Literaturgefluester

2020-02-06

Winterbergs letzte Reise

Filed under: Bücher — jancak @ 00:11
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Nun kommt noch ein Nachtrag zum Tschechien Schwerpunkt, der letzten Leipziger Buchmesse, ein Buch das  mir der Alfred in Göttweig kaufte und das natürlich auch zum Centrope-Workshop der Gegenwartsliteratur passt, nämlich Jaroslav Rudis „Winterbergs letzte Reise“, das auf Deutsch geschrieben wurde und ich habe den 1972 in Turnov geborenen Schriftsteller, glaube ich, bei meinem ersten „Literatur und Wein“ Besuch kennengelernt, inzwischen „Grand Hotel“ und „Die Stille von Prag“ von ihm gelesen und den „Winterberg“ mir in Göttweig von dem sehr freundlich grüßenden Autor auch signieren lassen und es ist ein fulminates Buch, das wie am Buchrücken steht „Die Geschichite Mitteleuropas, so wie noch nie erzählt“ .

Bei „Amazon“ schreiben einige, daß sie das Buch abgebrochen haben, weil es aus vielen Wiederholungen besteht und es stimmt, es ist auf eine, was wahrscheinlich Rudis Spezialiät ist, eher flapsige Art geschrieben. Manches erscheint mir auch übertrieben, bei manchen  bin nicht so recht mitgekommen, habe es überlesen, etcetera.

Da ist also der Ich-Erzähler Jan Kraus, ein Altenpfleger, so um die fünfzig würde ich schätzen, wenn ich die Handlung richtig mitbekommen habe, er ist aus der Tschechoslowakei geflüchtet, war im Gefängnis und hat genauso seine geschichtllichen oder Lebenstraumen, wie der alte Wenzel Wintersberg, 1918 geboren, also so alt, wie die Feuerhalle in Reichenberg und die Tschoslowakei und jetzt in Berlin lebend oder sterbend sozusagen und Jan Kraus, wurde von seiner Tochter zu ihm bestellt, um ihn zu betreuen oder, wie es Jan Kraus nannte, ihn auf seiner letzten Überfahrt zu begleiten.

Er liegt auch im Bett, als Kraus in der Wohnung auftaucht, der hält ihm aber ein Buch hin und liest ihm Worte vor und nach ein paar Tagen, was ich ein wenig unrealistisch finde, ist er kerngesund und macht sich mit Kraus auf eine Fahrt durch die alte Donaumonarchie mit einem alten Baedeker von 1913 auf, um seine erste Frau die „Frau im Mond“ Lenka Morgenstern wiederzufinden, die ihm, weil sie als Jüdin Reichenberg verlassen mußte, Karten aus Wien, etcetera bis Sarajevo schrieb, wo dann nichts mehr kam und die Beiden machen sich auf eine Eisenbahnfahrt, um diese Städte zu bereisen.

Aber eigentlich wollen sie nach Königsgrätz oder das Buch beginnt dort, denn Königgrätz, beziehungsweise die Schlacht dort, ist an allem schuld, wie Wintersberg sagt, schuld an seinem historischen Leiden und so reisen die Beiden mit dem Baedeker dahin. Wintersberg liest vor, unterhält laut den ganzen Zug mit den Preisen der Hotel von damals, wieviele Heller man Trinkgeld gibt und den Orten, die in dem alten Buch empfohlen werden. Kraus haßt und verflucht ihn, will ihm mehrmals verlassen, bringt das nicht zusammen und in Wien besuchen sie sowohl die Kaisergruft und das heeresgeschichtliche Museum. Sie trinken natürlich Bier und logieren oder essen im Cafe Sarajevo, nahe dem heutigen Hauptbahnhof, da treffen sie dann auch die Tochter Silke wieder, die Kraus zuerst verhaften lassen will, ihn später aber zur Weiterfahrt auffordert und so reisen die Beiden weiter. In Brünn wird ihre Reise unterbrochen, weil Kraus einen Herzanfall erleidet, ins Spital muß, wo Winterberg ihn jeden Tag besuchen kommt und ihn jedesmal eine Flasche Bier mitbringt, die sich dann auf seinem Nachtkästchen häufen.

Sie reisen weiter nach Sarajevo, aber dorthin gibt es keine Züge mehr, so müßen sie von Zagreb aus, wo sich angeblich der schönste Weihnachtsmarkt befindet, ja richtig, das Buch spielt im Winter, um die Weihnachtszeit, mit dem Bus fahren, was aber auch nicht gelingt, denn die Bosnier, die dort heim zu ihren Familien reisen, bieten ihnen Schnaps an, der Wintersberg so in Rage bringt, daß er aus dem Bus geschmissen wird.

So geht es zurück nach Berlin, wo sie aber auch nicht lange bleiben und schließlich entschwindet Wintersberg in einem Schneestum oder kommt dort um, macht sich auf, auf seine letzte Reise und Jan bleibt in der Wohnung bei der Tochter sitzen oder will sich auch auf seine letzte oder vorletzte Reise machen.

Man weiß das nicht so genau , denn das Buch ist sehr widersprüchig und Jaroslav Rudas, ein Meister des Erzählens und höchstwahrscheinlich ein sympathischer Mann.

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