Literaturgefluester

2017-09-08

Refugees Worldwide

Weiter geht es mit den mir von „Wagenbach“ zur Verfügung gestellten literarischen Reportagen. Diesesmal geht es von Berlin und den Neuzehnhundertzwanziger Jahren in die ganze Welt. Denn da haben sich, in dem von Luisa Donnerberg und Ulrich Schreiber herausgegebenen Buch,  Schriftsteller überall zusammengesetzt und über die Flüchtlingssituation in ihrem Land einen Essay,  eine Kolumne geschrieben oder eben eine literarische Rweportage zu schreiben.

Den Auftakt macht die in Bremen geborene Nora Bosong, bestens bekannt aus dem Bachmannpreistext, den Nora Gomringer gewonnen hat und die schreibt nicht über Deutschland, sondern über New York, denn dort war sie im vorigen Sommer vierzehn Tage, interviewte Flüchtlingsberater, die ihr meistens alle die Unmöglichkeit versicherten, das Donald Trump die Wahl gewinnen würde.

Da gibt es ja ein gleinamiges Buch, das anläßlich des Wahlsieges wieder aufgelegt wurde.

Dann beschäftigt sich aber der in Nairobi geborene und in Mogadischu aufgewachsene Journalist Abdi Latif Dahir mit demgrößten Flüchtlingslager der Welt, Dadaab, das sich, glaube ich, in Kenia befindet und spricht mit Menschen, die dort schon seit einigen Jahrzehnten leben.

Dann geht es nach Brasilien, beziehungsweise nach San Paulo und hier beschreibt die 1975 geborene Autorin Andrea del Fuego unter dem bezeichneten Titel „Immer noch Menschenfresser“ die Lage in der Stadt.

Das heißt sie zitiert zuerst das „Manifesto Antropofagico“, wo die Brasilianer im sechzehnten Jahrhundert oder auch später gern das weiße Fleisch gegessen haben. Dann geht sie aber in Plattenläden, wo Flüchtlingsabendessen zubereitet werden, interviewt zwei Hidschab tragende Frauen, die sich in ihrer kreativen Schreibgruppe befinden, um besser Portugisisch zu lernen, geht in Kirchen oder in „Wiedereingliederungseinrichtungen für Geflüchtete“ und erfährt, daß die Syrier angeblich bessere Vernetzungsstrategen, als afrikanische Flüchtlinge hätten und meint, daß die Flüchtlinge in Brasilien immer noch, wie Sklaven behandelt würden und für Unterkunft und Essen bis sechzehn Stunden ohne Lohn arbeiten würden müssen und endet ihren Bericht damit, daß Brasilien die letzte Nation war, die 1888, die Sklaverei abschaffte.

Die 1979 im Sudan geborene Stella Gaitano berichtet vom Elend der Südsudanesen und meint, daß jeder das Recht haben müßte, in seiner Heimat zu leben, ein gutes Leben zu führen und seine eigene Kultur aufbauen zu können.

Während die ebenfalls 1979 in Marokko geborene und in Spanien lebende Najat El Hachmi von den Flüchtlingen schreibt, die sie mit dem Paß in der Hand auf der Autobahn von Cassablanca traf und die sich auch in in der Grenzstadt Nador aufhalten, um in das gelobte Spanien zu gelangen.

Der Pakistani Mohammed Hanif berichtet über die Situation der Hazara, die im südlichen Pakistan verfolgt werden und der 1979 in Nigeria geborene Journalist und Autor Abubakar Adam Ibrahim bringt uns die Situation in dem Bakassi-Flüchtlingslager nahe, in das man ihm zuerst gar nicht hineinlassen wollte.

Trotzdem gelingt es ihm Frauen zu interviewen, die mit ihren Kindern dorthin geflüchtet sind und erzählt von Fati, die von der Boku Haram zur Heirat  gezwungen werden sollte und fünfzehn Tage in ein Erdloch gesteckt wurden, als sie das nicht wollte.

Der 1964 in Aleppo geborene und in Damaskus lebende Khaled Khalifa beginnt in seinem Text mit den Anrufen von Mitgliedern seiner Familie, die ihm von ihrer Flucht nach Europa erzählen und macht sich, der in Damaskus bleiben möchte, Gedanken, was die Syrier zum Verlassen ihrer Heimat bringt.

Dann geht es nach Belize, wo viel Salvatorianer nach den Bandenkriegen der letzten Jahren geflüchtet sind. Der 1986 geborene Antropologe und Autor Juan Jose Martinez d`Aubuisson hat hier mit Alma, Jaime und Wendy gesprochen und berichtet von ihrem Schicksal, das sie und ihre Familie veranlaßten nach Belize zu kommen.

Die griechische Autorin Amanda Michalopoulou besucht ein griechisches Flüchtlingslager und wird dort von den dunklen Augen eines syrischen Mädchens, das sich einen Hut und eine Sonnenbrille wünscht, gefangengenommen, während der 1971 in Hamburg geborene Nils Mohn, die Situation von zwei Flüchtlingen in Litauen beschreibt, von denen es einer dort nicht ausgehalten hat.

Der Japaner Masatsugu Ono hat sich mit dem Schicksal des 1975 im Kongo geborenen Massamba Mangala, der 2008 nach Japan emigirierte und dort eine langjährige Odyssee erlebte, bis sein Status als Flüchtling anerkannt wurde, auseinandergesetzt, während die türkische Autorin Ece Temelkuran vom Schicksal einer syrischen Flüchtlingsfrau,  zu ihrem eigenen kommt und sich schlließlich sehr allgemeine poetische Gedanken über die Lage der Flüchtlingssituation macht und Artem Tschapa entführt und in die Ukraine und erzählt uns dort vom „Ewigen Tranist“.

Ein äußerst interessantes Buch, diese vierzehn weltweiten Reportagen, die uns auf literarische Art und Weise die Welt der Flüchtlinge und ihre Schicksale ein wenig näher bringen und uns die Augen öffnen kann über die Schwierigkeiten dieser Welt, so daß ich das Buch jeden, auch denen, die sich vielleicht vor zuviel Immigration fürchten, sehr empfehlen kann.

2015-10-11

Facts and Fiction und Erich Fried Preis

Das internationale Erich Fried Symposium wurde heuer um einen Monat vorverlegt und findet, glaube ich, ab heuer  jedes Jahr im Literaturhaus statt, thematisch knüpft es an die Lyrik und die Short Stories an und widmet sich heuer der literarischen Reportage.

Joseph Roth und Egon Erwin Kisch könnte man meinen, aber das ist wahrscheinlich eine andere Liga und ein anderer Zeitrahmen, bietet doch das Symposium lauter Österreich- oder sogar Europapremieren und einige Nobelpreisträger an, am Dienstag beispielsweise die Eröffnung im Akademietheater mit V. S. Naipaul und Christoph Ransmayr für achtzehn oder zwölf Euro Eintritt, aber da war gleichzeitig  die Kriminacht und ich in der Hauptbücherei bei Philiph Kerr und am Mittwoch als es um Polen ging, wurde im MUSA der Veza Canetti Preis vergeben.

Am Donnerstag hat dann Swetlana Alexjewitsch, die, glaube ich, auch  literarische Reportagen schreibt, den Nobelpreis gewonnen.

Robert Huez und die anderen Veranstalter wird das gefreut haben, ich war da im Cafe Industrie und habe Ernst Hinterberger gelesen, der vielleicht auch nicht ganz unpassend wäre und bin erst am Freitag ins Literaturhaus gekommen.

Da gab es wieder Thomas Ballhausen und den Film, es gibt inzwischen auch viele Fanartikels, wie T-Shirts und Schals zu kaufen, so trug er einen solchen und kündigte zwei Vorträge mit Beispielen des filmischen Reportagenschaffens von der 1980 geborenen Judith Zdesar und der Amerikanerin Hope Tucker an.

Der Open Lecture von Judith Zdesar war total interessant, sprach sie doch von Entblößung und zur Schaustellung ihrer Person, wenn sie ihre Filme zeigt und von ihren Reisen, die sie in ihren Zwanzigerjahren alleine machte, um Leute kennenzulernen und Großes zu erleben, so war sie in Grönland und beim Nordkap ist sie zwanzig Kilometer vorher zurückgefahren und hat sich anschließend in Psychoanalyse begeben.

Sie gab auch drei Beispiele, einen Film über das Thema Einsamkeit, wo sie die Soldaten die die öerreich-ngarische Grenze bewachen sollten, sich filmen ließ, dann filmte sie zum thema Trauer ihren Großvater nach dem Tod der Großmutter und zur Angst ging es dann um Grönland.

Für das vierte Beispiel war dann leider keine Zeit und auch für die anschließend geplante Diskkussion nicht mehr und Hope Tucker, die 1974 in Memphis geboren wurde, zeigte Beispiele aus einem Film über Atomkraftwerke, wo es auch über Zwentendorf ging.

Dann kam eine Europapremiere, nämlich der 1959 in Kalifornien geborene William B. Vollmann, von dem man am Büchertisch eine Unzahl meist sehr dicke Bücher bewundern oder kaufen konnte. Ein paar davon gibt es auf Deutsch und die hat er dann eine Stunde lang präsentiert.

„Huren für Gloria“und „Hobo Blues von Thomas Melle übersetzt, beispielsweise oder „Europe Central“, wo es um den zweiten Weltkrieg ging.

Es gab dann noch eine Lesung aus einem nur auf Englsch erschienenen Buches. Sebastian Fasthuber, den ich schon am Dienstag in der Hauptbücherei hörte, moderierte und erzählte von einem Zyklus von Amerikaromanen, die der vielschreibene und in Österreich offenbar noch nicht so bekannte Autor schon geschrieben hat.

Am Samstag ging es  weiter mit zwei gezeichneten Reportagen, nämlich zuerst mit den Skizzenbüchern des 1985 in Paris geborenen und in München aufgewachsenen Sebastian Lörscher, der mit seinem Skizzenbuch zuerst nach Bangladesch, dann nach Haiti und zuletzt durch das „Wilde Österreich“ gezogen ist und den Leuten, die eines seiner Bücher kaufte, dann noch lang daraufzeichnete, der zweite Bildvortrag ging von Kroatien nach Italien und wieder zurück und zwar ist die Mutter, der 1991 in Florenz geborenen  Fotografin Caterina Sansone von Fiume dorthin deportiert worden.

In dem Buch „Palatschinken“ hat sie diesen Weg mit ihrem Mann Alessandro Tota, einem Comiczeichner nachverfolgt, die Mutter dabei interviewt und auch Leute befragt, die die Wohnorte der Mutter von früher gekannt haben.

Dann ging es nach Spanien oder auch nach Tschernobyl, denn der 1962 in Saragossa geborene Javier Sebastian, hat ohne dort gewesen zu sein, den Ficton-Fact-Roman „Der Radfahrer von Tschernobyl“ geschrieben, der mir in der Diskussion um das neue LL-Buch der Alina Bronsky, als die bessere Tschernobyl Beschreibung empfohlen wurde. Es gibt auch ein zweites Buch, das auf Deutsch gerade erst erschien, in Spanien aber vor dem  „Ciclista“ dran war, nämlich „Thallium“, wo es um Spaniens Afrika Kolonisierung und um mit Thalium vergiftete Trüffel geht.

Das „Radfahrerbuch“ würde ich gerne einmal finden, es ist, wie der Autor, glaube ich, erwähnte, der neuen Nobelpreisträgerin gewidmet, die  auch über Tschernobyl schrieb.

Dann ging es wieder nach Amerika oder in den Irakkrieg, denn der 1983 geborene Phil Klay, ist Veterarn des US Marine Corps und war von 2007-2007 Presseoffizier in der irakischen Provinz Al-Anbar.

Dann schloß er seinen Master of Art ab, war Assistent bei Richard Ford und hat für  „Redeployment“ auf Deutsch „Wir schossen auch Hunde“, Erzählungen aus dem Irak-Krieg, den National Book Award bekommen.

Daraus hat er sehr lebhaft drei Szenen gelesen, wurde von Florian Höllerer, der glaube ich, das Berliner Colloquium leitet und vorige Woche mit Richard Ford, der Klay sehr talentiert nannte, gesprochen hat, interviewt und am Sonntag wurde, um elf der Erich Fried Preis an Dorothee Elmiger verliehen, die einmal in Klagenfurt gewonnen hat und die ich schon in der Hauptbücherei  und in Leipzig hörte.

Da traten wieder die üblichen Prominenten und ein paar der Stammesucher auf und die die Politiker, die die Eröffnungsreden hielten.

Minister Ostermayer mußte zu einer Matinee ins Burgtheater, schaffte aber vorher noch ein paar Verknüpfungen.

Anne Zauner gab eine Zusammenfassung des bisherigen Geschehens und Robert Huez eröffnete. Dann wurde der alleinige Juror von Beatrice van Matt vorgestellt, der sich sehr viel mit James Joyce  beschäftigt zu haben schien.

„Blums Schatten“ heißt so eines seiner Bücher und Dorothea Elminger hatte von den Veranstaltern den Auftrag bekommen, eine literarische Reportage zu schreiben.

„Ich bin keine Reporterin!“, begann sie ihre Ausführungen.

Natürlich, denn die gilt bei den Sprachkünstlern ja nicht für literarisch gut genug, ist aber trotzdem deshalb im Sommer nach Athen gefahren und ist dort dann im Fieber in einem Hotelzimmer gelegen.

Nachher gab es Sekt zum Anstoßen und Nachlesen kann man dieses internationales Festival, in dem man wirklich, glaube ich, sehr viel Neues erfahren konnte, in den Blogs von Robert Prosser und Judith Nika Pfeifer, wie Anne Zauner bekanntgab und natürlich, wenn auch nur zum Teil im“ Literaturgeflüster“.

Und ich möchte ich noch anmerken bin sehr interessiert an dem literarischen Reportieren und glaube, daß auch einiges, was ich schreibe, darunter einzureihen ist.

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