy schenken lassen und mich sogar ein bißchen dafür geniert, er hat mir aber, so weit ich mich erinnern kann, ganz gut gefallen.

Das Buchpreisbuch habe ich sehr künstlich und konstruiert, wenn auch sehr kunstvoll ausgearbeitet gefunden und es wäre nicht meine Wahl gewesen und jetzt hat der 1948 geborene und in Frankfurt lebende Autor, seine 1984 erschienene „Mexikanische Novelle“ noch einmal neu umgearbeitet, herausgebracht und mein bei „Widerfahrnis“ gemachter Eindruck hat sich bestätigt und es stimmt auch wohl, was am Buchrücken steht, „daß jedes Wort sitzt und Bodo Kirchhoff ein Meister seines Handwerks ist“, dennoch diese Novelle hat mir noch weniger gefallen, als „Widerfahrnis“ und das liegt wohl am Sujet und der Handlung, die meiner Meinung nach kein Klischee ausläßt, sondern mit allem Bösen, wenn auch wahrscheinlich meisterhaft spielt und es ist wahrscheinlich wieder eine Altherrenphantasie, die hier ausgelebt wird und nichts, gar nichts, was man sich nur ausdenken kann, ausläßt.

Eine Altherrenschichte, also, obwohl vor dreißig Jahren, war Bodo Kirchhoff noch gar nicht so alt und sein Held, der namenlose Journalist, der nach Amerika fliegt, um dort eine Reportage über einen Kampfpiloten zu verfassen, ist wohl auch so um die vierzig.

Er soll, als die Reise beendet ist, mit den anderen Journalisten, offenbar war es ein Gruppenflug, wieder zurückfliegen. Er läßt aber seine Freundin allein in das Flugzeug steigen und fährt über die mexikanische Grenze. Dort mietet er sich in ein Hotel mit Pool ein und lernt an diesen, eine Schöne, Baby Ophelia, die Schwester des Hotelbesitzers kennen, die ihn einlädt, sie in Aclatan, das ist eine Küstenstadt, wo sie mit ihrer Mutter wohnt und offenbar auch als Journalistin, was von ihm ein wenig angezweifelt wird, zu besuchen.

Er soll sich da in ein Hotel einmieten und sie  in zwei Tagen in einem Cafe treffen, dann wird sie mit ihm in sein Zimmer gehen und mit ihm schlafen.

Das passiert auch, es taucht dann nur noch der Leutnant Ritzi, das ist der, über den er das Portrait schreiben soll, auf und weil in der Stadt gerade ein Fest gefeiert wird, bekommt er kein Hotelzimmer, so daß er sich bei dem Ich-Erzähler einquartiert und spazieren geht, wenn die schöne Ophelia am Nachmittag das Zimmer betritt.

Es gibt zwei sowohl sehr präzis beschriebene, wenn auch sehr sexistische Szenen. Die eine ist die, von dem Jungen, der am Klo des Cafes, in der er sich im Ophelia trifft, die Herren bedient. Er wischt ihnen die Flecken aus den Hosen und putzt die Schuhe. Die andere ist die, wie der Leutnant in das Hotelzimmer kommt, wo der Erzähler mit der nackten Ophelia im Bett liegt und die sich in das Laken einwickelt, um ihre Scham zu bedecken.

Schön beschrieben, nur nicht mein Geschmack.

Es kommt auch noch eine geheimnisvolle Krankheit vor, die beide Herren packt und Emiliano, Ophelias Bruder, taucht auch h auf und verlangt von dem Erzähler, daß er die Schwester, wenn er sie schon fickt, gefälligst heiraten soll.

Der ist aber ein Unsympathler und verspricht es zwar, hat aber vor sich zu drücken und unter dem Vorwand, daß er beruflich zurück muß, wahrscheinlich nicht wiederzukommen. Er geht auch von Ophelia weg in ein Bordell oder läßt sich in einer Bar in ein diesbezügliches Zimmer führen. Dann kehrt er in sein Hotel zurück und findet Ritzi in seinem Blut und in der Hand hält er den zerfetzten Geldschein, den der Ich-Erzähler von Emiliano bekommen hat und damit, um die Handlung noch auf die kitschige Spitze zu treiben, auch noch die Prostiutierte bezahlte.

Es kommt, wie es kommen muß oder auch nicht, weil viel zu übertrieben und absolut unrealistisch. Er wird verhaftet und verhört. Baby Ophelia und Emiliano leugnen ihn zu kennen und in seiner Gefängniszelle trifft er auch noch den kleinen Roul, das ist der Junge von der Herrentoilette, der schon vorher wegen Drogenhandel verhaftet wurde und verfällt in seinen Armen.

Es tut mir leid, auch wenn die Novelle kunstvoll geschrieben ist, ist mir zuviel an Männerklischee darin, aber vielleicht bin ich nicht die richtige Adressatin für das Buch.

In Zeiten, wie diesen, wo die Amerikaner die Grenze zu Mexiko dicht machen und schon längst ansäßige Familien wieder zurückschicken, hätte ich mir bei einer Neubearbeitung eigentlich schon erwartet, daß diese Probleme aufgenommen werden, statt die Phantasien und Erlebnisse zu beschreiben, in die ein weißer Mittelschichtmann offenbar automatisch kommt, wenn er an einem Pool eines mexikanischen Abbruchhotel ein schönes Mädchen mit langen Haaren sitzen sieht.

2016-09-09

Widerfahrnis

Buch sieben meiner aktuellen Longlistenlektüre, Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“, macht mich ein wenig ratlos, habe ich doch zuerst die Besprechung von Tobias Nazemi und Marina Büttner gelesen und die haben, vielleicht nicht etwas anderes gelesen, aber jeweils nur einen Teil beschrieben und vielleicht auch andere Empfindungen gehabt.

Es ist also, um es vorweg zu nehmen, ein sehr vielschichtiges Buch und der 1948 geborene Bodo Kirchhoff, von dem ich einmal, lang lang ists her und noch keine Blogerfahrung, den „Schundroman“ gelesen habe, ist sicherlich ein Routinier.

Tobias Nazemi spricht von der Altmodischheit, die ihm, ein Kirchhoff Fan, an dem Buch stören würde, die ist mir bei den „Witwen“ eigentlich viel mehr aufgefallen.

Ich habe das Buch ähnlich, vielleicht ärger oder auch anders konstruiert, wie das von Hans Platzgumer empfunden und seltsam in beiden Büchern gibt es ein gefundenes Kind und Marina Büttner schreibt, ein anderer hätte aus diesem Buch etwas Kitschiges gemacht. Ich habe es zum Teil kitschig gefunden, am Schluß dann wieder nicht, da kam dann schon die Ratlosigkeit und die Flüchtlingsfrage, die Marina Büttner etwas störte, stört mich ja nicht so sehr, wenn ich mir jetzt auch nicht wieder sicher bin, ob diese Begegnungen mit den Flüchtlingen, die der Julius Reither und die Leonie Palm da machen, sich nicht überhaupt nur in der Phantasie abspielen?

Oh ja, natürlich, denn es ist ja, kein Roman, sondern, wie betont, am Anfang steht, eine Novelle und Julius Reither, ich würde ihn mehr gegen siebzig als sechzig schätzen, ist ein ehemaliger Verleger.

„Aus der Zeit gefallen“, schreibt, Tobias Nazemi, nun Bodo Kirchhoff ist auch bald siebzig und das seltsame Wort „Widerfahrnis“ kommt von widerfahren, also erleben und nun bleibt noch zu klären, ob das Ganze ein Liebesroman, eine Liebesgeschichte ist?

Nun ja, natürlich, aber vermutlich mehr ein Lebensbericht und weil der Julius Reither ja mal ein Verleger und Kleinbuchhändler war, erzählt er sich diese auch selber:

„Die Geschichte, die ihm  noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen“, beispielsweise oder auch „Kein Erzähler hat gleich seinen Fuß in einer Geschichte…“

Da ist also Julius Reither, der seinen Verlag verkauft hat und sich, in eine vermutliche Seniorenanlage, auch wenn das nicht so genannt wird, zurückzieht, „weil die Leute ja mehr schreiben, als lesen“, Achtung Ironie, würde ich hier anmerken, man könnte auch sagen, er ist in Pension gegangen und jetzt sitzt er da in seiner Wohnung, trinkt Rotwein, raucht Zigaretten und hört am Gang Geräusche.

Es ist Leonie Palm, ein paar Jahre jünger als er, eine ehemalige Hutmacherin, die ihr Geschäft verkaufte, „weil die Leute keine Hutgesichter mehr haben“ und jetzt auch in der Anlage wohnt und dann gibt es noch ein Buch, ein kleines Böses, ein BoD, selbstgemachtes wahrscheinlich, ohne Titel von einer Ines Wolken, sicherlich ein Pseudonym, geschrieben, das Reither vorhin in der Bibliothek gefunden hat.

Es stellt sich bald heraus Leonie hat es geschrieben, es handelt von einer Frau, die ihre Tochter verloren hat. Das hat Leonie so erlebt und Reither wurde von seiner Frau verlassen, als sie schwanger war und beide das Kind abtreiben wollten.

Leonie will etwas von Reither, am nächsten Tag will sie es mit ihm besprechen, fängt sie an, was damit endet, daß die beiden, um oder nach Mitternacht aufbrechen, die beiden ausländischen Frauen, die den Empfang während der Nacht betreuen, helfen noch beim Schneeabschaufeln von Leonies Auto, Reither hat keines mehr und sie wollen zum Achensee hinauffahren, den Sonnenaufgang beobachten.

Sie fahren und fahren, die Nacht durch und gelangen nach Sizilien, dort gehen sie endlich in ein Privatquartier und treffen  auf ein stummes Flüchtlingsmädchen, hat das Bodo Kirchhoff von Michael Köhlmeier oder umgekehrt oder ist das den beiden getrennt voneinander eingefallen, weil die Flücnhtlingsfrage momentan so aktuell ist und sich jeder renomierte Autor damit beschäftigen will, was Marina Büttner etwas stört?

Eine Szene hat das Buch, die mich sehr beeindruckt hat, Leonie ist kinderlieb, wohl wegen des Schicksals, des Selbstmordes ihrer Tochter und so laden sie das Kind mit dem zerfetzten Kleid zum Essen in ein Restaurant ein. Der Wirt scheucht es weg.

„Es gehört zu uns!“, sagt Reither, so serviert der Wirt die Sardinen und das Cola, holt aber die Polizei und die Kleine läuft weg.

Sie kommt aber wieder, schläft in der Wohnung und Leonie will sie genauso, wie Platzgumers Erzähler mit seiner Elena mitnehmen und über die Grenze bringen. Das scheitert schon am Polizeiaufgebot bei der Fähre. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, Reither wird an der Hand verletzt, Leonie und das Kind verschwinden, er fährt alleine weiter, kauft sich Rotwein, kann ihn mit seiner Verletzung nicht öffnen und blutet immer weiter, bis ein Afrikaner zu ihm kommt und „Can I help you, men?“, fragt.

Er trifft dann Leonie wieder ohne dem geheimnisvollen Kind, tauscht mit ihr das Auto gegen seine Lieblingsjacke, der Afrikaner chauffiert ihm heim und nun „bliebe nur noch zu erklären, womit die Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerriß, enden sollte?“

„Bodo Kirchhoff erzählt in seiner Novelle „Widerfahrnis“ die Parabel von einem doppelten Sturz“, steht noch am Buchrücken und dem kann ich mich anschließen und würde vielleicht noch ein paar Ebenen dazu legen.

So wunderschön, wie die anderen Rezensenten schreiben, habe ich das Buch wahrscheinlich nicht empfunden, mich stört ja, wie gesagt, das allzu Routinierte und da ist wahrscheinlich wieder einer, der sehr gekonnt mit der Schreiberfahrnis seines Lebens spielt und auch ein bißchen überheblich dabei wirkt.

Bin aber gespannt, ob es auf die Shortlist kommt. Der Platzgumer und er hätten von den von mir bis jetzt gelesenen Büchern, wohl die meisten Chancen, würde ich vermuten, aber jetzt kommt Thomas Melles Bericht über seine bipolare Depression an die Reihe, ein Thema, das mich ja sehr interessiert und Tobias Nazemi hat es schon, als sein Siegerbuch erklärt, ich bin also sehr gespannt.

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