Literaturgefluester

2019-11-20

Mutter brennt

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Jetzt kommt das vierte öst Longlist Buch und das zweite von der Shortlist, Sophie Reyers „Mutter brennt“ aus der kleinen „Edition Keiper“ aus der Steiermark von der ich schon einiges gelesen habe und die 1984 geborene Sophie Reyer kenne ich auch schon lang von Veranstaltungen.

So war sie glaube beim „Lockstoff“ der  jungen wilden Reihe des „Podiums“ dabei, ich habe sie bei den „Wilden Worten“ gehört, ihr „Schildkrötenbuch“ wurde in der „AS“ vorgestellt. Beim „Radio Rosa“ hat sie gelesen, etcetera. Sie hat schon mehrere Romane geschrieben, gelesen habe ich jetzt erst das Shortlistbuch von ihr und das war gar nicht so leicht.

Denn es ist ja nicht, wie der Titel erwarten lassen könnte, ein Buch über die Schwangerschaft, wie etwa „Cherubino“ Es ist auch keine reine Familiengeschichte. Es ist viel mehr, es ist alles oder nichts und infolgedessen ein wenig verwirrend.

Es geht um Luise, die Mutter. Die hat zwei Kinder Clemens und Ina und einen Ex-Mann, der behauptet, sie hätte gar keine Kinder, denn sie hat sie abgetrieben.

Das wird im Prolog geschrieben. Dann gibt es drei Teile, die sich sehr wohl mit dem Leben Luises und ihren Kindern beschäftigt, die in einem Wäschegeschäft arbeit.

Es gibt auch eine Großmutter, namens Eva, die war eine Trinkerin und hat sich, glaube ich, umgebracht, als Luise mit Clemens schwanger war. Da hat sie versucht ihn abzutreiben und diese Eva erscheint nun als Geist bei Clemens und erzählt ihm ihr Leben.

Sie war ein Kriegskind, hat im Luftschutzkeller aus Angst zu trinken angefangen, war Hausmeistertochter und später selber Hausmeisterin und Luise ist ein <kuckuskind, nämlich die Tochter eines französischen Allierten, der Eva vergewaltigt hat.

Jetzt will Luise ihr Leben genißen und verreist mit einer Freundin nach Frankreich. Die Kinder läßt sie inzwischen von einer thailändischen Putzfrau, die aus dem Mund stinkt und im selben Haus wohnt oder arbeitet betreuen. Dort lernt sie einen Mark kennen, der wie sich herausstellt der Neffe von jenen Vergewaltiger ist.

Dann gibt es noch die Tochter Ina, die viel lest, was der Mutter gar nicht recht ist. Sie ist aber auch in einem Chor und hat sich in einen Walter verliebt, der wenn ich es recht verstanden habe, schon über vierzig ist.

Sie wird auch wahnsinnig, kommt in eine Klinik, wird von einer Therapeutin und einer Sozialarbeiterin betreut und eine „Zaunreiterin“ oder „Hexe“ oder „Heilerin“ namens Elmira taucht auch noch auf, denn das buch geht ja über die Zeiten hinweg, sprengt diesselben, was man schon beim Lese bemerkt, weil da nicht wirklich klar wird, wie alt jetzt die, vielleicht ohnehin agetriebenen Kinder sind? Zwölf und dreizehn steht irgendwo, aber dann spielen sie mit Legosteinen, dürfen nicht alleine U-Bahn fahren, Ina geht mit einem roten Abendkleid auf einen Ball, etcetera.

Auch das läßt sich durch die Aufhebung der Zeit und das nicht chronologische Schreiben erklärt. Es ist aber auf jedenfall ein sperriges, experimentelles Buch, was ich mir, da ich Sophie Reyer ja kenne, auch erwartet habe.

Gefallen hat es mir trotzdem und es freut mich auch, daß es auf die Shortlist kam, was ich eigentlich nicht erwartet habe.

2019-11-02

Der Sommer meiner Mutter

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:20
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Buch siebzehn der dBpliste ist das zweite das sich mit der Mondlandung vor fünfzig Jahren, im Juli 1969 beschäftigt, offenbar hat dieses Ereignis, die mittelalten und mittelberühmten Schriftsteller sehr geprägt und ich finde es sehr interessant, die beiden Bücher zu vergleichen.

Der 1960 geborene Ulrich Woelk, der Physik und Philosophie in Tübingen studierte, geht es kleinbürgerlicher an, als Norbert Scheuringer, der seine Mondlandungsgeschichte viel dramatischer mit Folterungen in einem Erziehungsheim, einer ausgebrochene Mörderin, dem gesamten Jahrhundert und dann das Berühmtwerden eines Genies in Amerika und dessen Scheitern schildert.

Held und Erzähler ist auch hier ein Kind, der elfjährige Tobi, der in einer sehr bürgerlichen Umgebung in einem Vorort von Köln aufwächst. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter, wie sich das damals wohl gehörte, Hausfrau, die immer auch bei Grillfesten in ihrem Garten pastellfarbene Kostüme trägt und die erste Szene ist schon sehr eindrucksvoll.

Da fährt die Mutter mit dem Sohn in die Stadt, um ihm eine Jeans zu kaufen. Das ist damals hochmodern, dafür in einen Jeans-Store zu gehen und sich seine Levis und Wranglers selber auszusuchen und die Mutter verblüfft den Kleinen mit der Frage, ob sie sich nicht auch eine kaufen soll?

Was ihn verwirrt und er auch ablehnt, seine Muttter soll so etwas nicht tun, sie macht es dann vorerst auch nicht. Es ist aber bezeichnet für die Veränderung und den Roman, der ja schon mit dem verhängnisvollen Satz beginnt „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten benannten Mondlandung nahm sich meine Mutter das Leben.“

Der Veränderung sollen weitere folgen, in das Nachbarhaus aus dem ein alter Mann hinausgestorben ist, zieht ein Paar mit ihrer fast zwei Jahre älteren Tochter ein.

Rosa, nach der Rosa Luxemburg benannt, und die Nachbarn sind Kommunisten. Der Vater Professor an der Uni, wo er sich mit Adorno und der Psychoanalyse beschäftigt. Die Mutter Frau Leinhard übersetzt englische Kriminalromane.

Das will Tobis Mutter auch tun. Der Vater ist dagegen, seine Frau hat das nicht nötig. Frau Leinhard vermittelt aber und so kommt es vor, daß es zu Mittag kein Essen gibt und sich Vater und Sohnemann ihre Brote selber streichen müßen.

Der Vater kauft der Mutter aber trotzdem ein Auto zum Geburtstag und es macht einen Augenblick lang auch den Anschein, als würden die Paare sich gegenseitig verlieben und einen Partnertausch vollziehen, während Tobi, der für die Raumfahrt schwärmt, Rosa näher kommt und mit ihr die ersten Sexspielchen erlebt.

Die Mondlandung kommt immer näher, die beiden Familien schauen sie sich im Haus des Onkel Harthmuth an, dessen Frau Mechthild heimlich trinkt, das sind so die kleinen Milieuschulderungen, die Ulrich Woelk seinen Protagonisten naiv erleben läßt.

Richtig, der hat noch seine Eltern dabei erlauscht, daß der Vater mehr Sex von der Mutter wollte, sie ihm den verweigert und der Kleine versteht das alles nicht so richtig und erfährt nur, daß die Mutter schuld ist, daß er keine Geschwister hat.

Später belauscht er die Mutter noch einmal. Das eine Mal wollte er sich  Batterien aus der Küche holen. Das zweite Mal sich die <mondlandung im Fernsehen ansehen. Da erwischt er aber die beiden Frauen beim Sex und die Katastrophe beginnt. Der Mond wurde bemannt, die beiden Männer ziehen aus. Rosa geht nach England mit ihrem Vater und Tobis Vater verheiratet sich drei Jahre nach dem Selbstmord der Mutter, die es nicht aushielt, daß ihr Sohn nach dem was er gesehen hatte, nicht zu ihr wollte, noch einmal.

Ist das weniger dramatischer, als das, was Norbert Scheuringer in seinem fünfhunderter Seiten Buch schildert?

Wahrscheinlich realistischer, obwohl die Frauenliebe in dem kleinbürgerlichen Milieu der Sechzigerjahre auch fast schockartig wirkt, während es normal gewesen wäre, wenn der Vater seine Frau mit der Nachbarin betrogen hätte.

Mir hat das Buch, glaube ich, besser gefallen, weil es, glaube ich, realistischer ist. In der Rezeption ist es, glaube ich, nicht so gut weggekommen und eindrucksvoll natürlich, wie sehr die mittelalten und mehr oder weniger berühmten Schriftsteller von der Mondlandung vor fünfzig Jahren beeindruckt wurden.

2019-10-20

Hier sind Löwen

Buch vierzehn des dBps Katerina Poladjans „Hier sind Löwen“, schließt sich eigentlich ziemlich nahtlos an Alexander Osangs „Das Leben der Elena Silber“, an, wurde die Autorin, die armenische Wurzeln hat und schon beim „Bachmannpreis“ gelesen hat doch 1971 in Moskau geboren und sie hat auch einen Familienroman, in dem es um Wurzeln und die Herkunft ihrer Familie geht, geschrieben.

Die Buchrestauratiorin Helen oder Helena Mazavian, Tochter der Künstlerin Sara, die sie ohne ihrem deutschen Vater allein aufgezogen hat und sie als Kind dadurch verstörte, daß sie ihre Puppen und Stofftiere zerschnitt und neben die Fotos toter armenischer Kinder performiertte, reist nach Jerewan, um dort eine bestimmte Art der armenischen Buchbindekunst zu erlernen.

Sie solle eine Bibel restaurieren und findet in ihr einen bestimmten Satz.

„Hrant will nicht aufwachen!“

Das veranlaßt sie nach ihrer eigenen Familie zu forschen, um herauszufinden, wie das mit ihrer Großmutter war.

Das bleibt aber vage und unbestimmt, weil sie eigentlich keine Informationen dazu bekommt und auch keine wirklichen Spuren findet.

Sie, die in Deutschland ihren Freund zurückgelassen hat, nimmt in Jerewan eine Beziehung zum Sohn der Chefin des Archivs auf, einem Soldaten, der im Laufe des Romans stirbt und die fiktive Geschichte von zwei Kindern, denen die Bibel gehört haben könnte und die mit ihnen während des Völkermordes zu flüchten versuchten und die Helenes Vorfahren sein könnten, wird auch immer wieder eingestreut.

Eine ähnliche vage Geschichte, wie die von Alexander Oslang, die aber doch ein wenig einführt in die armenische Geschichte, die Suche nach den Wurzeln ihrer Familie, die aber auch Helen nicht wirklich findet, wie sie auch ein wenig vage, widersprüchig und undefiniert geschildert wird, die aber doch einen interessanten Einblick und die Motivation geben kann, sich weiter mit der Geschichte der Armenier zu befassen und da habe ich ja erst heute einen Roman darüber im Bücherschrank gefunden, den ich mir aus genau diesem Grund mitgenommen habe und ein Sachbuch über den Völkermord in Armenien habe ich auch einmal zum Geburtstag bekommen.

2019-10-16

Die Leben der Elena Silber

Jetzt kommt Buch dreizehn des dBps und es spielt wieder in Berlin, in der EX-DDR und in Russland, ein wahrscheinlich autobiografischer Familienroman des 1962 in Berlin geborenen Alexander Osang, von dem ich schon ein Weihnachtsbuch gelesen habe und mir vor ein paar Monaten beim Schubert in St. Pölten einen Erzählband aus der Abverkaufskiste gezogen habe.

In zwei Strängen wird das Buch erzählt, beginnend in Russland, wo 1903 Jelena geboren wurde, deren Vater ein paar Jahre später von zaristischen Attentätern ermordet wurde,  dann geht es abwechselnd nach Berlin zu dem Filmemacher Konstantin, dessen Mutter Maria oder Mascha eine Tochter Jelenas oder Lena, die in Berlin zur einer Elena wurde, den an Demenz erkrankten Vater gerade in ein Pflegeheim abschiebt, in dem auch Jelena gestorben ist.

Aber zuerst geht deren Mutter mit den zwei Kindern von Gorbatov weg, ein paar jahre später kehrt sie mit ihrem zweiten Mann, der Jelena mißbraucht, zurück.

Es kommt zu einem Prozeß, Jelena freundet sich mit dem Sohn eines der Attentäters an. Er wird ihre große Liebe. Sie heiratet aber den deutschen Ingenieur Robert Silber und geht mit ihm 1936 nach Deutschland.

Zuerst nach Berlin, dann nach Schlesien, wo er herkommt,  sein Großvater eine Fabrik besaß und eine Kirche erkabuen ließ.

Jelena hatte fürnf Töchter, zwei davon noch in Rußland geboren, die kleineste Anna, 1942 geboren, verstarb 1944 an Diphterie und als die Russen nach Schlesien kamen, wurde Robert von ihnen in den Fuß geschoßen. Jelena trifft ihren Jugendfreund wieder, der Robert hilft, der verschwindet aber und Jelena zieht ihre vier Töchter, Lara, Vera, Maria und Katja alleine auf.

Maria, Konstatntins Mutter, rät ihm sein Thema zu finden und vielleicht einen Film über seine Familie zu machen. So sucht er die auf, kommt sogar nach Russland in den Geburtsort Jelenas und das Buch endet im Herbst 2017, als der Vater aus dem Altersheim verschwindet, von einem Freund aber gefunden wird und 1990 als Jelena dorthin übersiedelt, damit einer ihrer Neffen ihre Wohnung haben kann.

Neunhundertsechzig Seiten hat das E-Book, im Print werden es wohl sechshundert sein und ich denke, es sind einige zulang, weil man das Meiste schon viel früher erfährt und sich vieles  wiederholt.

Am eindrucksvollsten haben ich die Szenen über den Demenz kranken Vater und sein Leben in dem Pflegeheim gefunden, wo er verwirrt nach einem Klo sucht oder im Aufenthaltsraum sitzt, wo der Pfleger lustlos aus einem Buch vorliest, das die anderen Bewohner hinterlassen haben und das dann „Literarischer Zirkel“ genannt wird.

Bücher spielen in dem Buch überhaupt eine große Rolle. So wird Julian Barnes „Der Lärm der Zeit“ erwähnt und Dostojewskis „Schuld und Sühne“ das nun  „Verbrechen und Strafe“ heißt.

2019-10-13

Gelenke des Lichts

Jetzt kommt Buch zwölf der deutschen Longlist und das ist eine Überraschung, ist Emanuel Maeß „Gelenke des Lichts“ das ich ja eigentlich von dem, was ich bisher über das Buch hörte, für ein Sprachrauschbuch al al Andrea Winkler oder Richard Obermayr, beziehungsweise, als das schwierige Buchpreisbuch, das die Literaturwissenschaftler loben, die Buchhändler aber stöhnen, weil das keiner lesen will, wie das von Reinhard Jirgl, Ulrich Petzer oder Thomas Lehr gehalten habe, das beste Buch, das ich bisher von den zwölf gelesen habe.

Interessant, interessant, es gibt also immer noch Überraschungen und ganz so leicht bin ich in den Bildungs- oder Entwicklungsromans des 1977 in Jena Geborenen, der mit seinem Debut auch für den „Tumler-Literaturpreis“ nominiert war, nicht hineingekommen, denn es ist ja ein Sprachrauschbuch ohne wirkliche Handlung oder doch, denn eigentlich ist es ein autobiografischer Roman, erzählt der Autor, der in Heidelberg, Oxford und Wien studierte doch sein Leben, sein Aufwachsen in der DDR, die Wende, sein Studium und tut das und das finde ich das Geniale und Ungewöhnliche an dem Buch in der  Sprache des Bildungsromans des neunzehnten Jahrhunderts, obwohl in dem Buch auch worte wie SMS, Internet, etcetera vorkommen.

Beginnen tut es mit einer Art „Odje an den Mond“ oder mit der Anbetung an eine Angelika, der der Autor das Buch widmet.

Das ganze Buch ist an sie geschrieben, die er als Kind in einem Ferienlager in der Ostsee kennenlernte, aber dann nicht bekommen konnte, „denn die Gräben waren viel zu tief…“

Der Ich-Erzähler ist der Sohn eines Landpfarrers und einer Landärztin, wächst wie beschrieben in einemn DDR-Dörfchen auf, maturiert in Meiningen und geht dann nach der Wende als Philologie- und Literaturstudent nach Heidelberg, später studiert er in Cambridge, arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft hat einen Freund und eine Freundin dort, reist mit ihnen in die Schweiz, um bei einem Kongreß einen Vortrag zu halten und am Schluß fliegt er dann und das ist auch so ein genialer Streich mit ausgebreiteten Armen durch die Luft von England in die Ex- DDR zurück.

Das klingt jetzt alles sicher sehr banal nacherzöhlt, ist das Buch ja sehr <handlungsarm, die Sprachvielvalt und auch dieIronie, die immer zwischendruch aufblitz macht es aber aus, ein Beispiel wäre der Satz „Offenbar aber war die Anzahl der Bewerber, die irrsinnig genug waren, heutzutage noch Literatur zu studieren, so gering, dass ich kaum zwei Monate auf meine Zusage warten mußte“, als er sich entschließt von Heidelberg nach Cambrigde zu gehen.

„EinJüngling liebt ein Mädchen, gewinnt es, verliert es, nimmt Anlauf und springt – Ein unkonventioneller Zauberhybride aus Bildungs- Schelmen  und Campusroman- faszinierende Erzählkunst“, steht am Buchrücken und „Bookster“ der Buchpate für dieses Buch, fragt sich, für wen es wohl geschrieben ist und führt als Beispiel, die Germinsten an.

Was wohl stimmt, die, die irrrsinng genug sind, heutzutage noch Literatur zu studieren, würde Emanuel Maeß wohl antworten. Aber die erwartet dann ein besonderes Vergügen, wie die Leserin merken konnte, die sich eigentlich mehr für realistische Romane als für Sprachräusche interessiert und interessant ist auch, daß es wieder ein Ex-DDR Roman ist, da hat ja schon Jackie Thomae auf ganz andere Art und Weise ein bißchen was über die Wende erzählt und Lola Randl und Miku Sophie Kühmel haben die Uckermark gewählt.

Wenn man also die DDR in ihren Sprachräuschen und Spracheskapaden, die von Neptun,Friedrich Rückert, Richard Wagner,, etcetera handeln, erleben will, ist das Buch gerade richtig, auch wenn man vielleicht nicht alles versteht, denn was es mit dem Titel auf sich hat, ist mir nicht ganz klar geworden.

2019-09-29

Miroloi

Nun kommt Buch sieben des dBps und ein Kontrast zu Gertauds Klemms „Hippokampus“ und Marlene Streeruwtz „Flammenband“, nämlich  ein Plädoyer gegen die Unterdrückung der Frau.

Nur ganz  anders geschrieben. Nicht so elitär abgehoben, akademisch, sondern, was ist es? Eine Dystopie, ein Jugendbuch und was hat das dann auf der deutschen Buchpreisliste verloren?

Das haben sich, glaube ich, manche Kritiker gefragt und einen Skandal daraus gemacht. Auf der anderen Seite werden die Buchhändler wieder darüber jubeln und „Endlich ein gut lesbaren Buch, das die Leute haben wollen!“, sagen.

Aber wieder schön der Reihe nach. Die 1974 geborene Karen Köhler hätte vor ein paar Jahren in Klagenfurt lesen sollen, konnte das dann aber nicht, weil sie, glaube ich, Windpocken hatte.

Ihren Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“, habe ich vor kurzem im Schrank gefunden aber noch nicht gelesen. Ich hätte ihn auch vor ein paar Wochen bei einem „Kuppitsch-Abverkauf“ kaufen können und „Miroloi“ ist ihr Debut.

Der erste Roman also und auf der heurigen dBp-Liste standen ja sechs oder sieben Debuts und das Buch ist eigentlich keine Dystopie, denn wenn man genau hinschaut, gibt es alles, was es beschreibt in der einen oder anderen Form, nur nicht alles zusammen auf einen Platz.

Es gibt den Berg Athos, mit einem Kloster, wo  Frauen, glaube ich, nicht einmal aufs Klo gehen dürfen. Es gibt das Zölibat, das Männern, die Priester werden oder sind, die Sexualität verbieten und es gibt natürlich die Unterdrückung der Frau, die ihnen vorschreibt, sich zu verschleiern, weil die Männer sie sonst vergewaltigen. Es gibt den sexuellen Mißbrauch und auch die Kinder, die andern Kindern in der Schule „Hurensohn!“ oder „Fettsack“ nachschreien.

Und Miroloi ist ein griechisches Klagelied, das die Frauen singen und das ganze Buch, was auch einigen Kritikern nicht gefallen hat, ist ein Klagegesang in hundertachtundzwanhzig Strophen.

Die Protagonistin ist ein namenloses Findelkind, das auf einer Insel, es könnte in Griechenland sein, aber auch etwas ganz anderes, Karen Köhler hat sich hier nicht festgelegt, lebt, weil sie vor sechzehn Jahren dort gefunden wurde.

Deshalb ist sie namenlos und darf keinen Besitz haben und das Dorf, das schöne, wird es genannt, lebt in einer seltsamen Rückständigkeit. Die Frauen dürfen nicht lesen, die Männer nicht singen und tanzen. Es gibt keinen Strom. Einmal im Monat kommt ein Schiff auf die Insel, um den Leuten, die Sachen, die es dort nicht gibt, zu bringen.

Der Ältestenrat entscheidet, was man nehmen darf und was nicht. So gibt es Bananen und Kaffee, aber keinen Fernseher und als der Strom verlegt werden soll, wehren sich die Ältesten. Die Frauen aber sind dafür, denn dann müßten sie weniger arbeiten, wenn sie beispielsweise Waschmaschinen oder Staubsauger hätten.

Das namenlose Mädchen wurde vom Betvater gefunden, der hat sie mit Hilfe von Mariah aufgezogen, so ist sie seine Gehilfin, gibt die Signale, damit das Dorf weiß, wie spät es ist und lernt von ihm auch, was ja verboten ist, das Lesen. Sie wurde als Kind vom Lehrer mißbraucht und auch an den Pfahl gebunden, das ist die Dorfstrafe, als sie sich gegen die Unterdrückung wehrte und weglaufen wollte, deshalb hinkt sie auch.

All das wird in den Strophen nach und nach erzählt, das Dorfleben, die Regeln, es gibt die Betschüler und die Khorabel, den Wunschbaum, wo die Männer, die das können, ihre Wünsche aufschreiben, die vom Betvater dann gelesen werden.

Die erste Wendung kommt, als sich das Mädchen in den Betschüler Yael verliebt und sich mit ihm in den Vollmonden trifft, was natürlich streng verboten ist.

Er gibt ihr auch einen Namen, Alina. Das wird dann in den Buch in Ich-Szenen und Alina-Szenen unterteilt, was wohl genauso schwierig, wie Karen Köhlers Sprache ist,  die Langatmigkeit und auch der Stil, wo Sachen erklärt werden, wie sie vielleicht für eine Sechzehnjährige cool, aber nicht für die geübte Leserin, ist, die darüber vielleicht ein bißchen genervt ist.

„Beim Kochen soll man nur kochen“, beispielsweise oder es gibt auch Wortschöpfungen, wie „Angstmann“, etcetera, das stört vielleicht ein wenig den elitären Lesekanon.

Mir würde es gefallen, wenn es kürzer wäre, denn es passiert wieder viel zu viel in dem Buch, in Karin Köhlers Versuch die Welt auf fünfhundert Seiten darzustellen.

Die Zweite und eigentliche Katastrophe kommt mit dem Tod des Betvaters, denn da ändern sich die Zeiten. Der neue Betvater oder seine Gemeinde  läßt die Khorabel umschreiben. Die Frauen müssen jetzt sowohl ein Kopftuch, als auch einen Mundschutz tragen. Sie dürfen Nachts nicht mehr aus dem Haus, die Männer keinen Alkohol trinken, was das Dorf komplett durcheinanderbringt, denn jetzt können die Frauen weniger arbeiten und die Männer sind mehr zu Hause stören oder mißhandeln sie.

Alina beginnt dagegen aufzubegehren, schneidet sich die Haare ab, dringt Nachts in Männerkleidung, sowohl in das Ältsten-als auch in das Bücherhaus ein. Wird schließlich schwanger, das Schwimmen hat sie sich auch noch angeeignet, um mit Yael von dem Dorf wegzukommen. Das geht aber nicht, Karen Köhler ja ja auch noch alle Spannungselemente eingebaut. Die Beiden werden beim Vögeln erwischt und kommen an den Pfahl. Yael wird gesteinigt und Alina findet die Kraft für ihr Baby zu flüchten und davonzuschwimmen.

Spannend eigentlich und interessant, wenn auch wie schon erwähnt ein wenig langatmig und vielleicht auch etwas zu belehrend und natürlich nicht wirklich neu. Ich hätte aber nichts dagegen gehabt, wenn das Buch auf die Shortlist gekommen wäre und den neuen Literaturskandal sehe ich darin nicht.

Man könnte ja wenn es in den Gymnasien noch Literaturunterricht gäbe, die Bücher der Klemm, der Streeruwitz und der Köhler miteinander vergleichen und herausfinden, wo der Feminismus am besten ausgedrückt wird.

2019-09-27

Die untalentierte Lügnerin

Buch fünf der deutschen Liste, das vierte österreichische Buch und wieder das von einer Frau, der 1952 in Lustenau in Vorarlberg geborenen Eva Schmidt, Jochen Jungs Quotenfrau könnte man so sagen, da der relativ kleine „Jung und Jung Verlag“ mit seinem wahrscheinlich einflußreichen Verleger ja sehr oft auf der deutschen Liste steht und den Preis auch schon gewonnen hat.

Eva Schmidt ist auch schon sogar auf der Shortlist gestanden, diesmal hat das nicht geklappt, obwohl mir das leise feine Buch, wie ich es nennen würde, gut gefallen hat.

Eine Coming of age Geschichte könnte man es nennen und interessant ist, daß die, die es schon gelesen haben, das Buch oft verstörend genannt haben.

Das finde ich eigentlich nicht und auch mit dem Titel habe ich keine Schwierigkeiten, denn Maren, die Hauptfigur lügt ja eigentlich gar nicht so viel, nicht öfter als andere, würde ich sagen und sie ist auf dem Weg sich in ihrem Leben zuerecht zufinden, was ihr im Gegensatz zu den anderen Büchern, wo ja alles das Schlimmste vom Schlimmste sein muß, eigentlich auch gelingt.

Wenn mich etwas stört, daß ist es wieder die Mittel- oder sogar Oberschicht in der das Buch spielt. Das muß in der Literatur offenbar ebenfalls so sein und Maren ist auch keine Schauspielerin, wie die die Longlist besprechen, oft erwähnen.

Sie ist ein junges Mädchen, ihr Alter wird nicht genannt, sie dürfte aber Anfang zwanzig sein, das sich noch nicht gefunden hat.

Am Beginn des Buches kommt sie  in ihr Elternhaus zurück, vorher war sie auf einer Schauspielschule in München, in die sie ihre Mutter, eine Malerin gedrängt hat, weil sie nach der Matura noch nicht wußte, was sie mit ihrem Leben anfangen soll?

Dort ist sie nicht zurechtgekommen, hat sich zurückgezogen, nichts gegessen, so daß sie  ihre Eltern, das heißt wahrscheinlich, die Mutter und Robert der  Stiefvater,  zurückholen und ein halbes Jahr in eine Klinik steckten.

Von dort kommt sie als gesund zurück. Sie ist sich da nicht so sicher und weiß noch immer nicht, was sie von ihrem Leben will?

Robert holt sie vom Bahnhof ab, da passiert gleich ein Unfall, eine junge Frau, die offenbar auch nicht wußte, wie es weitergehen soll, ist vor dem Zug gersprungen. Solche Katastrophe kommen in dem Buch auch immer vor, das eigentlich rasant weitergeht.

Maren findet eine Stelle in einer Kunsthalle, der Stiefvater, der sich um alles kümmert und die Stieftochter, das ist in Zeiten, wie diesen wahrscheinlich zu erwähnen, nicht mißbraucht, läßt sie in einer seiner Wohnungen wohnen. Es ist eine Geschöftswohnung sagt er, sie bekommt aber heraus, daß er sich dort zurückzieht, wenn ihm das Leben und die Mutter zuviel wird. Die ist eine nicht so erfolgreiche Malerin, das heißt, sie verkauft keine Bilder, hat aber eine Galerie und verbringt dort ihre Tage.

Maren beginnt in dieser Tristesse, die abgesehen von der großen Villa, die wir schon von Mareike Fallwickl kennen,  es gibt auch Paralellen zu ihrem Buch, wahrscheinlich das ganz normale Leben ist, sich langsam zu orientieren.

Es gibt zwei Brüder, einen älteren und einen jüngeren, der ältere hat in Finnland ein Hotel und eine Frau. Der Jüngere interessiert sich für Vögel und studiert Biologie, ich glaube, in Salzburg, der Vater lebt in Wien und kümmert sich nicht viel um seine Tochter, was eigentlich nur Robert tut.

Es gibt ein paar Freunde mit denen sie Weihnachten verbringt, einen homosexuellen Schauspieler, der später auch bei einem Unfall stirbt, eine Freundin Lisa, die einen solchen erlebt und sich dann zurückzieht. Die Mutter verkauft ihre Galerie und hört zu malen auf, der ältere Bruder bekommt ein Kind, Robert verläßt die Familie und Maren fängt sowohl zu schreiben, als auch zu fotografieren an, was ja auch die Zoey bei Mareike Fallwickl tut.

Wenn man das so aufzählt, klingt es fast zu konstruiert. Es liest sich aber gut, ist fein, leise und tröstlich auch, daß Maren ihren Weg gehen wird.

Am Schluß fährt sie nach Wien, um eine Abtreibung vorzunehmen. Von wem das Kind ist, wurde mir nicht  klar, von Thomas den Fotografen, zu dem sie schließlich findet? Vielleicht noch von Max dem früheren Freund oder gar von Robert?

Das wird nicht erwähnt, sie sagt nur es wäre ihre letzte Lüge, bevor sie in die Klinik geht, um sich von dort die Tablette zu holen, die sie schließlich in die Toilette kippt.

Ein leises stilles Buch, über etwas, das schon erwähnt wurde, schon oft in allen seinen Formen und Varianten gelesen habe. Cornelius Hell, der es für den ORF  „gespoilert“  hat, hat es gut gefallen. Mir eigentlich auch.

2019-09-15

Nicht wie ihr

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:02
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Wir kommen schon zu Buch drei der deutschen Buchpreisliste, kleiner Scherz am Rande, obwohl es stimmt, daß ich diesmal mit dem Buchpreisbloggen, das ich ja schon zum fünften Mal sozusagen „unautorisiert“ auf mich nehme, spät daran bin, weil  ich bevor ich mit dem ersten, beziehungsweise zweiten Buch beginnen konnte, noch frisch von der Schweiz zurückgekommen, neun  andere Neuerscheinungen gelesen habe, die nicht auf der Liste standen.

Jetzt also Buch drei des dBp, das erste Printbuch, denn sowohl „Winterbienen“, als auch „Cherubino“ habe ich digital gelesen und Tonio Schachingers „Nicht wie ihr“ ist eine Überraschung, da eines der sechs Debuts, ein „Kremayr&Scheriau-Buch“ der mit seiner Literaturschiene, glaube ich, zum ersten Mal auf der Liste steht und, als ich mir das Buch vor einem halben Jahr oder so bestellt habe, habe ich beim Namen Schachinger wohl zuerst an die Marlen gedacht und dann wahrscheinlich erst beim zweiten Blick gesehen, das ist  ein anderer.

Ein Tonio Schachinger, 1992 in New Dehli geboren, in Nicuargua und Wien aufgewachsen, Student der Sprachkunst, von da hätte ich ihn eigentlich kennen sollen, habe ich ihn doch schon bei einer dieser Sprachkunstlesungen im Literaturhaus gehört, da nannte er sich allerdings Antonio und das Thema „Fußball“, ein Ball ziert, so auch das Cover, ist ja eines, wie ich immer schreibe, das mich absolut nicht interessiert.

Aber wieder Überraschung! Um das Fußballspielen geht es eigentlich nicht, sondern um einen Fußballspieler, einen Siebenundzwanzigjährigen mit Migrationshintergrund, weil aus einer bosnischen Familie stammend, der es  geschafft hat, in den ersten Kadern zu spielen, daher hunderttausend Euro pro Woche verdient und mit einem Bugatti durch die Gegend düst.

Klingt, wie ein Märchen oder ein Kitschroman, ist aber Sozialbeschreibung pur und von daher für mich sehr interessant und, wie es der Zufall will, ist es das totale Kontrastprogramm zu Andrea Grills „Cherubino“, wo es auch, um eine Karriere, die einer Sängerin Ende dreißig, die gerade schwanger wird, als sie sowohl an der Met, als auch in Salzburg singen soll.

Das sind wohl die neuen Themen der Literatur und bevor ich zum Inhalt komme, spoilere ich gleich munter weiter, das Malte Bremer vom Literaturcafe, der ja immer einen Buchpreischeck macht, geschrieben hat, daß er nicht weiß, wer dieses Buch auf die Buchpreisliste gesetzt hat?

Das weiß ich natürlich auch nicht, Daniela Strigl oder Petra Hartlieb vielleicht mit den anderen fünf Juroren. Aber, ich denke, es gehört hin, denn so genau wie Antonio Schachinger, der offenbar ein Diplotmatenkind ist, hat, glaube ich, noch keiner, das Schicksal der Fußballer mit Migrationshintergrund beschrieben und ich habe, glaube ich, somit wieder ein bißchen  Einblick in das soziale Leben von heute bekommen, obwohl man das mit den Bugatti und den hunderttausend Euro , die ich eigentlich  bezweifle, vergessen kann und ein solcher, wie der Ivo nur die Spitze des Eisberges ist, während hunderttausend andere mit bosnischen Migrationshintergrund, die von der Fußballkarriere und dem Bugatti träumen, den und das nie erreichen.

Ivo Trifunovic, siebenundzwanzig hat es aber und solche Stars gibt es auch und wir begleiten ihn nun ein Jahr lang durch das Fußballlereben.

Wie schon beschrieben, es beginnt mit dem Bugatti und in diesem trifft er Mirna seine Jugendfreundin wieder, verliebt sich in sie, aber er ist verheiratet, hat schon zwei Kinder und seine Frau Jessy ist die perfekte Fußballerfrau, die alle Geschenke perfekt aussucht und das  Leben, um Ivo auch perfekt cool lächelnd inszeniert.

Das Paar schläft getrennt, weil die Mutter mit dem kleinen Sohn schläft, um den Vater nicht zu stören. Ivo bringt die fünfjährige Lena aber brav in den Kindergarten. Eine Zeit in diesem Jahr lebt die Familie in London und da ärgert sich der Star, weil der Sicherheitskindergärtner vor dem Eingang „Excuse me, Sir, sie stehen nicht auf meiner Liste!“, sagt und ihm das Abholen seiner Tochter verweigert.

Da ruft er wutentbrannt Jessy an und brüllt in das Phone „Der Hurensohn von einem Kindergärtner hat…“

Jessy ist nun wütend auf ihn, weil er sich in Beisein seiner Tochter so gehen läßt und die fragt nun natürlich begierig „Tata, was ist ein Hurensohn und warum darf man das nicht sagen?“

An diesen Passagen sieht man, glaube ich, schon, wie das Buch und sein Autor tickt und diese Szenen finde ich sehr spannend, weil sie mir Einblick in ein Milieu geben, das mir bisher unbekannt gewesen ist.

Ivo wird für drei Wochen gesperrt, bekommt einen Hexenschuß, kann sich nicht bewegen und Jessy auch nicht zu einer Ballettaufführung begleiten. So geht sie mit ihrer Freundin Kata, auf die er eifersüchtig ist und wir erleben ihn mit seinen Schmerzen und sein Warten bis endlich der Not- oder Vereinsarzt zu ihm kommt.

Ivo macht sich auch über sein Leben oder dieses allgemein Gedanken und fragt, nachdem seine Tochter  von ihm wissen will, wieso sie Lena heißt, auch seine Eltern nach seinen Namen und dem seines Bruders, der heißt seltsamer weise Kurt, weil 1986 geboren und diese kleine Szene sagt auch sehr viel aus über Buch und Autor, das eigentlich keinen Plot und keine Handlung hat, sondern aus der Aneinanderreihung solcher Szenen besteht.

„Ein Jahr im Leben des Fußballstars Ivo Trifunovic, ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen; rotzig, deep & fresh“, steht am Buchrücken und ich spoilere gleich dazu, daß mir das Buch gefallen hat, Fußballfan aber keiner aus mir geworden ist und ich vermute, daß es wahrscheinlich nicht auf die Shortlist kommen wird, empfehle aber jedermann und jederfrau sehr das Lesen.

Und nun geht es gleich an Buch vier und Marlene Streeruwitzs „Flammenwand“ um bei der österreichischen Literatur der neuen deutschen Longlist zu verbleiben.

2019-09-14

Cherubino

Jetzt kommt, sehr spät, ich weiß, das zweite Buch von der deutschen Longlist, das erste hatte ich schon im Juli gelesen, aber der Schweizurlaub hinderte mich wohl daran, denn als ich diesmal vor Verkündigung der Longlist zurückgekommen bin, warteten einige andere Neuerscheinungen auf mich, die ich inzwischen brav eines nach dem anderen hintergelesen habe.

Also ein sehr später Beginn des Buchpreislesens, die deutsche Shortlist wird ja schon nächste Woche verkündet und da hatte ich in Bestzeiten schon die Hälfte der Bücher gelesen, dafür wird es jetzt wahrscheinlich zügiger vorangegehen, denn ich habe alle Bücher, zur Hälfte digital, denn das schicken die Verlage jetzt gern und den Rest kann man auf der „Netgalley“ anfragen und zuerst wird es beim Longlistlesen österreichlastig zugehen, denn alle sechs österreichischen Bücher stehen weit vorn auf meiner Leseliste und wem es interessiert, mit dem Printbuch von Tonio Schachinger habe ich  schon angefangen.

Aber zuerst als zweites deutsches Longlistbuch kommt Andre Grills „Cherubino“, für mich eine Überraschung, als ich im August in die Liste einsah, obwohl ich Ende Juni als in Klagenfurt das „Bachmann-Lesen“ angefangen hat, eigentlich in die „Gesellschaft“ zu einer Andrea Grill- Lesung gehen wollte, das dann aber nicht geschafft habe, aber die hat, wenn ich mich nicht irre, wahrscheinlich ohnehin etwas anderes, nämlich eine Übersetzung gelesen.

Also „Cherubino“ von Andrea Grill, die 1975 in Bad Ischl geborenen wurde, vom Beruf Biologin ist und die ich schon vor ihrem Auftritt beim „Bachmann-Preis, 2007“, glaube ich, literarisch verfolge.

Im Blog habe ich sie  zu Beginn in  meinen Namensartikel erwähnt, „Zweischritt“ habe ich gelesen und das Buch das sie in New York geschrieben hat, bei einigen ihrer Lesungen, beispielsweise bei der, wo sie den „Stoeßl-Preis“ bekommen hat, war ich  und sehe sie auch sonst manchmal im Publikum des Literaturhause und „Cherubino“ war, ich schreibe es gleich, für mich eine Überraschung, denn es geht für eine, die vor drei Monaten Großmutter wurde und eine fünfunddreißigjährige Tochter hat, sowie in Locarno den Schweizer Film „Die fruchtbaren Jahre sind vorbei“ gesehen hat, wo eine Architektin verzweifelt am Boden herumrobbt, weil ihr schon über der Zeit liegendes <kind nicht kommen will, sie aber auf die Baustelle muß, um ihren Auftrag nicht zu verlieren und ihre Karriere nicht zu gefährden.

Und genau davon handelt der Roman, er ist aber, eine Überraschung, im Sänger- und nicht im Biologenmilieu angesiedelt.

Iris ist neununddreißig, als sie im Klo einer Konditrei steht und einen Schwangerschaftstest in der Hand hält. Sie steht gerade am Beginn ihres Durchbruchs. An der Met singt sie den titelgebenden Pagen und im Sommer soll sie in Salzburg in „Sophie Choices“ brillieren, das ist die Oper, wo sich eine Frau in Auschwitz für eines ihrer zwei Kinder entscheiden soll.

Iris muß sich dagegeben entscheiden oder herausfinden, welcher ihrer zwei Männer der Vater ist?

Man sieht, Andrea Grill ist sehr modern und baut in ihrem Roman alle Realitäten des modernen Lebens ein.

Da gibt es Ludwig, den Politiker, den sie liebt, aber der ist verheiratet und will von seiner Familie nicht weg und Sergio, den Sänger, mit dem sie schon seit einigen Jahren zusammen ist.

Sie erzählt beiden Männern von der Schwangerschaft und, daß sie die Väter wären und sonst zuerst nur ihren Eltern und fremden Leuten, wie dem Taxilenker oder der Friseurin davon. Nicht aber in der Met und in Salzburg, denn sie ist freiberufliche Unternehmerin,  hat daher keinen Mutterschutz und würde damit womöglich ihre Rolle bzw. ihre Karriere gefährden.

Man sieht, das Leben in den neoliberalen und prekären Zeiten ist sehr hart, ansonst freut sich Iris auf das Kind, besucht gleich zwei Ärzte, ihre Gynäkologin in Wien und einen in New York, wo sie ja immer wieder hinfliegen muß, weil sie Schmierblutungen hat.

„Das ist der Streß!“, beruhigen die Ärzte und raten sich zu schonen. Das kann man aber wohl schwer, wenn man außerdem noch den „Hänsel“ an der Wiener Staatsoper singt und niemand von der Schwangerschaft wissen soll. Das klappt aber ohnehin nicht so ganz, denn die Kostüme werden enger und müßen geweitet werden und auf dem Bauch über die Bühne robben, kann sie auch nicht.

So redet sie Regisseurin ein, daß ein Priester, der das Militär verweigern will, denn das Ganze ist auch noch eine Paradie auf das moderne Regietheater, das den „Figaro“ nicht in einem andalusischen Schloß, sondern in einem Gerichtsaal spielen lassen will, das nicht tun würde.

So darf sie ihre Arie im Sitzen singen und weil der Bauch immer größer wird, kommt das mit der Schwangerschaft doch einmal heraus und sie verliert zuerst ihre Rolle in Salzburg. Später bekommt sie sie zurück, denn jemand hat sie in der Met fogografiert und das Foto ins Internet gestellt.

Das wird jetzt so berühmt, wie Iris während ihrer gesamten bisherigen Karriere nicht wurde, wieder ein Seitenhieb der Autorin. So darf sie doch, als „Sophie“ auftreten und soll in Salzburg ihren Bauch zeigen.

Das Kind, der kleine Linus oder Marius Orion, glaube ich, vereitelt das Ganze, denn er kommt etwas früher oder kündigt sich doch an, so daß Iris im Kreißsaal, die Premiere mit ihrer Vertreterin sehen darf und wer der Vater ist, weiß sie immer noch sehr genau, obwohl sich der am Schluß nicht mehr meldet.

Ein tolles Buch mit einem überraschenden Thema, würde ich meinen, denn leider ist es das immer noch, wenn jemand eine Schwangerschaft in die Literatur hineinholen will. Zumindest höre ich die Blogger, die die Longlist bewerten, das so sagen.

Da legen junge Frauen das Buch weg und sagen ,“Interessiert mich nicht!“, was ich etwas seltsam finde, weil die ja vielleicht auch einmal schwanger werden und ein anderer, dem das Buch gefallen hat, vermutet, daß es nicht auf die Shortlist kommen würde.

Ich würde es mir und Andrea Grill wünschen und  würde von den Büchern, die ich noch nicht gelesen habe, schätzen, daß es die Streeruwitz, Sasa Stanisic und Karen Köhler schaffen könnten, über die anderen kann ich noch nichts aussagen, nur daß das Buch ganz gut zu den anderen Frauenbüchern, wie, das der Marlene  Streeruwitz, der Gertraud Klemm und der Mareike Fallwickl passt, die ja auch, wenn auch auf andere Art und Weise, das Thema „Frau in der Gesellschaft“ bearbeiten.

Und ehe ichs vergesse, Kinderlieder, listig abgeandel „Ri ra ru, wir sitzen auf einer Kuh, wir sitzen auf einer Milchpartie, billiger war das Reisen nie“ und Szenen übers Kochen und Essen, beispielsweise das von Linsen mit Knödel,  kommen in dem Buch auch immer wieder vor.

Etwas rätselhaft waren für mich die Kapitelüberschriten, die von „* 0 (75 cm) bis *36 (105cm) lauten. Ob das die Schwangerschaftswoche und der Bauchumfang gemeint ist? Denn ein Neugeborenes hat ja ungefähres fünfzig Zentimeter.

Ein Personenverzeichnis am Anfang und ein Werkverzeichnis am Ende gibt es übrigens auch.

2019-09-04

Die vierte österreichische Buchpreisliste

Filed under: Buchpreisbloggen — jancak @ 16:02
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Obwohl ich ja noch nicht wirklich zum Lesen der deutschen Buchpreisbücher, die sich inzwischen fast alle bei mir angesammelt haben und ich gerade Mareike Fallwickls „Das Licht ist hier  viel heller“ ausgelesen habe, war ich auf die Bekanntgabe der vierten österreichischen Longlist sehr gespannt.

Meine Prognose, die sich bei mir ja immer hauptsächlich auf das inzwischen Gelesene bezieht, habe ich schon gegeben und habe inzwischen auch ein paar neue Bücher, wie beispielsweise das der Mareike Fallwickl oder die österreichischen Bücher, die auf der deutschen Liste stehen hinzugefügt oder mir überhaupt eine komplett weibliche Liste ausgedacht.

Auch da wäre ich auf mehr als zehn Bücher gekommen und hätte dabei natürlich „Die unsichtbare Frau“ dazugenommen und dann ist es wieder anders gekommen, als erwartet, obwohl eigentlich schon viel Bekanntes oben steht.

Da spekuliere ich bei der deutschen und der österreichischen Liste ja immer mit den O-Tönen und wurde nicht enttäuscht, denn es sind einige Bücher dabei, die dort vorgestellt wurden.

Im letzten Jahr hatte ich ja schon fünf von den zehn Büchern gelesen, so gut geht es mir heuer nicht. Gelesen habe ich noch keines, weil Marlene Streeruwitz „Flammenwand“ ja in Harland überm Bett liegt und Raphaela Edelbauers „Das flüssige Land“ im Wiener Badezimmer.

Das sind die beiden Bücher, die auch auf der deutschen Longlist stehen und was den Debutpreis betrifft, den es in Österreich ja auch immer gibt, steht  Angela Lehners „Vater unser“ darauf.

Das steht auch auf der deutschen Longlist und wurde  bei den O-Tönen vorgestellt. Ich habe es als E Book und was die O-Töne betrifft, stehen von dort auch noch Marco Dinic, Clemens J. Setz und Karl Markus Gauss auf der Liste. Ein paar ganz wenige mir bisher unbekannte Bücher gibt es auf der neuen österreichischen Longlist auch, aber wieder schön der Reihe nach:

1.Harald Darer „Blaumann“ von dem 1975 in Mürzzuschlag geborenen, den ich einmal in der „Kolik Lounge“ hörte, habe ich schon „Herzkörper“ gelesen und habe, glaube ich, auch noch etwas in den Regalen stehen.

2. Raphaela Edelbauer „Das flüssige Land“, steht, wie schon beschrieben, auf der deutschen  LL und von der Autorin, die auch in Klagenfurt las, habe ich das erste Mal etwas auf einer „Buch Wien“ gehört.

3.Karl Markus Gauss „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“, das wurde schon bei den O-Tönen und bei „Buch und Wein“ in Göttweig vorgestellt.

4.Norbert Gstrein „Als ich jung war“, das Buch habe ich eigentlich schon auf der deutschen LL erwartet und von Norbert Gstrein habe ich zuletzt die „Kommenden Jahre“ gelesen.

5.Florjan Lipus „Schotter“ ein Dojen der österreichischen oder österreichisch slowenischen Gegenwartsliteratur und wenn nicht auch noch Gerhard Roth auf der <liste draufstehen würde, würde ich mir da den Buchpreisträger erwarten.

6.Sophie Reyer „Mutter brennt“ eine Überraschung, obwohl ich von Sophie Reyer schon einiges auf Lesungen gehört habe.

7.Gerhard Roth „Der Himmel ist leer die Teufel sind alles hier“.

Von Gerhard Roth habe ich schon einiges gelesen, von dem Buch noch nichts gehört und wenn ich es nicht noch bei „Netgalley“ finde, wird es wohl eine Leselücke bleiben.

8.Clemens J. Setz „Der Trost runder Dinge“.

Von Clemens J. Setz, dessen literarischen Werdegang, ich, glaube ich, schon seit 2009 verfolge, habe ich schon einiges gehört und gelesen. Das Buch wurde auch bei den <o-Tönen vorgestellt.

9.Marlene Streeruwitz „Flammenwand“. Da war ich, wie schon beschrieben auf einer Lesung, es steht auf der deutschen Longlist und ich werde es lesen, sobald ich nach Harland komme.

10.Ivna Zic „Die Nachkimmende“, die mir bisher einzige völlig unbekannte. Ich bin also sehr gespannt und freue mich auf das Lesen, wenn das Buch zu mir kommt.

Und nun zu den Debuts:

1.Marco Dinic „Die guten Tage“, habe ich erwartet und bei den O-Tönen versäumt

2.Angela Lehner „Vater unser“ steht auf der deutschen Liste.

3.Tanja Raich „Jesolo“ habe ich so nicht erwartet, das Buch aber schon auf einer Lesung gehört und Doris Kloimstein die es schon gelesen hat, hat auch versprochen es mir zu geben, beziehungsweise mit dem Buch der Uli Fuchs, das doppelt zu mir gekommen ist, zu tauschen, was sehr spannend wäre, da sich hier Verlegerin und Verlagsbücher kreuzen.

Eine schöne Liste, schreibe ich wieder, obwohl ich, sowohl Gertraud Klemm, als auch Mareike Fallwickl und Susanne Gregor darauf vermisse. Auf jedenfall Robert Prosser und mir auch noch einiges andere darauf vorstellen könnte.

Aber, wie ich ja schon bei der deutschen LL geschrieben habe, macht ja nichts. Man kann ja lesen, was man möchte und so gesehen, ist diese Auswahl sicher spannend, was meine Leser davon halten, würde mich jetzt sehr interessieren.

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