Literaturgefluester

2020-07-19

Klee Wyck – die, die lacht

Filed under: Bücher — jancak @ 00:23
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Jetzt kommt noch eine Neuerscheinung und noch ein Buch des wunderbaren „Verlags das kulturellen Gedächtnissen“ könnte ich fast pathetisch schreiben, denn, der offensichtliche kleine Verlag, bringt wunderbare Neuentdeckungen. So hat es für mich mit der „Wunderkammer der deutschen Sprache“ angefangen. Dann ging es zu den „Berliner Briefen“ der mir bisher unbekannten Susanne Kerckhoff, jetzt geht es nach Kanada und zu der 1945 verstorbenen Malerin Emily Carr, die seit ihrer Jugend mit ihrem Zeichensack, die Indianerreservate besuchte. Dort zeichnete, sich mit den Indiandern anfreundete und sich ihre Kultur einverleibte. Dann wurde sie krank, durfte nicht mehr malen. So holte sie ihr Skizzenheft und ihre Freundinnen rieten ihr zur Veröffentlichung.

Das gelang auch 1941 wurde ein großer Erfolg. Dann starb die über siebzigjährige alte Dame und das Buch wurde als Schulbuch herausgegeben. Da man bei Kindern aber offenbar zensurieren muß, wurde viel verstümmelt, eine der einundzwanzig Skizzen sogar weggelassen und die allzu große Missionarkritik der Autorin revidiert.

Das alles steht im Vorwort von Kathryn Bridge, die bis 2017 stellvertretende Leiterin des Royal Brith Columbia Museum war. Die Originalausgabe gibt es wieder seit 2003. Jetzt ist sie auf Deutsch erschienen und es ist ein sehr interessantes Buch, mit sehr schönen Illustrationen, das in eine vielleicht unbekannte Welt einführt und schon das oben Beschriebene mag zeigen, wie schwer, das in Zeiten, wie diesen ist, wo man, glaube ich, nicht mehr Indianer, sondern wahrscheinlich Ureinwohner schreiben darf und ich auch schon hörte, daß ein Bahnhof umbenannt werden soll, weil er nach „Onkel Tom“ benannt wurde, obwohl sich Harriet Beecher Stowe ja gegen die Sklavenhaltung einsetze und durch ihr Buch auch viel in Gang veränderte.

Ja, Bildung hilft vielleicht gegen Vorurteile aufzutreten und da ist die Vergangenheit wichtig. Denn die muß man kennen, um in eine bessere Zukunft zu starten. Kehrt man sie unter den Teppich und dann brechen die Vorurteile erst recht schwallartig hervor, wie die Psychologin meint. Im Vorwort wird aber das Pidgin-Englisch in dem Emily Carr, die Ureinwohner sprechen läßt, entschuldigt. Ich denke, dadurch wird es dicht und das war ja ein Anliegen der Malerin.

Allerdings hatte ich auch ein wenig Schwierigkeiten mit den Vorurteilen, die da beispielsweise einer Missionarsdtochter, die „Missionarfräulein“ und dumm“ genannt wird, entgegengebracht wird, was vielleicht ein Argument für die Zensurfreudigkeit war.

Aber nun hinein in die Geschichten, die ich sehr empfehlen kann.

Sie haben indianische oder chinookische Worte, wie die Landessprache wohl heißt, zum Titel und in der ersten wird beschrieben, wie das „Fünfzehnjährige Schulmädel“ mit ihrem Zeichensack in so eine Missionarsstation kommt. Da gibt es zweiMissionarinnen, eine ältere und eine jüngere und eine Schule, die am Sonntag zum Kirchenraum uimfunktioniert wird. Die Kinder starren das weiße Mädchen an, das sie in ihrer Sprache, „Die, die lacht“, nennen und am Sonntag dürfen die Männer nur mit Hosen in die Kirche. Das wollen sie offensichtlich nicht. Deshalb bleiben sie fern. Aber einmal kommt einer mit nackten Beinen und rührend die Erzählung, wie eine Indianerfrau, dann ihren Schal nach vorne reicht, obwohl Frauen ohne den solchen noch viel anstößiger als Männer ohne Hosen gelten.

Dann geht es mit der schon erwähnten Missionarstochter mit einem Boot in drei verlassene Dörfer, die drei eigene Skizzen sind, „Reportagen“ steht, als Buchbezeichnung, ich denke nach meinen Romanerfahrungen, wo da ja Kurzgeschichtensammlungen als solche zusammengefaßt sind, daß es durchaus auch als solcher durchgehen könnten, sind sie ja alle in der Ich- Perspektive geschrieben oder richtiger wahrscheinlich, als Memoir oder Personal Essay, die ich ich ja im Writersstudio kennenlernte und den Unterschied zwischen den Beiden nie ganz auseinanderhalten kann.

In „Sophie“, doch kein Indianernamen, den die Missionare haben den Kindern offenbar alle christliche Namen verpasst, schreibt Emily Carr von ihrer Freundin, die einmal mit ihren Körben in Vancouver, wo sie lebte, aufkreuzte und sie sie dann in ihrem Dorf besuchte, um ihr Kleider zu bringen. Die hatte einundzwanzig Kinder. Jedes Jahr oder alle zehn Monate eines wahrscheinlich. Aber nur drei waren gleichzeitig am Leben und so werden die Kindersärge beschrieben in die die Kleinen dann gelelgt und bestattet wurden, was eigentlich auch zu denken geben kann.

„D` Sonoqua“ ist die Bezeichnung für eine Holzfigur, die Emily Carr in den Dörfern immer wieder begegnet.

„Die wilde Frau der Wälder“, die laut Auskunft eines Ureinwohners „Kinder stiehlt“ und „manchmal böse und manchmal gut“ ist. Emily Carr beschreibt dann ihre Eindrücke, die die Statuen auf sie auslösten und wie sie ihren Frieden mit ihnen fand.

Es gibt die Geschichte der sterbenden Frau, die eine Bluse von Emily will und dann das Dorf „Greenville“, das ein moderneres mit Läden, einer Fischfabrik, etcetera ist. Die Indianer sind aus ihren alten dorthin gezogen oder wurden übersiedelt. Die Totempfähle haben sie zurückgelassen und nun verfallen sie oder werden von den Weißen abtransportiert und in ihre Museen gestellt, wie Emily Carr etwas zynisch schreibt.

Sie reist mit ihren Zeichensack durch die Dörfer, beziehungsweise läßt sie sich von Booten dorthin bringen, dabei hat sie seltsme Begegnungen, so wie beispielsweise mit der Frau, die sie mit zwei Kindern, einem Baby und einem größeren, die gar nicht ihre sind, dorthin bringt.

die Inidianer wollen oftmals nicht mit ihr auf der Insel schlafen, sondern kehren auf ihr Boot zurück und eine davon ist Louisa in deren Haus sie später übersiedelt und die einige Kinder hat, von denen die Missionare wollen, daß sie in ein Internat schickt, daß die Kinder dann entfremdet, so daß Emily davon abrät.

Die Geschichte, die in der Schulfassung weggelassen wurde, ist die von der Frau, die ein weißes Kind aufzieht, das ihr dann, um die Schule zu besuchen weggenommen wird, so daß sie sich in den Tod hineinweint.

Es gibt Mary, die Waschfrau, die die kleine Emily zum Essen rufen muß, eine abenteuerliche Schiffahrt und eine Reise in ein Dorf das die schönsten Totempfähle hat. Emily will unbedingt dort hin, alle raten ihr ab, die Hinfahrt ist beschwerlich, am Ende nimmt sie die Häuptlingsfrau aber bei sich auf und alles wird gut.

Am Buchrücken gibt es noch eine kurze Beschreibung, die auf Emily Carrs eindrucksvolle und poetische Sprache hinweist, „die den geschulten Blick der Malerin verrät.“

2020-02-07

Robin und Lark

Eine Neuerscheinung einer mir bisher unbekannten kanadischen Autorn, „Robin und Lark“, der 1972 in Montreal geborenen Alix Ohlin, die schon viele Preise gewonnen hat und das kreative Schreiben lehrt.

Bei „Robin und Lark“, geht es um ein Frauenleben oder auch, wie im Klappentext steht, um die Beziehung zweier ungleicher Schwestern, die von einer sehr jungen und wahrscheinlich überforderten gefühllos ambivalenten und sehr auf ihr eigenes Leben bezogenen, alleinerziehenden Mutter, ziemlich auf sich allein gestellt aufgewachsen sind und die irgendwie Vogelnamen bekommen haben. Lerche und Rotkehlchen und Lark die ältere, nimmt sich um die vier Jahre jüngere Robin an, erzieht sie mehr, als es die Mutter tut.

So kommen sie zu einem „Hexenhäuschen“, wo aber keine Hexe, sondern eine Klavierlehrerin lebt, die Robins großes Talent erkennt.

Lark, die Erzählerin fühlt sich dagegen von Filmen angesprochen, ist schon als vierjährige, wie sie schreibt allein in einem Kino gesessen und hat das Geld für die Karte der Mutter geklaut. Das erscheint mir ein wenig unglaubwürdig, mit der politischen Korrektheit geht es auch sehr locker zu, so wird offen geschrieben, daß die Mädchen klauen und ihre Freunde dealen und Lark bewirbt sich in einem College in Amerika. Sie hat sehr gute Noten, so bekommt sie ein Stipendium, muß aber trotzdem einige Jobs aufnehmen, so wird sie die Assistentin einer Filmlehrerin und Robin von der sie in dieser Zeit wenig hört, hat sie auch verlassen.

Die taucht aber bald in den USA auf, weil sie Schwierigkeiten mit einem der  Freunde ihrer Mutter hat. Lark kümmert sich um sie, sie ziehen zusammen in eine Wohnung, wo Lark schon während des Sommers gelebt hat, weil sie nicht nach Kanada zu der Mutter fahren wollte.

Sie verschafft ihr auch Klavierstunden und als sie das College hinter sich hat, wird Lark auf eine Filmhochschule in New York aufgenommen. Robin bekommt einen Freiplatz  an einer Nobelmusikuni, wo ihr Talent ein wenig heruntergebrochen wird.

Die schüchterne Lark, die kaum aus sich herausgeht, überwindet sich und spricht plötzlich einen berühmten Filmemacher, der auf die Uni kommt, an und wird später sowohl seine Geliebte, als auch seine Assistentin, während Robin auf Auslandstournee gehen soll.

Aus Schweden kommt dann eine Karte mit der Aufschrift „Such nicht nach mir!“

Die impulsive Unberechenbare hat die Tournee abgebrochen und bleibt für einige Jahre verschwunden. Später erzählt sie der Schwester, daß sie damals schwanger war, das Kind aber verloren hat. Sie bricht ihre Pianistenlaufbahn ab, jobt an verschiedenen Stellen und zieht sie schließlich in die Berge zurück, wo sie Wölfe und Klaviere rettet.

Lark verläßt, als sie Mitte dreißig ist, den Filmemacher, weil sie ein Kind  will, er aber schon eine Tochter hat, zieht nach New York , wird Cutterin und widmet sich fortan ihrem Kinderwunsch.

Was nicht so einfach ist, denn mit denDatingforen klappt es nicht so sehr, so probiert sie es mit der künstlichen Befruchtung, was mich ein wenig wundert, daß das in Amerika oder Kanada so leicht geht, die Schwester wird jedenfalls die Leihmutter und die eigene Mutter stirbt knapp sechzigjährig, bevor sie, weil dement geworden, in ein betreutes Wohnheim umziehen soll.

„Robin und Lark“ ist ein tief berührendes Werk. Ein poetischer Bericht über das Leben zweier Frauen, ihr Scheitern, ihre Hoffnungen und letztlich ihre Befreiuung“, steht am Buchrücken und ich bleibe ein wenig ambivanent zurück, denn einerseits ist es sicher ein berührendes Buch, dessen Sog eine mitreißen kann, andererseits ist aber auch eine Aufeinanderreihung der Episoden eines vielleicht ein wenig ausgeschmückten, prekären Frauenlebens und man könnte sagen, daß die für einen Roman doch so geforderte Plot und die Handlung fehlt.

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