Literaturgefluester

2020-08-07

Wir haben Raketen geangelt

Filed under: Bücher — jancak @ 00:06
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Geschichten der 1974 in Hamburg geborenen Karen Köhler, die mit einer davon 2014 beim „Bachmnannpreis“ lesen sollte, aber nicht konnte, weil sie die Windpocken hatte und man damals noch live dabei sein mußte. Im Vorjahr ist sie mit „Miroloi“ auf der Longlist des dBs gestanden, da habe ich auch den Erzählband im Schrank gefunden, „Bestseller“ steht darauf, was für Erzählungen einer recht jungen deutschen Autoren schon ungewöhnlich ist und die Erzählungen haben es in sich, obwohl sie genau genommen gar nicht so ungewöhnlich sind, aber in einer erstaunlich frischen fetzigen Sprache erzählt werden.

Da liegt eine junge Frau mit Krebs und künstlichen Darmausgang ohne Haare im Spital, warten auf ihren Freund und trifft den „Comandante“ in der Cafeteria, der ist ein alter Mann im Rollstuhl, der eine Mischung zwischen Spanisch und Englisch spricht. Der kauft ihr eine Perücke, bestellt ihr ein Kleid, damit sie ihren Freund beeindrucken kann und, als es dann so weit ist, ist er gestorben und eine andere junge Frau trifft in Amerika in der Nähe von Las Vegas halbverdurstet und ohne Rucksack einen Indianer. Der gibt ihr zu trinken, kauft ihr Pommes Frites und eine Sonnenbrille, dann gewinnen sie zweitausend Dollar im Casino. Er wird zusammengeschlagen, hat hohes Fieber, sie päppelt ihn in einem Motel mit dem Federschmuck auf dem Kopf eine Nacht lang auf und resumiert dazwischen ihr Leben.

In „Polarkreis“ geht eine kurz mal Zigaretten holen und schreibt ihrem Liebsten dann infolge Briefe und Postkarten aus Italien.

Dann wird eine junge Frau, die im Heimatdort einen Bioladen führt, von einem Jugendfreund, der Journalist geworden ist und damit einen Preis gewonnen hat, besucht, sie trinken Schnaps und Champagner. Dann führt sie ihn auf den Friedhof, wo ihre Schwester liegt. Er hat sie einmal ihr vorgezogen, dann lag er mit ihr nach ihrem Tod doch im Heu. Das Kind hat sie verloren und in der Nacht heimlich in der Schwester Grab gelegt.

Ähnlich daramatisch, die Titelgeschichte. Da erinnert sich eine an ihre Jugendliebe, der sie durch Selbstmord verlassen hat und in „Familenportraits“ waschen Töchter in der Mittagspause, das Geschirr ihrer betrunkenen Väter, besuchen die Mutter im Altersheim, die sie beschimpft, eßen mit ihren Eltern zu Weihnachten Gans, etcetera.

In „Starcode Red“ geht es auf eine Luxus-Yacht, wo sich, weil sie von ihrem Freund verlassen wurde, eine Schauspielerin als Entertainerin anstellen ließ und nun von den Vorschriften und Regeln der Security schikaniert wird.

In „Wild ist scheu“ zieht sich eine mit einem Wasserkanister, einem Schlafsack und noch ein paar anderen Sachen auf einen Hochstand zurück,den Müsliriegel den sie auch noch bei sich hat, schmeißt sie hinunter, beachtet das Wild und wartet auf den ersten Schneee, während in „Findling“ die siebzigjährige Asja irgendwo in den russischen Wälder ihre gesamte Familie begraben hat.

„Karen Köhler schreibt über die dramatischen Momente im Leben“ steht in der Beschreibung am buchbeginn und am Buchrücken hat Ursula <märz „Reden wir nicht drum herum: Da ist Meisterschaft am Werk“, gewchrieben.

„Stimmt!“, würde ich antworten.

Dramatische Momente, Ausnahmesituationen in einer schönen Sprache und ungewöhnliche Titel, kleine schöne Illustrationen gibt es immer wieder auch.

2020-07-26

Abschiedsfarben

Filed under: Bücher — jancak @ 00:41
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„Geschichten über Abschiede, die belasten, und Abschiede, die befreien, über das Gelingen und Scheitern der Liebe, über Vertrauen und Verrat, über bedrohliche und ewältigte Erinnerungen und darber, wie im falschen Leben oft das richtige liegt und im richtigen das falsche“, des 1944 bei Bielefeld geborenen Jruisten Bernhard Schlink, Autors des berühmten „Vorleser“, von dem ich außer einem Krimi noch „Olga“ gelesen habe, steht als Nächstes auf meiner Leseliste und beeindruckend die Ironie und der feinen Ton des alten Mannes, der in hoher Brillanz wohl Abschied von seinem Leben nimmt.

In „Künstliche Intelligenz“ nimmt der Ich-Erzähler Abschied von seinem Freund Andreas. Beide haben in der DDR ein Institut über Kybernetik aufbauen wollen, aber Andreas wollte mit einem Boot nach dem Bau der Mauer in den Westen. Das hat er anonym verraten und ist Institutsleiter geworden und Andreas nach seiner Haftstrafe nur von ihm geförderten Zweiten oder Gehilfen. Der ist längst gestorben. Jetzt kommt aber die Tochter, will die Geschichte aufarbeiten und die Stasi-Akten haben. Da hilft nur Verdrängen, Dissoziieren oder eben, das berühmte Abschiednehmen.

In „Picknick mit Anna“ steht ein alter Lektor oder „Buchdoktor“, also einer „der aus schlechten Manuskripten gute Bücher macht“, auch ein leicht überheblicher oder ironischer Überton, am Fenster in der Nacht und beobachtet, wie Anna, die Hausmeistertochter, der er Nachhilfestunden gab, um aus ihr eine „feine Dame, wie in Pygmalion“ zu machen und mit ihr in Oper ging, von ihrem Freund ermordet wird. Er steht dabei und holt nicht die Polizei oder den Rettungsdienst. So kommt der Kommissar zu ihm und sagt ihm, eine Nachbarin des Nebenhauses hätte ihn am Fenster gesehen. So resummiert er über seine Beziehung zu Anna und holt dann die Pistole, um, wen den Freund oder sich selbst zu töten?

In „Geschwisterliebe“ trifft ein Musikwissenschaftler Susanne, seine Jugendliebe wieder. Er hat sich als Sechzehnjähriger in dieTochter aus reichen H<haus verliebt, die aber einen rollstuhlfahrenden Bruder hat, der sein bester Freund wurde. Die Eltern tuen alles um den Jungen zu fördern, Er will aber auf einer fremden U<u<u<uni studieren und Philip soll ihn begleitet. Der will Susanne nicht verlassen, die ihn aber nicht als Liebhaber will, so geht er nach Amerika. Jahrzehnte später wird er von Susanne, die verheiratet ist und zwei Kinder hat, ein fünftes gibt es auch noch, sagt der Mann spöttisch zu einem Vortrag über Fanny Mendelssohn eingeladen und erfährt, daß der Bruder, der alle „Arschloch“ nennt, dement geworden, als fünftes Kind im Haushalt lebt und Susanne gesteht ihm, daß sie es war, die damals Eduard vom Berg hinuntergestoßen hat, weil sie auf ihn wütend war und jetzt lebenslang dafür büßt.

Ein wenig altmodisch und sehr konstruiert wirken die Geschichten, die von Ursula März besser, als die Romane empfunden werden. Mir sind sie vielleicht ein wenig zu dicht.

In „Amulett“ wird eine Ärztin vom ehemaligen Au Pair Mädchen besucht, die hat ihr den Mann weggenommen. Jetzt hat er Krebs und will seine Ex-Frau sehen. Sie trifft sich nach längeren Zögern mit ihm und er übergibt ihr das Amulett, das ihr seine Mutter hinterlassen hat.

Noch einmal tragisch die Geschite der „Geliebten Tochter“, die heißt Mara und ist nicht das Kind von Bastian, denn der hat Theresa erst kennengelernt, als sie schon fünf war. Ist aber ein Vorzeigevater mit dem Mara über alles sprechen kann. So fragt sie ihn einmal, ob sie lesbisch ist, weil sie ein Verhältnis mit ihrer besten Freundin Sylvie hat. Dann gibt es aber einige Freunde. Mara wird Gebärdensprachenlehrerin, bevor sie zu Sylvie endgültig zurückkehrt. Jetzt wollen die beiden, die im weißen Kleid und weißen Anzug heiraten, ein Kind. Die künstliche Befruchtung hilft nicht. So fährt sie mit Bastian in ein Hhotel und kommt in der Nacht zu ihm. Er erkennt sie angeblich oder tatsächlich nicht, glaubt, sie wäre Theresa und ist danach nicht sicher, ob die drei Frauen, das miteinander ausgemacht haben, wälzt auch noch die Literatur, wo solche Geschichten erwähnt werden und wird dann ein Großvater, der sich in sein Schicksal ergibt.

„Der Sommer auf der Insel“ nimmt das Motiv von Stefan Zweigs „Brennenden Geheimnis“ auf. Ein Junge fährt mit seiner Mutter im Sommer auf eine Insel und entdeckt dort das Geheimnis, das sie mit einem Fremden hat und in „Daniel, my brother“, wird vom Selbstmord eines Bruders, der sich mit seiner Frau umgebracht hat, berichtet, was laut dem Interview mit Ursula März autobiografische Bezüge zum Autor hat.

In „Altersflecken“ gehen einem nach dem siebzigsten Geburtstag alle Niederlagen, Peinlichkeiten, Enttäuschungen seines Lebens durch den Kopf. Der Psychiater nennt das Altersdepression und will was Auffhellendes verschreiben. Er spürt aber einer ehemaligen Geliebten auf und am“Jahrestag“ geht ein auch schon älterer Herr, erfolgreicher Schriftsteller mit jüngerer Geliebten erfolgreicher Journalistin in ein Restaurant, um Champagner zu trinken und sie fordert ihm zum Tanzen auf, was bei ihm ein bißchen Widerwillen erregt.

Das ist auch etwas das man an dem wohlgeschliffenen Buch bemängeln könnte, daß alle Geschichten in der gehobenen intellektuellen Mittelschicht spielen. Die Protatgonisten, Ärzte, erfolgreiche Geschäftsleute, cetera sind, Campagner trinken und die Männer jüngere Geliebte haben und beinahe sorglos ihre Ehen brechen etcetera.

Ich weiß schon, das ist höchstwahscheinlich die Lebenswelt des Autors, der ja ohne Zweifel etwas Altmodisches in seiner Themenwahl und Sprache hat, obwohl er auch durchaus aktuelle Themen anschneidet, die aber dann in dieser Art und Weise behandelt und da würde es ihm wohl nicht wirklich liegen, mal einen jügeren Knaben um des Erfolgs oder auch um der Liebe willen mit seiner Chefin anbändeln lassen und die dann nicht zum Champagner sondern vielleicht zum Joint verführen.

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