Literaturgefluester

2021-01-23

Der verlorene Sohn

Das neue Buch der 1984 in Baku geborenen Olga Grjasnova deren „Russe, der die Birken liebt“ und „Gott ist nicht schüchtern“ gelesen habe und die ich auch im Literaturhaus und einmal in Leipzig erlebte, führt in den Kaukasus und in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und ich finde die Themenbandbreite und auch die Stilverschiebungen der Literaturinstitut Absolventin sehr interessant, liest sich der Roman doch sehr leicht und fast wie ein Jugendbuch und man erfährt sehr viel dabei. Von der russischen Kriegspolitik des neunzehnten Jahrhunderts und auch, wie sich jemand fühlen muß, wenn er plözlich von Baku oderAkhulgo nach Moskau kommt oder von Damaskus nach Berlin oder Wien, denn der achtjährige Jamalludin, Sohn des mächtigen Imams Schamil wird aus politistchen Grünen von Akhulgu im Nordkaukassus nach St. Petersburg geschickt. Er ist eine Geisel des Zaren und seine Mutter erzählt ihm, daß es sich nur, um ein paar Tage oder Wochen handeln würde.

Es werden fünfzehn Jahre daraus und der Zar läßt ihn in einer Kadettenschule erziehen, lädt ihn und die anderen Zöglinge zu Kinderbällen und anderen Festivalitäten ein. Er lernt Russisch und Französisch, dient in der russischen Armee, wird von dort nach Polen geschickt und verliebt sich die die emanzipierte Lisa, die in Göttingen studieren will und natürlich Sex mit ihm hat. Dann plötzlich nimmt der Vater georgische Geiseln gefangen und Jamalludi muß wieder, seiner Kultur entwöhnt, in den Kaukasus zurückkehren, denn die russische und französische Kultur ist natürlich besser. Die russischen Ärzte können den Fuß der tochter des Vaters heilen, der inzwischen viele andere Nebenfrauen und von ihren Kinder hat. Jamadullahs Mutter ist schon vor zehn Jahren gestorben und die Briefe die Jamadullah an den Vater gewchrieben hat, haben diesen nie erreicht.

Am Schluß erwischt Jamadulin die Tuberkulose. Der russische Arzt, der ihn behandeln soll, kann ihm nur die Diagnose, die er schon wußte, mitteilen und der Diener Ali, den er bittet ihn etwas vorzulesen, kann ihm nur aus dem Koran zitieren. Da er weder Russisch noch Französisch versteht und so lautet einer der letzten Sätze „Jamalludin hatte nicht mehr die Kraft sich dagegen aufzulehnen“ und am Anfang hat Olga Grjasnowa geschrieben, daß der Roman auf historischen Fakten beruhen würde.

„Vieles stimmt, manches ist frei erfunden oder der Struktur des Romanes angepasst.“

Ich bin nicht ganz sicher, ob das wirklich so funktionierte, daß der Zar seinen Feinden, die besten Ausbildung genießen ließ und die dann gebildet zurückschickt, aber spannend eine völlig andere Olga Grjasnowa zu lesen und auch etwas über das Leben am St. Petersburger Hof im neunzehnten Jahrhundert und auch ein bißchen über den Kaukasus zu erfahren.

2020-10-16

Die Dame mit der bemalten Hand

Jetzt kommt schon Buch fünzehn des dBps, das vierte Shortlistbuch und das dritte der 1966 geborenen Christine Wunnicke mit dem sie auf der Longlist stand.

2015 als ich mit dem Buchpreislesen begann war es „Der Fuchs und Dr. Shimamura“, 2017 „Katie“, alle in dem kleinen „Beerenberg-Verlag“ und 2015 hat „Literaturen“ über den „Fuchs“, den ich in einer Buchhandlung glesen habe, geschrieben, daß Christine Wunnicke nur Außenseiterchancen hat.

Das habe ich wohl auch geglaubt, denn die Bücher sind klein und dünn, graphisch sehr schön gestaltet und sie haben auch eher ungewöhnliche Themen beim „Fuchs“ ging es um einen japanischen Pschiater bei „Katie“um den Spirtialismus und bei der „Dame mit der bemalten Hand“ wird die Pyschiatrie und ihre Ungewöhnlichkeiten verlassen. Denn es geht nach Jaipur und ins achtzehnte Jahrhundert.

Christine Wunnicke hat einen historischen Stoff gewählt mit dem sie wohl das Nichtverstehen der verschiedenen Sprachen und Kulturen beschreibt und in Zeiten, wie diesen wohl zu größerer Toleranz aurruft und das tut sie mit einer sehr schönen nicht leicht verständlichen Sprache, so daß man sehr aufmerksam und konzentriert lesen muß, um sich in die Welt des Shortlistbuchs einzulesen, über das Sigrid Löffler am Buchrücken „Christine Wunnicke ist eine wunderbare unterschätze Romanautorin schreibt.“ und das, glaube ich, inzwischen auch.

Es beginnt in Bombay im jahr 1764, wo der persische Astronom Meister Musa aus Jaipur, der eine Reise nach Mekka unternehmen will und vorher, um dafür das nötige Geld aufzubringen, einem Geschäftsmann ein sogenanntes Asterolabium verkaufen muß.

Auf der Insel Elephanta wo es nur Affen und Ziegen, sowie ein paar Einwohner gibt, findet er den deutschen Karthographen und Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der von 1733 bis 1815 lebte und 1761 von dänischen König auf eine arabische Forschungsexpedition geschickt wurde. Seine fünf Reisegenoßen sind inzwischen verstorben, er liegt mit Sumpffieber auf der Insel, wird von Meister Musa gefunden und die beiden versuchen sich nun in leidlichen Arabisch zu verständigen und sich kennenzulernen, was wie Christine Wunnicke meint, immer wieder zu großen Mißverständnissen führt, die sie gekonnt beschreibt.

Es gibt auch einen Diener, einen jungen Burschen, der die Beiden, die die Sterne beobachten, wo der eine nun das Sternbild Kassiopeia für eine Dame, der andere für eine hennarotgefärbte Hand, um den Titel zu erklären, hält, mit Hühnchen und Ziegenfleisch bekocht. Es gibt auch eine Großmutter und ihre Enkeltochter und am Schluß werden, die Beiden gefunden.

Carsten Niebuhr kann nach Deutschland zurückkehren und Bücher über seine Expedition schreiben und weiß am Schluß nicht mehr, auch ein Kunstgriff Wunnickes, die in ihrem Autorenportrait meint, daß sie dort, wo es keine geschichtlichen Fakten gibt, sich mit ihrer Phantasie behalf und die Geschichte erfunden hat, ob das, was er in Elephanta erlebte, real oder nur ein Fiebertraum war, während Meister Musa, auch Jahre später, in seiner Heimatstadt ein Buch des deutschen Forschers findet und da er die Sprachen genauso, wie die Mathematik liebte, seiner Tochter während sie ihr fünftes Kind zur Welt bringt, von dieser Geschichte erzählt.

Ein interessantes Buch, das mich sowohl an Trojanows „Weltensammler“ als auch an marion Poschmanns „Kieferninsel“ erinnerte, das es vielleicht nicht auf die großen besten Listen schafft, über das sich aber viel nachdenken läßt.

2020-06-23

Cox oder der Lauf der Zeit

Filed under: Bücher — jancak @ 00:31
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Jetzt kommt ein Buch, das ich im Altmannsorfer Bücherschrank gefunden habe, eines das 2016 erschienen ist, aber, wie ich hörte, auf Wunsch des 1954 in Wels geborenen Christoph Ransmayr so erschienen ist, daß es nicht auf der deutschen Buchpreisliste gestanden ist, beim Bücherquiz der damaligen Buch-Wien wurde es, glaube ich, auch erwähnt und ich habe von dem sehr berühmten sprachgewaltigen und reisefreudigen oberösterreichischen Autor einiges gefunden, seinen Ovid-Roman gelesen, ihn auch auf mehreren Lesungen und das letzte Mal, glaube ich, bei einem Messeempfang in Leipzig gesehen und gehört.

Und James Cox habe ich nachgegooglet, beziehungsweise bin ich bei Ransmayrs Schlußbemerkung darauf aufmerksam geworden, ein englischer Uhrmacher, der sehr viel nach China importierte, aber nie selbst dort war, obwohl es in China ein Uhrmuseum seiner Exponate gibt.

Die Hauptfigur Ransmayrs und der Cox von Titel heißt Alister, hat seine kleine Tochter Abigail verloren, seine Frau Fay ist darauf verstummt, so daß er auf Einladung des gottähnlichen Kaisers Quianlong, der wie Ransmayr ebenfalls schreibt von 1711 bis 1799 lebte, mit drei Gehilfen nach China reist.

Der sprachgewaltige Ransmayr macht fast eine märchenhafte Parabel daraus, schildert die Grausamkeiten, die der gottähnliche Kaiser, dem niemand in die Augen sehen darf und der alle hinrichten läßt, die ihm nur im Geringsten in die Nähe kommen, schildert aber auch die Kostbarkeiten die der Gottähnliche auf die englischen Gäste wirft und tut das alles in einer sehr poetischen Form.

Cox und seine Gefährten wird der Übersetzer Joseph Kiang, der wie Ransmayr weiter erklärt, den Namen seines chinesischen Freundes trägt, zugeteilt mit ihm an seiner Seite gehen sie in China an Land, sowie in die verbotene Stadt die eigentlich von keinen Fremden betreten werden darf.

Auf den Weg dorthin begegnet Cox einer der vielen Geliebten des Erhabenen Unsterblichen, die schöne Än, der ein weiteres Detail, das Buch auch gewidmet ist.

Der Kaiser läß Cox nun eine Uhr des Kindes, das ist Schiff, ein Spielwerk also, eine die den Tod bestimmen kann, dafür läß er ihn mit zwei zum Tod Verurteilten reden und der Übersetzer übersetzt, was weder Cox frägt noch die Verzweifelten antworten.

Der Kaiser läßt die Engländer auch zu sich befehlen, da werfen sich alle in den Staub und als der Kaiser mit seinen Geliebten und Hofdamen zu Besuch kommt und, die alle lachen und kichern, tut das nur der Übersetzer und kriecht am Boden herum, während die Konbukine ihm lachend befiehlt, das zu lassen.

Es geschehen aber auch Intrigen und der Übersetzer warnt Cox, die unendliche Uhr nicht zu Ende zu bringen, weil er dann sicher zum Tod verurteilt wird, weil der Kaiser nicht zulassen kann, daß jemand ein Handwerk besser als er versteht. So beginnt Cox zu trödeln, bis er, da die Zeit drängt, auf die Idee kommt, dem Kaiser das Werk selber vollenden zu lassen, was dieser dann natürlich auch nicht zusammen bringt und die drei Engländer, der vierte ist inzwischen gestorben, reisen wieder in Richtung Heimat ab.

Eine sehr schön geschriebene Geschichte von der Unendlichkeit der Zeit. Ein sprachliches Meisterwerk Ransmayrs könnte man so sagen, in dem wahrscheinlich viel von dem, was er auf seinen Reisen erlebte, eingeflossen ist, so hat er auch die chinesische Mauer besucht und das kommt in dem Roman ebenfalls vor.

Ich habe mich ja ein bißchen stümperhaft mit der chineschischen Literatur beschäftigt, habe vor kurzem, die Fluchtgeschichte eines Disstenten gelesen, aber auch was von Pearl S. Buck und natürlich auch das Buchpreisbuch, von Stephan Thomae, „Gott der Barbaren“, das auch ein China, aus der Außensicht schildert und mich auch selbst mit der Biographie Erwin Schwarz, des in Wien geborenen ostdeutschen Sinologen, dessen Anthologie „Das gesprengte Grab“ ich im Schrank gefunden und zu einem meiner Romankapitel gemacht habe.

2020-01-25

Der Hammer

Nun kommt die Überraschung des Jahres, wenn man das im Jänner schon sagen kann, das zweite herausragende Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe und ohne Stephan Teichgräbers Centrope-Workshop wäre ich vielleicht nicht darauf gekommen und möglicherweise auf der „Buch-Wien“ beim Wein stehen geblieben, statt zur Lesung von Dirk Stermanns „Hammer“ zu gehen, habe ich den doch bisher eher für einen Kabarettisten gehalten, dessen Scherze mir manchmal zu aufdringlich waren.

Dabei habe ich doch auch die „Sechs Österreicher unter den ersten fünf“ einmal im Schrank gefunden. Wie man sich irren kann, obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob alles, was da über die Lebensgeschichte des bedeutenden Orientalisten Hammer von Purgstall zu lesen ist, wirklich der Realität entspricht oder nicht vielleicht doch von der Feder des Kabarettisten, der aber, glaube ich, auch Historiker ist, zu dick aufgetragen wurde.

Es ist jedenfalls eindeutig ein Buch der Sinne und so glaubt man sich zu Beginn im Mittelalter, weil da alles unerträglich stinkt und in Wien, die Buttenweiber herumgehen, die zum Hineinscheißen für ein paar Kreuzerln auffordern. Die Leute haben alle faule Zähne oder gebrochene Kiefer, dabei sind wir in Zeiten der französischen Revolution, wo ja  die Perücken weggeworfen wurden und der napoleonischen Kriege und als Joseph Hammer da in Wien „ausgebombt“ wurde, erinnerte mich die diesbezügliche Schilderung eher an den zweiten Weltkrieg.

Aber trotzdem interessant in den Lebensweg des großen Orientalisten, der laut Dirk Stermann sehr sehr selbstbewußt war, ein Lobbuch führte und sich schon mit der Bekanntschaft Goethes brüstete, als der ihn noch gar nicht kannte, einzutauchen, von dem ich bisher eher nur den Namen gekannt habe.

Dirk Stermann scheint sich für das Buch auch sehr viel Mühe gegeben zu haben, in die Welt des Hammers, wie er am Schluß schreibt, einzutauchen. Er hat da die Quellen genannt, die er dazu benützt hatte, so zum Beispiel das Buch von Rudi Palla über die ausgestorbenen Berufe und so hat ja meine Bekanntschaft mit dem Buch in Stephan Teichgräbers Workshop auch angefangen.

War Joseph Hammer doch der Sohn eines grazer  Gubernialrats, das ist ein Steuerbeamte, das damals noch Grätz genannt wurde, der später geadelt wurde. Er kam mit Dreizehn nach Wien und wurde Sprachknabe, das heißt eine Dolmetscherausbildung gemacht.

Hat da unter den adeligen Mitzöglingen aus den besten Familien, so war einer seiner Kollegen der Sohn des damaligen Außenministers Graf von Thugut, gelernt und gelernt, bis ihm die Augen wehtaten, war bald der beste Schüler, der Türkisch, Arabisch, Persisch, etcetera konnte und wurde, als die Ausbildung beendet war, doch nicht nach Konstantinopel geschickt sondern hatte in Wien zu bleiben, um dort die Wissenschaft zu betreiben, wie seine Lehrer gutmütig sagten.

Nach <konstatinopel ist er dann doch gekommen und war auch bald Dolmetscher auf dem Feldzug in Ägypten gegen Napoleopn. Dann wurde er Legationsrat, weil er sich aber mit allen seinen Vorgesetzen verkrachte und wohl nicht sehr diplomatisch war, wurde er ins Fürstentum Moldau versetzt. In Konstatinopel, wie Istanbul wohl damals hieß, hat er auch die „Märchen aus tausend und einer Nacht übersetzt und da beschreibt Stermann, daß er die Originalausgabe von einem Derwisch geschenkt bekommen hat, die ihm aber erst sein einarmiger Diener in Moldau offenbarte. Er übersetzte auf Französisch und Englisch die Ausgabe, die ganz anderere Erkenntnisse, als das uns Bekannte, erbrachte. Leider gingen aber Original und die Übersetzungen verloren.

Nun gut, so wissen wir nicht wirklich, ob der Sultan Sheherazade statt zu heiraten, hinrichten, ließ.

Josep kam jedenfalls mit seinem Diener, der ein absoluter Taussendsaa war, nach Wien zurück und wurde dort diskriminiert und diskriminiert.

Er ließ sich das zwar nicht gefallen und schrieb Beschwerdebriefe an den berühmten Metternich, der ihm aber erklärte, daß er keine großen Geister, sondern einen eher kleinliche brauche, so daß er ihn weiter kleinhielt und überging.

Joseph von Hammer hat mit Vierzig die neunzehnjährige Caroline von Henikstein geheiratet, die aber vor ihm starb, wurde von der Gräfin von Purgstall adoptiert und war schließlich auch kurz Leiter der „Akademie der Wissenschaften“, aber auch dort gab es Querälen und Intrigen, so daß der große Geist vereinsamt unter der <hand seines Dieners, der ihm bis zum letzten Atemhauch Geschichten erzählte,  verstarb. Ein großes orientalisches Grab hat er sich auch bauen lassen und ich bin wirklich sehr entspannt in die Welt Napoleons, Franz I, dem er beim Suchen eines Balls helfen muß, während sein Vater verstarb und Metternicht, der natürlich wußte, in welcher Ritze des Palastes sich dieser befunden hat,  des ertaubenden Beethoovens, Grillparzers, des Wiener Kongreßes, bis zur 1848 Revolution, etcetera, eingetaucht, denn Joseph von Hammer-Purgstall hat 1774-1856 gelebt und ist am Cover des Buches im prächtigen orientalischen Gewand abgebildet.

2018-07-13

Tyll

Filed under: Bücher — jancak @ 00:10
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Jetzt kommt wieder etwas von meiner Liste, nämlich ein Buch, das ich mir im letzten November auf der „Buch-Wien“ von dem Geburtstagsgutschein der Anna gekauft habe, weil ich es auf dem „Thalia-Stapel“ liegen gesehen habe und etwas anderes mir nicht so ins Auge sprang, denn ich bin ja eigentlich kein Kehlmann-Fan, den ich eigentlich für einen sehr genau arbeitenden, aber vielleicht etwas langweiligen Schriftsteller halte, obwohl ich schon einiges von ihm gelesen habe und einmal lang lang ists her, ich glaube es war nine eleven oder kurz danach, habe ich ihn in der „Alten Schmiede“ erlebt, als er von  ein paar Studenten angegriffen wurde und sich krampfhaft freundlich „Es freut mich, daß Sie sich so sehr für mich interessieren!“, verteidigt hat, während der Herr an meiner Seite verärgert „Raunzt nichts kaufts!“, geschrien hat und Kurt Neumann, die Diskussion abbrach und Till Eulenspiegel, der Narr aus dem vierzehnten jahrhundert und überhaupt historische Rlomane interessieren mich ja nicht so sehr, so steht die „Vermessung der Welt“ mit der er berühmt geworden ist, noch immer in meinen Regalen, aber dann habe ich doch nicht widerstehen können und ich muß sagen, ich war überrascht.

Daß das einer der besten Romane der Saison sei, habe ich schon vorher wo gehört und dem will ich nicht unbedingt zustimmen, aber es war spannend mich zwar nicht durch das Mittelalter aber durch den dreißigjährigen Krieg zu lesen, hatten wir ja  vor kurzem ein Luther-Jahr und Ferdiun Zaimoglu hat mit „Evangelio“  etwas Ähnliches gemacht und da sind wir auch schon bei einer Kehlmannschen Spezialität.

Vor ein paar Jahren habe ich „F“ gelesen und da auch gehört, daß er in einem Interview sagte, ein jeder Schriftsteller würde lügen. Was ich mir so interpretiere, daß er meinte, er muß etwas erfinden oder Geschichten fabulieren und den Ausdruck eigentlich für unglücklich hielt.

Aber das Jonglieren mit der Wirklichkeit gehört wahrscheinlich wirklich zu den Kehlmannschen Spezialitäten und seiner Kunst, denn er hat den Tyll Ulenspiegel in den dreißigjährigen Krieg verlegt. Einen Gaukler, Schausteller und Vaganten aus ihm gemacht und zieht in acht Kapiteln, die eigentlich Bilder sind durch die dreißig Jahre, zieht durch das Vagantenleben seines Tyll und durch die Geschichte, erfindet, fabuliert dabei selber wahrscheinlich sehr  wortgewaltig und ich muß sagen, Hut ab, langweilig, brav und  streberhaft ist da wahrscheinlich nicht mehr sehr viel, sondern alles spitzbübisch schlau durchdacht.

Die acht Sittenbilder des Krieges sind auch nicht chronologisch und von jenem Tyll wird eigentlich auch gar nicht so viel erzählt, der dient vielleicht nur als Vorwand für die Kehlmannsche Fabulierkunst und so zeichnet er wahrscheinlich genauso scharf, direkt, bunt und derb die Armeligkeit des Krieges und das Leid der Menschen damals, wie es Feridun Zaimoglu in seinem „Evangelio“ tat.

Beginnen tut es mit den Schuhen. Da zieht der berühmte Gaukler mit seiner Schwester oder Freundin, Nele, der Bäckerstochter seines Heimattorts und einer Alten durch ein Dorf und gibt eine Vorstellung. Er tanzt am Seil und fordert die Leute dann auf, die Schuhe in die Luft zu werfen, was zuerst zu Euphorie und dann zu bitteren Streit führt, weil  sie die dann nicht wiederfinden.

Dann geht es in die Kindheit des kleinen Tyll. Er ist der Sohn eines Müllers, der aber auch ein Heiler ist und sich sehr für Bücher und Gelehrtheit interessiert, das tut in Zeiten wie diesen nicht gut, so kommen zwei Gelehrte zu ihm auf Besuch und er wird als Hexer verbrannt. Der kleine Tyll, der Junge, der einmal schon ein traumatisches Erlebnis hatte, als er mit seiner hochschwangeren Mutter einen Karren Mehl durch den Wald führen mußte und dann die Nacht allein ausharren mußte, mußt dabei zusehen. Er reißt aber mit der schon erwähnten Bäckerstochter aus, schließt sich einen Schausteller an, der ihm noch das Jonglieren   beibringt und einen sprechenden Esel, wo man nie ganz  herausfindet, ob das nun Bauchredner- oder doch Zauberkunst ist, gibt es auch und dann noch eine Reihe berühmte Herren und Wissenschaftler, die in Zeiten, wie diesen nach Drachen suchen oder ihre Memoiren schreiben und weil sie sich auf ihr Gedächtnis nicht mehr so gut verlassen können, dabei einiges verändern.

Ja, Meister Kehlmann ist sehr ausgefuchst und eine Liz, die Enkeltochter der Maria Stuart, Winterkönigin, und Kurfürstin gibt es auch, bei der Tyll, der nicht sterben wollte, nicht sterben konnte oder sich auch nur für unsterblich hielt, Hofnarr war, gibt es auch.

Ein sehr interssantes Buch, wo einiges von Daniel Kehlmanns Meisterschaft, die er sich inzwischen strebsam,  fleißig höchstwahrscheinlich erarbeitet hat, zu sehen ist, also und wem es interessiert, in meinem momentanten Work on progress, an dem ich ja immer noch, wie verrückt oder auch verzweifelt korrigiere, kommt der Meister auch vor und liest ihm österreichischen Kulturinstitut von New York aus dem Buch und diskutiert mit Jonathan Franzen dabei von dem ich in diesem Jahr ja auch schon etwas gelesen habe.

2016-12-10

Wiederholte Geburten

Nun kommt der historische Roman aus dem alten Ägypten „Wiederholte Geburten“, an dem Dietmar Füssel, glaube ich, sehr lang gearbeitet hat.

Jedenfalls kann ich mich daran erinnern, als ich 2008 oder so auf seine Website und seine Gewinnspiele, stieß, an denen ich mich zu Anfang sehr beteiligt und mich so inzwischen fast durch sein gesamtes Werk gelesen habe, daß er schon da an einem historischen Roman gearbeitet hat.

Inzwischen sind aber einige andere Bücher, Gedichte, Erzählungen, Satiren, entstanden, denn der 1958 in Wels geborene Schriftsteller und Aktionskünstler, der mir auch regelmäßig seine Videos schickt, ist ein Vielschreiber und er hat ohne Zweifel einen Hang zur Satire beziehungsweise zum schwarzen Humor.

Deshalb war ich, als ich von dem neuen, wieder bei „Sisyphus“ erschienenen Roman erfuhr, auch ein wenig skeptisch, denn ganz ehrlich, Romane aus dem alten Ägypten interessieren mich nicht so besonders, hört mein historisches Interesse, das an sich stark vorhanden ist, ja ungefähr beim ersten Weltkrieg auf und bei „Wiederholte Geburten“ handelt es sich noch dazu um ein besonders dickes, über sechshundert Seiten, Buch.

Es scheint seinem Autor, dem sehr bemühten GAV-Mitglied aber sehr wichtig zu sein und er hegt, wie er mir bei der letzten GV beim Abendessen versicherte, damit auch große Pläne, hat er doch nichts anderes vor, als damit auf die Longlist für den nächsten öst Bp zu kommen und deshalb versucht er es auch bekannt so machen, so daß nicht nur ich ein diesbezügliches Ememplar bekommen habe, sondern sogar zwei, denn das erste habe ich auf die „Buch-Wien“ getragen und das zweite jetzt gelesen, das, ich kann es gleich gestehen, nicht so langweilig war, wie erwartet und das konnte es eigentlich auch  nicht sein, ist Dietmar Füssel ja ein Satiriker und so ist die Geschichte des Frauenarztes Merire aus dem dreizehnten vorchristlichen Jahrhundert auch eine, die voll Sarkasmus tropft und so erzählt wird, wie es sich höchstwahrscheinlich nicht im alten Ägypten zugetragen hat oder doch vielleicht, gibt es ja am Ende einen umfangreichen Anhand und eine ausführliche Quellenangabe, die uns die ägyptische Geschichte näher bringen kann, während der Autor, wie er vorher schreibt, versucht hat, seinen Stoff so alltagstauglich, wie nur möglich zu erzählen, so kommen auch Worte und Wendungen darin vor, wie „Sanktionen“ oder „Du hast einen Vogel!“, wie sie die alten Ägypter höchstwahrscheinlich nicht verwendet haben und Dietmar Füssels Stil ist wieder sehr bedächtig, sehr genau, verwendet Erzählung um Erzuählung, um uns in das alte Ägypten einzuführen und uns dabei eine wahrscheinlich sehr heutige Geschichte zu erzählen, die von Intrigen, Liebe, Haß, Verrat, etcetera handelt.

Einige Absurditäten, ganz, wie bei einem Füssel gewohnt, sind auch dabei und am Ende kommen immer wieder Wendungen, wie „Dieses hier ist aber nicht geschehen!“, so daß man sich nicht so ganz auskennen kann, von dem listigen Autor irregeleitet und das muß ich zugeben, auch gut unterhalten wird.

Es beginnt mit der Mitteilung, daß 2005, vielleicht der Beginn der Füsselschen Romanarbeit, im altägyptischen Piramesse, das Skelett eines männlichen Kindes mit dem Kopf eines Frosches gefunden wurde und „Heket“ entnehme ich dem Anhang, war die „Froschköpfige Geburtsgöttin, diezuständig für das  Wachstum des Ungeborenen, im Leib der Mutter und für den Vorgang der Geburt ist, die meistens als froschköpfige Frau dargestellt wird.“

Um aber an den Anfang zurückzukommen. Da sitzt die Frau des  thebanischen Sunus Maatamuun, das ist ein ägyptischer Allgemeinmediziner, auf dem Geburtsziegel, um zu gebären, während der Gatte draußen warten muß, darf er ja nicht seiner Frau dazu beistehen. Er darf nur später hereinkommen und dem Kind, es ist ein Sohn, seinen Namen geben.

Er nennt ihn Merire und die Mutter stirbt nach drei Tagen, während der Dreijährige von seiner älteren Schwester erfährt, daß er schuld am Tod seiner Mutter ist. Er rennt darauf in die Ordination des Vaters und spricht sehr viel für einen Dreijährigen. Der Vater beruhigt ihn und Merire beschließt daraufhin Frauenenarzt zu werden, um anderen Frauen in ihrer schweren Stunde zu helfen.

Was er auch tut. In deren Nähe wird er später allerdings im Zustand des Gebären nicht dürfen, denn das ist nur den Hebammen gestattet, die müssen bei uns zwar auch bei einer Geburt dabei sein, die Frauenärzte haben aber Zutritt, Merire, der ein ausgezeichneter solcher geworden ist, aber nicht. So gerät er später beim Pharao auch in Ungnade, als er aufmüßig genug, doch in den Leib einer Frau hineingreift, um das tote Kind herauzuholen und ihr damit das Leben zu retten und wird dafür auf eine Mission zu den Hetihtern geschickt, die ziemlich unmöglich klingt, obwohl Merire immer wieder versichert, daß es eigentlich gar nicht so unmöglich ist. Er soll nämlich einer sechzigjährigen Prinzessin zur Mutterschaft verhelfen.

Heutzutage bringt, glaube ich, die Wissenschaft mit der Gentechnik, künstlicher Berfruchtung und Leihmutterschaft etcetera, solches zusammen, ich erinnere da nur an ein köstlichen Fian-Dramulett, das ich vor einiger Zeit im „Standard“ gelesen habe, im alten Ägypten war es aber wahrscheinlich unmöglich, umsomehr, da Merire  gar nicht an den Körper der Prinzessin und sie auch nicht untersuchen durfte, so daß er ihr nur täglich ein paar Zäpfchen schicken konnte, die im günstigen Fall einen roten Regelähnlichen Ausfluß vortäuschten.

Er bricht auf seine Mission in das Land der Hetither mit einem Rahotep genannten Priester auf, offiziell, weil dieser die Sprache der Hetither spricht, inoffiziell, weil er den Frieden zwischen Ägypten und den Hetithern wiederherstellen soll, was so geheim ist, daß Merire keine Ahnung davon hat, was aber zu seltsamen Verwicklungen und Mißverständnissen führt, denn Merire verliebt sich in die schöne Hofdame Lavinia, die auf Geheiß der Königin, den Haushalt der beiden Fremden betreuen soll. Rahetop versucht ihn davon abzuhalten, was ihm aber nicht gelingt und einen assyrischen Gedandten namens  Assur-Nadin, der all das verhindern soll, Lavinia vergewaltigt, Rahetop zu töten versucht, gibt es auch, der um die Mission zu verhindern, die harmlosen Zäpfen mit einem mit Gift gefüllten vertauscht, so daß die Prinzessin stirbt und Merire an ihrer Tötung verdächtigt wird. Er soll dafür getötet werden, die hochschwangere Lavinia, kann das aber verhindertn. Kurz darauf kommt sie nieder. Gebärt ihr Kind mit einer sehr harschen Hebamme, während Merire nichts anderes überbleibt, sich in der Zwischenzeit mit dem Sunu Rabasha zu betrinken und dann gibt es in Merires Haus noch einen Pestverdacht, Rahtop ist inzwischen auf Mission in Ägypten, an dem Livinia und ihr Sohn angeblich sterben und Merire wird des Landes verwiesen.

„Packend leidenschaftlich und mit großer Sachkenntnis erzählt Dietmar Füssel von Autokratie, politischer Ränke, verlogener Staatsräson, Korruption, Heuchelei und Gewalt, aber auch von wirklicher Freundschaft und wahrer Liebe im alten Ägypten“, steht am Buchrücken und ich füge noch hinzu, daß, die in der gewohnt Füsselschen-Manier manchal sehr verzerrt erscheint.

So beginnt das Brautpaar am Vortag seiner Hochzeit gehörig zu streiten und dabei ganz derbe Wortfloskeln zu verwenden „Warte nur, wenn wir erst verheiratet sind, dann werde ich dir schon noch Manieren beibringen, verlaß dich darauf“

„Wenn da so ist , möchte ich dich lieber doch nicht heiraten…“

„Das mein Lieber hättest du dir vorher überlegen müssen. Jetzt ist es dafür zu spät. Jetzt wird geheiratet.““

Den Titel des Buches, habe ich, wie ich gestehen muß, nicht ganz verstanden, wenn er sich nicht vielleicht auf die ägyptische Mythologie beziehen sollte, wovon es am Buchrücken noch ein Zitat gibt:

„Wir dürfen uns freuen, Liebster, aber wir dürfen auch traurig sein. Weil jede Geburt das Ende eines Beginnes und der Beginn des Ende ist!“

Denn so viel Geburten hat ja der berühmteste Frauenarzt den Ägypten im dreizehnten vvorchristlichen Jahrhunderts, nach seiner Aussage, hatte, gar nicht mitbekommen.

Aber auch das ist vermutlich ein Teil der Füsselschen Satrie, so daß ich nicht umhin komme, zu erklären, in den letzten fünf Tagen einen sehr spannendes Roman gelesen zu haben.

Ob ich jetzt viel vom altägyptischenen Leben erfahren habe, bin ich aber nicht sicher, halte das Buch aber für einen „sehr gelungenen Füssel“, dem ich für den nächsten österreichischen Buchpreis aless Gute wünsche und bin gespannt, ob ich es auf der Liste finden werde?

Denn dann hätte ich auf jeden Fall weniger zu lesen und ach ja, als Weihnachtsgabe für die berühmte Schwiegermutter, eignet es sich allemal, denn diese mögen ja im Allgmeinen, wie ich von meiner Schwiegermutter weiß, historische Romane sehr.

 

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