Literaturgefluester

2017-06-19

Vergangenheitsbewältigung

Auch Mathildes Hände zitterten, als sie, nachdem sie sich von Moritz verabschiedet hatte, in ihre Wohnung gegangen war und als erstes in ihr Schlafzimmer ging, wo auf dem kleinen Schminktischchen vor dem Fenster, in einer kleinen Vase mit der längst vertrocknenen Valentinsrose stand.

Sie nahm sie hoch, sah sie an und schüttelte den Kopf. Daneben lag der Brief, den ihr Natalie durch ihren Anwalt geschickt hatte. Der Partezettel lag in ihrer Handtasche. Sie war, weil es Lily wollte und nicht aus eigenem Antrieb zu dem Begräbnis gegangen, hatte dort Moritz getroffen, mit ihm in der Pizzeria zwei Gläser Rotwein getrunken und energisch den Kopf geschüttelt, als Gusiseppe-Mehmet sie neugierig angesehen hatte und von ihr wissen wollte, ob der elegante Herr, der Freund der Signora sei?

Das nein, das nicht, das war völig ausgeschlossen. Wenn sie Berlin damals nicht so überstürtzt verlassen hätte, wäre er bald ihr Chef geworden oder auch nicht, denn da hätte sie ihn wahrscheinlich geheiratet und, um eine gute Mutter zu werden, für die nächsten Jahre den Verlag verlassen. Also ihr verhinderter Ehemann oder ihr Schwager. Ihr Exschwager natürlich.

Alles was er wollte, aber das ging, den jungen Kurden und Medienstudenten  nichts an und Moritz wollte in sechs Wochen wiederkommen und mit ihr mit einem orangen Bus, dessen Bild er ihr gezeigt hatte, durch die Welt reisen und sie wußte nicht, ob sie das wollte, merkte, das ihre Finger noch immer zitterten und dachte „Das ist doch verrückt!“

Vollkommen verrückt! Stellte die Vase wieder auf das Kosmetiktischchen und setzte sich auf den Sessel, der davor stand. Jetzt konnte sie wenigstens nicht umfallen und ihre Gedanken ordnen oder Lily anrufen , die sicher wissen wollte, ob die Mutter auf dem Begräbnis gewesen war?

Sie war dort gewesen, hatte Moritz wiedergetroffen und von Natalie einen Brief bekommen, in dem sie sich bei ihr entschuldigt hatte. Egentlich war es ein netter Brief gewesen, den die Schwester ihr geschrieben hatte, ein um Verzeihung bittender und versöhnlicher. Die Schwester war in der letzten Phase ihres Krebses in sich gegangen, hatte sich entschuldigt und Mathilde wußte auch hier nicht, ob sie verzeihen wollte?

Einer Toten darf man nichts Schlechtes nachsagen, mußte ihr verzeihen! So hieß es doch, so hatte sie es in der Schule und auch sonst im Leben gelernt, aber auch da wußte sie nicht, ob sie das wollte. Oder doch, sie wollte es nicht!

Deshalb hatte sie der Schwester auch keine Rose in das Grab nachgeworfen, weder die vertrockenete, die ihr Moritz vor fast einunddreißig dreißig Jahren schenkte, bevor die Schwester ihn ihr gestohlen hatte, noch eine  neu gekaufte. Sie war blumenlos auf den Friedof gekommen und auch nur, weil sie Lily versprochen hatte, das zu tun und sie verzieh Natalie nicht,  das war sicher, denn es war  wirklich infam gewesen, was die getan hatte und Moritz würde das von ihr auch nicht fordern. Ganz egal, ob sie in sechs Wochen  mit ihm und seinen Bus nach New York fahren würde oder nicht.

Aber mit einem Bus konnten sie nicht übers Wasser reisen. Damit konnten sie  höchstens nach Berlin fahrenund die Orte des damaligen Geschehens wieder aufsuchen. Aber Lily wollte ihren Vater kennenlernen. Hatte das  schon angedeutet, daß sie das auf jeden Fall tun würde.

„Ganz egal, ob du damit einverstanden bist oder nicht Mutter!“, hatte sie  versichert und sie war auch einverstanden. Hatte nichts dagegen und sollte Natalie für ihren Mut der letzten Stunde, die Sache doch noch aufzuklären, eigentlich dankbar sein. War es aber nicht. Nein, sie würde weder ihr, noch den Eltern  verzeihen, dachte sie erneut und merkte, daß sich ihre Finger ineinander verkrampften.

„Laß, das Math!“, dachte  sie.

„Laß dir Zeit!“ und zuckte noch einmal zusammen, als sie bemekrte, daß sie die Abkürzung verwendet hatte, die Natalie immer gebraucht hatte, wenn sie sich über sie lustig machen hatte wollen, was, wie sie sich ebenfalls erinnerte, sehr häufig vorgekommen war, denn Natalie hatte keine Gelegenheit ausgelassen, auf ihre Vormachtstellung hinzuweisen.

Einmal, daran konnte sie sich jetzt  erinnern und es trieb ihr vor Scham immer noch das Blut in den Kopf, so daß sie sicher so rot geworden war, wie es ihr damals passierte, war es besondern arg gewesen. Sie mußten zehn, elf oder zwölf Jahre alt gewesen sei. Es war ein Sonntag gewesen und sie waren im Wohnzimmer, um den Tisch bei der Nachmittagsjause Kuchen gesessen. Die Großeltern, die damals noch lebten, waren auf Besuch gekommen und hatten für jede von ihnen ein Geschenk mitgebracht. Sowohl sie, als auch Natalie hatten eine Schachtel Katzenzungen  bekommen, was Natalie, als sie sich schon darüber freuen wollte,  zu einem spöttischen Lächeln und der bissigen Bemerkung „Siehst du, Math, du bist gar nicht so benachteiligt, wie du immer behauptest, du bekommst doch auch etwas geschenkt!“, veranlaßt hatte. Dabei hatte sie laut und höhnisch aufgelacht, was ihr das Blut in die Wangen getrieben hatte, so daß sie um ihre Gefühlsanwallung zu verbergen das Zimmer verlassen hatte und aufs Klo gelaufen war.

Dort hatte sie, als sie ihr Geschäft erledigt hatte, versucht sich zu beruhigen,  hatte sich die Tränenspuren aus dem Gesicht gewischt, die Haare gekämmt und die Hände gewaschen und war mit dem Vorsatz ins Zimmer  zurückgegangen, sich bei den Großeltern besonders zu bedanken und ihnen zu sagen, wie sehr sie sich über ihr Geschenk freue, weil Katzenzungen ihre Lieblingssüßigkeit seien.

Es war aber wieder einmal, schlimmer als gedacht gekommen, hatte sie in ihrer Wut doch nicht bemerkt, daß ein Teil ihres Kleides in der Unterhose stecken beblieben war, was Natalie, die das natürlich sah, erst recht zum Lachen und zum Ausspruch „Zieh dich doch erst ordentlich an, Math, bevor du dich über uns beschwerst, könnte doch die Großmutter denken, daß du dich nicht benehmen kannst und svchlecht erzogen bist !“, was ihr sofort wieder das Blut auf die Wangen getrieben und ihr die Katzenzungen, wie sie sich erinnern konnte, so sehr verleideten, daß sie nie wieder welche gegessen hatte.

„Laß das, Math und zieh dich ordentlich an, sonst könnte die Großmutter denken, du kannst dich nicht benehmen!“, hatte Natalie gesagt und sich vor Lachen geschüttelt. Dann war sie aufs Gymnasium gegangen, hatte Medizin studiert und ihr in Berlin Moritz weggeschnappt und sie sollte sich beruhigen, verzeihen und die Vergangenheit ruhen lassen, um zu zeigen, daß sie gut erzogen war?

Aber  nein,  nichts davon, sie würde es nicht lassen und auch nicht verzeihen,  dachte  Mathilde nun entschloßen, atmete tief durch und stand auf, um ins Vorzimmer hinausgegangen war, den Mantel auszuziehen und die Schuhe abzulegen und sich dann ins Bad begeben, um sich für die Nacht zurechtzumachen.

„Laß das Math!“, hatte Natalie gesagt und immer darauf hingeweisen, daß sie nur Gast in ihrem Zimmer war, geduldeter Gast bei ihren Eltern war, weil sich die nur ein Kind leisten konnten und das Zimmer deshalb ihr gehörte und jetzt war sie übergeblieben, hatte aber jetzt schon lange ein Zimmer und sogar eine Wohnung für sich allein.

Hatte dies schon über dreißig Jahre und war heute Moritz wiederbegegnet, der mit ihr in sechs Wochen mit einem orangen Bus durch die Welt reisen wollte, während Natalie gestorben war und sich infolgedessen niemals mehr über sie lustig machen konnte. Die Vergangenheit war vorbei und das Leben ging weiter.  Sie konnte, wenn sie wollte, mit Moritz von vorne anfangen. Konnte Natalie verzeihen oder aber auch ihr auf ewig böse sein. Konnte auch den Zipfel ihres Nachthemdes in ihre Unterhose stecken und auch wieder Katzenzungen essen.  Natalie würde niemals mehr darüber lachen und sie wußte nur nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, aber auch da konnte sie sich Zeit lassen und mußte das noch nicht heute entscheiden.

2017-06-17

Eine Frau auf Reisen

Lily hatte sich,  den Brief immer noch in der Hand, auf einen der Barhocker, den es vor ihrer kleinen Eßtheke im Küchenbereich ihres Lofts gab, gesetzt und starrte nachdenklich vor sich hin.

Die schulterlangen dunkelbolonden Haare fielen ihr unfrisiert ins Gesicht. Vor ihr stand der Becher mit Kaffee, auf der  Eßtheke lag ihr Handy und auf dem hatte sie vorhin einen Anruf von Slavenka Jagoda bekommen, die ihr mitteilte, daß sie gut in N.Y angekommen sei und ihr kleines Atelier, das es im Dachgeschoß des Instituts gab, bereits  bezogen hatte. Sie würde sie treffen und kennenlernen, wenn sie sich aufgerafft und angezogen hatte und ins Institut zu ihrer Arbeit fuhr.

Slavenka Jagoda, die dreiundzwanzigjährige Slavistin und Germanistin aus der Slowakei, die ein dreimonatiges Praktikum unter ihrer Leitung, im Kulturinstitut antreten würde.

Sie war also voll beschäftigt, sie einzuleiten und einzuführen und ihr auch die Schön-und Besonderheiten von N.Y zu zeigen, so daß sie abgelenkt war und  keine Zeit hatte, länger  an den seltsamen Brief, des seltsamen Rechtsanwalts von der seltsamen Tante, die eigentlich gar keine war, zumindestens hatte sie sie nie richtig kennengelernt, weil die Mami sie ja haßte, wie der Teufel das Weihwasser, was sie jetzt erst richtig verstand.

„Wui, da hatte sie  einen richtigen Roman erlebt oder könnte,, wenn sie nur literarisch genug begabt wäre, einen solchen darüber schreiben. Eigentlich zwei oder drei wahrscheinlich. Eine ganze Serie, wie das jetzt  im Bereich des Joung Aldults gang und gebe war und die Kids und die Fans sich darum rißen, denn die Großeltern hatten, weil sie nur ein Kind statt der bekommenen Zwillinge haben wollten, die ihr unbekannte Tante, der Mutter vorgezogen, die nur so weit mitlaufen lassen, daß es in der Schule nicht auffiel und das Jugendamt nicht antanzte und der hatte dann noch, als sie sich von ihren jugendlichen Traumen so weit emanzipiert hatte, daß es ihr gelungen war, von ihrer Haus- und Kindermädchentätigkeit bei den Zawriks auszureißen und sich in Berlin als Verlagssekretätrin zu etablieren, Tante Natalie, die inzwischen Psychoanalytikerin, wohl eine besondere Perfidie des Schicksals, geworden war, ihren Vater weggenommen, ihn statt ihr gehreiratet und der Dodel, so könnte man wohl sagen, hatte gar nicht gemerkt, daß er drei Monate später eine Natalie statt eine Mathilde geheiratet hatte, während, die nach Wien zurückgekehrt war und von ihrer Frauenärztin oder Arzt erfuhr, daß sie Mutter wurde.

Man könnte wahrlich einen Roman darüber schreiben und sie könnte es auch versuchen, war sie doch begabt, hatte  Literaturwissenschaften studiert, war Kuratorin im österreichischen Kulturinstitut in New York und einen Blog führte sie auch, in dem sie  ihre Gedanken und auch Skizzen in die Welt hinauszuschickte.

Und da hatte sie auch vor oder sogar schon damit begonnen, eine unsichtbare Frau zu erfinden, die ob dieses Umstandes keine Grenzen kannte und sich daher  nächtens in die Schlafzimmern von Donald Trump oder Wladimir Putin einfinden konnte, um ihnen die Leviten zu lesen.

Eine köstliche Idee war das und die erste Geschichte, die allerdings, weil jeder klein anfangen muß, statt vom US- Präsidenten nur vom österreichischen Außenminister Sebastian Kurz handelte, war schon geschrieben. Nur hatte ihre Heldin, ihre unsichtbare Frau noch keinen Namen oder vielleicht doch.

Wenn sie ehrlich war, konnte sie nicht leugnen, daß ihr vorhin, als die das Telfonat mit Slavenka Jagoda beendete, gedacht hatte, daß das ein schöner Name für ihre Protagonistin wäre.

Slavenka Jagoda, die Germanistin und Slavistin, die in Kosive in der Ostlowakei geboren wurde, in Bratislava Deutsch studierte und jetzt drei Monate Praktikantin in N.Ywar. Das war doch eine Frau auf Reisen und sie konnte ihre Heldein so oder auch natürlich anders nennen, damit die ihr noch unbekannte Slavenka, sie nicht klagen konnte. Sie konnte sie sich aber als Vorbild nehmen, um ihrer Protagonistin einen realistischen Background zu geben und da konnte sie sie immer noch Jelena Jasenska oder, wie auch immer nennen.

Da konnte sie sich Zeit lassen, sich das in Ruhe zu überlegen, mußte sich nicht treiben und hetzen,  wo sie doch eigentlich zu beschäftigt war, über so etwas Unwichtiges nachzudenken, hatte sie doch andere Sorgen.

Sie mußte sich anziehen und ins Institut fahren. Aber vorher mußte sie noch die Mami anrufen und ihr von dem Brief des verrückten Anwalts erzählen. Sie fragen, ob sie auch einen solchen bekommen hatte und sich erkundigen, ob das mit ihrem Vater und das ihr der von der jetzt verstorbenen Tante weggeschnappt worden war, stimmte?

Mußte fragen, ob sie auf das Begräbnis geben würde?. Sollte eigentlich selber nach Wien fliegen, um den unbekannten Vater kennenzulernen. Aber „Stop, halt, Lily reiß dich zusammen, bleib am Boden der Realität, sei nicht so schnell, dein Vater ist, wenn dich die Tante richtig informiert hat, Leiter des Starverlags in Berlin gewesen und, als solcher vor einiger Zeit in Pension gegangen. Er ist auch in Berlin wohnhaft und von ihrer unbekannten Psychoanalytikerin-Tante, die eigentlich, wenn man es recht betrachtete, eher eine Psychopoathin war und eine  gewissenlose Person, eine Borderlinepersönlichkeit höchstwahrscheinlich, seit siebenundzwanzig Jahren geschieden.“

Höchstwahrscheinlich wußte der, wenn er nicht auch einen Brief vom Anwalt bekommen hatte, gar nichts von der Tante Begräbnis, wußte er doch auch nicht von der Existenz einer Tochter.

Also sollte sie nach der Mami vielleicht ihn anrufen und „Hallo, Papi, ich bins, dein unbekanntes Töchterlein! Hast du nicht Lust mich in N.Y. zu besuchen, da ich leider aus Termingründen, weil ich  einen Blog beretreibe, im Institut kuratiere und auch Slavenka Jagoda in ihr Praktikum einführen muß, nicht nach Wien zum Begräbnis fahren kann, um dich kennenzulernen!“

Shit, halt aus, nichts davon und brav am Boden bleiben. Nur nicht schon wieder übertreiben! Die Mutter hatte ihr früher, als sie noch pubertierend und aufbgehrend  nach ihrem Vater verlangte und mehr von ihm wissen wollte, das ohnehin immer vorgeworfen, daß sie viel zu ungeduldig sei.

Also würde sie sich auch heute bezähmen, sich an den Riemen reißen, ins Schlafzimmer gehen, die Jeans und einen Pulli aus dem Kasten nehmen, die Jacke anziehen. Vorher aber die Mami anrufen und dazu veranlaßen auf das Begräbnis zu gehen, damit sie ihr berichten konnte, ob sie dort ihren Papi getroffen hatte und Slavenka Jagoda würde sich auch noch anrufen und sich mit ihr im Institut um elf verabreden, damit sie sie kennenlernen und herausfinden konnte, ob sie ein gutes Vorbild für die Heldin ihres Blogromans abgab.

2017-06-16

Die Verwechslung

Am nächsten Tag hatte Mathilde Halsschmerzen, sich krank gemeldet und war zum Arzt gegangen, während sich Natalie auf Praxissuche an die ihr angegebenen Adressen machte und auf der Tautenzienstraße zusammenuckte, war sie doch gerade in Begriff in Moritz Lichtenstern, den jungen, an sich bedeutungslosen Lektor hinauzulaufen, in dem sich ihre noch farblosere Schwester anscheinend so verliebt hatte, daß sie ihre gestrigen Anwesenheit so durcheinanderbrachte, daß sie heute  mit Fieber und mit Halsschmerzen aufgewacht war, dachte die Psychoanalytikerin in ihr und lächelte verächtlich.

Dann zuckte sie aber zusammen, hatte er sie doch gesehen und rief  überrascht „Du bist es, Mathilde, ich habe gedacht, du liegst krank im Bett und habe mir schon überlegt dich, wenn ich mit der Arbeit fertig bin, zu besuchen!“ und schmachete sie genauso an, wie er gestern in der Richterschen Weinstube Mathilde angeschmachtet hatte, was der in ihrer Gegenwart unangenehm gewesen war und sie  zum Lachen brachte.

Es machte sie sogar so sehr vergnügt, daß sie versuchte ein kränkliches Gesicht zu machen und eine krächezende Stimme vorzutäuschen und ihn damit genauso schmachtetnd musterte, wie es das Gänschen Mathilde getan hatte.

„Ich habe fürchterliche Halschmerzen und etwas Fieber und bis deshalb beim Arzt gewesen, der mir heiße Wickel, Lutschtabletten und drei Zage Bettruhe verordnet hat! Aber jetzt-„, sagte sie und sah ihm noch ein bißchen tiefer in die Augen,“-jetzt ist es schon viel besser!“ und ließ keinen Zweifel daran, daß es er und seine Anwesenheit war, der diese Gesundwerdung in ihr verursachte. Der Ahnungslose hatte es geglaubt und hörte auch nicht auf, sie weiterhin für ihre Schwester zu halten, was sie, obwohl sie solche Verwechslungen aus ihren Kindertagen gewohnt war, wieder etwas ärgerte.

War sie doch Dr. med Natalie Schmidt, die Psychoanalytikerin und keine verhuschte Hauptschülerin, die sich zur Verlagssekretärin hinaufgearbeitet und ihr ganzes Leben darunter gelitten hatte, im Schatten ihrer Schwester zu stehen. Sie war, das hatte man ihr immer wieder gesagt und sie hatte auch nie die Spur eines Zweifels daran empfunden, die Strahlendere, Gebildetetere, Elegantere, trug auch ein Designerkostüm und hochackige Stöckelschuhe, während die Schwester sicher mit flachen Tretern, Jeans und einem mausgrauen Pullover zum Arzt gegangen war und der angebliche Verliebte merkte es nicht oder merkte er es vielleicht schon und wollte nur die Prächtigere, Schönere, als Freundin haben. Was auch ohne Lehranalyse leicht zu verstehen war, daß niemand ein graues Mäuschen wollte und so war es eigentlich klar, daß er sie verliebt anblinzelte und keinen Unterschied zwischen ihr und ihrer Schwester bemerkte oder diesen gekonnt verdrängte.

„Sind doch die Männer alle blöd oder die Seele ist ein sehr sehr weites Land, mit vielen Tiefen und Unebenheiten!“, we es ihr Lehranalytiker Dr. Gubinger ihr immer gepredigt hatte, dachte sie, versuchte ein heiseres Husten.  In ihren Augen blitzte schon der Schalk.

Sollte er bekommen, was er wollte. Sie würde mitspielen, weil es Spaß machte, der verhärmten Schwester, die sie haßte, sich ihr das aber nicht zu sagen traute, eines auszuwischen. Wenn er so blöd war, sie für Mathilde zu halten, obwohl sie zwar so aussah, aber ganz anderes gekleidet war und einen anderen Backround hatte, würde sie mitspielen und die Schwester war selber schuld, daß sie sie gestern nicht hinausgeworfen hatte und auch noch so blöd war, ihr die Adresse, der Weinstube zu nennen, in der sie sich mit ihrem Liebsten traf. Dann hatte sie das zwar bereut und sich so darüber geärgert, daß sie krank geworden war und nicht in ihren Verlag konnte und das Schicksal spülte ihr ausgerechnet in der Tautenzienstraße, wo sie  auf Nuummer 112 eine eventuelle Praxis besichtigen wollte, ihren Liebsten über den Weg.

„Fein!“, sagte der und drückte sie an sich, wieder ohne zu bemerken, daß es ein ganz anderes Parufm war, daß sie verwendet, beziehungsweise war sie sicher, daß Mathilde überhaupt kein solches in ihrem Bad stehen hatte.

„Sehr fein, dann können wir, da ich für heute fertig bin und nicht mehr in den Verlag brauche, das ein wenig feiern! Dich Gesundfeiern, Liebste, was hältst du davon? Daß ist doch sicher besser, wenn du mich nach Haus begleitetest und dich bei mir auskurierst, als wenn du das allein in deinem Stübchen tust!“

„Sehr gut, ausgezeichnet!“, hatte Natalie gedacht und konnte sich auch später nicht daran erinnern, daß sie Schuldgefühle dabei empfunden hatte. Sie hatte stattdessen wieder nur gedacht „Selber schuld, wenn du so blöd bist und jetzt warte ich darauf, daß du erkennst, daß ich nicht Mathilde bin und mache dabei meine diesbezüglichen Studien der menschlichen Seele, die ich dann Dr. Gubinger schicken kann!“

„Gern!“, antwortete sie schmachtend, versuchte dabei ihre Stimme heister klingen zu lassen, griff sich an den Hals und hüstelte etwas. Vielleicht war wirklich eine Schauspielerin an ihr verloren gegangen und sie hatte nach ihrer Matura auch kurz daran gedacht, sich im Reinhardt-Seminar anzumelden, dann aber doch das Medizinstudium vorgezogen und so würde sie eben in ihrer Freizeit spielen und dabei ihre psychoanalytischen Erfahrungen machen und es war auch nichts dabei. Denn wenn sie mit ihm in seine Wohnung ging, konnte nichts passieren. Da das graue Mäuschen sicherlich in seinem Zimmer lag, Salbeitee inhalierte, Lutschtabletten schluckte und wohl gar nicht auf die Idee kam, ihren Moritz anzurufen. Es wäre nur schwierig geworden, wenn er ihr Mathildes Wohnung vorgeschlagen hätte. Das machte er aber nicht. Er dachte nur an sich, wie die Männer eben waren und so hustete sie noch einmal schaute dabei aber spöttisch und unternehmungslustig vor sich hin und dachte „Nun denn, schauen wir uns an, wohin das führt und wie blöd die Männer sind!“

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