Literaturgefluester

2019-09-21

Flammenwand

Weiter geht es mit Buch vier der deutschen und dem ersten Buch der heurigen österreichischen Buchpreisliste, Marlene Streeruwitz „Flammenwand“ und ich schreibe gleich dazu, es ist auch das vierte Buch, das ich in der letzten Zeit gelesen habe, daß sich mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft von heute beschäftigt und das von allen ihren Seiten, der aus der Sicht der Frauenliteratur, aus der Sicht der Gewalt und der Me too Bewegung und der des Feminismus beschäftigt.

Das fünfte wird dann Karin Köhlers „Miroloi“ sein, aber Eva Schmidt und Irmi Fuchs kommen noch davor und das sind ja auch Frauen.

Ich kenne Marlene Streeruwitz und ihr Schreiben, das habe ich schon geschrieben, sehr lange war auch schon bei einer Veranstaltung über „Flammenwand“, habe sehr viele Bücher von ihr gelesen, finde sie auch manchmal etwas nervig und übertrieben, bewundere sie aber dafür daß sie die ist, die die aktuelle Situation, nach mir, könnte man vielleicht sagen, so stark einbezieht, hat sie ja einige Wahlkampfromane geschrieben, in denen sie  das beleuchtet und in dem Buch geht es auch darum oder auch nicht oder nicht nur, denn eigentlich geht es um Dantes  „La divinia Commedia“ oder, um das, was die moderne Frau, selbstständig und halbwegs gebildet, damit zu tun hat?

Es geht um Adele, Adel, hat der Lektor in der „Alte Schmiede“, es französisch ausgesprochen, wurde dabei von Marlene Streeruwitz lakonisch lächelnd korrigiert, das kann man sich im Internet ansehen und ich denke, das ist auch typisch für dien hehren Literaturbegriff und den der Hochkultur, alles muß überhöht und übertrieben sein.

Da darf eine, die aus Wien kommt, nicht Adele heißen. Aber Marlene Streeruwitz überreibt ja selbst sehr viel und hat das Buch offenbar von März 2018 bis Oktober dieses Jahr geschrieben und hat das und das finde ich, die ich mich in meinem Schreiben ja auch immer mit den Schreibprozessen beschäftige, besonders interessant, wenn es auch sehr verwirrend ist und vielleicht manche, die nicht so geduldig sind, zum Abbruch des Buches bewegen.

Denn das spielt in vier Stunden an einem kalten Märztag in Stockholm, trotzdem sind die einzelnen Kapitel mit Orten, wie meistens Wien, bis Feldkirch und Liechtenstein, Marlene Streeruwitz ist da mit dem Zug von dort oder dahin gefahren, mit Datum von März bis Oktober 2018, also die Tage, an denen sie die Kapitel geschrieben hat.

Ich finde das sehr interessant, den Durchschnittsleser mag das vielleicht nerven und am Schluß sind noch, was ich noch interessanter finde, die politischen Ereignise in Örsterfreich bezüglich der schwarz-blauen Regierung, die es momentan ja nicht mehr gibt, aufgezählt.

Das fasziniert mich an dem Buch, das andere finde ich zum Teil auch übertrieben und eh schon bekannt, aber wieder schön der Reihe nach.

Da ist also Adele, eine Frau um die fünfzig, die hatten wir ja schon bei Ildiko von Kürthy.

Sie ist gut gebildet, Deutschlerherin in Kursen für Deutsch als Fremdsprache, das gibt es auch bei mir auch, aber derzeit in Karenz. Sie hat ein Sabbatical und ist in diesem ihren älteren Freund Gustav, ein Finanzprüfer aus Berlin, nach Stockholm gefolgt.

Dort hat ihr der eine kleine Wohnung gemietet, die Kaffeekapseln sind an diesem Morgen ausgegangen. So stapft sie in ihrer Daunenjacke, in Stockholm ist es ja sehr kalt, los, um sich welche zu besorgen und sieht in einem Cafe Gustav sitzen, der tippt was in sein Handy.

„Aha er ruft mich an!“, denkt sie, er tut das aber nicht.

Das eröffnet nun die Flammenwand für Dantens Inferno und Adele geht, statt in das Cafe, durch ihre Odysee  ihres Frauenlebens, das bürgerlichen Frauen, um die Fünfzig oder Ende Sechzig, wie Marlene Streeruwitz das ja ist, bekannt erscheinen wird.

Der Vater, ein Schuldirektor hat im Krieg einen Arm verloren, dafür prügelte er den Bruder, mißbrauchte die Tochter, war sonst aber sehr tolerant und hat in den Geschichtsunterricht sogar die Beschäftigung mit dem Holocaust eingeführt.

Während Adele an all das denkt, rennt sie durch die Straßen Stockholms, sieht drei Romafrauen, kauft sich einen bunten Rock und ein buntes Tuch, zieht das über oder unter ihre Daunenjacke und wird fortan für eine Romafrau gehalten. Aber vorher oder nachher ist noch was geschehen. Sie versucht Gustav anzurufen, verwählt sich aber, bekommt dann einen Anruf von einer Frau, die ihr mitteilt, daß Gustav sie mit ihr betrügt und impotent ist oder soll der Vaterersatz auch sein.

Also die ganz gewöhnliche oder ungewöhnliche Gewalt an Frauen, die sie in die ewige Opferrolle bringen und das passiert Adele nun auch. Geht sie doch in eine Kirche und wird dort von der Polizei kontrolliert. Sie geht in ein Cafe, um was zu essen zu bestellen und wird von einem schwarzen Kellner hinausgeworfen. Sie geht in einen supermarkt, um Knäggebrot zu kaufen, wird von der Angestellten in ein Lager gesperrt und dann noch geteasert, bevor dich sich  nach ihrem Handy tasten kann, um endlich den Notruf zu betätigen.

Vorher passiert noch ein bißchen was Surreales, was fast an die gewöhnliche Psychose denken läßt, denn der Rock verwandelt sich in ein Hermelin und ein unbekannter Mann taucht auf und über vieles wird auch noch phantasiert, während die betrogene und mißbrauchte Adele durch Stockholm läuft und Marlene Streeruwitz sich durch das politische Leben Österreichs von März bis Oktober des letztes Jahres geschrieben hat.

Das Buch ist im Mai dieses Jahres, ein paar Tage  nach dem Aufkommen des Ibiza-Videosj und der Abwahl der Regierung, erschienen, was wieder alles verändert und die Rezeption des Buches ein bißchen verschoben hat.

Da ich das Buch vor Bekanntgabe der deutschen Shortlist gelesen habe, weiß ich noch nicht, ob sie darauf gekommen ist, würde es aber vermuten, da Marlene Streruwitz das ja schon mit der „Schmerzmacherin“  passiert ist. “ Nachkommen“ das das thematisiert, sind dagegen „nur“ auf der Longlist gestanden.

2018-06-19

Eines Tages verschwand Karola

Filed under: Bücher — jancak @ 00:22
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Jetzt kommt das, glaube ich, siebente Buch der 1952 in geborenen Judith Gruber Rizy, die mir einmal in den Neunzigerjahren von Arthur West bei einer Lesung vorgestellt wurde, mit ihr in der GAV und auch eine Zeitlang in der „Frauen lesen Frauen Gruppe des ersten Wiener Lesetheaters“ war, bei der sie noch immer tätig ist und wo sie sich auch sehr für die vergessenen Schriftstellerinnen des vorigen Jahrhunderts oder überhaupt für vergessene Frauen, wie Veza Canetti, Gabriele Münter, etcetra, interessiert.

Ich weiß gar nicht mehr genau welche ihrer Bücher ich gelesen habe.

„Aurach“ bestimmt und wahrscheinlich auch die Prosa „Zwischenlandschaft“, „Drift“ und „Schwimmfüchslein“ habe ich gelesen, bei den anderen Büchern war ich, glaube ich, auf Lesungen und habe Judith Gruber-Rizy auch regelmäßig beim Volksstimmefest und bei der Poet-Night gehört und es hat auch eine Zeitlang Frauenlesungen in der Galerie Heinrich gegeben.

Sie hat Germanistik und Theaterwissenschaften studiert, war, glaube ich, lange als Journalistin bei der Volksstimme tätig und ist jetzt schon länger freie Schriftstellerin, mit Helmut Rizy verheiratet und eine ihrer Eigenarten oder Besonderheiten ist, daß alle ihreHeldinnen den Namen Rosa tragen und ihr neues Buch „Eines Tages verschwand Karola“, zu dem Erika Kronabitter eine Beschreibung im Klappentext gab, hat mich sowohl ein wenig verwirrt, als auch verwundert.

Halte ich sie ja für eine sehr kritische Frau, die sich für die Unterdrückten oder gegen die Unterdrückung einsetzt und jetzt sind die diesmalige Rosa und auch ihre Freundinnen Karola und Antigon eigentlich sehr bürgerliche Frauen und machen oder lassen Dinge mit sich geschehen, wo ich eigentlich einen Aufschrei erwartet hätte.

Es ist ein sehr ruhiges Buch, da passiert ja nichts, könnte man auch hier sagen. Zumindest erfährt man bis zum Schluß  nicht wirklich wohin jene Karola jetzt verschwunden ist und warum und wieso?

Es werden an ihrem Beispiel vielmehr die Pardoxien und Widersprüchlichkeiten des Lebens aufgezeigt und die Widersprüche was und wer jetzt wem was verschweigt sind  vielleicht auch das Interessante daran.

Spannend auch der ruhige und genaue Erzählton, eines der Merkmale der Autorin, hier hat mich aber die Trivialität ein bißchen verblüfft, in der der Stoff öfter abgleitet.

Da ist also die Ich-Erzählerin, die wieder Rosa oder eigentlich Rosemarie heißt und die erzählt ihrer Freundin Anne auf einer Fahrt nach Bilbao, daß ihre Freundin Karola vor fünfundzwanzig Jahren verschwunden ist.

Und vor fünfundzwanzig Jahren hat sie das ihrer Freundin Antigone „Wer Antigone heißt, ist für sein Leben gehzeichnet.  Es macht das Leben leichter, wenn man Rosa heißt“, auf der Fahrt in das Wochenendhaus erzählt, worauf die spontan beschlossen hat, nach Karola zu suchen und das hat, wie Rosa Anne weiter erzählt, ihr Leben auf einem Schlag oder nach und nach verändert.

Denn damals war sie mit einem Lateinlehrer namens Julius verheiratet, der eigentlich Werner hieß, war Lektorin in einem Verlag und nicht besonders glücklich und Karola war eine Bekannte, die sie in einem Sprachkurs kennengelernt hat. Sie ist an die vierzig und Sekretärin bei einem Rechtsanwealt. Karolas Mutter ruft Rosa eines Montags an und fragt nach ihr, denn sie ist, die noch am Samstag bei ihr war, auf einmal verschwunden.

Die beiden Frauen forschen nun nach und bekommen nicht viel heraus und diese Karola, füge ich vielleicht an, bleibt auch erstaunlich blaß und widersprüchig. Es gibt einen Freund namens Robert und eine Freundin namens Carla, die nie jemand gesehen hat und der Nachbar Gerhard, ein ewiger Sinologiestudent erklärt den fragenden Frauen überheblich, das hätte Karola nur erfunden und wäre eigentlich in ihrem Rechtsanwalt verliebt gewesen.

Aber in den verliebt sich sofort Antigone, bei der Recherche, übernimmt Karolas Posten und bekommt von ihm drei Kinder, bevor er sie wegen einer Jüngeren verläßt und Rosa hat, als sie Anne all das erzählt, ihren Julius längst verlassen und begonnen Romane über vergessene Schriftstellerinnen des vorigen Jahrhunderts zu schreiben.

Sie hat auch ein Jahr nach Karolas verschwinden versucht, einen Roman darüber zu schreiben, der aber nicht fertig geworden ist, war sie doch zu nahe an den real existierenden Personen daran  und ein Teil des Buches widmet sich auch der Frage, wie das mit den verzerrten Erinnerungen ist?

Es gibt dann noch eine sehr kitschige Stelle, das Ende des ersten oder zweiten Romanversuches.

Denn da hat sich inzwischen herausgestellt, daß jener Robert, von dem Rosa ein Bild gesehen hat, einmal vor sechs Jahren vor dem Verschwinden einen Sommer in einer Pension mit Rosa verbrachte, jetzt, drei Wochen vor ihrem Verschwinden hat sie in der Pension angerufen und nach Robert gefragt, der aber nichts von ihr wissen will, weil auch verheiratet, etcetera.

Karola fährt aber in einer Romanversion zu ihm hin und rüttelt an seiner Tür, Antigone ist ihr hinterher, will sie davon abhalten, Karola zieht das Küchenmesser und sticht zu.

„Ja!“, sagt Anne, das wäre ein Schluss, der mir gefallen könnte..“

„Aber so war es nicht“, sage ich, „denn eigentlich hat die Geschichte von Karolas  Verschwinden bis heute kein wirkliches Ende gefunden.“

So war es, kann ich gleich spoilernd anfügen, hat aber zweihundertfünfzig Seiten gefüllt und in einem sehr ruhigen, manchmal etwas widersprüchigen Ton vom Frauenleben, seinen Veränderungen und auch von einigen Ungereimtheiten erzählt.

„Ein Roman geschrieben aus der Sicht einer Frau mit all der Verwunderung über die wechselnden eigenen Befindlichkeiten. Ein Roman über die Reifung zur selbständigen und selbstbewußten Frau. Ein Roman der lange nach dem Lesen im Gedächtnis haften bleibt“, hat Erika Kronabitter am Klappentext geschrieben und am Buchrücken steht noch „Judith Gruber-Rizy brilliert erneut und schafft in ihrem Roman vielschichtige Figuren, die die Dynamik des Lebens in seiner vollen Bandbreite zeigen.“

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