Literaturgefluester

2021-02-07

Licht und Schatten

Filed under: Bücher — jancak @ 00:19
Tags: , , , ,

Victors Klemperers Kinotagebuch, das der 1881 geborene Rabbinersohn, der 1960 gestorben ist und durch sein LTI berühmt wurde, zwischen 1929-1945 gschrieben hat. Von seiner lingua tertii imperii, dem Notizbuch eines Philologen, das in der der DDR. von Reclam herausgegeben, zum Kultbuch geboren ist, habe ich von der Ute erfahren, es nicht gelesen, wohl aber einen anderen Band des Philologen, der, lese ich erstaunt, offenbar ein änlicher Kinoenthusiant, wie Joseph Roth war, mehrmals in der Woche mit seiner Frau Eva oder auch allein ins Kino gegangen ist und darüber Buch führte.

„Aufbau“ hat jetzt diesen Tagebuchband herausgebracht, der von Nele Holdack und Christian Löser herausgtegeben wurde, das Vorwort hat Knut Elstermann geschrieben, der eben Klemperers Kinoleidenschaft erklärte und hinzufügte, daß der 1929 in den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm hineingekommen ist, den er wegen der schlechten Qualität und der schrillen Stimmen anfangs ablehnte. Im ersten Teil „Eine gemordete Kunst, der Tonfilm! 1929 – 1932“, schreibt Klemperer auch von einem Protestplakat, daß man diese Filme bekämpfen soll, weil sie den Klavierspielern die Arbeit nehmen würde, etwas das scharf an die heutige Zeit erinnert und uns daran mahnen kann, daß die Ablehnung des Fortschrittes zwar bekämpft, aber wohl nicht wirklich verhindert werden kann und in den Tagebücher listet Klemperer zum Teil sehr genau die Filme auf, die er gesehen hat.

Da gibt es die Berühmten, die uns in Gedächtnis geblieben sind, der „Blaue Engel“ mit Marlene dietrich, den „Hauptmann von Köpenick“, „Im Westen nichts Neues“ und viele andere und noch mehr heute völlig unbekannte und Klemperer notiert auch sehr genau, den belanglosen Inhalt, den Kitsch der Handlung, armes Mädel sucht und bekommt reichen Mann, Verwechslungen, etcetera.

Mit dem Tonfilm freundet er sich langsam an. Die Qualität wird besser und vor allem Richard Tauber, der dort seine Arien sang, konnte ihn begeistert. In anderen Tagebüchern beschreibt er seine Situation in dieser Zeit. So bezieht er 1929 mit seiner Frau in Dresden eine Dachkammer und scheint dort seinen Honeymoon wiederzuerleben. Seine Einkünfte, er ist Professor an der Technischen Hochschule, werden eingeschrumpft. So hat er große Schwierigkeiten mit seiner Frau nach Berlin zu fahren, die dort eine Ausstellung besuchen will und 1935, das ist dann schon der nächste Teil „Wir waren vom ersten bis zum letzten Bild und Ton entzückt, 1933-1938“, wurden die Nürnberger Gesetze verkündet, was bedeutete, daß Klemperer zwangsweise in den Ruhestand versetzt wurde. Er macht spät den Führerschein und geht bis es ihm dann verboten wurde, soviel wie möglich ins Kino, sieht sich die Filme der Wessely und Paul Hörbinger an, die Filme von Jan Kiepura und gleich 1933 die „Menschen im Hotel“ die Verfilmung des berühmten Vicki Baums Romans.

Im dritten Teil „Es ist nur mit den Augen wie mit den Hut: Der dazugehörige Kopf muß erhalten bleiben, 1939 -1945“ zieht Victor Klemperer mit seiner Frau in eine Judenwohnung und muß 1940 weil er auf das Verdunkeln vergißt eine Woche lang eine Gefängnisstrafe antreten, in der er sich, so wie ich in den letzten Monaten, wie im Kino fühlt. Es wurde ihm versprochen seine Bücher mitzunehmen und lesen zu können, was dann nicht so war. So hatte er große Mühe, die eine Woche hinter sich zu bringen und sich ohne intellektuelle Tätigkeit zu beschäftigen, Schachspielen und singen, kann er nicht, wie er schreibt und ist sehr froh, als ihm ein Wärter zum Rasieren bringt und ihm einen Bleistiftstummel gibt.

Victor Klemperer notiert 1942 genau all die Restriktionen denen dieJuden ausgesetzt waren. 1943 wird er zur Zwangsarbeit verurteilt und 1945, als Dresden zerstört wird, sucht er seine Frau Eva und darf im Mai wieder in seine Wohnung zurück. Da geht er dann wieder ins Kino und bemerkt erleichtert, daß seine Augen, wie er fürchtete, bei dem Angriff doch keinen Schaden genommen haben, worauf sich auch die Kapitelüberschrift bezieht.

Es gibt einen ausführlichen Bildteil, wo man Bilder und Plakate zu den Filmen sieht, die werden auch im Anhang angeführt und einen Artikel vom 1912-, Victor Klemperer hat, wie ich dem Anhang entnehme, 1905 sein Studium in Berlin abgebrochen und versucht als freier Schriftsteller zu leben, sein Studium aber auf Drängen seinr Familie wieder aufgenommen, -„DasLichtspiel“ und man hat wieder ein spannendes Buch über die Zeit von 1929-1945 gelesen.

Vergleiche zu heute, wo man, wenn auch anderen Gründen, vieles nicht mehr darf, drängen sich auf. Manche der alten Filme habe ich gesehen, bin ich ja früher sehr oft ins Bellaria-Kino gegangen, wo es solche Filme gab und jetzt war ich schon fast ein Jahr mehr in keinen Kino, dafür lesen, lesen, was man ja darf und soll und ich auch ohne „Amazon“ über Büchermangel nicht klagen kann.

2017-01-23

In meinem fremden Land

Filed under: Bücher — jancak @ 14:56
Tags: , , ,

Nach den Impressionen aus einem idyllischen Ex-DDR-Dörfchen geht es weiter mit Hans Fallada, nämlich mit der Neuauflage seines Gefängnistagebuch von 1944 und das ist wahrhaft ein „wahnsinniges“ Stück Zeitgeschichte.

Im besten Sinn des Wortes, denn da schießt einer im August 1944 im Alkoholdelirium auf seine Frau und wird eines übergenauen Richters wegen, in ein Gefängnis für geisteskranke Kriminelle eingewiesen und dort schreibt er für oder gegen sein Leben.

So genau läßt sich wohl nicht definieren, denn was macht der einseits angepasste Schriftsteller und Gutsherr Rudolf Dietzen, der andererseits ein für die Nazi unerwünschter Schriftsteller geworden ist, der aber wahrscheinlich doch sehr gut an den Unterhaltungsromanen, die er in dieser Zeit geschrieben hat, verdiente.

Hier sind vielleicht auch Vergleiche mit Rudolf Brunngraber angebracht, von dem man auch nicht so go genau weiß, ob er jetzt ein Nazi war oder nicht.

Fallada schreibt zwar fast unleserlich und auf den Kopf gestellt, so daß, die ständig hereinkommenden Wächter, es nicht gleich erkennen und an Geschichten für Kinder, glauben, seine Erinnerungen und Erlebnisse an diese grauenhafte Diktatur.

Dazwischen gibt es immer eingeschoben Berichte von Leuten, die von den Nazis hingerichtet wurden, weil sie beispielsweise einen Koffer oder eine Druckereipresse versteckten und ein Fall für die Euthanasieprogramme wäre der Alkoholiker, Nervenkranke und Morphinist höchstwahrscheinlich auch gewesen.

Sei es wie es sei, Hans Fallada hatte ein sehr ungewöhnliches Leben und war wahrscheinlich auch ein sehr widersprüchlicher Charakter. Das kann man schon an seinen Pubertätskrisen sehen und ist sowohl bei „Wikipedia“, als auch in der vor kurzem erschienenen Biographie von Peter Walther nachzulesen.

Im Netz findet man auch, daß es bei dem bei der bei „Aufbau“ am 19. Jänner erschienenen Auflage, schon eine Ausgabe von 2009 gibt, eigentlich findet man im Netz derzeit fast nur Informationen über sie und in dem von Jenny Williams und Sabine Lange herausgegebenen Buch, steht auf Seite 287: „Hans Falladas bisher unveröffentlichtes Gefängnistagebuch aus dem Herbst 1944 wird als Teil des „Trinkermanuskripts“ in der Akademie der Künste, Berlin, aufbewahrt.“

Das stimmt, würde ich sagen, insofern nicht, daß die 2009 Ausgabe ein ganz anderes Cover hat, also wäre ein größerer Hinweis, als der im Impressum, daß die Erstausbage 2009 bei Aufbau erschien, wenigstens für mich sehr hilfreich gewesen.

Ansonsten finde ich das Buch vor allem als Psychologin sehr interessant.

Denn das, was da von der Entstehungsgeschichte berichtet wird, klingt so unglaublich, daß man es auf den ersten Blick für erfunden halten könnte und in dem sehr ausführlichenNachbemerkungen, ist auch mehrmals zu lesen, daß Fallada, seine Tagebuchnotizen  sehr romanhaft mit Schilderungen, Bildern und Szenen angelegt hat.

Er hat sie auch sehr schnell geschrieben, im wesentlichen im September 1944, denn im Dezember wurde er wieder entlassen. Und dazwischen gibt es auch, die Kindergeschichten und das Buch „Der Trinker“ und an seinem nichantisemitischen antisemitischen Roman hat er auch gearbeitet.

Sehr viel Zeit zu überarbeiten hatte er im Gefängnis wohl nicht, später, vor der Herausgabe hat er das dann  getan und einiges verändert und in den Anmerkungen kann man auch sehr genau nachlesen, wo Fallada sich irrte und, wo etwas nicht stimmt.

Einiges war mir schon aus der Biographie von Peter Walther bekannt und es beginnt, wie man auch in den Anmerkungen sehr plastisch nachlesen kann, im Jänner 1933 in der Weinstube Schlichter in Berlin. Da saß Fallada mit Ernst Rowohlt,  seiner Suse und dessen Frau und Ernst Rowohlt, der berühmte Verleger pflegte sein Publikum auch zu unterhalten, in dem er sich ein Sektglas servieren ließ und dieses dann zum Erstaunen der Zuschauer genüßlich zerbiß. Jetzt wird er aber durch den Kellner unterbrochen, der den Gästen aufgeregt verkündet „Der Reichstag brennt!

So hat das tausendjährige Reich in Deutschland  angefangen, in Österreich passierte das erst fünf Jahre später und Fallada plaudert weiter, daß Ernst Rowohlts dritte Gattin, sein drittes Reich, steht irgendwo später, dem kleinen Töchterlein immer schön, das „Heil Hitler-Grüßen“ beibrachte, was derVerleger, der Fallada immer Väterchen nannte, insofern sabotierte, in dem er der Kleinen „Rotfront- Ein Arschist blond!“, zu skandieren beibrachte,  was höchstwahrscheinlich auch nicht so ungefährlich war.

Dann geht es weiter mit dem Bericht von dem Häuschen in dem Fallada mit Frau und dem ältesten Sohn, die Zwillinge wurden gerade erwartet, wohnte, das einem ehemaligen Fabrikanten gehörte und sehr verschuldet war. Fallada wollte es ihm abkaufen, der wandte sich aber an die Nazis, die Fallada in Schutzhaft nehmen ließen, ihn, wie er meinte, gerne auf der Flucht erschoßen hätten, dann hätte der Vermieter aber auch nichts davon gehabt, der ihn, als er von Fallada gekündigt wurde, mit der SA erpresste, sodaß er ihm weiterhin die Miete zahlen mußte und auch seine Möbel einbehalten wurden.

Gerettet aus dieser Misere hat Fallada Peter Suhrkamp, der in den Kriegswirren, die Furcht von Bertram Fischer ausnützte und dessen Verlag übernahm.

Ja, die Verlage haben gewechselt, Ernst Rowohlt mußte emigrieren. Der Verlag gehörte plötzlich jemanden anderen und Fallada zog sich mit seiner Familie nach Carwitz, das in dem Buch Mahlendorf genannt wurde, zurück.

Ganz so schlecht ist es ihm dort aber nicht gegangen oder doch, wollte er doch ein Drehbuch seines „Eisernen Gustavs“, er hat ja im Krieg Unterhaltunsromane geschrieben, für Emil Jannings schreiben, hat das auch getan, Goeblels oder auch Minister Rosenberg haben das aber verhindert und so wurde Fallada zum unerwünschten Schriftsteller und mit den Bürgermeistern und Lehrern, die es in dem Dörfchen Carwitz gab, gab es auch Probleme, denn die waren bald aufrechte und aktive Nazis, die die Dorfbewohner und natürlich auch Fallada erbärmlich schikanierten.

Es kamen, je länger de Krieg wehrte, auch immer wieder Einberufungen, Fallada mußte zu den Musterungen und dort sagte man ihm, wie einmal dem braven Soldaten Schwejk, daß eine Schizophrenie, Epilespisie, wie überhaupt jedes Nervenleiden egal sein, man darf in diesem Fall zwar keine Kinder kriegen, fürs Vaterland sterben aber schon.

Ein ehemaliger Hausarzt rettet ihn und schreibt ihn endgültig kriegsuntauglich und am Schluß, dazwischen gibt es immer wieder Einschübe und Rechtfertigungen, wieso Fallada nicht emigrierte und, daß das, was er da mache eigentlich wahnwitzig und gefährlich sei, eine Vision, daß er sich mit seiner Familie im Keller seines Hauses gemütlich macht, während oben zuerst die Ratten herumlaufen und der Krieg dann irgenwann einmal doch beendet ist.

In Wahrheit bekam Fallada im Oktober oder so Ausgang, so schmuggelte er das Manuskript hinaus, schrieb dann offenbar bis zu seiner Entlassung an dem Antisemitischen Roman weiter, der nie erschienen ist und ich kann die Aufzeichnungen jeden, der über diese Zeit des Zwanzigstenjahrhunderts etwas erfahren will, sehr empfehlen und die Biographie natürlich auch.

Es ist auch ein kleiner Folder beiglegt, der auf die Biographie hinweist, ein paar Fotos zeigt, die dort enthalten sind, außerdem sind da auch die aktuellen Romanausgaben, die „Aufbau“ ja nach und nach unzensuriert wieder neuauflegt, enthalten.

„Jeder stirbt für sich allein“ habe ich schon gelesen, den „Blechnapf“ und den „Kleinen Mann“, in älteren Ausgaben, „Wolf unter Wölfen“ wartet in meinen Regalen, „Ein Mann will nach oben, Der Trinker“ und „Der Alpdruck“ müssen noch zu mir kommen.

Erstelle kostenlos eine Website oder ein Blog auf WordPress.com.