Literaturgefluester

2016-05-26

Gute Reise

Filed under: Bücher — jancak @ 08:38
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Ein Slogan passend zur eigenen Reise, aber auch heitere Verse von Eugen Roth,  dem Müncher Lyriker, 1895 – 1976, mit den berühmten „Ein Mensch….“ Gedichten, aus dem Carl Hanser Verlag, der ebenfalls in München angesiedelt ist, aus dem Jahr 1954, ein sehr altes Bändchen also und ein Fund aus dem offenen Bücherschrank, der jetzt auf meiner Leseliste steht.

Ein Mann mit blauen Anzug, gelben Schal, weißen Hut und Schuhen gut gelaunt mit einer Pfeife im Mund, man sieht, es ist ein altes Buch, denn solches wäre heute als Cover wohl nicht mehr möglich, sitzt auf einem Schiffchen mit zwei Rädern mit einem roten Regenschirm auf dem „Gute Reise“ steht und fliegt damit ins blaue, in die Wolken in die Zukunft hinein.

So weit das Cover und dann geht es los mit den heiteren Versen, kurz nach dem Krieg geschrieben wahrscheinlich, denn manche beziehen sich noch darauf, so gibt es doch die „Kriegsfahrten“, wo der Landser „kam durch den Krieg, höchst unfreiwillig, Oft weit herum und zwar recht billig, Weil ihm der gute Vater Staat Die Hinfahrt gern bezahlen tat“

Aber es ist auch die Zeit des Aufschwungs, wo die Straßen gebaut werden und die Autos dahinrasen zu den Gasthäusern, die sich schnell auf Gäste einstellten und dann enttäuscht waren, wenn die vorüberfuhren oder die Leute, wenn ein Omnibus, wie das damals hieß, doch anhielt,  nur schnell auf die Toilette wollten, in die Büsche schifften und vielleicht auch noch den Flieder stahlen.

Auf 144 Seiten macht sich der humoristische Lyriker, oft auch in seinen Menschgedichten, über all das lustig und reimt mit scharfen Ironie:

„Die Gletscher wandern und die Dünen, Von Wanderpreisen, Wanderbühnen, Von Wanderlebern oder nieren Muß weiter man kein Wort verlieren. Es reist der Lachs, es reist der Aal. In ganzen Schulen zieht der Wal.

Das machen aber auch die Menschen, ist es offenbar die Zeit des Massentourismus und der Pauschalreisen, wo der arme Einzeltourist, Eugen Roth mag es erlebt haben, dann kein Zimmer und kein Essen bekommt, weil alles schon besetzt oder vorausbestellt.

„Ein Mensch, der kürzlich ganz privat Spazieren gehn in München tat, an Leuten aus Versehn geriet, die standen wo in Reih und Glied“

Ist ja nicht so schlimm könnte man denken, geht man halt vorbei an der Reisegruppe, aber „und drohend wurde er gebeten Bei seiner Gruppe einzutreten. Er protestierte doch vergebens: Schon ward, trotz seines Widerstrebens, Der Mensch mit abegezählt zu  vieren.

Und hat zum Schluß, schon halb betäubt, sich auch nicht länger mehr gesträubt. Als unfreiwilliger Ersatzmann Sah er den Königsstein und Watzmann Und war auch, gegen Mitternacht nach München heil zurückgebracht“

Wahrscheinlich auch nicht ganz so schlimm, schlimmer ist es vielleicht, wenn man den Zug versäumt, obwohl man doch extra deshalb, um sechs aufgestanden ist, während ein anderer Glück gehabt, viel später aufstand und doch zurechtgekommen ist.

„Merke!“, fügt Eugen roth noch listig an, das ist eine Metapher für das auf und ab des Lebens.

Aha, und wenn man schon Reisen macht, beispielsweilse nach Italien, wie in den Fünzigerjahren üblich, aufgebrochen ist, muß man den Zurückgelassenen auch Souveniers mitbringen. Auch davon lebt eine Industrie und die Verwandten warten auf den „Schund“, wie Roth manchmal abschätzig schreibt.l

„Edelweiß und Alpenrosen, Geldbeutelige Lederhosen, Kuhglocken, goldig, läutend hell, Mit einem Bild von Bayrischzell. Die ganze Welt wird untergehen, ihr werdet noch im Laden stehen.“

Und

„Doch kanns selbst Guten kaum gelingen, Heut noch was Schönes mitzubringen. Ist doch die ganze Welt im Grund Nur übervoll vom gleichen Schund“.

Da sind wir schon bei der „Werbung“,  bei der „Reklame“, wie das damals hieß:

„Die Reiselust Dir zu beraten, Starrt jede Wand bunt von Plakaten“ und auch bei der Zeit, denn die hat man ja in Zeiten des Massentourismus, wo man Rom in einen Tag, oder vielleicht in ein paar Stunden sehen, soll, nicht mehr.

„Spottbillig drückt wenn auch mit Schmerz, Der treue Schweizer dich ans Herz.“

Und dann steht man in Weimar und bekäme vielleicht, wie es früher üblich war, eine Einladung von Goethe, ihn in drei Tagen zu besuchen, aber da ist man schon längst abgereist, das Bett ab-beziehungsweise für den nächsten Massentouristen schon neu überzogen.

„Wer vierzehn Tag, ein Land bereist, Beschreibt es gleich, als Mann von Geist.

Und sieh, er hat im Grunde recht: Der erste Eindruck ist nicht schlecht! Doch nichts zu wissen, war der Schluß Des alten Gregorovius: Wie Rom ist, hört ihr nicht von mir- Ich bin erst dreißig Jahre hier!“

Lang lang ist das her und beim heutigen Pauschaltourismus nicht mehr möglich, aber auch Goethe hat Italien bereist und Roth darüber gedichtet:

„Der Leser möge sich des weitern An Goethes Texten selbst erheitern, Denn trieb ich fort so, breit im Strom, So kämen wir ja nie bis Rom, Geschweige bis Sizilien gar. – Wie fein heraus der Goethe war, Der an den Stätten, die ihm lieb Rund anderthalb Jahre blieb. Das konnt er als Minister halt, Bei weiterlaufenden Gehalt. Und dann noch ein besonderes Glück: Als Klassiker kam er zurück!“

Wir können dagegen ein paar Tage mit einem Bus nach München oder Italien fahren, beziehungsweise ins Kino gehen und uns all das, wohin man fahren könnte, viel einfacher ansehen und Sprachen können muß man als Reisender ja auch noch.

So ist es, wie uns Roth fast anempfiehlt, vielleicht besser gleich zu Hause zu bleiben und einen Abgesang nach all dem Reisefieber, Reisewarnungen und Kartengrüßen gibt es auch:

„Auch ich, der leider fürchten muß, Daß man sich ärgert, mache Schluß. Und wünsche meinem Leserkreise Von Herzen – trotzdem gute Reise“

Nun denn, ich werde es mir zu Herzen nehmen und davon berichten, obwohl ich ja, wie ich ja immer schreibe, eigentlich nicht so besonders reiselustig bin.

 

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2016-03-07

Vielen Dank für das Leben

Filed under: Bücher — jancak @ 00:07
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Die 1962 in Weimar geborene und in Zürich lebende Sibylle Berg hat mit „Vielen Dank für das Leben“, ein alptraumhaftes Szenario über das menschliche Leben geschrieben, das auf der einen Seite dicht und eindringlich, auf der anderen vielleicht etwas übertrieben verworren ist.

Daraufgestoßen bin ich im Zuge meiner „Paul und Paula- Recherche“, denn da habe ich mich ja erkundigt, was ich in Bezug „Transgender“ noch lesen könnte? Habe es empfohlen bekommen, nachgegooglet und bin auf dem ersten Blick gar nicht auf die Problematik gestoßen, denn die  Intersexualität der Hauptperson, wird in dem Alptraumszenario  irgendwie nur mitgeschleift  und wenn man das Buch gelesen hat, ist man wahrscheinlich so depressiv, daß man die Welt, wie hier geschildert, am liebsten  verlassen möchte.

Ich bin ja vor einigen Jahren in die Kartei der „Cornelia von Goethe Akademie“ geraten und habe auf einer der Buchmessen einen diesbezüglichen Schreibratgeber, „Nähkästchen des Schreiben“ heißt er, glaube ich, gefunden und bin da auf Sybille Berg und ihren Erstroman „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ gestoßen, der da sehr gelobt wurde.

Später habe ich den Kolumnen Band „Gold“ gefunden und auf der LL ist sie 2009 mit „Ein Mann schläft“ auch  gestanden.

Voriges Jahr habe ich sie in Leipzig am blauen Sofa über „Der Tag als meine Frau einen Mann fand“  reden gehört und gedacht „Was ist das für ein merkwürdiges Buch oder kapriziöse Autorin?“ und das stimmt wahrscheinlich auch für den 2012 bei „Hanser“ erschienenen Roman, obwohl er mich sehr beeindruckt hat, denn Sibyille Berg zeigt mit klaren Worten und einer sehr starken Sprache die menschlichen Grausamenkeiten und Absuditäten. Übertreibt zum Glück natürlich maßlos dabei, denn sonst müßte man wahrscheinlich noch depressiver werden und das, was sie da über das Aufwachsen des oder der kleinen Toto in der DDR erzählt, könnte genausogut in einem katholischen Heim in Irland oder Wien geschehen sein.

Da wird ein Kind in einer kalten DDR-Klinik von einer kalten Hebamme im kalten Jahr 1966 geboren. Die Mutter ist eine Trinkerin, hat keinen Mann und das Kind hat kein eindeutiges Geschlecht. Es wird der Mutter, ich glaube sie hat keinen Namen, vom Arzt übergeben, der ihr sagt, sie muß sich für ein Geschlecht entscheiden, so wählt sie Junge, nennt ihn Toto, nimmt ihn mit nach Hause und läßt das stille ruhige Kind gleich allein, um sich Alkohol zu besorgen. Dann kauft sie schon Windeln und Milchpulver, denn in der DDR stillte man damals nicht und nimmt ihn auch auf ihren Job als Altenpflegerin in entfernte Dörfer zu abgetakelten Alkoholikern mit (man sieht Sibylle Berg Welt ist mehr als trist) und gibt ihm etwas später in ein Kinderheim ab, wo die Kinder von Republikflüchtlingen und Alkoholiker aufwachsen.

Dort wird Toto von den anderen Kindern und der Erzieherin Genossin Hagen diskriminiert, wegen des zweideutigen Geschlechts, muß er allein duschen, als er gedankenlos eine Blume abbricht, wird er zum Dieb an der Volksgemeinschaft gebrandtmarktund als er alt genug ist, um in den Stock zu ziehen, wo die Knaben und die Mädchen vereint oder getrennt sind, verkauft ihn die Erzieherin an ein ebenfalls trinkendes Bauernpaar.

Toto nimmt das allein gleichmütig hin, er dissoziert würden die Psychologen sagen. Im Heim hat er viel gelesen Dostojewski, Zola, etcetera und ich frage mich nur, wie kommt ein Heim, das den Kindern, die Teddybären wegnimmt, damit sie ḱeine Gefühle entwickeln, zu einer solchen Bibliothek?

Am Land, beim Kühemelken fängt er zu singen an und als er die Grundschule abschließt, verläßt er die Pflegefamlie und geht einfach die Landstraße eintlang. Da kommt ein Bus mit westdeutschen Abweichlern, die den Sozialismus studieren wollen und die bringen Toto über die Grenze. Er bleibt eine Weile in deren WG, dann zieht er von Knepe zu Kneipe, putzt dort und schenkt aus, unterhält die Gäste aber auch mit seinem hohen Gesang.

Der dicke Junge, der wie ein Mädchen aussieht, er wird an eine Musikschule empfohlen, fällt bei der Aufnahmsprüfung aber durch, weil die Idioten dort sein Talent nicht erkennen und hantelt sich weiter durch dieses wunderbare Leben, bis in das Jahr 2000 hinein.

Ein Kasimir kommt auch immer wieder vor,  in den hatte sich Toto schon im Heim verliebt. Der ging noch vor ihm oder ihr in den Westen, wird Hedgefondmanager und verfolgt Totos Leben. Das heißt, er vermittelt ihm zu einer Nierentransplantation, denn der dicke Junge ist auch so selbstlos, daß er niemanden etwas abschlagen kann. Da wird dann Toto zum Mädchen gemacht, was aber auch nicht viel nützt. Es nimmt sie zwar ein Krankenpfleger nach Hause und sie reist mit ihm nach Asien.

Später wird Toto Metallarbeiterin und ebenfalls  Altenpflegerin und in dem Teil, der bis in das Jahr 2030 geht, fahren Toto und Kasimir  nach Paris.

Da hat sich die Welt dann wieder verändert, der Kommunismus ist durch den Kapitalismus ersetzt worden und die Welt teilt sich in die Reichen und die Arbeitslosen. Die Mittelschicht gibt es nicht mehr und aus der Stadt Paris wurde die in die Vorstädte verdrängt. In die Stadt kommen die Touristen aus der Unterschicht und die neue Welt ist so schön und heil, wie die von Aldous Huxley.

Man darf nicht rauchen, ißt kein Fleisch und in der Nacht holt die Polizei, die Obdachlosen ab und bringt sie in ein schönes neues Pflegeheim.

Igendwann, nachdem Kasimir sie verlassen hat, kommt auch Toto dorthin und fängt, ruhig gestellt durch Tabletten zu singen an. So schön, daß ein Aufnahmeteam von den Ärtzen geholt wird. Sie stirbt dann irgendwann, ihre Lieder, steht im letzten Kapitel, das wie viele die Überschrift „Und weiter“ trägt, „wurden eine Woche später veröffentlicht. Ihr Verkauf war ein unglaublicher Mißerfolg“.

Man sieht Sibylle Berg kann es nicht lassen mit dem Pessimismus in ihrem, wie am Buchrücken steht „wütenden schrillen Roman über das einzige, was im Leben zählt.“

Sie scheint nicht viel dazuzuzählen und läßt die Leserin, ich habe es schon geschrieben,  ratlos und betroffen zurück, die denkt „Na darauf, kann ich auch verzichten!“ (Das Leben nicht aufs Buch)

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