Literaturgefluester

2019-07-07

Im Inneren des Klaviers

Jetzt geht es noch weiter mit dem Backlistlesen, obwohl Mario Wurmitzers „Im Inneren des Klaviers“ erst vor einem Jahr erschienen ist. Da stand das Debut des 1992 in Mistelbach geborenen auf der Longlist des Bloggerdebuts, obwohl er schon ein Jugendbuch geschrieben hat, ich war bei einer Lesung in der „Gesellschaft“, der Co-Leser war Lukas Meschik, den ich erst vor einer Woche beim Bachmannlesen hörte und das Buch habe ich auch ziemlich genau vor einem Jahr im „Seedosenschrank“ gefunden. Noch eine Besonderheit gibt es, da ich es ja gleich in mein damaligen „Work on Progress“ eingebaut habe, das heißt Magdalena Kirchberg zu einer Lesung daraus ins Literaurhaus gehen habe lassen.

Das Buch ist eine Mischung zwischen Märchen und surrealen Elementen, steht in der Beschreibung, ich füge hinzu, es ist eigentlich ein Fantasyroman, könnte daher auch in den entsprechenden Verlagen erscheinen und daher wahrscheinlich auch ein anderes Publkum, als das, das zu den „Luftschacht-Bücher“ greift, haben.

Die Handlung ist einfach. Da gibt es einen Ich-Erzähler, der mit einem „du“ spricht und die beiden haben sich in einem Wald gefunden und wollen das korrupte Königreich, in dem sie bisher lebten, verlassen. Die namenlose Frau, da heißt sie nennt sich,  sowohl Nelly Nightingale als auch Petra Blocksberg und noch ein anderer Name kommt vor, das ist interessant weil wir da bei den sprechenden Namen wären, ist, stellt sich bald heraus, die Tochter des Tyrannenkönigs, zuerst weiß das aber der Erzähler nicht.

Sie nächtigen bei einem Paar namens Lucy und Simon, das ist interessant, daß es im „Flugschnee“ ein gleichnamiges Geschwisterpaar gibt. Aber das ist Zufall, daß ich die beiden Bücher so nacheinander gelesen habe.

Dann ist  noch interessant, daß Lucy sich für denKönig die Finger wund, um Gold zu erzeugen, spinnen muß.

Es gibt aber auch in Computer in der Welt, in der die Beiden leben und Comics, aber auch Kutschen und in einer solchen finden sie einen Stapel Lucky Luke-Hefte.

Da sind sie schon auf der Flucht über die Grenze in die Freiheit und in eine Stadt namens Port Robinson. Dort ist aber nicht soviel mit der Freiheit, denn die Königstochter wird gleich verhaftet und der Erzähler gerät in einen revolutionären Club und kommt da mit einem Max zusammen, der sich für Nellys Freilassung einsetzt. Sie flüchten  weiter in eine Hütte, werden wieder verhaftet und amSchluß kommen sie ins Königsreich zurück, da springt der Tyrannenkönig aber aus dem Fenster, Max wird sein Nachfolger und die Beiden bekommen eine Villa in der ein Klavier steht, in dessen Inneren sei für die gespoilert, die sich schon fragen, warum das Buch so heißt, sich die Beiden sich dann mit einer Kerze und einem Apfel verziehen.

Interessant, schließe ich meine Besprechung, interessant, daß „Luftschacht“ eine solche märchenhafte Mischung bringt, als Fantasyroman hätte es vielleicht größer hinauskommen können, dann hätte man aber die Gedichte weglassen müssen, die Petrus, der Gedichteaufhänger an die Wände von Port Robinson anbringt und die Anspielungen auf den „Club der toten Dichter“, denn Mario Wurmitzer hat ja Geschichte und Germanistik studiert und schreibt vielleicht auch Gedichte.

Ein interessantes Debut allethalben, auf die Shortlist des Bloggerpreises ist es nicht gekommen und auch nicht auf die des östBp, so bin ich gespannt was ich noch von dem jungen Mann hören werde, ob er vielleicht in den nächsten Jahren in Klagenfurt lesen wird und was ich noch so im „Seedosen- und in den anderen Bücherschränken“ finden werde.

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2016-11-17

Weißblende

Nach „Blauschmuck“ kommt „Weißblende“, die Namensähnlichkeit ist Zufall oder nicht, jedenfalls Buch zwei aus der „Shortlist“ des „Bloggerromandebutpreises“ und es geht wieder um Gewalt, an und um Frauen oder auch, um pubertäre Mädchenphantasien und wieder ist die Debutantin eine Frau, nämlich die 1983 in Graz geborene, in Wien lebende Sonja Harter, mir als Lyrikerin bestens bekannt, war ich ja schon bei einigen diesbezüglichen Veranstaltungen und als Friederike Mayröcker den „Bremer Literaturpreis“ bekommen hat, hat sie sie, glaube ich nach Bremen mitgenommen.

Ein sehr poetischer Roman also, poetisch und erotisch, der das Unbegreifliche erzählt, das sich vielleicht in vielen pubertären Mädchenseelen abspielt, der Wunsch zwischen dem Ausbrechen, Hierbleiben, Kindsein und Erwachsenenwerden in einer Welt voller Gewalt und Widersprüche, Lügen und Heimlichkeiten, wo es nicht so einfach ist, sich auszukennen und die Literatur, die großen Vorbilder Humbert Humbert und Lolita, Alice im Wonderland, etcetera gibt es  auch, denn auch am Land, im Dorf, in der Enge hinter den sieben Bergen, gibt es ja auch die Schulpflicht und den Deutschunterricht und da spielt sich heutzutage schon einiges ab.

So wirf Jonathan, der Sohn des Bürgermeisters und daher diesbezüglich besonders priveligiert, einen Papierflieger zu der Klassenvorständin hin, auf der ein Penis aufgemalt ist, sie macht das Papier auf, zerknüllt es und schießt es ihm zurück.

Macht man das heutzutage so in den Dorf oder auch Stadtgymnasien?

Da ist jedenfalls Matilda, das ist glaube ich eine berühmte Figur von Roald Dahl, aber auch eine Vierzehnjährige, die in der Enge des Tales aufwächst. Die Mutter sagt man ihr, ist bei ihrer Geburt gestorben, die Großmutter dement und daher in einem Altersheim.

Matilda ist Klassenbeste, ein wenig Außenseiterin und graut sich vor den Ferien, denn sie kann nicht, wie die anderen, sozial besser gestellten, auf Erlebnisurlaub nach Italien oder Griechenland fahren.

Muß da bleiben und will nicht ins Schwimmbad gehen, denn dort werfen, die Burschen ja nur die Mädchen ins Wasser und kreischen auf. So geht sie zum Deutschlehrer und fragt ihm nach einer Leseliste für den langen Sommer. Der ist erstaunt, denkt nach, empfiehlt dann den „Werther“ und noch einiges anderes.

Aber soweit kommt Matilda nicht, denn einiges hat sich bei ihr geändert. Der Vater, der bisher so abgeschlossen lebte und sich nur einmal, lang lang ists her, mit der Putzfrau am Boden liegend überraschen ließ, vermietet ein Zimmer an einen Franzosen, an Alain Bonmot und es kommt, wie es kommen muß oder Besser Sonja Harter es will:

Der Franzose stellt zuerst Fragen, bringt schließlich Matilda in den größeren Nachbarort, wo es sowohl eine Bücherei, als auch das Altersheim gibt, in dem die Großmutter, die, wie sich herausstellt, gar nicht dement ist, lebt und die offenbart der frühreifen Vierzehnjährigen ein Geheimnis, das den Lesern gar keines mehr ist, denn es gab in dem Buch, im ersten Teil „Nervensommer“ immer wieder kursiv gesetzte Abschnitte, die von einer Frau in der Psychiatrie handelten.

Also die Mutter ist nicht bei der Geburt, sondern in der Psychiatrie, wo sie vorher viele bunte Pillen schlucken und für die Ärzte alles aufschreiben mußte,ums Leben gekommen und diese Aufzeichnungen, gelangen in Matildas Hände und dann kommt auch noch Bonmot und entführt die Vierzehnjährige in die Stadt.

Dafür hat er dem Vater, die Miete bis Ende des Jahres vorausgezahlt. In der Stadt zuerst fragt der Hoteldirektor, „die junge Dame“ und den älteren Herrn verlegen nach den verwandtschaftlichen Verhältnissen, denn man will ja wahrscheinlich nicht die Polizei und das Jugendamt vor der Tür stehen haben.

Alain stellt Matilda aber auf die Probe, führt sie in ein Konzert, von dem es dann in das Hotelzimmer des Pianisten geht und Matilda ist widerspruchslos mitgegangen, alsoreif für den Deal und darf das vorausbezahlte Geld abarbeiten, bevor sie wieder in die ländliche Enge und in ihre Schule zurückkehrt.

Dort erwartet sie eine Frau beim Vater, der Dachboden wird für sie ausgebaut, dort kommt es auch zu Herrenbesuchen, einer davon ist der Deutschleherer, der Matilda mit guten Noten bezahlt und am Ende kommt doch wieder die Psychiatrie, die Ärzte mit den weißen Mäntel, die für das Protokoll, die Gerichtsverhalndlung, etcetera, alles wissen wollen, ständig „Alles ist gut!“, sagen und brav ihre blauen oder roten Pillen austeilen und Matilda wird wahrscheinlich am Ende der Geschichte erwachsen werden.

„Der Arzt streicht mir übers Haar. Das Band läßt er da.Ich sehe mir alles an. Das Bild ist unscharf, aber der Ton ist hervorragend.“

„Ich lege dir alles zu Füßen, Mädchen, bücken mußt du dich selbst“, ist noch ein Zitat, das Alain Bonmot zu Matilda sagte und das am Buchrücken zu finden ist.

Ein Buch der schönen Worte also, von höchster Poesie, das man trotzdem oder vielleicht deshalb nicht so gerne lesen will.

Aber vielleicht doch darüber diskutieren, was davon Gewalt, Phantasie, erlaubt, verboten, gut und böse ist?

Wenn man vierzehn ist und in das Auto eines älteren Herren steigt, der einen Zigaretten überreicht oder mit einem Küßchen begrüßt, holt schnell die Direktorin, die Mutter in die Sprechstunde und wenn man Alain Bonmot mit Matilda im Bett erwischt, kommt er ins Gefängnis, auch wenn Lolita, Humbert Humbert vielleicht dorthin lockte und erwachende erotische Phantasien vielleicht oder auch ganz sicher zur Pubertät gehören und wie soll man über all das schreiben?

Schockierend brutal mit Fotos, die es vielleicht im Internet oder in der Gerichtsmedizin zu sehen gibt oder so schön poetisch, wie es die österreichische Lyrikerin Sonja Harter tat, die mit ihrem Debut auf die „Bloggerdebutpreisshortlist“ gekommen ist und ich nun die Qual der Wahl habe, wieder einmal Äpfel mit Birnen zu vergleichen.

Was ist schöner und poetischer „Blauschmuck“ oder „Weißblende“?

Gewaltvoll ist beides höchstwahrscheinlich und es gibt ja noch drei andere Bücher, die zur Auswahl stehen, „Ymir“ ist das nächste, das ich lesen werde und bin natürlich  selber schuld an dem Dilemma, habe ich mich ja noch schnell kurz vor zwölf in die Jury hineingedrängt, weil ich das so gerne mache, Bücher zu vergleichen und dann dazuzuschreiben, daß man das gar nicht kann!

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