Literaturgefluester

2020-10-26

1000 Serpentinen Angst

Buch siebzehn des dBp und eines der drei Debuts und wow, was für ein Buch könnte ich ich schreiben, das Erstlingswerk der 1985 in Weimar geboren Olivia Wenzel, die in Ostldeutschland von einer weißen Mutter aufgezogen wurde und einen sambischen Vater hat.

So ein Buch hat es schon von Jackie Thomae hat es schon im Vorjahr auf die Shortlist gebracht und als ich die Besprchung bei „Papierstau“ hörte, wo ich noch lange nicht so weit mit dem Lesen war, dachte ich, das ist ein sehr ähnliches Buch und habe mich wieder einmal sehr geirrt.

Ist es nicht, es ist ein beachtliches Erstlingwertk einer jungen Frau mit einem sehr sehr ungewöhnlichen frischen frechen oder auch was immer Stil, das viele Themen anschneidet und absolut noch nichts von einer Struktur und einem Plot etwas gehört zu haben scheint. Ich würde es auch nicht Roman nennen, sondern wahrscheinlich wieder Memoir, greift es wahrscheinlich ja viele Themen und biografische Punkte seiner Autorin auf und hat einen rassanten ersten Satz, wo ich noch mit dem Thomae Vorurteil behaftet schon einmal „Wow!“ dachte „Mein Herz ist ein Automat aus Blech“, lautet der nämlich. Dann geht es nach New York und zur TrumpWahl, von der man ja jetzt in zweiter Runde wieder sehr viel hört. Dann zurück nach Berlin, ist teilweise, wie ein Seitenkatalog oder ein Fragenbogen gestaltet, dann hat es wieder Fließtextanteile und kurze knappe abschnitte und sehr viel Englisch und, das ist auch sehr interessant, es hat dem gestrengen Kritiker vom Literaturcafe wegen seiner Ungewöhnlichkeit gefallen und ich, die ich ja schon ein wenig älter und auch konventioneller bin, ein wenig verwirrt. Das Buch wird aber sicher einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, obwohl ich es eher schnell und flüchtig gelesen habe, maches überflog und mich dann wieder bei anderen Rezensenten und Vloggern nach ihren Eindruck erkundigte.

Die Autobiografie aber bleibt und ist wahrscheinlich prägend, da ist die Protagonistin, ich glaube, sie hat keinen Namen, aber einen Zwillingsbruder, der sich umbrachte, einen Vater aus Angola, der bald wieder in seine Heimat verschwand, aber zum Geburtstag mailt, eine SED- getreue Großmutter, als es die noch gab, die die Enkeltochter liebevoll „Schokokrümelchen“ nannte, eine Mutter, die Punkerin war und jetzt reist diese, ich glaube, Dreißigjährige, die auch als Lehrerin in Neukölln arbeitet, nach New York und dann wieder nach Berlin zurück. Sieht am Flughafen einen Mann, der sich vielleicht einen Sprengstoffgürtel überschnall und geht zur Security, als sie zurückkommt spielt er mit drei Kindern und man denkt „Wow!“, es gibt Kim, die vietnamnesische Freundin, die auch von ihren Rassismuserfahrungen erzählt.

Richtig, es ist ein Buch über Rassismus und über die Mikro- oder Makroaggressionserfahrungen dieser Welt, die die jungen Leute von heute wahrscheinlich stärker oder ganz anders, als ihre Großümütter erleben.

Im letzten Teil ist die Protagonistin, dann schwanger und reist nach Vietnam, vorher hat sie, weil an Angst- und Panikstörungen leidend, einige Therapien durchgemacht, ein Freund, der Psychoanaltiker ist, hat sie dazu gezwungen, sie erwischt aber wieder einige falsche, nämlich auch rassistische, die sie und ihr Problem nicht verstehen. Mit den Psychopharmaka ist es ähnlich.

Das Automatenbild kommt immer wieder vor und andere verschiedene Rassismuserfahrungen und immer wieder diese Fragebögen oft in Groß- und Fettschrift geschrieben, die von manchen Rezensenten als rapartig interpretiert wurden.

Interessant, interessant, würde ich sagen, auf die Shortlist ist es nicht gekommen, obwohl es mir wahrscheinlich besser als Jackie Thomaes „Brüder“ gefallen hat. Auf meine würde ich es aber wahrscheinlich auch nicht tun. Jetzt bin ich wieder gespannt, was ich noch alles von der Autorin hören oder lesen werde und natürlich auf das dritte Debut, Deniz Ohdes „Streulicht“, das auf der Shortlist war, sowie den „Aspekte-Preis“ bekommen hat, für den, Olivia Wenzel, glaube ich, auch nominiert war und das, als Nächstes auf meiner Leseliste steht und natürlich bin ich auch gespannt, ob das Buch für die Bloggerdebutshortlist auserwählt wurde, denn dann hätte ich es schon gelesen.

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