Literaturgefluester

2019-04-01

Die bessere Geschichte

Nach den Frauentagssachbüchern geht es gleich weiter mit den Frühjahrsneuerscheinungen und Anselm Nefts Roman, der im Vorjahr in Klagenfurt gelesen hat, passt irgendwie auch zum Thema, obwohl er als Internatsroman gehandelt wird und als eine Mischung zwischen „Zögling Törless“ und „Humbert Humbert“.

Das ist Tilman Weber, der Erzähler, der seine Mutter früh durch Selbstmord verloren hat. Die Beziehung zu seinem Vater ist  auch nicht so ohne. Als er dreizehn ist und der Vater eine neue Freundin hat, wird er in ein Internat, das heißt, eine freie Schule, ein Vorzeigebild der Reformpädagogik, das die Wielands an der Ostsee gründeten, abgeschoben.

Dort ist alles schick und modern. Es leben immer einige Schüler mit zwei Lehrern in einer Familie zusammen und man brauchte keine Regeln einhalten, hat keine Noten, sondern spielt das Leben eben nach, begibt sich in die Antike, stellt Fragen, etcetera und das Ziel der Pädagogen ist es, aus den Schülern das herauszuholen, was in ihnen steckt.

So weit wird das Wesen einer freien Schule, die ja auch die Anna ungefähr zur gleichen Zeit, wie dieser Tilman sie besuchte, sehr gut erzählt und ich habe in den Neunzigerjahren auch einen Roman über eine freie Schule geschrieben, der es aber nie bis zur Veröffentlichung brachte, weil ich ja erst 2000 selber zu publizieren begann.

Der Roman des 1973 in Bonn geborenen Anselm Neft gehet aber noch viel weiter. Er wird von jenem Tilman, der ein Poe-Fan ist, etwas langatmig erzählt und birgt viele Facetten.

Da ist zuerst einmal dire dreizehnjährige Ella, eine Schülerin, in die der Dreizehnjährige sich gleich verliebt. Er wird nach einigen Aufnahmsprüfungen auch in die Famalie von Salvador und Valerie Wieland aufgenommen und dort herrschen besondere Regeln.

Es gibt auch einen Mediationskeller in dem besondere erotische Spiele gespielt werden. Den Kindern werden auch Wein und Drogen angeboten und alles läuft äußerst freiwillig und nach Wunsch ab. So nimmt Valerie Wieland, den Dreizehnjährigen mit ins Ferienhäuschen und dann in ihr Bett, später steigt noch Salvador dazu und der Junge, der ja nur in Ella verliebt ist, scheint nicht zu begreifen, was da vor sich geht.

Als es aber in der Schule zu einer Anschuldigung kommt und die Sache im Plenum, was es auch in der freien Schule Hofmühlgasse gab, verteidigt er seine Lehrer. Ella verläßt die Schule und so endet der erste Teil.

Das heißt, eigentlich endet er mit dem Tod von Tilmans Vater, der die Schule dann mit Sechszehn verläßt, Abitur in einer öffentlichen Schule macht und später, der zweite Teil spielt siebenundzwanzig Jahre später, ein berühmter Schriftsteller geworden ist, der sich aber und das ist wahrscheinlich das Interessante an dem Roman, denn Internatsromane gibt es ja schon einige und in diesen wurde auch sehr viel hineingepackt, zu jungen Mädchen oder Kindfrauen hingezogen fühlt.

Das erklärt Anselm Neft auch wissenschaftlich, beziehungsweise führt er Beispiele von berühmten Personen an, die sich auch zu Kindern hingezogen fühlten.

Jetzt kommt er wieder in Kontakt mit Ella, denn die will die Wielands  anzeigen und die Mißbrauchsgeschichte aufrollen. Anselm wehrt ab, geht aber zum Begräbnis einer ehemaligen Schülerin, die sich umgebracht hat. Da treffen sich dann die ehemaligen Schüler  und Tilman schwingt hin und weg, als er erfährt, daß Ella eine dreizehnhährige tochter hat, in die er sich sogleich verliebt.

Als ich so ungefähr beim ersten Teil war, habe ich einen Radiobericht über den Roman gehört, wo einer sagte, daß das das beste Buch dieser Saison sei.

Da habe ich noch den Kopf geschüttelt und gedacht, o nein, denn da wird alles, was es nur geht, die verstorbene Mutter war auch noch eine Nixe und das Wasser spielt auch eine symbolische Rolle, in das Buch hiningepackt.

Das trotz der Neunzigerjahre in denen es spielt, seltsam altmodisch klingt. Im zweiten Teil ändert sich das dann. Tilmans Begeheren zu der jungen Lucia  klang dann sehr spannend und nicht so sehr abgelutscht. Darüber läßt sich auch viel nachdenken und diskutieren, obwohl das Buch gegen Ende  wieder abflacht, denn Tilmann, der Lucia seine Liebe gesteht, sie  auch in ein Hotelhzimmer führt, geht nicht zum Äußersten, sondern verläßt Mutter und Tochter, mit der ersteren hat er auch eine Liebesbeziehung, wie der Humbert Humbert, um ins Ausland zu gehen.

Er bekommt dann noch als Rache des Schicksals oder als Selbstbestrafung, eine Autoimmunerkrankung nämlich MS und das Buch endet vielleicht wieder etwas maralinsauer.

Trotzdem ist es aber, das kann ich nicht leugnen sehr interessant und es ist auch eine spannende Verbindung vom Mißbrauch zu der Pädophilie zu kommen, obwohl das in der Praxis natürlich nicht eins zu eins gleichzusetzen ist und die Literatur natürlich davon lebt, zu überhöhen und zu übertreiben, ist es  ein spannendes Buch, das ich gelesen habe, obwohl ich gar nicht so genau weiß, was jetzt mit der „Besseren Geschichte“ gemeint ist und, wie sie zu verstehen ist.

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2016-11-17

Weißblende

Nach „Blauschmuck“ kommt „Weißblende“, die Namensähnlichkeit ist Zufall oder nicht, jedenfalls Buch zwei aus der „Shortlist“ des „Bloggerromandebutpreises“ und es geht wieder um Gewalt, an und um Frauen oder auch, um pubertäre Mädchenphantasien und wieder ist die Debutantin eine Frau, nämlich die 1983 in Graz geborene, in Wien lebende Sonja Harter, mir als Lyrikerin bestens bekannt, war ich ja schon bei einigen diesbezüglichen Veranstaltungen und als Friederike Mayröcker den „Bremer Literaturpreis“ bekommen hat, hat sie sie, glaube ich nach Bremen mitgenommen.

Ein sehr poetischer Roman also, poetisch und erotisch, der das Unbegreifliche erzählt, das sich vielleicht in vielen pubertären Mädchenseelen abspielt, der Wunsch zwischen dem Ausbrechen, Hierbleiben, Kindsein und Erwachsenenwerden in einer Welt voller Gewalt und Widersprüche, Lügen und Heimlichkeiten, wo es nicht so einfach ist, sich auszukennen und die Literatur, die großen Vorbilder Humbert Humbert und Lolita, Alice im Wonderland, etcetera gibt es  auch, denn auch am Land, im Dorf, in der Enge hinter den sieben Bergen, gibt es ja auch die Schulpflicht und den Deutschunterricht und da spielt sich heutzutage schon einiges ab.

So wirf Jonathan, der Sohn des Bürgermeisters und daher diesbezüglich besonders priveligiert, einen Papierflieger zu der Klassenvorständin hin, auf der ein Penis aufgemalt ist, sie macht das Papier auf, zerknüllt es und schießt es ihm zurück.

Macht man das heutzutage so in den Dorf oder auch Stadtgymnasien?

Da ist jedenfalls Matilda, das ist glaube ich eine berühmte Figur von Roald Dahl, aber auch eine Vierzehnjährige, die in der Enge des Tales aufwächst. Die Mutter sagt man ihr, ist bei ihrer Geburt gestorben, die Großmutter dement und daher in einem Altersheim.

Matilda ist Klassenbeste, ein wenig Außenseiterin und graut sich vor den Ferien, denn sie kann nicht, wie die anderen, sozial besser gestellten, auf Erlebnisurlaub nach Italien oder Griechenland fahren.

Muß da bleiben und will nicht ins Schwimmbad gehen, denn dort werfen, die Burschen ja nur die Mädchen ins Wasser und kreischen auf. So geht sie zum Deutschlehrer und fragt ihm nach einer Leseliste für den langen Sommer. Der ist erstaunt, denkt nach, empfiehlt dann den „Werther“ und noch einiges anderes.

Aber soweit kommt Matilda nicht, denn einiges hat sich bei ihr geändert. Der Vater, der bisher so abgeschlossen lebte und sich nur einmal, lang lang ists her, mit der Putzfrau am Boden liegend überraschen ließ, vermietet ein Zimmer an einen Franzosen, an Alain Bonmot und es kommt, wie es kommen muß oder Besser Sonja Harter es will:

Der Franzose stellt zuerst Fragen, bringt schließlich Matilda in den größeren Nachbarort, wo es sowohl eine Bücherei, als auch das Altersheim gibt, in dem die Großmutter, die, wie sich herausstellt, gar nicht dement ist, lebt und die offenbart der frühreifen Vierzehnjährigen ein Geheimnis, das den Lesern gar keines mehr ist, denn es gab in dem Buch, im ersten Teil „Nervensommer“ immer wieder kursiv gesetzte Abschnitte, die von einer Frau in der Psychiatrie handelten.

Also die Mutter ist nicht bei der Geburt, sondern in der Psychiatrie, wo sie vorher viele bunte Pillen schlucken und für die Ärzte alles aufschreiben mußte,ums Leben gekommen und diese Aufzeichnungen, gelangen in Matildas Hände und dann kommt auch noch Bonmot und entführt die Vierzehnjährige in die Stadt.

Dafür hat er dem Vater, die Miete bis Ende des Jahres vorausgezahlt. In der Stadt zuerst fragt der Hoteldirektor, „die junge Dame“ und den älteren Herrn verlegen nach den verwandtschaftlichen Verhältnissen, denn man will ja wahrscheinlich nicht die Polizei und das Jugendamt vor der Tür stehen haben.

Alain stellt Matilda aber auf die Probe, führt sie in ein Konzert, von dem es dann in das Hotelzimmer des Pianisten geht und Matilda ist widerspruchslos mitgegangen, alsoreif für den Deal und darf das vorausbezahlte Geld abarbeiten, bevor sie wieder in die ländliche Enge und in ihre Schule zurückkehrt.

Dort erwartet sie eine Frau beim Vater, der Dachboden wird für sie ausgebaut, dort kommt es auch zu Herrenbesuchen, einer davon ist der Deutschleherer, der Matilda mit guten Noten bezahlt und am Ende kommt doch wieder die Psychiatrie, die Ärzte mit den weißen Mäntel, die für das Protokoll, die Gerichtsverhalndlung, etcetera, alles wissen wollen, ständig „Alles ist gut!“, sagen und brav ihre blauen oder roten Pillen austeilen und Matilda wird wahrscheinlich am Ende der Geschichte erwachsen werden.

„Der Arzt streicht mir übers Haar. Das Band läßt er da.Ich sehe mir alles an. Das Bild ist unscharf, aber der Ton ist hervorragend.“

„Ich lege dir alles zu Füßen, Mädchen, bücken mußt du dich selbst“, ist noch ein Zitat, das Alain Bonmot zu Matilda sagte und das am Buchrücken zu finden ist.

Ein Buch der schönen Worte also, von höchster Poesie, das man trotzdem oder vielleicht deshalb nicht so gerne lesen will.

Aber vielleicht doch darüber diskutieren, was davon Gewalt, Phantasie, erlaubt, verboten, gut und böse ist?

Wenn man vierzehn ist und in das Auto eines älteren Herren steigt, der einen Zigaretten überreicht oder mit einem Küßchen begrüßt, holt schnell die Direktorin, die Mutter in die Sprechstunde und wenn man Alain Bonmot mit Matilda im Bett erwischt, kommt er ins Gefängnis, auch wenn Lolita, Humbert Humbert vielleicht dorthin lockte und erwachende erotische Phantasien vielleicht oder auch ganz sicher zur Pubertät gehören und wie soll man über all das schreiben?

Schockierend brutal mit Fotos, die es vielleicht im Internet oder in der Gerichtsmedizin zu sehen gibt oder so schön poetisch, wie es die österreichische Lyrikerin Sonja Harter tat, die mit ihrem Debut auf die „Bloggerdebutpreisshortlist“ gekommen ist und ich nun die Qual der Wahl habe, wieder einmal Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Was ist schöner und poetischer „Blauschmuck“ oder „Weißblende“?

Gewaltvoll ist beides höchstwahrscheinlich und es gibt ja noch drei andere Bücher, die zur Auswahl stehen, „Ymir“ ist das nächste, das ich lesen werde und bin natürlich  selber schuld an dem Dilemma, habe ich mich ja noch schnell kurz vor zwölf in die Jury hineingedrängt, weil ich das so gerne mache, Bücher zu vergleichen und dann dazuzuschreiben, daß man das gar nicht kann!

2015-05-22

Der Vorleser

Nun kommt das zweite Buch, auf meiner „Deutschland-Leseliste“, das ich von  Ulm nach Würzburg mitgenommen habe.

Bernhard Schlinks „Der Vorleser“, ein Fund aus dem Bücherschrank und ein sehr berühmtes Buch, das auch verfilmt worden ist. Beides ist an mir vorbeigegangen, so daß ich nicht genau wußte, worüber es darin geht.

Von dem  1944 in Großdorning geborenen Juristen, habe ich mir, glaube ich, 1996 als ich nach Klagenfurt gefahren bin, um dort zuzuhören und das literarische Feeling zu schnuppern, beim  „Libro“ einen Krimi gekauft, der mir aber, glaube ich, nicht sehr gefallen hat.

Jetzt ist vor kurzem ein neuer Schlink „Die Frau auf der Treppe“ erschienen“, da habe ich die Rezension ein bißchen mitverfolgt und jetzt den “ Vorleser“, gelesen

Auf der Zugfahrt zurück von Würzburg nach Wien, als ich mit der Gabriele Wohmann fertig war, habe ich es begonnen und ich kann schreiben, daß es leichter zu lesen war und mir auch sehr gefallen hat.

Sehr eindrucksvoll die Geschichte des Ich-Erzählers, Michael Bergs, der in den frühen Sechzigerjahren mit fünfzehn Jahren als er an Gelbsucht erkrankte, die etwa zwanzig Jahre ältere Hanna Schmitz kennenlernt.

Sie hilft ihn bei einer Unpäßlichkeit, seine Mutter schickt ihn mit Blumen zu ihr, um ihr zu danken. Sie ist gerade beim Bügeln, entkleidet sich bis aufs Unterkleid, er läuft davon, kommt aber wieder und sie beginnt ihn zu verführen „Das ist doch, was du willst, Jungchen!“ und die Geschichte beginnt.

Heute würde man das sexuellen Mißbrauch nennen, aber das wird nicht einmal thematisiert.

Eine Geschichte also über die sich sehr nachdenken läßt und, die in den drei Teilen, in denen sie erzählt hat, mehrere überraschende Drehungen und Wendungen nimmt.

Der Ich-Erzähler, ein Jurist, der sich mit Rechtsgeschichte beschäftigt, man könnte auch einiges Biografisches zuordnen, beziehungsweise finden, erzählt die Geschichte, zehn Jahre nach Hannas Tod.

Im ersten Teil übersteht er die Gelbsucht, muß dabei solange zu Hause bleiben, daß er glaubt, das Schuljahr wiederholen zu müßen, das läßt Hanna, die er seither jeden Tag besucht nicht zu, so verspricht er ihr zu lernen und schafft es auch.

Er muß ihr vor der Liebe jeden Abend vorlesen und es kommt auch zu Mißverständnissen zwischen den Beiden, einmal schlägt sie ihm mit ihrem Gürtel, als er nur kurz Frühstück holen wollte, sie glaubte offenbar, er wolle sie verlassen und hat den Zettel, den er ihr hinterließ, nicht gesehen. Einmal will er sie, sie ist Straßenbahnschaffnerin, auf der Fahrt überraschen, da ignoriert sie ihn und sie auch auf einmal verschwunden.

Das irritiert den jungen Mann, Sohn eines Philosophieprofessors, der die Nazi Zeit einigermaßen mit Anstand überstand, der nach der Matura Jus studiert und während eines KZ-Seminars, wo die Studenten einen Prozeß mitverfolgen, trifft er Hanna wieder.

Sie, die ihm nie sehr viel von sich erzählte, war Aufseherin in einem KZ bei Krakau, ist auch Schuld, daß Frauen und Kinder in einer Kirche verbrannten und wird lebenslang verurteilt.

Er kommt jeden Tag in den Gerichtssaal, reagiert dann körperlich, daß er keine Kälte verspürt und fast daran stirbt, schließt sein Studium  ab, heiratet und läßt sich bald wieder scheiden.

Im dritten Teil beginnt er Hanna Cassetten von der „Odyssee“, aber auch von anderen Klassikern, die er besprochen hat, zu schicken, dernn er hat während des Prozeßes herausbekommen, daß sie Analphabetinist, deshalb interessiert sie sich soviel für Bildung.

Auch eine überraschende Wendung und nach achtzehn Jahren soll sie freikommen, da wendet sich die Leiterin der Strafanstalt an ihn mit der Bitte ihr eine Wohnung und eine Arbeit zu besorgen, da er offenbar der einzige ist, der Kontakt zu ihr aufnahm.

Er drückt sich erst vor einem Besuch, kommt dann aber doch, trifft eine alte, dicke Frau, die auch so riecht und am Tag vor ihrer Entlassung, als er sie abholen will, hat sie sich in ihrer Zelle erhängt.

Die Leiterin zeigt ihm ihre Zelle, sie hat an Hand seiner Cassetten das Lesen und das Schreiben erlernt und sich Bücher von Primo Levi, Elie Wiesel, Jean Amery, aber auch die über die Eichmannprozesse aus einer Spezialbibliothek bringen lassen und sie hinterläßt ihr Geld einer Überlebenen, er soll das Geld, das sich in einer Dose befand, nach Amerika bringen und dann beginnt er über Hanna und sich zu schreiben und man hat eine etwas andere Holocaustliteratur gelesen.

Kann darüber nachdenken, wie es dazu kommen konnte und bekommt vielleicht auch ein bißchen Einblick in die Psyche der KZ-Wärter, die wahrscheinlich oft einfache Menschen waren und vielleicht auch nicht schreiben und lesen konnten. Kann über die Sozialisierung in den Fünfzigerjahre und über den Liebessommer eines Fünfzehnjährigen zu einer zwanzigjährigen älteren Frau nachdenken, die sich als KZ-Wärterin meldete, weil sie verhindern wollte, daß jemand ihren Analphabetismus bemerkte.

Auch so kann man den Holocaust erzählen, denke ich, lese am Buchrücken, daß das Buch in neununddreißig Sprachen übersetzt und zum internationalen Bestseller wurde und bin wieder gespannt, was ich noch von Bernhard Schlink finden und lesen werde.

2015-05-05

Stimmen

Es ist ein sehr poetischer, leiser, psychologischer Krimi, den die  1936, bei Fiesole geborene Dacia Maraini, die einige Zeitlang, die Gefährtin Alberto Moravias war und von der ich schon „Bagheria“ und „Kinder der Dunkelheit“ gelesen habe, da erzählt.

Eine sehr psychologische Geschichte, die auch Zeit für scheinbar Nebensächliches hat und sehr stimmungsvoll Szenen des römischen Alltagsleben der Neunzehnneunziger Jahre so nebenbei erzählt und außerdem war sie, die Feministin, wie ich „Wikipedia“ entnehme, eine der ersten, die das Thema Gewalt an Frauen, Kindesmißbrauch etc, salonfähig bzw. in die Literatur hinein brachte.

So handeln ja auch die „Kinder der Dunkelheit“ davon und da gibt es auch schon die zahnspangentragende Kommissarin Adele Sofia, halb Südtirolerin mit Tiroler Stube, halb Sizilianerin, die auch noch mit einer Frau zusammenlebt, die taucht in dem, wie am Buchrücken steht, „raffinierten Psychothirller“ wieder auf, die Protagonistin ist aber die Ich-Erzählerin Michela Canova, eine Rundfunkjournalistin, wahrscheinlich Dreißigjährig, die von einem Fortbildungsseminar in Mailand in ihre römische Wohnung zurückkehrt und von der Hausmeisterin Stefana erfährt, daß ihre Nachbarin Angela Bari mit mehreren Messerstichen ermordet wurde.

In siebenundfünfzig Kapitel wird der Fall nun aufgeklärt und „Stimmen“ heißt das Buch, weil die Rundfunkjournalistin, die oft am Mischpult sitzt, die Musik auflegt und sich über den Psychiater Baldi ärgert, der zu Hause, den weiblichen Anruferinnen, die ihm ihre Probleme schildern, oft seltsame Antworten gibt, ein Faible für Stimmen hat.

So läuft sie ständig mit ihrem „Nagra“ herum und nimmt die Stimme von Anglela Baris Verwandten und Bekannten auf, denn ihr Rndfunkdirektor hat ihr auch ein Angebot gemacht eine Serie über ungeklärte Gewalttaten an Frauen zu machen und die will sie an Hand des Falles ihrer Nachbarin aufrollen und die hat offenbar auch auf ihrem Antwortbeantworter angerufen und hat ihr dort ihre Stimme hinterlassen

Es gibt noch eine Reihe anderer seltsamer Begegnungen, so eine Inschrift an der  Hauswand gegenüber, die ständig wechselt, bzw. vom Hausmeister überpiselt wird, „KÜMMERDICH UM DEINEN EIGENEN DRECK!“, beispielsweise ist eine davon. Dann gibt es noch die Beschreibung eines seltsamen Mannes, der im Haus herumschleicht und einmal sogar mit Michela im selben Aufzug fährt.

Von dem hat Angelas Schwester Ludovica, eine chronische Lügnerin und ehemalige Psychiatrieoatientin Michela erzählt und während im Rundfunk Professor Baldi, den Frauen seine Ratschläge gibt, ruft eine Prostiutierte namens Sabrina an und erzählt, Angela hätte auch diese Profession ausgeübt.

Da kommt dann der Zuhälter Nando ins Spiel, er ist der Mann in Aufzug und er dingt auch in Angelas Wohnung ein, um dort eine Kassette zu entwenden und sie Michela zuszspielen und da wären wir wieder bei den Stimmen, denn darauf ist die von Angela, die Märchen erzählt, die alle von Töchtern und ihren gewalttätigen Vätern handelt.

Adele Sofia, die Michela ständig zum Essen einlädt und sehr gute Knödel macht, nimmt das nicht ernst, Nando Pepi wird aber doch verhaftet, als er sich im Gewand eines Scheichs nach Kuweit aus dem Staub machen will.

Seine DNA beweist aber, er war es nicht. Zwar hat sich inzwischen auch die Prostiutierte Sabrina umgebracht, die Spur weist aber weiter, zum Stiefvater Glauco Elia und sogar zu Michelas Freund, Marco, der sich gerade in Angola befindet und dort unerreichbar ist.

Der Stiefvater, der inzwischen von der Mutter Auguster geschieden ist, eine dreißigjährige jüngere Kindfrau geheiratet hat, die gerade in der Nacht des Mordes ein Kind gebiert, so daß der Bildhauer vorrübergehend ein Alibi hat.

Michela macht sich auf den Weg zu seinem verwunschenen Haus, rettet dabei eine verletzte Schildkröte, sie ist, wie die ermordete Angela sehr tierliebend, hat die doch immer ein Kilo Hackfleisch gekauft um die herumstreundenden Katzen damit zu füttern, was heute wohl verboten wäre.

Der Bildhauer schickt Michela aber auch ein Tonband, während er sich an einen sicheren Ort begibt, auf dem er von seinen Kindfrauen, beziehungsweise Beziehungen seinen Stieftöchtern erzählt und richtig Micheala verstorbener Vater taucht in ihren Träumen und Visionen auch immer auf und ich habe 2015, dank der offenen Bücherschränke einen inzwischen wahrscheinlich längst vergriffenen Krimi gelesen, der sehr eindringlich von der Gewalt an den italinischen und wahrscheinlich auch anderen Frauen erzählt und nachweist, daß Thriller auch sehr leise sehr poetisch und manchmal surreal sein können.

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