Literaturgefluester

2017-03-25

Gedichte zwischen Uhr und Bett

Nun kommt eingeklemmt zwischen den Neuerscheinungen von „K&S“ und „Kiwi“ ein wenig Lyik aus dem „Keiper-Verlag“, den ich ja einmal auf der „Buch-Wien“ durch Andrea Stift kennenlernte und dessen Gedichtbände von Petra Ganglbauer und Ingeborg Görler ich inzwischen gelesen habe und nun in dem 1984 geborenen in Graz als Buchhändler arbeitenden Mario Hladicz eine Überraschung erlebte, denn allein schon der Titel „Gedichte zwischen Uhr und Bett“ machen neugierig.

Da denkt man wahrscheinlich gleich an den vier Jahre älteren Grazer mit seinem skurrilen Monsterroman, den ich gerne den dBP 2015 gegeben hätte und freut sich vielleicht auch noch, daß das Lesen der Gedichte wahrscheinlich viel schneller geht, als dessen tausend Seiten  und ich frohlocke auch, denn das habe ich ja gerne und suche ich schon lange, einen oder eine, die die Alltäglichkeit des Lebens in  Poesie verfaßt, weil ich ja manchmal bekanntermaßen Schwierigkeiten mit der allzugroßen Abgehobenheit und den Sprachräuschen làrt pour L`Art habe und nur „Hui“ denke, wenn mir da Seitenlang in den allerschönsten Worten die Eigenschaften eines Steins erklärt wird. Denn, was habe ich davon?

Hier habe ich sehr viel und kann den Absurditäten und den Mühlseligkeiten des Lebens nachlauschen und auch verblüfft feststellen wie einach, das dem jungen Autor, der natürlich mit Prosastücken den Weg in die Literatur, wie Helwig Brunner, der Herausgeben der Reihe in seinem Nachwort erklärt, gefunden hat, gelungen ist.

„2014 hat er damit den „Literaturförderungspreis der Stadt Graz“ bekommen und ich denke, wieder, daß man mehr Prosa für die Lyrik braucht und mehr Poesie, um den Alltag zu erklären und wahrscheinlich auch, um ihn auszuhalten und das versteht Marion Hladizc vortrefflich, also wieder ein kurzer Streifzug durch das Buch und ich füge gleich hinzu, daß man die Gedichte lesen soll, denn vieles hat man so noch nicht gehört und man kann auch über den Alltag Gedichte schreiben und ich glaube, daß das sehr wichtig ist und so geht es auch gleich zu der „Wäsche, die im Hof flattert und zu den Nachmittagen, die zäh sind, als sei man in Kaugummi getreten.“

„Aus einem Tagebuch“ nennt Mario Hladicz dieses Gedicht und geht weiter zu dem „Gepäck“, das man vielleicht braucht, um den letzten Weg anzutreten, „Die kaputte Uhr und den Rum für den Mut, das Schreiben vor zwei Wochen und den Stein, den er benützen würde, wenn es so weit war.“

Prägnanter kann man es wohl nicht sagen. Und dennoch, trotzdem geht es immer, um die Dichtung, um das Schreiben, um das Wort:

„Es gibt immer weniger von denen, die ziellos durch die Städte streifen, an Mistkübeln Halt machen, sie scheu umkreisen und beschämt um sich blicken, bevor sie dann doch hineingreifen, auf der Suche nach noch brauchbaren Worten, aus denen sie nichts machen würden.“

Man sieht Mario Hladicz ist ein ganz Hintergründiger, ein Durchtriebener, denn es ist nichts bei ihm, wie es scheinen sollte und alles irgenwie hoffnungslos verloren oder vielleicht auch doch nicht so ganz.

Er versteht die Ausweglosigkeit des Lebens jedenfalls in schöne Worte zu fassen und holt uns die Poesie in den Alltag, die wir dann vielleicht  nicht verstehen, versäumen, wegwerfen, etcetera.

Eine Anspielung an Angelika Reitzer und die „Frauen in Vasen“ gibt es auch, sogar zweimal.

„Zugegeben als wir zu Vasen wurden, geschmackvoll und wohlgeformt“ und dann geht es natürlich um das Lesen oder zur „Liebe (französisch)“

„Sie hätte wohl zu  Francis Ponge gegriffen, er hätte einen Band von  Maurice Blanchot gewählt, um damit den jeweils anderen kräftig eines über den Schädel zu schlagen.

Da sie sich aber aus Literatur nicht viel machten und diese Bücher gar nicht besaßen, blieb alles ruhig und sie verbrachen eine weitere friedliche Nacht im gemeinsamen Bett.“

Wie schon geschrieben, ganz schön hinterfotzig, der Grazer Buchhändler, der Germanistik studierte und eine Ausbildung zum Bibliothekar machte und poetisch und auf der Suche nach den Worten, um den Sinn und Unsinn des Lebens und seine Alltäglichkeit zu erklären.

In Haikus läßt sich das wahrscheinlich ganz besonders gut ausdrücken, deshalb gibt es auch drei in dem Band, nach jeder Abteilung eines

„Haiku II

Wie schafft die Fliege ihren Roman aus dem Raum hinaus in die Welt“ und

„Haiku III

So viel Poesie vor dem Haus aufgestapelt zur freien Entnahme“

Ganz schön zynisch vielleicht gemeint, aber ich denke da an die offenen Bücherschränke aus denen ich mich ja auch sehr gern und bevorzugt bediene und habe mich in meinen Rundgang durch Mario Hladiczs Gedichte, jetzt auf die, sie sich  auf die Wörter und die Literatur beziehen, beschränkt.

Es gibt aber noch so viel anderes darin zu finden, von den Häusern, die keinen Ausgang haben und den Hunden, die merken, daß ihre Herrchen alt werden, besipielsweise und und und….

Lesen würde ich noch einmal empfehlen, umMario Hladiczs Talent kennenzulernen, aus dem   Alltag Kunst zu machen und die Kunst in den Alltag hinüberzubringen, was mir, meine Leser wissen es, ganz besonders gefällt.

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2016-11-09

oder so

Filed under: Bücher — jancak @ 00:21
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Zur Abwechslung nach all dem Buchpreis- und Debutlesen, das in der letzten Zeit ja sehr politisch war, jetzt ein bißchen Lyrik, die mir Anita Keiper, vor cirka einem Monat überraschend in das Haus schickte, nämlich den  14. Lyrikband, der neuen „Keiper Lyrik-Reihe“, die von Helwig Brunner herausgegeben und kommentiert wird.

Die „avagardistischen Textminiaturen“ von Petra Ganglbauer habe ich ja vor einiger Zeit gelesen, bei der  1937 in Dessau geborenen und seit 1985 in Berlin lebenden Ingeborg Görler, die als Volksschulllehrerin und Journalistin gearbeitet und schon mehrere Gedichtbände herausgegeben hat, wird es naturgemäß etwas traditioneller.

Helwig Brunner spricht in seinem Nachwort von „inhaltlicher Aussagekraft und unaufgeregter aber intensiver Bildsetzung“, meint, daß es bei ihr „kaum noch gebräuchliche Vokabel, wie „Blattwerk, Krumen, Dickicht und Gestirn“ gibt, daß sie  aber immer wieder mit Wendungen, wie beispielsweise „Den Apfelkern legen wir in ein Stück unerprobter Erde“ überrascht.

Vier Kapitel oder Abteilungen hat das sechsundneunzig Seiten Buch, „Und du wirst dem Nichtgemeinen bald  begegnen“, „Man fängt jeden Morgen bei Null an“, „Nach sieben Jahren sehen wir uns dann wieder“ und „Der Tag und der Tag danach“.

„Letzen Endes“ heißt das Gedicht, das der zweiten Abteilung seinen Namen gibt:

„Man fängt jeden Morgen bei Null an und zählt jetzt leiser vor jeden Schritt auf den Gipfel zu.“

Das ein Gedicht hat, das mich sehr an Elfriede Gerstl erinnert „ein Baum werden vögel zu gast haben  das wär was worauf man sich freuen könnte“– heißt es ja da in „schöner tot“ sein. Während Ingeborg Görler in  „Verwurzelung“ schreibt:  „Sich vorstellen ein Baum zu sein. Und bei der Vorstellung nicht sofort an Fotos aus Kriegs oder Umweltreportagen denken-“

Überraschung gibt es auch in der dritten Abteilung, bestehen die „sieben Jahre“ doch aus den sechzehn  namengebenden „Oder so- Gedichten“:

„Mal an einen Engel glauben- nicht in Not, aus reinem Überfluß“ oder „Wenn schon, dann alles schwarz sehen! Und glauben, dies sei eine neue Epoche der Kunst-“ oder „Zum Schluß das Haus bestellen, quasi besenrein.“

In der Abteilung vier begegnen den Wörtern:

„DIE FARBE DER WÖRTER genau aufs Papier setzen, sie auslaufen lassen, heller und heller, bis jedes Wort weiß, es ist zu Ende und die Farbe ausgesagt.“

„DIE WÖRTER VOM ABEND angereichert durch Schlaf und Mond, stehen am nächsten Morgen ums Bett: Wald mit Lichtung. Deren Getier im Tag zutraulich bleibt oder flieht.“

Und dann gibt es noch die „LETZTEN WÖRTER auf dem Dezemberfeld. Zu ernten nach dem ersten Frost. Fürs Eisgericht.“

Man sieht, es sind kleine feine Miniaturen, in die uns da die alte Dame führt, die trotz aller Tradition Witz haben, ungewöhnlich sind und auch eine sehr überraschende Übereinstimmung mit einer avantgardistischen Wienerin bringen, die kurz einmal sogar der Wiener Gruppe angehörte.

Berlin grüßt Wien könnte man so sagen und „Baumkronen“ gibt es bei Ingeborg Görler, die, wie noch aus ihrer Biografie zu ersehen ist, mit Vorlieben in ländlichen Grundschulen gearbeitet und auch längere Reisen nach Brasilien und Fernost machte, auch:

„WER IN BAUMKRONEN groß geworden ist, von Ast zu Ast, weil unbewohnbare Häuser fehlten, sollte sich nicht wundern, wenn er es  zwischen Möbeln schwer aushält und seine Habe am Körper tragbar bleibt.“

Trotzdem lebt die alte Dame seit dreißig Jahren in Berlin und verschafft sich auch, wie  Helwig Brunner weiterschreibt „im Überangebot der pulsierenden Literaturstadt Gehör über die Grenzen der Stadt und Deutschland hinaus.“

Und Dank Anita Keiper habe ich nach all dem pulsierenden lauten oder leiseren Buchpreislesen jetzt eine literarische Endeckung gemacht und eine für mich neue lyrische Stimme kennengelernt.

2016-03-15

Wasser im Gespräch

Zur „Lyrik im März“ nun fast punktgenau Petra Ganglbauers „Mond und Pflanzengedichte“ aus der „Keiper-Lyrik Reihe“, der GAV-Kollegin und nunmehrigen Präsidentin, die ich wahrscheinlich schon von meinem GAV-Mitgliedsbeginn kenne, die experimentelle Lyrikerin, 1958 in Graz geboren, „Avantgardistin“, schreibt Helwig Brunner, der Herausgeber, Radiokünstlerin, Schreibpädagogin und auch meine eifrige Rezensentin, hat sie ja  im „Gangway-Net Magazin“ schon fünf Bücher von mir besprochen.

Passend zum österreichischen Lyrikschwerpunkt, wo man sich wenigstens in den Literaturinstitutionen ein wenig Gedanken, um das „Stiefkind der literarischen Gattungen“ macht, so bringt ja die „Gesellschaft“ zu dieser Zeit einige lyrische Veranstaltung und die „Lyrik im März“ der GAV wird ja seit dem Tot von Heidi Pataki und Rolf Schwendter von Petra Ganglbauer veranstaltet, während die Verlage zwar auch vermehrt „Lyrik Reihen“ herausgegeben, diese aber offenbar selber nicht zu promoten scheinen, denn es ja schon der dreizehnte Band der „Keiper Reihe“, von der ich in den letzten Jahren einiges gelesen und besprochen habe, Petra Ganglbauers Lyrik ist aber auf Umwegen und  auch  etwas verzögert zu mir gekommen.

Womit die Verlage wahrscheinlich nur dem Trend der Zeit entsprechen und vielleicht selber glauben, daß Lyrik  niemanden interessiert, obwohl sie kurz und also scheinbar schnell zu lesen wäre und angeblich inzwischen auch mehr Leute Gedichte schreiben. als solche lesen.

Schaut man auf die vorwiegend deutsche Bücherbloggerlandschaft, sieht man diesen Trend bestätigt, obwohl Tobia Nazemi, einer der vorjährigen Buchpreisblogger und vorjährige Bloggerpate des Leipziger Literaturmessenpreises (leider wurde diese Aktion auch schon eingestellt) in seinem neuen Bücherbrief Jan Wagner, dem vorigen Gewinner, mit seinem „Regentonnenvariationen-Lyrik Band“ gedenkt“ und den Autor zwar „Dichterfürst“ nennt und sich für ihn freut, daß er nun nicht mehr auf die „Writer in Residence-Programme“ angewiesen ist, aber gleich bekennt, daß Lyrik für ihn wie Sushi ist, irgendwie interessant, aber dann doch nicht sein Geschmack und es ihm, wie die meisten Bücherblogger mehr zur Prosa zieht.

Dem kann sich die realistische Schreiberin zwar anschließen, aber ich gehe, Österreich und auch die GAV machts möglich, regelmäßig zu Lyrik-Veranstaltungen und so habe ich, glaube ich, einige der Gedichte auch schon gehört und gelesen habe ich auch schon einige der „Pflanzengedichte“, hat doch Gehard Jaschke seine „Feribords“ und da gibt es einen Petra Ganglbauers „Pflanzengesichern“ gewidmeten Flyer und nun ein Gang durch die sehr kurzen  klaren Gedichte, die für die Realistin nicht immer leicht zu lesen waren, aber von Helwig  Brunner, den ich ja auch schon einige Male bei Lyrik-Veranstaltungen über Gedichte sprechen hörte, gut erklärt werden.

„Wasser im Gespräch“ ist  in zwei Teilen gegliedert.

Die „Mondgedichte“ haben wieder zehn Abteilungen und gliedern sich in „Leerer Narrenmond“, „Schwacher Herbstmond“, „Prunkender Heilmond“, „Strahlender Honigmond“, „Verdorrender Wintermond“, „Schwarzer Julmond“, „Karger Lämmermond“, „Klarer Eismond“, „Starker Unkrautmond“ und“ Finsterer Totenmond“.

Sehr poetische Benennungen, wobei es zum „Jul-Eis- und Totenmond“ wahrscheinlich keine Fragen gibt, das hat man  schon in anderen Lyriksammlungen so gehört und Heilwig Bronner betont auch die „Haiku oder Tankanähe“, aber was bitte, ist ein „Verdorrender Winter- oder ein „Karger Lämmermond und auch beim „Starken Unkrautmond“ tut sich, die Realistin in der Vorstellung etwas schwer.

Irgendwann kam dann auch die Frage, was  das mit dem titelgebenden „Wasser“ zu tun haben könnte?

Aber keine Angst auf Seite sechzig, gibts die Antwort zu lesen.

„Wasser im Gespräch, der Geste: Wir drehen uns weiter aberrund. Als Wunde, Herzpochen, Fluch. (Zu-Spruch also Nichtwort)“

Das als kleines Textbeispiel zu Petra Ganglbauers  abgehobener lyrischen Sprache und für die die es noch nicht so ganz verstanden haben, wird  dann von Helwig Brunner  noch erklärt, daß Wasser, „sowohl das Wachstum und die Beschaffenheit von Pflanzen und damit auch ihre Aussaat, Pflege und Ernten durch den Menschen bestimmt und der Mond tut das bei den Gezeiten.“

Helwig Bronner nennt Ganglbauers Gedichte lyrische Miniaturen und erklärt auch  die Beutungsverschiebungen, die vor allem in den „Pflanzengedichten“ zu finden sind, als beliebtes Mittel der experimentellen Literatur, so daß sich auch das theoretische Wissen, der Lyrikleserin, verstärkte.

Bei den „Pflanzengedichten“ geht es  über „Klatschmohn“, „Salbei“, „Gras“, „Pfingstrosen“, etcetera durch die gesammelte Flora, immer wird zuerst die Pflanze beschrieben, bevor es im Nachwort „(Mein Pfingstrosengedicht) Platzende Sonne, ein Streben, ein Platz, Greifendes Blütenversprechen reißt Dem Blau des Himmels den Sinn ein. Scherenschnittrundes rosa Paradies“ heißt.

Interessant, daß die experimentelle Lyrikerin, von der ich schon „Schräger Garten“ – Texte aus dem „Fröhlichen Wohnzimmer“ gelesen habe und wahrscheinlich bei mehreren Veranstaltungen war, die Groß und die Kleinschreibung verwendet und was die Veranstaltungen betrifft, so wird man wahrscheinlich, am Mittwoch, wenn ich schon in Leipzig bin, bei der „Lyrik im März“ im „Afroasiatischen Institut, in der Türkenstraße 3″ um 19 Uhr“ auf die ich alle Interessierte herzlich hinweise, wahrscheinlich  das Bändchen kaufen können, für das ich, weil ich keine österreichische Literatur nach Leipzig mitnehmen wollte, die „Ronja“ ein paar Tage warten ließ, ein kleiner Hinweis auf Tobias Nazemi , falls er das hier lesen sollte.

Sonst sind in der „Keiper Lyrik Reihe“ noch Bände von Wolfgang Pollanz, Helwig Brunner, Sophie Reyer, Michel Hillen, Udo Kawasser, Gertrude Maria Grossegger, Friederike Schwab, Marcus Pöttler, Ute Eckenfelder, Monika Zobel und Sonja Harter erschienen, die man sicher sehr empfehlen kann, denn man soll wahrscheinlich ja, egal ob als Mann, Frau, alt oder jung, mehr Lyrik lesen, um ein bißchen auszuspannen, zur Ruhe zu kommen, den Geist beziehungsweise, die Sprache zu schulen und Sushi schmecken ja auch sehr gut, beziehungsweise sind die Japaner als Meister der poetischen Sprache bekannt.

 

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