Literaturgefluester

2022-06-25

Simon Bauers Bachmanntext

Filed under: Textbeispiel — jancak @ 00:00
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Zum Auftakt des heurigen „Bachmann-Preises“, der wieder ganz, wie gewohnt in Klagenfurt stattfinden wird, gehe ich ein bißchen in die Zukunft oder gebe eine Kostprobe aus den „Gestohlenen Jahren“:

„Eins, zwei, drei G, hipp, hipp, hurrah, testen, testen, testen, positiv, negativ positiv. Natürlich haben wir das brav getan. Vier, fünf, sechs, sieben und dann gab es noch zwei G in der Literatur. Geimpft oder genesen war da die Devise und sollte so sein. Ein hygienisch reiner Text und ganz sterile Immunität. Nur so darfst du dich bewerben und sollst du schreiben. Also, lieber Autor, liebe Autorin, laß dich brav impfen, wenn du im Literaturbetrieb erfolgreich sein willst. Denn sonst bist du out und an den Rand gedrängt. Giltst als literarisch unterbelichtet und wenn du vielleicht auch noch auf eine dieser Corona-Demos gehst, bist du endgültig verloren. Giltst als rechter Nazi und wirst ausgeschieden. Also halte dich an unsere Regeln und laß dich dreimal impfen. Dann kannst du deinen Text einreichen, darfst ihn vielleicht lesen und sogar gewinnen. Bei den Juroren ist das ebenfalls so. Da gilt auch ein lupenreiner Literaturgeschmack. Nur mehr solches ist gefragt und wird zugelassen. Die Sterilität der Literatur ist unser Forschungsgegenstand. Ist hipp hurrah modern geworden und ich wäre wieder einmal übergeblieben, wenn ich schon geschrieben hätte“, tippte Simon Bauer in den Laptop und atmete tief durch. So würde es gehen. So würde er den Text verfassen und sich damit um den hehren „Bachmann-Preis“ bewerben von dem er sich erinnern konnte, daß Angela ihm vor fünf oder sechs Jahren erklärte, daß das das Eingangstor für junge Autoren in die Literatur sei. Das hatte ihm damals im Gegensatz zu Angela, die er in Verdacht hatte, daß sie heimlich schrieb, nicht sehr interessiert. Hatte nicht im Traum daran gedacht, Literat zu werden. Hatte das im Gegenteil, er gab seine Vorurteile zu, etwas für Schwächlinge oder junge Frauen gehalten. Wirtschaftsjurist wollte er damals werden. Die Rektorin der WU hatte das aber verhindert und ihn Anfang Februar 2022 vertrieben. Ein paar Wochen vorher mußten die Teilnahmebedingungen für den begehrten Preis ausgeschrieben worden sein.

„Aber nur mit 2G. Etwas anderes ist nicht zugelassen und wollen wir nicht hören. Schon gar keinen Roman oder Erzählung, die sich kritisch mit der Covid-Situatuin auseinandersetzen. Das werden wird nicht hören. Also keine Schwurblerliteratur, denn die wollen wir nicht lesen und lassen sie nicht zu.“

Diese Vorsucht war zu diesem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich schon unbegründet, denn die hoffnungsvollen Jungautoren und Jungautorinnen, zu denen vielleicht auch ein paar Sprachkunststudeten zählten, waren vermutlich schon so traumatisiert oder angepasst, daß sie nicht im Traum daran dachten, sich kritischh zu diesem Thema zu äußern. Schrieben stattdessen über die Erlebnisse ihrer Groß- und Urgroßeltern, die diese vor langer Zeit in Sibirien einmal erlebten oder von Blumen und Bienchen. Setzen sich vielleicht überhaupt nur mit der Sprache auseinander und geimpft waren sie, wenn sie irgendwo lesen oder ein Stipendium in Anspruch nehmen wollten, sowieso. Das war schon lange selbstverständlich und keine Frage wert. Die paar Außenseiter, die ihre Poetry Slams auf Antimaßnahmen-Demos vortrugen waren out und kamen diesbezüglich nicht in Frage. Die reichten höchstwahrscheinlich gar nicht ein. Drohten höchstens sich den Wettbewerb zu entziehen. Den würden sie selbstverständlich boykottieren, hatten sie vielleicht auf ihren Blog oder auf Facebook, geschrieben. Aber ihn hatte das damals nicht interessiert. Wenn er ehrlich war, hatte er im Jänner 2022 von den verschärften Teilnahmebedingungen nichts mitbekommen und keine Ahnung gehabt, daß er einen diesbezüglichen Text verlassen sollte. Die Zeiten hatten sich geändert. Jetzt konnte, durfte, sollte er darüber schreiben. Damals war es verboten gewesen und hatte ihn auch nicht beschäftigt. Denn im Juni 2022 , wo der Wettbewerb stattgefunden hatte, war er durch Slowenien getingelt und hatte keine Ahnung von dem Geschehen gehabt. Es hatte ihn so wenig interessiert, daß er die hehre Veranstaltung nicht einmal boykottierte und sich die Lesungen der vollgeimpften Jungautoren, die von Blumen, Bienen und in schöner Sprache von den Erlebnissen ihrer Großväter im zweiten Weltkrieg berichteten, nicht angehört. Die waren wohl ordnungsgemäß auf die neue Art und Weise abgewickelt worden, obwohl es da schon wieder Sommerlockerungen gegeben hatte. Kein Wort von Corona und der Maßnahmenpolitik. Vom Angriffskrieg der Russen in der Ukraine, der zu diesem Zeitpunkt stattgefunden hatte, war wahrscheinlich schon geschrieben worden. Aber nicht von den Jungautoren, die ihren 2G konformen Text schon vor Kriegsbeginn einreichen hatten müssen. Die jungen Autoren und Autorinnen hatten gelächelt und gestrahlt und die Siegerin oder der Sieger, da hatte er noch immer keine Ahnung, wer das gewesen war und musste sich erst informieren, hatte wahrscheinlich mit einer schwarzen oder weißen FFP2-Maske versehen, den Juror, der die Laudatio hielt, ein Küsschen auf die Wange gedrückt und von ihm ein solches entgegengenommen.

Ich gratuliere für das keimfreie Stück 2G-Literatur! So soll es sein und wollen wir es haben!“, hatte damals wohl der Veranstalter gesagt. Das war jetzt vorbei und längst vorüber. Als wäre es nur ein schlechter Traum gewesen. Man konnte, durfte, sollte darüber schreiben. Die Traumatisierungen überwinden und das würde er tun, dachte Simon und blickte in den Laptop, der sich mit seinem Text gefüllt hatte.

Karl Kasterer konnte sich freuen und er würde nach Barbara suchen, wenn er nach Wien zu seiner Lesung kam oder vielleicht schon früher. Er würde an Moritz schreiben, der vielleicht noch in der Albertgasse wohnte oder vielleicht auch nicht. Denn die Jahre waren vorübergegangen und Moritz und Angela wahrscheinlich mit ihrem Studium fertig, wie das vermutlich auch Barbara war. Die war an ihrer Adresse nicht mehr zu erreichen. Das hatte er in den letzten Jahren irgendwann herausgefunden und gehört, daß ihre Eltern gestorben waren und sie bei ihrer Tante oder Großmutter lebte, von denen er keine Adresse hatte oder wieder falsch. Die Großmutter war Allgemeinmedizinerin. Ihre Ordination wäre also zu finden. Aber höchstwahrscheinlich gab es die Praxis nicht mehr, denn die Großmutter in Pension, wenn nicht Barbara ihre Praxis übernommen hatte. Aber ihren Turnus konnte sie noch nicht abgeschlossen haben. So schnell ging sich das nicht aus, dachte er und blickte noch einmal auf den Schirm.

„Eins, zwei, drei, vier oder fünf G. Wie das auch bei der Impfung war, obwohl wir jetzt schon wissen, daß die vielleicht doch nicht ganz hält, was versprochen worden war. Geimpft, geboostert oder genesen. Nur so kann es sein. Nur so dürfen die schönen Worte zu uns dringen. Cero-Covid ist angesagt und unser Ziel, obwohl sogar die Chinesen und die Australier herausgefunden haben, daß das vielleicht nicht möglich ist und Omikron, das noch im Juni 2022 herrschte, auch die Geimpften ansteckend. Vielleicht verbreitete sich das Virus also auch im hehren ORF-Theatersaal. Da aber die jungen Leute nicht schwer erkrankten, machte das nichts aus und da sie alle geimpft und geboostert waren, sowieso nicht. Also viele sterile schöne Worte. Null-Covid der Literatur ist die Losung. Geimpft, geboostert und genesen. Positiv, negativ, positiv soll es sein und ich halte mich ebenfalls daran oder auch nicht. Denn ich bin ein Außenseiter, der Literatur und immer noch ungeimpft. Sitze aber trotzdem vor Ihnen, lese Ihnen vor und freue mich, wenn es Ihnen gefällt!“, tippte Simon Bauer in den Laptop und schaute zufrieden vor sich hin.

Und hier gibt es schon einen „Bachmannpreis-Text“, der sich auf 2009 bezieht.

2022-05-24

Zwei Südtiroler und die neuen Bachmannleser

Letzter Abend des heurigen „Dichterloh-Festivals“, beim ersten mit Ronya Rothmann und Anzhelina Polonskaya bin ich live gewesen, beim zweiten war ich beim „Literarischen Lenz“, den dritten mit Semjon Hanin und Llujeta Lieshanaku habe ich gestreamt, beim vierten war ich bei der „Lyrik im März“, obwohl der Mai jetzt schon zu Ende geht. Aber seit zwei Jahren ist alles verrückt und jetzt der letzte Abend mit Joseph Zoderer und Sepp Mall wieder live und ganz ehrlich, ich habe wahrscheinlich schon vorher gewußt, daß mich das interessiert und das die besten Gedichte sind, habe ich von den beiden Südtiroler autoren ja schon jeweils etwas gehört, oder gelesen und ich muß schreiben es war wirklich sehr beeindruckend den 1935 in Meran geborenen Mann mit Hut und weißer Jacke, der sich schon schwer mit dem Gehen tut und, wie er erwähnte unlängst im Spital gewesen sein muß, zu hören und sein bei „Haymon“ erschienener Band „Bäume im Zimmer“ klingt auch sehr originell.

Bäume im Zimmer das gibt es doch nicht, der alte Mann, der beim Lesen mehrmals gezittert hat, hat das Motiv aber über das ganze Buch gezogen und das und die Begegnung mit den Pflanzen, die da mehrmals thematisiert wurden war höchst beeindruckend. So hat Michael Hammerschmid auch die bilderreiche Sprache sehr gelobt und Joseph Zoderer meinte, daß die Lyrik bei ihm immer der Nebenstrang war, obwohl neben den Romanen jetzt auch schon sieben, glaube ich, Gedichtbände erschienen sind. Joseph Zoderer scheint auch seine ganze Familie mitgebracht haben. So sind jedenfalls zwei kleine Mädchen in der ersten Reihe gesessen, die aufmerksam dem, wie ich vermute, Urgroßvater lauschten und der aus einer Bauernfamilie stammende Sepp Mall ist zwanzig Jahre jünger und in seinem „Haymon-Band“ „Holz und Haut“ ging es auch, um die Natur. Allerdings nicht nur, es ging auch um „Auschwitz“ und einige Zyklen sind in dem Buch, um ein Langgedicht gereiht. Sepp Mall gab Proben daraus und las sich durch das Buch und erzählte dann, daß er sehr lange braucht, bis er mit der „Schönheit der Sprache“ zufrieden ist und natürlich geht es auch um den Inhalt, aber eigentlich ist es die Sprache, die den Südtiroler interessiert, der auch schon Romane geschrieben hat, ja das gibt es öfter, als man meint und Lehrer ist er, wie er sagte, auch sehr lange gewesen.

Am Schluß bedankte sich Michael Hammerschmid bei den Autoren und beim Publikum, wünschte schönes Lesen und lud zum nächsten Lyrikabend bzw Festival ein und noch etwas ist an diesem Tag geschehen, außer, daß die Maskenpflicht in den Supermärkten nächste Woche endlich fällt, wie heute bekanntgegeben wurde und die Impfpflicht wird auch noch nicht scharf gestellt und weil sich jetzt alles außer dem Affenpockenvirus wenigstens über den Sommer zum Guten wenden scheint, bin ich gespannt, ob das noch gilt, daß man, wenn man beim „Bachmann-Preis“ liest, geimpft sein muß?

Bei der Einreichung war es so und so wurden vierzehn höchstwahrscheinlich Geimpfte heute bekanntgegeben. Die Preislesung wird heuer Ende Juni endlich wieder live vor Ort vonstatten gehen. Ich werde sie natürlich streamen und sechs der vierzehn Auserwählten habe ich gekannt oder von ihnen schon etwas gelesen und das ist erstens von den mir Bekannten, der auf der Debutpreisschiene des Öst gestandenen Clemens Bruno Gatzmaga mit seinem „Jakob“, dann der österreichische Literaturstar „Priessnitz-Preisträger“, mal sehen, wie er sich in Klagenfurt schlägt, Elias Hirschl, dessen „Salonfähig“ ich noch lesen muß. Hoffentlich schaffe ich es bis zum Wettbewerb, dann Anna Marwan, die beziehungsweise deren Buch habe ich durch das Bloggerdebutpreislesen kennengelernt. Eva Sichelschmidt ist einmal auf der Longlist des dBps gestanden und ist, glaube ich, etwas älter, als die schon erwähnten. Bei Hannes Stein, der in den USA lebt, ist das ebenso und von ihm habe ich schon zwei Bücher gelesen und am Schluß kommt wieder ein jüngerer österreichischer Literaturstar Barbara Zeman,, also spannend, ob sich die oder die acht anderen durchsetzen werden? Und ich kann noch anfügen oder habe es schon geschrieben, daß es in den „Gestohlenen Jahren“ , das ich jetzt fertig korrigiert habe, auch um den „Bachmann-Preis“ geht. Da wird, das Buch spielt 2027, Simon Bauer zum Lesen eingeladen und er hat einen Corona kritischen Text und ist auch noch ungeimpft. Das wird bei den Kanditaten offenbar nicht so sein. Seien wir gespannt und ein Stück von Simon Bauers „Bachmann-Text“ werde ich auch, wenn es soweit ist, hier veröffentlichen.

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