Literaturgefluester

2020-03-17

Oreo

Nun kommt das Gewinnerbuch der Sparte Übersetzung des „Leipziger Buchpreises“, das von Pieke Biermann übersetzte und ich glaube zum ersten Mal auf Deutsch erschienene 1974 herausgebrachte Roman der 1935 geborenen und 1985 an Krebs verstorbenen Frances Dolores Ross, die wie ihre Heldin Christine alisas Oreo einen jüdischen weißen Vater und eine schwarze Mutter hatte.

Fran Ross wuchs in Philadelphia auf, arbeite als Journalistin, „Oreo“ ist, glaube ich, ihr einziger Roman, der bald wieder vergessen wurde, zweitausend wieder entdeckt wurde und dann zum Kultbuch der Frauenbewegung oder der afroamerikanischen Literatur  hochstilisierte, denn Oreo ist eine wahrlich ungewöhnliche Figur, vielleicht sogar mit dem Ullysses vergleichbar, vielleicht auch nur eine Idee, der Autorin, ihre sechzehnjährige Heldin mit dem  Theseus zu vergleichen und solcherart, die griechische Sage auf eine rotzig freche Art wiederauferstehen zu lassen, von einem Comic habe ich irgendwo etwas gelesen und ich bin, da keine  keine besondere Kennerin der griechischen Mythen ein bißchen unsicher in der Beurteilung, denke aber doch, ein außergewöhnliches Buch gelesen zu haben.

Da ist also die sechzehnjährige Christine, Tochter von Helen Clark und Samuel Schwartz und als Samuel Schwartz, die Afroamerikanerin heiratet, haben deren Eltern jeweils einen Herzinfarkt oder sonstige Zustände bekommen.

Der Vater hat die Mutter  bald verlassen und ist nach New York übersiedelt, nicht ohne der Tochter einen Zettel mit geheimnissvollen Hinweisen, wie sie ihn auffinden kann, zu hinterlassen und die Oreo genannt, nach dem berühmten amerikanischen Keks, dunkle Umhüllung mit weißer Fülle, eine rotzfreche Göre, die alles mit Karate und Witz zu lösen weiß, macht sich auf den Weg, vorher gibt es noch und das finde ich für ein Buch aus den Siebzigerjahren sehr ungewöhlich, eine Szene, wie sie sich gegen einen Vergewaltiger zu wehren weiß.

Auf der Reise in die Metropole macht sie auch noch einige außergewöhnliche Bekanntschaften, so trifft sie zum Beispiel einen Reisehenker, das heißt, einen, der in ein Büro beordert wird, um dort Kunden zu feuern, das finde ich auch sehr beeindruckend.

Sie übernachtet in einen Park, wird am Klo von einem frechen Jungen gespannt, den sie dann, als er Hunde quält es auch ordentlich heimzahlt, dieser Theseus hat also einen  starken Gerechtigkeitssinn.

Mit einem Bordellbesitzer legt sie es sich oder er mit ihr auch an, dann gibt es noch einen stummen Radiomacher und und, der Skurilitäten ist kein Einhalt geboten.

Sie kauft sich noch Schuhe in einem Laden, weil ihre Sandalen beim Kampf mit dem Bordellbesitzer zu Schaden kamen. Dann trifft sie ihren Vater, löst das Räsel und Fran Ross, die am Schluß noch Hinweise auf die Thesseussage gibt und vorher auch noch, die Familienverhältnisse genau erklärte, hat eine rotzfreche afroamerikanische Göre zur Heldin der griechischen Mythologie gemacht.

Ein interessantes Buch, einer interessanten Autorin, das ohne die Buchpreisnominierung wahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre.

2020-03-16

Der Spleen von Paris

Das zweite Buch, das für den „Leipziger Buchpreis“ auf der Sparte „Übersetzungen“ steht, Chales Baudelaires „Le Spleen de Paris“, denn es ist eine zweisprachige Ausgabe, die von „Rowohlt“ 2019, neu übersetzt herausgegeben wurde, so daß ich mein Französisch, das ich ja fünf Jahre in der Schule lernte, aber eigentlich nicht viel mehr als einen Kaffee mit Milche bestellen kann, wenn ich mich in französisch sprechende Gebiete, wie beispielsweise in Genf oder Elsaß aufhalte, üben kann.

Übersetzt wurde der Band von dem 1957 geborenen Simon Werle, der schon die „Fleurs du mal“ übersetzte und damit mit dem „EugenHelmle-Preis“ ausgezeichnet wurden.

„Die Blumen des Bösens“ sind wohl das bekannteste Werk des 1821 in Paris geborenenen  und 1867 dort verstorbenen Charles Baudelaire.

Und der „Spleen von Paris“ enthält, sowohl Gedichte, als auch Posastücke, die sich nicht nur mit Paris beschäftigen.

Im Nachwort steht, daß der Band, der in mehrere Teile gegliedert ist, 1868 posthum von Charles Asselineau und Theodore de Banville herausgegeben wurde und es beginnt mit den „Jugenddichtungen“, die ein Lobgesang an die Liebe und die schönen Frauen, aber auch Männer,  wie beispielsweise eines an Henri Hignard „…und dass Hendy, des lieben , ich gedacht!“, gewidmet sind.

Eines an eine  „Maitresse“ gibt es auch:

„Sie ist erst zwanzig: schon hängt ihr des Bussens Masse

Auf jeder Seite schwer herab wie eine Kalebasse,

Und dennoch schlepp ich hin zu ihr mich Nacht für Nacht,

Und saug und beiß daran, wie es ein Säugling macht.“

 

Interessant ist der „Entwurf“ zu „Alptraum“, der zeigt, daß sich offenbar auch Chales Baudelaire im neunzehnten Jahrhundet Gliederungen bediente, obwohl der die Worte „Heldenreise“ und „Spannungsbögen“ wahrscheinlich nicht kannte.

Es gibt „In zusammenarbeit entstandene Gedichte“ und da ist die „Unterstützung für den Pik-Buben“,  besonders interessant, wo doch im Nachwort von dem lockeren Umgang mit Plagiaten und Nachdichtungen, die Rede war.

„Corneille, Byron, Werner schreien laut

Hinter ihm her im Chore:

„Haltet ihn fest, er hat geklaut!“

Höhnen auch  anderen Autoren?

So mancher könnt – auch wenn er es nicht tut –

Ihm abverlangen, wär er auf der Hut,

Sein Gut.

Oh, oh, oh, oh! Ah, ah, ah, ah!

Kenn ihr den Plagiator da?

La la.“

Dann gehts zu den „Baudelaire zugeschrieben Gedichte“: „Der Brunnenflicker“, „Der arme Teufel“, das wiederum interessant, fast experimentell aus mehreren Wortlisten besteht  zur „Elegie zurückgeweisen bei den Jeux Floraux“ und „Wiederentdeckte Gedichte“ gibt es auch.

Nach den Gedichten folgen zwei Jugendwerke, ein Versdrama namens „Ideolus“, das er gemeinsam mit Ernest Prarond geschrieben hat und die Novelle „Die Fanfarlo“, wo ein Erzähler von dem dandyhaften Dichter Samuel Cramer erzählt, der einer Madame de Cosmelly, die Geliebte ihres Ehemannes, die Tänzerin Franfarlo, ausspannen soll, in die er sich dann unsterblich verliebt und die am Ende verbürgert, in die Kirche geht, und Zwillinge bekommt.

Die Titel gebenden Texte sind sogenannte „Prosagedichte“ also Kürzesterzählungen, die in einem Ablauf von zwölf Jahren entstanden sind. Seltsam surreal anmutende Geschichtchen, die manchmal etwas unverständlich, manchmal höchst aktuell erscheinen, wie beispielsweise die vom „Fremdling“, der weder seine Famalie, noch das Vaterland, noch Geld und Gold am meisten, sondern „die wunderbaren Wolken!“, am meisten liebt.

Die Geschichte von der verzweifelten Greisin, die die Erfahrung macht, daß sich die Kleinstkinder, obwohl haar- und zahnlos, wie sie voll Entsetzen von ihr abwenden, ist  real nachvollziehbar, schwieriger wird es da vielleicht mit dem Hund, der sich mit Entsetzen von dem Flacon mit dem kostbarsten Parfum, dem Kot zuwendet oder eigentlich auch wieder nicht.

„Der schlechte Glaser“ ist dafür etwas surrealer und auch die, wo die Kinder in China an den Augen der Katzen, die zeit ablesen.

In der Geschichte vom „Kuchen“ wird, um ein Stück Brot gerauft, was in Corona bedingten Zeiten, der Hamsterkäufe und das angeblich oder tatsächliche Gerangel, um das Klopapier, wieder höchst aktuell erscheint.

Es gibt eine Feengeschichte, eine von der „Schönen Dorothee“ und die von dem Hofnarren Fancioille, der von seinem Fürsten zum Tode verurteilt wird, ihn vorher aber noch ein letztes Mal unterhalten darf, worauf er dann eines offensichtlich natürlichen Todes stirbt.

Einer gibt einem Bettler eine falsche Münze und in der Edouard Manet gewidmeten Geschichte, erzählt der Maler von einem armen schönen Burschen, den er zu sich nahm, ihn gut kleidete und ernährte, um sich von ihm die Pinsel auswaschen zu lassen.

Heute würde man da wohl sofort an Mißbrauch denken, aber der Bursche war schwermütig, verging sich an Zucker und Alkohol, was ihm der Maler verbot, bevor er zum Spaziergang aufbrach, als er zurückkam, fand er den Knaben erhängt vor.

Er schnitt ihn, was heute  auch seltsam scheint, selbst hinunter, verständigte wohl einen Arzt und einen Polizeibeamten und dann auch seine Mutter, die von ihm unbedingt den Strick haben wollte, wohl um ihn an die sensationslüsternen Nachbarn zu verkaufen.

Es geht natürlich wieder und auch ein bißchen ungewöhnlich surreal um die Liebe, so erzählen sich beispielsweise vier Herren, wie sie ihre Geliebten losgeworden sind und eine Kurtisane oder Hure, je nachdem, wie man es nennen will, nimmt einen, den sie für einen Arzt hält, zu sich nach Haus, denn sie hat einen „Ärztespleen“, psychologisch wird es also auch.

Ein spannendes, wenn vielleicht auch nicht immer leicht zu lesendes und zu verstehendes Buch, für mich eine Neuentdeckung“.

Die „Blumen“ habe ich mir glaube ich mitgenommen, als die längst verstorbene Edith B. meine Straßergassenfreundin, ihren Gang von dem Buchhändler in ihrem Haus zurückgelassenen Bücherschachteln ausräumen wollte.

„Ein Klassiker der Weltliteratur in neuer Übersetzung“, steht am Buchrücken. Eine Leseempfehlung also, auch wenn Simon Werle nicht den Übersetzerpreis gewonnen hat. Also auf zu „Oreo“ und das ist, habe ich schon nach wenigen Seiten entdeckt, ein vielleicht noch ungewöhnlicheres Buch.

2020-03-13

Im Brand der Welten: Ivo Andric. Ein europäisches Leben

Nun kommt das erste Sachbuch der zum „Leipziger Buchpreis“ nominierten Bücher, das ich mir, obwohl ich wußte, daß „Zsolnay“ mir ein PFD schicken wird, die ich ja nicht so gerne lese, doch nicht zu bestellen verkneifen konnte, nachdem mir „Rowohlt“ auch „Middlemarch“ als E-Book schickte, denn Ivo Andric, der Nobelpreisträger von 1961, von dem ich, wenn mir mein Bibliothekskatalog nichts unterschlägt, zwar „Wesire und Konsuln“ , aber nicht die berühmte „Brücke über die Drina“ in meinen Regalen habe, interessiert mich eigentlich sehr.

Der 1973 in Hamburg geborene Journalist Michael Martens hat das Buch geschrieben, das vorigen Herbst erschienen ist und er geht es sehr genau mit einem Kapitel über die Geschichte Bosniens an, in dem zu der Zeit wo Ivo Andric 1892 geboren wurde, noch der Aberglaube herrschte und die Bewohner, Moslems, Katholiken, Ortohodoxe, Juden, alles durcheinander gemischt, oft noch Analphabeten waren.

Ivo Andrick, dessen Vater früh gestorben ist und über den man munkelt, daß er der Sohn eines katholischen Priesters ist, weil seine Mutter diesen den Haushalt führte, wuchs bei Verwandten seines Vaters auf, weil die Mutter ihn nicht ernähren konnte und hatte das Glück, daß es in Sarajevo, ein Gymnasium gab, weil er sonst nach Wien reisen hätte müßen, in das er erst  nach seiner Matura kam, um kurz dort zu studieren, er studierte auch kurz in Krakau, die Ermordung des österreichischen Thornfolgers 1914 ließ ihn aber  zurückkehren, denn er war ja in seiner Jugend ein Revolutionär, hat als Gymnasiast auch ein solches Gedicht geschrieben, ist mit jenen Gavrilo Prinzip in das selbe Gymnasium gegangen und war mit einem anderen Anfhrer des Attentates auch befreundet.

Am Tag des Attentates saß er in Krakau im Theater, verließ dieses fluchtartig und reiste zuerst nach Wien zurück, später begab er sich in den Sommerurlaub nach Split, wurde dort aber verhaftet und wurde erst 1916 von Kaiser Karl amnestiert.

Nach 1918 hat sich dann der erste jugoslawische Staat gegründet, mit dem die Kroaten  unzufrieden waren und Ivo Andric, der von Michael Martens durchaus widersprüchlich, ja sogar unsympathisch gezeichnet wird, entpuppt sich als glühender Jugoslawe.

1919 erscheint Andric erstes Buch, an das er sich später gar nicht gern erinnert, er übersiedelt nach Belgrad und wird dort, obwohl er Atheist ist, Sekretär im Religionsminiterium, ein ehemaliger Lehrer, inzwischen Religionsminister, hat ihm das vermittelt. Andric, der fürchtet als Schriftsteller, seine Tante und seine Mutter nicht unterstützen zu können, will aber in den diplomatischen Dienst.

Er will zuerst nach Amerika, wechselt dann aber schnell die europäischen Botschaften, kommt nach Rom, Bukarest, Triest, Spanien und Graz, dort studiert er fertig und schreibt seine Doktorarbeit, fühlt sich oft krank, er hat die Tuberkolose, ist mit den Städten in denen er arbeitet oft unzufrieden, so nennt er Genf, wo er drei Jahre für den Völkerbund arbeitet, eine häßliche Stadt, was ich, die ich ja vor zwei Jahren dort war, eigentlich nicht bestätigen kann. Sein literarisches Werk  nimmt zu, obwohl er wegen seines diplomatischen Dienstes oft länger nicht zum Schreiben kommt.

Als seine literarischen Vorbilder zählen Thomas Mann und Goethe und am PEN-Kongreß von 1933 in Dubrovnik, dem berühmten, um Hitler zu verhindern, nimmt er auch teil.

1939 wird er Gedandter des Königreichs Jugoslawien in Berlin, es gibt es Foto von ihm bei seinem Antrittsbesuch in Berlin, in seiner Paradeuniform, er soll verhindern, daß es zu einem Krieg kommt, was aber durch den Putsch in Belgrad verhindert wird. 1941 greift Deutschland Jugoslawien an, die Botschaft wird ausgewiesen und Andric kehrt nach Belgrad zurück.

Dort in dem von den Deutschen besetzten Land, wo die Gewalt,  die Gehenkten oder die in die Flüße geworfenen Leichen von beiden Seiten passieren, zieht sich Andic in ein Untermietzimmer zurück und schreibt seine drei Großen Romane.

„Die Brücke über die Drina“, „Wesire und Konsuln“, wo es um inen nach Bosnien versetzen französischen Diplomaten geht, der sich mit den Türken auseinandersetzen muß und das „Fräulein- eine Studie über denGeiz“, die alle drei 1945 bei verschiedenen Verlagen erscheinen.

Andric wird Präsident des kommunistischen Schriftstellerverbandes und er, der einst Gedsandter des Königs war, Kommunst, reist als Genosse Ivo durch das Land, läßt sich vor einem Flugzeug fotografieren und hält erste Mai Reden an Tito und Stalin.

Auch da soll er sich vornehm oder diplomatisch zurückgehalten haben, heißt es in dem Buch, nie das gesagt, was er wirklich dachte, sich weder für die verfolgten Schriftsteller eingesetzt noch sie denunziert haben, weil er, wie es einer seiner Verteidiger nannte „nur schreiben und leben wollte.“

1958, mit sechsundsechzig Jahren, heiratet er seine langjährige Geliebte Milica Babic und 1961 ist es dann, der schon einige Male dafür nominiert war, soweit, daß ihm der Nobelpreis zugesprochen wurde. Tito gratuliert und Andric, der, obwohl ja langjähriger Diplomat, Interviews haßt, setzt es durch in Stockholm keine Pressekonferenz geben zu müssen und erkundigt sich bei seiner Übersetzerin wieviel Abendkleider seine Frau für die Verleihung braucht?

Andric kauft sich ein Haus an der Adria, kehrt nach dem Tod seiner Frau nach Belgrad zurück, hat Probleme mit dem Altern und Angst blind zu werden.

Am 13. März 1975, also vor genau fünfundvierzig Jahren stirbt er, sechzehn Jahre später zerfällt Jugoslawien und der Balkankrieg beginnt. Andric oder seine „Brücke“ wird zum Spielball der Nationen, auf der einen Seite geehrt, auf der anderen wird eine Straße mit seinen Namen umbenannt und seine Büste zerstört. Er ist aber trotzdem wahrscheinlich ein wichtiger Literat gewesen und seine Bücher sicher Wert gelesen zu werden. Hoffentlich komme ich bald dazu.

2016-09-26

Leipziger Buchpreisträger in der Alten Schmiede

Gun­tram Ves­per

Gun­tram Ves­per

„Den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse“ hat ja heuer für mich sehr überraschend Guntram Vesper mit seiner Chronik „Frohburg“ gewonnen. Ein Autor und ein Buch das mir nicht sehr viel sagte. Die Ute hat mir dann erklärt, daß Frohburg eine kleine Stadt zwischen Leipzig und Karl Marx-Stadt Chemitz ist und der 1941 dort geborene Guntram Vesper ist 1957 mit seiner Familie in den Westen gegangen und lebt heute in Göttingen.

Das Buch eine Mischung zwischen Chronik, Stadtgeschichte und Notaten, wie Kurt Neumann erklärte, hat über tausend Seiten und hätte schon im Mai in der „Schmiede“ vorgestellt werden sollen. Da habe ich auf dem Weg dorthin einen der Stammbesucher getroffen, der mir sagte, Veranstaltung fällt aus und heute also nachgeholt.

Es gab ja auch einiges Bedauern, daß das Buch nicht auf die LL, kam beim Sascha Stanisic vor ein paar Jahren wurde zwar das Gegenteil bedauert und die die „Alte Schmiede“ war gar nicht so voll, Gerhard Jaschke war aber da und Erich Hackl, der österreichische Chronist, wie man so sagen könnte, moderierte und leitete ein, sprach von seiner großen Vesper Verehrung, erzählte auch was zu dem Buch und der Autor sagte dann, daß er sich sehr wohl am Veranstaltungort fühlen würde, denn sein Ur- und sein Großvater waren ebenfals Schmiede und so hat er die ersten Lebensjahre auch an einem ähnlichen Ort verbracht.

Der Vater war Arzt und ein Stück das Guntram Vesper vorlas, begann im Jahr 1945, als die Russen kamen und der Kleine vier Jahre alt war.

Dann ging es näher an die Gegenwart, der Bruder Ulrich stirbt, das Familienporzellan wird aufgeteilt und der Bruder hatte, womit er mir sehr ähnlich zu sein scheint, zwischen zehn- und fünfzehntausend Bücher, die überall in seiner Wohnung oder Haus aufgestapelt waren oder noch unausgepackt in Plastiksäcken lagen.

Der Autor griff sich einige heraus und fuhr mit ihnen dann über die Autobahn und erzählte im Gespräch mit Erich Hackl auch noch sehr viel von der Buchentstehung. Die Chronik hat er ursprünglich für sich selbst geschrieben, erst spät kam ihm die Idee das zu veröffentlichen, denn als der Vater oder die Mutter starb, dachte er, bald ist niemand mehr da, der davon weiß.

Erich Loest kommt in dem Buch vor, das hat er erfunden, er hätte ihm das Buch auch überreicht, nur leider ist Erich Loest vor ein paar Jahren gestorben. Die Liebe zu Karl May scheint auch ein wichtiges Thema zu sein und der Autor erzählte sehr viel und sehr lang die Anekdoten seines Schreiben, eine Schlange von Bücherkäufern gab es auch, die sich das Buch signieren ließen und das ist sicher sehr interessant, obwohl ich ja nie in Frohburg war, nur ziemlich regelmäßig zu den Messezeiten nach Leipzig fahre.

2015-07-19

Vielleicht Esther

Weiter geht es mit einem Buch einer Autorin aus dem russischen Raum, mit Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“, die 2013 mit dieser Geschichte den Bachmann-Preis gewann, 2014 mit dem Buch, das nicht als Roman sondern mit „Geschichten“ bezeichnet ist, für den „Leipziger Buchpreis“ nominiert wurde.

Da war ich dort, habe mich für das Buch interessiert, Katha Petrowaskaja daraus gelesen gehört. Gewonnen hat Preis Sasa Stanisisc mit „Vor dem Fest“.

Beide haben dann auch in Krems und Göttweig gelesen, zusammen mit Lukas Bärfuß, dessen Buch ich schon besrpochen habe.

Alle drei Bücher hätte ich gerne haben wollen, aus Sparsamkeitsgründen habe ich mir  nur den Bärfuß und „Vielleicht Esther“vom alfred kaufen lassen. Katja Petrowskaja, die auf einer Bank beim Büchertisch in Göttweig ziemlich einsam saß, hat es mir signiert.

Das Buch ist  im Gegensatz zu dem von Sasa Stanisic und Lukas Bärfuß nicht auf der Longlist 2014 für den dBp gestanden. Vielleicht weil es mit dem Gattungsbegriff „Geschichten“ bezeichnet wurde und wahrscheinlich genausowenig ein Roman, wie Lukas Bärfuß „Koala“ einer ist.

Als Memoir, Familiengeschichte, Erinnerungsbuch würde ich es bezeichnen und, daß die 1970 in Kiew geborene Katja Petrowskakaja, die in Estland Literaturwissenschaften studierte, seit 1999 in Berlin lebt, mit einem Deutschen verheiratet ist, der sie auf die Idee zu diesem Buch brachte, über einen besonderen witzig ironischen Ton verfügt, ist mir erst beim Lesen des Buches aufgefallen.

Beim Bachmannpreis, wo schon nach dem ersten Sätzen bei den Twitterern kursierte „Das ist die Preisträgerin“ ist mir das nicht so aufgefallen und ich habe gedacht „Wieder eine Holocaustgeschichte, da habe ich doch schon einige gelesen!“

Es kreist um die Wurzeln der Familie von denen viele in Babij Jar den Tod fanden, viele Taubstummenlehrer, wir würden Gehörlosenpädagogen sagen, weil es ja keine Taubstummen gibt, waren. Einer der Ururgroßväter wurde sogar in Wien geboren und hat dort eines der größten Taubstummenistitute aufgebaut.In den Archiven findet man ihn aber nach Katja Petrowskaja, als Gründer des Blindeninstiuts.

Der Kommunismus spielt für die 1970 geborene, die in einem dreizehnstöckigen Haus in einer Plattensiedlung in der Ulicia Florenzij in Kiew aufwuchs, natürlich eine Rolle und die Namen Marx und Liebknecht auch.

Die beiden Großmütter hießen Rosa und Margarita, blumige Namen und polnische Wurzeln, weil die Ukraine ja einmal zu Polen gehörte, gibt es auch. En Groß- oder Urgroßvater hat in Warschau in der Ulica Cipela vor dem Krieg eine Taubstummenschule betrieben, dann wurde er ausgewiesen, nahm einen Teil seiner Familie, seine Schüler und einen ebenfalls gehörlosen Lehrer nach Kiew mit.

Ein paar alte Familienfotos schmücken das Buch, das in einige Teile und Kapitel gegliedert ist und in einige Reisen, nach Polen, Mauthausen Österreich, etc, gefördert von der „Robert Bosch- Stiftung“ im Rahmen eines „Grenzgängerprojektes“, das der Schriftstellerin ermöglichte, die Orte aufzusuchen und das Buch darüber zu schreiben, wie einem beiliegenden Folder, das als Lesezeichen verwendet werden kann und auch der Danksagung der Autorin, zu entnehmen ist.

Beginnen tut es mit einem Prolog oder der Abfahrt von Berlin auf diese Reise und am Bahnhof von Berlin gibt es ein Schild „Bombardier Willkommen in Berlin“ steht darauf und ein Amerikaner, ein Jude, der auch nach seinen Wurzeln sucht, geht auf Katjja Petrowskaja zu und fragt sie, was das bedeutet?

Wieso begrüßt Berlin mit seinen Bombern? Sie fängt zu flunkern an und sagt, das wäre eine Werbung für ein Musical und weist darauf hin, daß die Phantasie das Romanschreiben begleitet. Daniel Kehlmann, der auch schon auf der Longlist stand hat in seinem „F“ auch behauptet, daß Romanschreiben lügen wäre, was ich nicht so formulieren würde und irgenwo, weiter hinten in dem Buch heißt es auch einmal, daß es oft ein Fünkchen Phantasie bedarf, um die Wahrheit wirklicher oder verständlicher zu machen. Dem stimme ich zu und dann geht es hinein in die Reisen beziehungsweise in die Familiengeschichte.

Katja Petrowskaya erzählt von ihrer Oma Rosa und der Tante Lida, ihren Rezepten und auch vom Großonkel Judas Stern, einem Stduenten, der 1932 ein Attentat auf einen deutschen Botschaftsrat in Moskau verübte, worauf ihr Vater etwas zu früh auf die Welt gekommen ist und ein Geheimnis in der Familie vertuscht wurde. Dann kamen die Nazis und es gab Babij Jar, ein Name der in Deutschland ziemlich unbekannt ist, so daß die Bibliothekarin, als Katja Petrowskaja in Berlin nach Büchern darüber fragte, sich erkundigte, ob sie „Babyjahr“ meine?

Aber nein, alle Juden mußten sich in Kiew im September 1941 auf der Straße versammeln, wurden zu der gleichnamigen Schlucht getrieben, mußten sich dort ausziehen und wurden erschoßen.

Einige von Katja Petrowskajas Vorfahren waren dabei, eine der beiden Großmütter des Vaters, die, die vielleicht Esther hieß oder die andere, so genau wußte das der Vater nicht mher, da er die Großmutter ja nur Babuschka nannte, war dabei oder auch nicht, denn sie war alt und konnte nicht mehr so gut gehen. Deshalb wurde sie, als die Familie ein Monat vorher flüchtete, nicht mitgenommen. Der Fikus einer anderen Familie auch nicht, den nahm der Großvater vom Wagen herunter, damit sein Sohn, Katjas Petrowskajas Vater darauf und sie geboren werden konnte, während sich Babuschka von Katja Petrowskaja konsequent, vielleicht Esther genannt, als der Befehl zur Versammlung kam, stur auf den Weg machten, obwohl ihr sogar der Hausmeister, der das alles kontrollierte, davon abriet und den Herrn Offizier auf Jiddisch oder das, was sie für Deutsch hielt, danach fragte, worauf sich der nicht lange aufhielt, sondern die Alte gleich erschoß.

In den Jahren der SU wurde das Massengrab in dem es dreiunddreißigtausend oder sogar viel mehr Leichen gab, vertuscht und die, die sich trotzdem jedes Jahr auf den Weg machten, um die Toten zu besuchen, wurden zum Teil wegen Ruhestörung und Sachbeschädigung wegen des Niederlegens der Blumen verhaftet.

Katja Petrowskaja hatte aber auch einen Großvater, der in Mauthausen war, so machte sie sich mit den Mitteln dieser Stiftung auf den Weg dorthin, traf vorher noch den Schriftsteller O. P. Zier,  fragte in Linz nach dem Bus und war  erstaunt, daß dort auch Leute mit Schwimmflügerln, die auf dem Weg in ein Bad waren und sogar eine Frau mit einer Klobrille saß, denn das Leben geht weiter und Xaver Baxyer hat ja, glaube ich, auch von den Schülern geschrieben, die nach dem Mauthausen-Lehrausgang in der Mc Donald Filiale saßen und das, was sie gerade erlebt haben, durch Witze verarbeiteten.

Ein spannendes Buch, das jeden der nach seinen Wurzeln sucht und sich über die Geschichte informieren will, zu empfehlen ist und wenn ich entscheiden hätte sollen, ob es oder Lukas Bärfuß auf die Liste kommen hätte sollen, hätte ich mich für „Vielleicht Esther“ entschieden, was nur zeigt, das solche Listen, auch wenn sie dem Durchschnittsleser die Buchwahl für Weihnachten erleichtern können, Unsinn sind, denn es gibt natürlich mehr, als zwanzig gute Bücher, wobei ich mich ja überhaupt weigere, die Frage, was ein gutes Buch ist, zu beantworten.

Jedes Buch ist gut, wenn es nicht gerade negative Propaganda macht oder als Witzbuch geschrieben wurde, obwohl mich das Longlistlesen ja sehr interessiert und ich die Bücher auch gerne noch später lese, die nominierten, aber auch die, die nicht auf diese Liste kamen.

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