Literaturgefluester

2019-02-16

Der traurige Gast

Filed under: Bücher — jancak @ 00:44
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Jetzt kommt die nächste Neuerscheinung und wieder eine, die einen aktuellen Ausgangspunkt nimmt, nämlich den Winter beschreibt, wo es auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt bei der Berliner Gedächtniskirche gab, den ich im „Bibliotheksgespenst“  auch beschrieben habe. Man sieht die Autoren, die sich mit dem Narrativ beschäftigen und nicht bloß experimentell vor sich her fabulieren, beschäftigen sich mit dem Zahn der Zeit, obwohl es bei Matthias Nawrats „Traurigen Gast“, dann wieder nicht so tagepolitisch aktuell ist, wie es der Buchrücken beschreibt.

Der 1979 im polnischen  Opole geborene Matthias Nawrat, hat 201 beim „Bachmannpreis“ gelesen und gewonnen, daraus ist dann das Buch hervorgegangen, das ich mir bei einem der Literaturhausflohmärkte gekauft habe und es auch auf meiner ursprünglichen 2019 Leseliste hatte, dann habe ich die Bücher dort aber heruntergestrichen und als ich die Liste wieder anlegte, ist das Buch offenbar zu weit hinten in meinen Regalen gestanden, das nächste Buch „Die vielen Tode unseres Opa Jureks“ habe ich aber gelesen, weil bei „Buzzaldrins-Gewinnspiel“ gewonnen und jetzt die „Selbst und Weltbefragung von beeindruckender Qualität“, wie am Klappentext steht.

Roman, was „Rowohlt“ dazugeschrieben hat, ist wieder einmal übertrieben, denn eine narrative spannungsaufgebaute Handlung, in der man sich der Heldenreise bedienen kann, hat das Buch eigentlich nicht, sondern drei Teile, wo der Ich-Erzähler, ein namensloser Schriftsteller durch Berlin herumspaziert und dort seine Beobachtungen macht oder doch, eine Handlung gibt es vielleicht schon.

So ist der erste Teil zum Beispiel mit „Die Architektin“ beschrieben und da spaziert der Erzähler durch Berlin, geht in ein Restaurant neben der polnischen Kirche in ein polnisches Restaurant essen, ist er doch ein Pole mit dem Geburtsort Opole, also hat er wahrscheinlich doch einen Namen und eine Frau namens Veronika und mit der, will er seine Wohnung renovieren und hat irgendwo, die Visitenkarte einer ebenfalls polnischen Architektin namens Dorota gefunden, die er anruft und die ihn dann zu sich bestellt, weil sie ihr Viertel nicht mehr verläßt, sondern von zu Hause arbeitet.

Die besucht er dann ein paar Mal, ißt ihren eher geschmacklosen gesunden Kuchen, weil er nur aus Eiweiß besteht, zu der Wohnungsumplanung kommt es aber nicht, weil sie ihm stattdessen viel von ihrem Leben, ihrer Kindheit und den Kriegserfahrungen, ihrer Familie erzählt, die von dort herkommt, wo heute die Ukraine ist und, als er sie mit seinem Geburtstagskuchen besucht, trifft er nur den Vermieter in ihrer Wohnung, der ihm erzählt, daß sich Dorota vor zwei Wochen erhängte.

Im zweiten „Die Stadt“ genannten Teil, geht es um den Anschlag am Beriner Breitscheidplatz und um die Gefühle die der Erzähler die nächsten Tage hat, wenn er, der Anschlag ist in seiner Nähe geschehen, das Haus verläßt, um Weihnachtsgeschenke für seine Eltern zu besorgen. Die Begegnung mit einem kleinen Jungen, der ihn fragt, ob er einbrachen will und, ob er ihn retten würde, wenn er ins Wasser springt und die Geschichte von einem eingesperrten rumänischen Mann, kommen in dem Teil auch noch vor.

Der dritte Teil „Der Arzt“, hat die dichteste Erzählstruktur, geht es hier doch nur um den ehemaligen Arzt Dariusz, der inzwischen an einer Tankstelle arbeitet und am Ende auch noch von dort entlassen wird, während es im  ersten Teil neben der Begegnung mit Dorota immer noch, um andere Begegnungen geht und es im Mittelteil, wo  der Anschlag am Weihnachtsmarkt stattfindet, überhaupt keine Handlung gibt.

Hier arbeitet der Erzähler, der ja schon drei Erzählbände hat, an einer Tankstelle und Dariusz, ebenfalls ein Pole, erzählt ihm sein Leben, das von einer gescheiterten Beziehung zu seiner Frau Marzena, seinem verschollenen Sohn, den er bis nach Südamerika nachgereist ist, Panikattacken, Alkohol und Medikamentenmißbrauch bis zu einem Gefängnisaufenthalts, wegen eines angeblichen Raubüberfalls führt.

Dariusz, ein von Leben gescheiteter, aber dennoch hochgebildet und einfühlsam, erzählt dem „Gast“ sein Leben, begleitet ihm auf den Friedhof dabei und über den Roman, der keiner ist, liegt eine seltsame Melancholie und Schwermütigkeit, angefangen von der Selbstmörderin Dorota, dem Terroranschlag bis zu dem am Leben gescheiterten Polen, etwas das in der Zeit der narrativen spannenden Romanhandlungen seltsam unstrukturiert wirkt.

Mir, weil ich ja auch so schreibe, sehr sympathisch ist, weil  ich das „Verlieren, Verdrängen, Neuankommen und das Überleben in aller Schönheit, trotz aller Schrecken“, die leisen Töne in der Literatur  für sehr wichtig halte und es schön finde, daß es auch diese  Bücher gibt.

2015-12-21

Die vielen Tode unseres Opas Jurek

Weiter geht es mit dem Buchpreisbloggen könnte man so sagen oder nachdem ich jetzt  alle zwanzig Romane gelesen haben, kommen Dank Mara Giese und ihrem Gewinnspiel noch vier deutsche Romane an die Reihe, die in diesem Jahr erschienen sind und es nicht auf die Longlist schafften.

Einer davon  von dem 1979, in Opole, Polen geborenen und als Kind nach Deutschland gekommenen Matthias Nawrat, der 2012 mit einem Auszug aus seinem zweiten Roman „Unternehmer“ beim Bachmannpreis gewonnen hat, da habe ich ihm kennengelert und der Roman ist 2014  auf der Longlist gestanden.

Und mit diesem, einem wahrscheinlich Schelmen- oder Episodenroman, der die Geschichte Polens vom zweiten Weltkrieg bis zu Wende auf eine etwas andere Art und Weise neu erzählt, habe ich mir am Anfang etwas schwer getan, obwohl mich die deutsch ponische  Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg ja sehr interessiert.

Wahrscheinlich ist es die „umgekehrte Humoristik“, wie Nawrat, die Ironie, die er dabei verwendet, selbst betitelt, die mich etwas störte.

Denn Hitler und Stalin waren wahrscheinlich nicht lustig, auch wenn Humor, das weiß ich schon, ein Abwehrmechanismus ist, aber wenn der Enkel über die Geschichte des Großvaters lacht, in dem er sie sehr verdreht erzählt, weiß man am Ende nicht wirklich, wie sie der Großvater empfunden hat.

Da ist also der Ich-Erzähler, ein Jugendlicher habe ich verstanden, der mit seinem Bruder und seiner Mutter ein paar Jahre nach der Wende zum Begräbnis seines Opas Jurek nach Polen fährt und danach in einem sehr kindlichen Stil, die Familiengeschichte erzählt, kindlich oder mit umgekehrter Humoristik, das letztere wohl und so wächst der Opa in Polen auf, verliebt sich in die Cousine Janka mit der Augenklappe, geht in die Realschule, beginnt zu arbeiten und dann kommt der weltberühmte Politiker mit dem Chaplin Bärtchen daher und der Opa wird von freundlichen Herren zur Befragung zusammen mit der Belegschaft seiner Firma abgeholt und in ein schönes Örtchen namens Oswiciem gebracht.

Da erleidet er dann seine ersten Tode, nämlich Hungersnöte, die zur Folge haben, daß er sich in seinem späteren Leben bei den mehrgängignen Mittagessen immer vier- fünf Nachschläge geben läßt, bis seine Organe nicht mehr mitspielen.

Aber zuerst erleidet er Hunger und hat aus diesem Grund vielleicht sogar einen Mithäftling umgebracht, ja die Menschen sind nicht alle gut und edel, auch die in Auschwitz und im stalinistischen Polen nicht.

Denn der deutsche Chef der ehemals polnischen Firma holt den Opa aus dem Lager heraus und der wird  nach 1945 Direktor eines Warenhauses, wo es keine Waren gibt.So läßt er in dem von einem Deutschen gestohlenen schwarzen Direktorsanzug, die Verkäuferin das Regal hin und herstellen und diskutiert mit seinen Parteigenossen über die Gleichheit, die ja das Ziel der neuen Gesellschaft ist und als statt Weißkraut ein paar Felljacken ankommen, teilen sich die die Direktoren untereinander auf und sagen sie opfern sich für die Allgemeinheit, so weit so gut und auch weiter.

Der Opa findet dann die Oma Zofia, die ihm die mehrgängigen Mittagessen kocht und eigentlich nach Paris möchte, weil er Opa aber so viel ißt, reicht das Geld dazu nicht aus und das Ausreisen war zu Zeiten des weltberühmten Politikers mit der weißen Kellnerjacke, des großen Nachbarlandes wahrscheinlich auch nicht so einfach.

Der Vater des Erzählers will aus aus diesem Polen und möchte über die hohe Tatra und den Rizy nach Canada kommen, dafür läßt er sich in ein Pfadfinderlager stecken, denn nur so kam er nach Zakopane, der Plan scheitert an der mangelnden Kondition des Gruppenleiters, so eröffnet er mit tschechischen Utensilien, ein Sportgeschäft in Opole in dem die Jugendlichen, die Seile, Karabiner, Bergschuhe und Rucksäcke auch gerne kaufen und auch der berühmteste Bergsteiger des Landes besucht einmal seinen Laden.

Da gibt es dann  eine groteske Szene, wo dieser Sportler von der Geheimpolizei bewacht an einer Gala in Warschau teilnehmen und dann den Himalaya besteigen  oder nicht besteigen soll.

Der Vater reist ihm mit seiner besten Grundausrüstung nach, logiert sich in dem Hotel ein, wo auch der Staatspräsident wohnt und klettert an der Fassade in seine Suite. Der ist begeistert, schleift ihn auf die Gala und läßt sich mit ihm fotografieren.

Nur nachher brechen die freundlichen netten Geheimpolizisten seine Beine, so daß es aus mit dem Traum nach Canada zu kommen.

So reist der Vater mit der Mutter und den zwei Söhnen nach Deutschland aus. Das wird auch sehr grotesk geschildert, denn der Opa weigert sich die Familie zu verabschieden, so fangen sie solange zu streiten und auszupacken an, bis er widerwillig zwar, aber doch erscheint und er scheitert als Direktor eines Warenhauspardieses, der er dann geworden ist, an einer Verkäuferin, die gleichzeitig die Frau eines  Polizisten ist.

So wird der Opa wieder in den Keller der Geheimpolizei gebeten, kommt dort lange nicht heraus, verliert seinen Job, wird Hausmeister eines Ferienlagerns und fängt zu schieben an.

Auch eine köstliche Szene, wie er eine Flasche Schnaps, gegen Jeansstoff tauscht, damit nach Budapest auf der Suche nach Kalbfleisch fährt und dieses nicht bekommt, während ihn die Oma von der Plizei suchen läßt.

Dazwischen ändern sich die Zeiten und die Generäle, es wird eine Partei namens Solidarnosc gegründet und am Schluß verliert der Opa seine Organe, sie geben ihre Funktion auf und er verstirbt mit achtunddreißig Kilo und der Enkel kommt mit dem Bruder und der Mutter nach Opole, läpt sich von der Oma bekochen und vom Onkel die Stadt zeigen, während er Episode um Episode aus dem Leben seines Opas neu erzählt.

„Mit poetischer Verdichtung und Verfremdung erschafft Mathias Nawrat eine Welt im Schwebeustand zwischen Wirklichkeit und Phatasie schreibt die Ndeue Zürcher Zeitung.

Wie schon erwähnt, habe ich mir damit ein bißchen schwer getan, kann aber nicht verhehlen, jetzt  mehr über die ponische Geschichte nach 1945 und das Leben in Polen in dieser Zeit zu wissen.

Sabrina Janesch hat in „Katzenberge“ das ich diesen Sommer gelesen habe und das sie auch in Klagenfurt vorstellt, über die ponischen Vorfahren ganz anders geschrieben.

Mit der umgekehrten Humoristik läßt sich das Leben vielleicht ein bißchen besser ertragen, ich mag sie, glaube ich nicht so sehr.

Es gibt aber auch Auschwitz-Romane,  die auf diese Art und Weise beschrieben wurden und natürlich ist es gut, wenn man über die Geschichte lachen kann, auch wenn sie nicht immer lustig ist.

 

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