Literaturgefluester

2017-03-25

Gedichte zwischen Uhr und Bett

Nun kommt eingeklemmt zwischen den Neuerscheinungen von „K&S“ und „Kiwi“ ein wenig Lyik aus dem „Keiper-Verlag“, den ich ja einmal auf der „Buch-Wien“ durch Andrea Stift kennenlernte und dessen Gedichtbände von Petra Ganglbauer und Ingeborg Görler ich inzwischen gelesen habe und nun in dem 1984 geborenen in Graz als Buchhändler arbeitenden Mario Hladicz eine Überraschung erlebte, denn allein schon der Titel „Gedichte zwischen Uhr und Bett“ machen neugierig.

Da denkt man wahrscheinlich gleich an den vier Jahre älteren Grazer mit seinem skurrilen Monsterroman, den ich gerne den dBP 2015 gegeben hätte und freut sich vielleicht auch noch, daß das Lesen der Gedichte wahrscheinlich viel schneller geht, als dessen tausend Seiten  und ich frohlocke auch, denn das habe ich ja gerne und suche ich schon lange, einen oder eine, die die Alltäglichkeit des Lebens in  Poesie verfaßt, weil ich ja manchmal bekanntermaßen Schwierigkeiten mit der allzugroßen Abgehobenheit und den Sprachräuschen làrt pour L`Art habe und nur „Hui“ denke, wenn mir da Seitenlang in den allerschönsten Worten die Eigenschaften eines Steins erklärt wird. Denn, was habe ich davon?

Hier habe ich sehr viel und kann den Absurditäten und den Mühlseligkeiten des Lebens nachlauschen und auch verblüfft feststellen wie einach, das dem jungen Autor, der natürlich mit Prosastücken den Weg in die Literatur, wie Helwig Brunner, der Herausgeben der Reihe in seinem Nachwort erklärt, gefunden hat, gelungen ist.

„2014 hat er damit den „Literaturförderungspreis der Stadt Graz“ bekommen und ich denke, wieder, daß man mehr Prosa für die Lyrik braucht und mehr Poesie, um den Alltag zu erklären und wahrscheinlich auch, um ihn auszuhalten und das versteht Marion Hladizc vortrefflich, also wieder ein kurzer Streifzug durch das Buch und ich füge gleich hinzu, daß man die Gedichte lesen soll, denn vieles hat man so noch nicht gehört und man kann auch über den Alltag Gedichte schreiben und ich glaube, daß das sehr wichtig ist und so geht es auch gleich zu der „Wäsche, die im Hof flattert und zu den Nachmittagen, die zäh sind, als sei man in Kaugummi getreten.“

„Aus einem Tagebuch“ nennt Mario Hladicz dieses Gedicht und geht weiter zu dem „Gepäck“, das man vielleicht braucht, um den letzten Weg anzutreten, „Die kaputte Uhr und den Rum für den Mut, das Schreiben vor zwei Wochen und den Stein, den er benützen würde, wenn es so weit war.“

Prägnanter kann man es wohl nicht sagen. Und dennoch, trotzdem geht es immer, um die Dichtung, um das Schreiben, um das Wort:

„Es gibt immer weniger von denen, die ziellos durch die Städte streifen, an Mistkübeln Halt machen, sie scheu umkreisen und beschämt um sich blicken, bevor sie dann doch hineingreifen, auf der Suche nach noch brauchbaren Worten, aus denen sie nichts machen würden.“

Man sieht Mario Hladicz ist ein ganz Hintergründiger, ein Durchtriebener, denn es ist nichts bei ihm, wie es scheinen sollte und alles irgenwie hoffnungslos verloren oder vielleicht auch doch nicht so ganz.

Er versteht die Ausweglosigkeit des Lebens jedenfalls in schöne Worte zu fassen und holt uns die Poesie in den Alltag, die wir dann vielleicht  nicht verstehen, versäumen, wegwerfen, etcetera.

Eine Anspielung an Angelika Reitzer und die „Frauen in Vasen“ gibt es auch, sogar zweimal.

„Zugegeben als wir zu Vasen wurden, geschmackvoll und wohlgeformt“ und dann geht es natürlich um das Lesen oder zur „Liebe (französisch)“

„Sie hätte wohl zu  Francis Ponge gegriffen, er hätte einen Band von  Maurice Blanchot gewählt, um damit den jeweils anderen kräftig eines über den Schädel zu schlagen.

Da sie sich aber aus Literatur nicht viel machten und diese Bücher gar nicht besaßen, blieb alles ruhig und sie verbrachen eine weitere friedliche Nacht im gemeinsamen Bett.“

Wie schon geschrieben, ganz schön hinterfotzig, der Grazer Buchhändler, der Germanistik studierte und eine Ausbildung zum Bibliothekar machte und poetisch und auf der Suche nach den Worten, um den Sinn und Unsinn des Lebens und seine Alltäglichkeit zu erklären.

In Haikus läßt sich das wahrscheinlich ganz besonders gut ausdrücken, deshalb gibt es auch drei in dem Band, nach jeder Abteilung eines

„Haiku II

Wie schafft die Fliege ihren Roman aus dem Raum hinaus in die Welt“ und

„Haiku III

So viel Poesie vor dem Haus aufgestapelt zur freien Entnahme“

Ganz schön zynisch vielleicht gemeint, aber ich denke da an die offenen Bücherschränke aus denen ich mich ja auch sehr gern und bevorzugt bediene und habe mich in meinen Rundgang durch Mario Hladiczs Gedichte, jetzt auf die, sie sich  auf die Wörter und die Literatur beziehen, beschränkt.

Es gibt aber noch so viel anderes darin zu finden, von den Häusern, die keinen Ausgang haben und den Hunden, die merken, daß ihre Herrchen alt werden, besipielsweise und und und….

Lesen würde ich noch einmal empfehlen, umMario Hladiczs Talent kennenzulernen, aus dem   Alltag Kunst zu machen und die Kunst in den Alltag hinüberzubringen, was mir, meine Leser wissen es, ganz besonders gefällt.

2017-03-24

Mir ist die Zunge so schwer

Weiter geht es mit den jungen Talenten, mit den „Unter Dreißigjährigen“ und zu den achtzehn Kurzgeschichten über Menschen, wie im Klappentext steht, „die Zeit ihres Lebens versäumt haben zu sprechen,Täter, Opfer, Sehnsüchtige und Missverstanden, Einsame und Trauernde“, der 1990 in OÖ geborenen Lucia Leidenfrost, die seit 2014 in Mannheim lebt und am „Institut für Deutsche Sprache arbeitet“.

Einige Preise hat sie schon bekommen und es ist tatsächlich sehr beeindruckend, wie sich diese junge Frau in die Köpfe und die Hirne ihrer Großelterngeneration hineindenken kann.

„Fast hört man die Stimmen ihrer Figuren, so genau trifft sie deren Ton“, schwämt  der Klappentext und das stimmt genau, kann ich dazu flüstern, obwohl das Verstehen bei der ersten Geschichte „Erdbeer-Rhabarba null sechs“ gar nicht so einfach ist.

Aber so ist das mit den Demenzen, kann die Psychologin schon mal klugscheißern und verraten, daß da eine alte Dame offenbar ihren dementen Mann pflegt und mit ihm spricht. Dabei kocht sie Marmelade aus Rhabarba, weil man ja nichts überlassen darf, die schließlich anbrennt und sie sie spricht auch immer davon, daß sie den Mann nach Hause bringen wird. Nicht ganz so verständlich für die Lesende, aber wenn ich mich plötzlich in einer Seniorenresidenz befinde und nach Hause will, kann ich vielleicht auch nicht ganz verstehen, wenn mir die freundliche Schwester mittels Validation erklärt, daß ich das schon lange bin.

In „Gefangenspielen“, geht es um die Qualen eines alten Apotheker, der im Krieg in der schlimmen Zeit, seine tauben Kinder verstecken mußte, damit sie nicht ins Schloß Hartheim kamen. Ehrenhaft könnte man  sagen, aber offenbar war er auch ein Nazi, bei der SS oder sonstwo und hatte mit dem Holzapfel Edi, der sich dem Kriegsdienst verweigern wollte, kein Verständnis. So jagte er ihn mit seinen Freunden, schoß ihn an und sperrte ihn dann ins Feuerhaus, wo er verbluten mußte.  Seither hat er  Probleme mit seiner Schwester, wenn die in seine Apotheke kommt und ihn vorwurfsvoll ansieht, denn sie hat ihn nicht verraten.

In „Flugübungen“ geht es wieder in ein Spital oder in ein Altersheim, denn der alte Mann, der hier spricht und sich nach seiner Heidi sehnt, die ihm, weil schon gestorben, nur mehr des Nachts besuchen kann, machte die offenbar im Krieg und der ist schon lang vorbei. Die Erinnerungen bleiben aber im Kopf und wenn es jetzt immer weniger Menschen gibt, die sich in ihren Altersheimen noch wirklich daran erinnern können, ist es schön, wenn sich junge Leute damit auseinandersetzen und eindruckvoll und einfühlsam darüber schreiben.

Ein bißen anders geht es in „Die vom Bach zu“. Da hat einer, ein Bauernsohn, eine Selbstmörderin, die Vroni aus dem Bach gezogen und sich in sie verliebt. Sie kam, wie das damals so war, in die Irrenanstalt und er wollte sogar Pfleger werden, um ihr nahe zu sein. Der Vater hat es ihm verboten und so hat er geheiratet, sie später nur gesehen, wenn sie mit von den Medikamenten aufgeschwemmten Gesicht auf seinen Hof kam und nicht mehr so schön, wie damals war und irgendwann ist sie gestorben und er kann von ihrem Tod in der Zeitung lesen.

„Friedrich“ ist auch einer, den sie jung, wahrscheinlich von der Schulbank weg, in den Krieg schickten. Einer aus einer gläubigen Familie, dessen Mutter listig den „Hitler-Gruß“ verweigerte und der ihr Briefe aus dem Feld schreibt und um einen Rosenkrankz bittet. Schließlich wird er von den Russen gefangen genommen, muß ohne es zu verstehen, unterschreiben, daß er ein Nazi ist und wird nach Moskau gebracht, um dort die Stadt wieder aufzubauen, während „Janek“ der Bruder von der Bäckerin Helena oder Helenka ist, deren Eltern mit den Kindern den Sprung über den eisernen Vorhang machten. Die Großeltern blieben zurück und die junge Helena sehnt sich nach ihnen und kann die Funktion eines eisernen Vorhangs genauswenig verstehen, wie was ein Lungenkrebs ist, an dessen Folgen der rauchende und Kafka lesende Vater verstarb.

Originell, die Geschichte von dem „Hans Warum“, der am Friedhof zwischen dem jüdischischen Schriftsteller Jakob Wassermann, dem nationalsozialistischen Bruno Brehm und dann noch neben einem Paul Preuß einem Bergsteiger liegt und dann kommen immer wieder die Geschichten von dem Krieg, die die junge Frau zu beschäftigen scheinen und die in allen ihren Formen erzählt werden.

Die von dem Mann, der zwischen 1938 „derisch“ also taub für alle meine bundesdeutschen Lesern, wurde, damit er das was er sah, nicht der Gestapo verraten konnte oder wollte, die vom Desertieren, die ein Großvater seinen Enkeln erzählt oder besonders berührend, die von der kleinen Marianne, die fast verrückt wird, weil die Erwachsenen mit ihren Geschichten von den KZ immer verstummen, wenn sie auftaucht und die doch neugierig ist und alles wissen will und sich dann fürchtet oder natürlich auch mißversteht. Da braucht es dann schon einen jungen Kaplan, Psychotherapeuten hat es damals und am Land, wo die Geschichte spielt, wohl noch nicht gegeben, der die Füße ins Wasser baumeln und das Kind einfach fragen läßt.

Um Gewalt gegen Frauen und Kinder und das Beten, wie es am Land in der Nachkriegsgeneration offenbar so üblich war geht es auch und um das, was die Sprachlosen, ihren Kindern nicht oder schon sagen können, so erfährt eine oder eine am Sterbebett des Vaters von der Existenz eines Halbbrunders und eine ebenso sprachlose Mutter will ihren Sohn, der inzwischen im Ausland lebt und zum Abschied „Bis denne“ sagt und den sie nur ganz gelegentlich in Wien in der Konditrei Adia visa a vis der Oper seinen Mutterkuchen mitgegeben.

Und wieder sehr berührend die letzte Geschichte in denen die Kinder Briefe an die tote Mutter schreiben. Sie sprechen davon von den Honig und den Marmeladegläsern, die sie sie ihnen als ordentliche Hausfrau offenbar hinterlassen hat und diie sie jetzt langsam leeressen. Von Bienen ist viel die Rede und von Zeichnungen des Großvaters der offenbar in einem KZ gewesen ist. eines Tages finden die Kinder den Vater erhängt im Bienenhaus, sie geben ihm Honig, Marmelade und die Zeichnungen in den Sarg und winken ihm nach.

Sehr beeindruckend die achtzehn Geschichten in der sich eine sehr junge Frau sprachlich sehr prägnant und mit sehr originellen Ansätzen mit den Gewalt- und Kriegserfahrungen ihrer Eltern- und Großelterngeneration auseinandersetzt und sie sowohl stimmig, als auch höchst literarisch umsetzen kann.

Bei „Amazon“ hat ein Leser beklagt, daß die Geschichten so schnell verschwinden und nicht dicht genug sind.

Ich habe sie sehr eindringlich und gar nicht banal, wie ich auch gelesen habe, sondern laut gefunden, obwohl sie vielleicht leise geschrieben sind und wundere mich immer noch, daß eine so junge Frau so viel vom Leben ihrer Eltern und Großeltern weiß und das dann auch noch literarisch gestalten kann.

Ebenfalls sehr eindringlich und schön ist die graphische Gestaltung des Bandes, der bei mir hängen bleiben wird und den ich vielleicht auch den Kindern und den Enkelkindern empfehlen kann, damit sie besser verstehen können, wie es  damals war und ich, merke ich, am Schluß noch an, gehöre, als eine 1953 in der Großstadt in einen atheistischen Haushalt Geborene, die den Krieg nicht selbst erlebte auch schon der Nachkriegsgeneration an und kann vieles so nachempfinden, obwohl meine Eltern, auch wenn sie keine Täter waren, ebenfalls nicht viel davon gesprochen haben.

Aber die Zunge ist den frisch aus dem Wahnsinn, den man nicht wirklich verstehen kann, entkommenen eben schwer, wie auch die Titelgeschichte zu erzählen weiß.

 

2017-03-23

Die Stierin

Von Andrea Stift, die ich 2008 kennenlernte und die dann einige Zeit meinen Blog begleitete und auch einige Zeit lang in der „Ohrenschmaus-Jury“ war, habe ich so ziemlich alles gelesen.

Aber jetzt schon länger nichts mehr von ihr gehört und als ich vor kurzem eines Abends von der „Alten Schmiede“, der „Gesellschaft“ oder von sonst irgenwo nach Hause ging, habe ich bei Anna Jeller ihr neues Buuch liegen gesehen. Zuerst habe ich geglaubt, es wäre bei „Kiwi“, es ist aber bei „Kremayr & Scheriau“ erschienen, die in ihrer literarischen Schiene nicht nur Debuts machen und ich kann es gleich verraten, es ist ein sehr dichtes Buch, wahrscheinlich das beste, das ich von der 1976 in der Südsteiermark Geborenen, gelesen habe, obwohl mir, das schreibe ich auch dazu, nicht alles daran gefällt.

Stammleser werden jetzt schon wissen, worauf ich anspiele, bin ich ja nicht nur gegen Sterbehilfe, sondern auch dafür, daß sich Frauen gegen die Gewalt, die die Männer auf sie ausübend, wehren sollen, aber nicht mit jeden Mittel und nicht um jeden Preis.

Mord gehört nicht dazu, da gibt es viel bessere Mittel.

„Nein!“, sagen gehört schon einmal dazu und dann gibt es noch Frauenhäuser, Pfeffersprays, Karategürtel, aber kein Pflanzengift und auch keinen Hammer.

Aber sonst ist es ein sehr vielschichtiges Buch, das in mehreren Ebenen gegliedert ist und bis in die Antike zurückgeht. So gibt es wie in einem der Frischmuth-Bücher, einen Chor, hier ist es vielleicht kein ganz griechischer, sondern einer von irischen Königinnen, die auch einmal Krähen genannt werden und da ist Maeve, eine rothaarige Frau um die Fünfzig, wie uns der Chor schon eingangs verrät.

Andrea Stift, die sich inzwischen offenbar verheiratet hat und sich jetzt Stift-Laube nennt, etwas, was vielleicht auch ganz gut zum Sujet passt, ist rothaarige, aber weil 1976 geboren, etwas jünger und Maeve ist die Besitzerin eines Käseladens.

Da steht sie  mit der Schürze hinter der Budel, schneidet mit scharfen Messern Käse ab, schenkt auch Wein aus und wenn nichts zu tun ist, schnitzt sie aus harten Käseresten Stiere und ein Heer von Krieginnen.

Nach und nach erfährt man ihre Geschichte und die ist auch sehr vielstimmig und diffizif und wird in verschiedenen Ebenen erzählt.

Der Klappentext erzählt von Alli ihrem Mann, den sie nachts besucht und dieser Alli tauchte eines Tages im Laden auf, bestellte eine bestimmte Sorte Käse und lud sie zum Essen ein. Beim zweiten Versuch stimmte sie zu und heiratete ihn  auch bald, er aber behandelte sie sehr schlecht und darin hatte Maeve,  die mit Achtzehn von ihren Eltern weg und in eine Stadt gegangen ist, ob es sich dabei um Graz handelt, wird nicht erwähnt, schon ihre Erfahrungen.

Denn da hat sie eine Weile in einer Pension gewohnt, bis sie der Käsehändler ansprach, sie  in seinem Geschäft arbeiten ließ und sie dann heiratete.

Danach mußte sie zu Hause bleiben, das Haus putzen, der namenlose Käsehändler war da sehr penibel, für ihn kochen und sich am Abend für ihn schön machen.

Als er gestorben ist, hat sie den Laden übernommen und, als sie noch Schülerin war und auf den Schulbus wartete, tauchte eines Tages ein behinderter Mann auf und begann an ihr herumzukrapschen. Sie konnte sich nicht wehren und, wie Andrea Stift hier die Dissoziation beschreibt, sie läßt sich von den Krähen wegtragen und sieht eine irische Königin, die mit ihrem Mann, um die Herrschaft beziehungsweise, um die Stiere streitet, ist wahrhaft meisterhaft. Großes Kompliment, so habe ich das noch nicht gelesen.

Jetzt ist sie aber erwachsen, Witwe, schnitzt in kundenlosen Momenten ihr weibliches Kriegerheer und da taucht eines Tages eine schwarzgekleidete Kundin auf, kauft Käse und erzählt ihr von Frauen, die ihre Gatten ermordet haben.

Am nächsten Tag kommt sie mit ihrer Schwester wieder und lädt Maeve zum Essen in ihre Wohnung ein, da gibt es  noch eine dritte Schwester.

Sie heißen Bod, Morrigen und Macha, das sind irische Namen und  haben ihre irische Vergangenheit und Lebensgeschichte, werden aber auch als Krähen beschrieben und sie helfen, wie ich schon erwähnte, mit für mich sehr unlauteren Mitteln, Maeve sich von der Unterdrückung zu befreien.

Wahre Emanzipation geht, glaube ich, anders und ich denke, die Frauen müssen den Männern nicht jede Gewalt nachmachen.

Sonst ist er aber ein starkes Stück, der kleine Roman, der am Buchrücken noch mit „Ein düsteres Kammerspiel, zwischen Freiheit, Mord und Selbstbestimmung“, beschrieben wird, der mich sehr beeindruckt hat.

2017-03-22

Fliegenpilze aus Kork

„Ihr erster Roman wird schon im Februar erscheinen“, sagte Michael Hammerschmid bei der Studentenlesung im Jänner im Literaturhaus, als er die 1995 in Wien geborene Marie Luise Lehner vorstellte und „Wui!“, eine so junge Frau, erzählt in Roman genannten Prosaepisoden aus ihrem Leben oder, wie im Klappentext steht, von einem „Vater, der mit seiner Tochter durch Wien streunt, sich nachts in Parks einsperren läßt, beziehunsweise Kupferleitungen von Baustellen stiehlt“ und erwähnt,  „daß die Tochter erkennen muß, daß das, was wie ein Abentuer aussieht keines ist, weil der Vater nicht wie andere, sondern manchmal Bildhauer, Sozialarbeiter und manchmal auch arbeitslos ist und kein Geld für Essen zu Hause hat….“

Aber eigentlich erzählt sie von einem Leben,von ihrem oder dem, der, glaube ich, namenlosen Ich- Erzählerin.

Erzählt von deren Geburt und der Scheidung der Eltern. Dann wird sie vom Vater, der der Mutter vorher noch ein Kleid aus Griechenland mitbrachte, das sie nicht haben wollte, wochenweise oder über das Wochenende betreut und das erzählt Marie Luise Lehner in kleinen Prosastückchen und dazwischen kommen immer wieder Überschriften, wie „Geboren werden“, „Zwei werden“, „Drei bis Zwanzig“, bis zum Ende des Buches und das war wohl auch das Alter der Autorin, als sie das Buch geschrieben hat.

Und der Vater ist ein sehr ungewöhnlicher Mensch. Ein Mann mit vielen Berufen, Bauarbeiter, Schloßer, Bildhauer, Behindertenbetreuer, Sozialarbeiter und dann wieder arbeitslos, einer, der sich sehr um sein Kind, seine Kinder kümmert, denn es kommt  auch bald noch eine Schwester, von deren Mutter er auch geschieden oder getrennt ist hinzu und der mit ihnen sehr ungewöhnliche Sachen macht.

Er stiehlt, wie schon erwähnt, die Kupferleitungen von den Bausstellen oder Elektroteile von Mülldeponien. Er stieht Katzen aus den Wohnungen verstorbener Freunde, oder Meerschweinchen, die er dann betreut. Geht mit der kleinen Tochter auf den Rathausplatz zum Live Ball, um das Einziehen der Gäste zu beobachten und mit der Erwachsenen nach Schönbrunn, um sich dort an ihrem Geburtstag mit ihr im Schloßpark einsperren zu lassen.

Er ist, wie die Erzählerin schreibt, sehr mager, raucht sehr viel, später hört er damit auf, hat gelbe Zähne und kein Geld, den Töchtern Essen zu kaufen und macht Sachen für die sich die Kinder schämen.

Die Erzählerin wird zuerst in der Schule, dann auf der Uni gefragt, was ihr Vater beruflich macht und gibt immer die verschiedensten Antworten, Bauarbeiter, Sozialarbeiter, etcetera…

Aber der Vater nimmt das Kind, die Kinder auch immer auf seinen Arbeitsplatz mit und er nimmt sie auch mit zu der Großmutter nach Oberösterreich, borgt sich von ihr Geld für sich und  für die Tochter aus, ist einmal liebevoll und einmal fordernd und, als die Großmutter dann dement oder psychotisch geworden, im Altersheim, in das sie von der Schwägerin gebracht wurde, stirbt, gibt es auch ein sehr ungewöhnliches Begräbnis, wo der Vater statt in schwarz, wie alle mit einem beigen bodenlangen Mantel erscheint und  vom Pfarrer oder den Totengräbern verlangt, daß der Sarg noch einmal aufgeschraubt werden muß.

Er ist sehr viel, sehr ungewöhnlich und auch sehr widersprüchlig, was da in kurzen Episoden auf knapp zweihundert Seiten passiert. Der Vater ist auch noch Walddorflehrer, schleppt die Tochter gegen ihre Willen zu kirchlichen Versammlungen, hat viele Freundinnen und vielleicht auch zu wenig Verständnis für ihre Regelschmerzen oder ihre Freundinnen, die sie an den Vater erinnern.

Ein seltsame ungewöhnliche Vater-Tochter Beziehung, diese Mischung zwischen Wunderwuzzi und totalen Versager. Denn wer will schon einen arbeitslosen Vater haben, für den man sich genieren muß und viele Töchter oder Söhne werden mit solchen aufgewachsen sein und nicht darüber geschrieben haben und die Psychologin in der Leserin schwankte auch oft  bei der Frage, ist das jetzt Autobiografie oder literarische Erhöhung und wieviel hat die Sprachkunststudentin von dem hier beschriebenen erlebt und was hat sie sich nur ausgedacht, um ein literarisches Debut daraus zu machen, mit dem man zum „Bachmannpreis“ eingeladen wird?

Eine ungewöhnliche Mischung und auch eine höchst ungewöhnliche Darstellung, über die man auch herrlich philo- oder psychologisieren kann.

Die ebenfalls sehr junge Nele Pollatschek hat es auf eine  romanhaftere Art vielleicht ganz ähnlich ungewöhnlich versucht. Hier ist es literarischer und bruchstückhafter, aber auch gepaart, mit vielen, sehr ungewöhnlichen Einfällen.

Nicht leicht zu lesen, habe ich einer der schon vohandenen Amazon-Rezensionen gelesen und kann dem nur zustimmen. Denn es passiert in den Episoden zuviel, als daß man alles verstehen und nachvollziehen kann. Der poetische Tonfall bleibt aber hängen und läßt einen beeindruckt zurück.

Vieles ist dem Alter der jungen Autorin geschuldet, noch zu wenig ausgereift und natürlich übertrieben. Vieles aber auch literarisch eindrucksvoll in seiner Ungewöhnlichkeit und spannend, sich in die Ambivanlenz hinein zu lassen, wie das ist, mit einem ungewöhnlichen Vater aufzuwachsen, der sowohl ein Egoist und Versager, aber auch ein  liebevoller Kümmerer ist und so ungewöhnlich, wie es sich wohl die meisten Kindern mit Nullachtfünfzehn Vätern, nur wünschen oder phantasieren können.

Die Muttergestalten bleiben dagegen schwach und verschwinden hinter der Vaterfigur.

Die Tochter, aber auch die Großmutter und die Tante aus der Vaterfamilie haben dieselben Marotten, wie dieser ambivalente Vater und ich bin  jetzt natürlich neugierig, was ich von Marie Luise Lehner, die auch schon Erzählungen in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht hat und ich auch schon etwas von ihr gelesen habe, noch hören werde.

Ja und den Buchtitel sollte ich vielleicht noch erklären, zu Silvester streunen Vater und Tochter auf den Straßen, sammeln die Sektkorken auf und malen mit roter Farbe Punkte darauf.

 

2017-03-19

Tsunami Blues

Weiter gehts mit den Neuerscheinungen, das heißt Marketa Pilatovas dritter Roman ist schon im Vorjahr erschienen und dann irgendwie verlorengegangen und auch die Lesung in der „Gesellschaft für Literatur“, die mich auf das Buch aufmerksam machte, habe ich wegen eines Kliententermins versäumt.

Habe aber, das erste Buch der 1973 in Kromeriz geborenen und jetzt in Lateinamerika tschechisch unterrichtenden Autorin gelesen, da es mir Herwig Bitsche schenkte, als ich damals den „Residenz-Verlag“ besuchte.

„Tsunami Blues“ erschien bei „Braumüller“ und bei einer Lesung im tschechischen Zentrum anläßlich einer „Buch-Wien“ bin ich auch einmal gewesen und weil das Buch höchstwahrscheinlich auch zu „Centrope“ passt, habe ich es am letzten Mittwoch auch in die Spengergasse geschleppt, aber zum Analysieren sind wir da noch nicht gekommen.

„Tsunami Blues“ ist ein wunderbares Buch könnte man fast pathetisch sagen oder eines nach meinem Geschmack.

Im Klappentext steht etwas von Graham Greenes Spuren auf denen die Autorin wandern würden. Das kann ich nicht beurteilen, so viel Greene habe ich noch nicht gelesen, obwohl man die Bücher ja in den Bücherschränken findet.

Es ist aber eines, das sich meiner Meinung nach, wohltuend von beispielsweise Eva  Menasses komplizierten Stil abhebt, wo man lange braucht, um mitzubekommen und die Handlung zu verstehen.

Hier versteht man auch nicht sofort, denn Marketa Pilatova pirscht sich langsam an das Geschehen an. Aber dann wird alles klar und ist eigentlich auch ziemlich linear erzählt, wenn es natürlich Rückblednungen gibt, die das Ganze erklären und auflösen.

Da ist Karla, ein sechzehnjähriges Mädchen, das in einer mährischen Kleinstadt lebt und bei dem Exilkubaner  Lazaro Trompete spielen lernte.

Sonst hat sie Schwierigkeiten mit ihren kleinbürgerlichen Eltern, die sie dann doch überreden, zu Weihnachten 2004  mit nach Thailand zu fahren. Man ahnt was kommt. Die eltern kommen bei dem Tsunami um und Karla irrt am Strand herum, um ihre Leichen zu suchen. Dabei wird sie vom Schatten einer schwarzen Frau verfolgt.

Es ist also auch magisch oder natürlich nur posttraumatisch und sie kann sich eigentlich nur durch einen mexikanischen Fotografen ein bißchen beruhigen oder ablenken.

Sie hat aber auch eine vernünftige Großmutter, die in der Kleinstadt Apothekerin ist und die schickt Lazaro, um sie zurückzuholen, was er auch tut. Karla kommt zurück, geht nach Olmütz in ein Studetnenheim, studiert bei der alten Jenufa Spanisch und schwört sich, nie wieder eine Trompete anzurühren.

Da ist es fast ein Glück, daß auch Jenufa kubanische Wurzeln hat, beziehungsweise, daß sie immer wieder dorthin fliegt, um Medikamente an Dissidenten zu verteilen. Allein kann sie das aber jetzt nicht mehr, da sie so an die Achtzig ist, so muß Karla mitkommen und jetzt wird es wahrscheinlich greenhaft spannend.

Sie bekommen statt eines Leihautos nämlich nur ein altes Motorrrad, landen in einem komfortablen Hotel, das sich als Buff entpuppt.

Jenufa wird am nächsten morgen verhaftetund Karla muß ihr nachfahren und mit einigen Schwierigkeiten kämpfen. Jetzt löst sich alles nach und nach auf und auch das ist äußerst spannend und, weil man ja nicht soviel spoilern soll, verrate ich nur, daß der Schluß gelingt. Karla kommt zurück nach Mähren, geht ins Leben und wird wieder Trompete zur Trompete greifen.

„Und was machst du jetzt?“, fragt Lazaro, „Spielen“, lautet der letzte Satz.

Es kann also auch ganz einfach sein. Wwohltuend einfach und braucht nicht die komplizierten Konstruktionen, die das Lesen mühsam machen, aber als gute Literatur gelten, denke ich und wiederhole, daß mir das Buch sehr gefahllen hat und ich es jeden, aber wahrscheinlich besonders meiner Freundin Ruth, die ja einige Jahre in Kuba lebte, empfehlen kann.

2017-03-17

Falsch entschieden oder dreimal Schragl?

Diesmal wieder  die Qual der Wahl, denn ein Abend und sechs literarische Veranstaltungen.

Richard Schuberth hat mich zu seinen Essays in „Radiokulturcafe“ eingeladen, in der „Alten Schmiede“ las Bodo Hell, im Literaturhaus Brigitta Falkner, in der Hauptbücherei hätte es gleich zwei Veranstaltungen gegeben, nämlich „Tea for three“, wo Daniela Strigl, Klaus Nüchtern und wie ich jetzt erst sehe, Cornelia Travnicek über die neuen Bücher von Tereza Mora, Eva Menasse und David Garnett diskutieren, was mich schon wegen dem Menasse-Buch, das ich ja sehr kompliziert fand, interessiert hätte.

Dann gabs noch eine Buchpräsentation von Jutta Winckelmann „Mein Leben ohne mich“, wo es wieder um eine Krebserkrankung geht, also auch sehr interessant und Radek Knapp in der „Gesellschaft der Literatur“.

Die Qual der Wahl, wo man vielleicht einen Würfel bräuchte, aber irgendwie habe ich dann meine Entscheidung zwischen der Bücherdiskussion und dem „Mann der zum Frühstück Luft aß“, getroffen, denn das andere vielleicht zu experimentell und bei Richard Schuberth bin ich ja erst gewesen, mich dann für Radek Knapp entschieden, vielleicht weil er auf der „Centrope-Leseliste“ steht, obwohl ich ja erst kürzlich geschrieben habe, daß ich mit dem 1964 in Warschau geborenen Autor, meine Schwierigkeiten habe, weil er mir zu lustig ist.

Man sieht, ich bin nicht sehr konsequent oder ist es das, was ich „Über den Tellerrand schauen“ nenne?

Irgendwie war es ein Bauchgefühl und es war in der „Gesellschat“ auch sehr voll. Ich bin wieder in der zweiten Reihe links, meistens wähle ich ja die rechte Seite, neben Stefan Eibl-Erzberg und seiner Frau gesessen. Lydia Mischkulnig war da und Martina Schmidt, denn Radek Knapp neues Buch „Der Mann der zum Frühstück Luft aß“, ist bei „Deuticke“ erschienen.

„Wieder!“, sagte Manfred Müller in seiner Einleitung, denn das erste  Buch „Franio“ ist 1994 bei „Deuticke“ erschienen, dann ist „Radek Knapp nach München und zu „Piper“ gegangen, dort erschien auch das letzte Buch der „Gipfeldieb“ und wahrscheinlich auch die anderen.

Mit „Herrrn Kukas Empfehlungen“ ist er, wie Manfred Müller erklärte, berühmt geworden. Dann gibts, glaube ich noch die „Gebrauchsanweisungen für Polen“ und den „Papiertiger“ 2003, ein Buch das vom Schreiben und nicht von der Autobiografie eines Polen, der nach Österreich kommt, handelt und das ich mir, glaube ich, von einem der Gutscheine eintauschte, die ich einem der „Luitpold Stern-Preise“ bekommen habe und das mich, wenn ich mich richtig erinnerte,  enttäuschte, weil es mir „zu wenig abgehoben“ erschien.

Aber das Buch hat Manfred Müller, der von der schönen Tradition, daß Radek Knapp jedes seiner Bücher in der „Gesellschaft“ vorstellt, sprach, nicht erwähnt.

Er erwähnte, die, wo sich die Biografie des polnischen Emigranten nahtlos fortsetzt und meinte noch, daß das sehr dünne Buch in knapp zwei Monaten entstanden sei.

Beim „Gipfeldieb“ war ich bei der Präsentation und das neue, für das ürigens sehr viel Werbung gemacht wird und von dem ich schon einiges gehört habe, soll sich daran direkt anschließen.

Aber zuerst gab Radek Knapp in seiner launigen Art, die Antwort auf Manfred Müllers Fragen und erkundigte sich bei ihm, warum er Germanistik studiert hat?

„Damit ich über Bücher wie dieses schreiben kann!“, war seine ebenfalls launige Antwort und dann kam schon der erste Teil der Lesung, wo es um einen Valerian ging, der so heißt, weil das Schlafmittel, das seine Mutter bei seiner Geburt zur Beruhigung genommen hat, so hieß.

Sie gab das Söhnchen, für ein Wochenende bei der Oma ab und kam nach elf Jahren wieder, blieb dann eine Zeit, bis sie ihm zu einem Stadtspaziergang mitnahm, der über die österreichische Grenze führte und das schöne neue Leben begann.

Und als Valerian alt genug geworden war, begann er bei einer Zeitung zu arbeiten, las Radek Knapp.Ich dachte Uje“ und verstand jetzt etwas besser, was Manfred Müller mit dem nahtlos anschließen gemeint hat, denn jetzt hörte ich die Geschichte von dem Schragl, das er in der Halle B holen sollte, wo er nur ein Holztischen bekam und den ganzen Tag hin und hergeschickt wurde zum dritten Mal.

Radek Knapp las wieder dazu, daß er bis heute nicht weiß, was ein Schragl ist, der Otto hat mir beim ersten Mal kommentiert, aber da habe ich Schragerl geschrieben und eigentlich kenne ich, die echte Wienerin, mit der behmischen Omama, diesen Ausdruck auch nicht.

Nun ja, nun ja, das Leben in der Emigration geht weiter, die deutsche Sprache wird gelernt und die Mutter will für den Sohn die beste Ausbildung in der Handelsakademie am Karlsplatz. Dort will er aber nicht hin, so beginnt er die Schule zu schwänzen, setzt sich ins kunsthistorische Museum und später vor die Stufen des Musikvereins, wo er angeblich oder auch tatsächlich Leonhard Bernstein trifft, so daß er beschließt, statt Rechnungsweisen, Blockflöte zu erlernen.

In Wirklichkeit hat Radek Knapp wohl zu schreiben begonnen und ich stieß, das erste Mal auf seinen Namen, als ich in der Jury für das Nachwuchsstipendium war.

In der Diskussion hat er noch beklagt, daß es ihm nicht gelingt, aus der Migrantenschublade herauszukommen, daß er den nächsten Roman aber nicht über einen Polen in Wien schreiben wird. Mal sehen, obs gelingt oder ob ich im nächsten Jahr die Geschichte mit dem Schragl zum vierten Mal höre?

Man könnte denken, Radek Knapp macht es sich sehr leicht, den Leuten hat es aber gefallen, nur eine Frau fragte, wie es seiner Mutter mit seinen Büchern geht und Manfred Müller ergänzte noch, daß es im „Gipfeldieb“ sehr viel um die Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft geht.

An diese Stellen kann ich mich auch erinnern und Radek Knapp erwähnte, die zwei Briefe die er bekommen hat, Karten für „Cats“ und die Einberufung zum Bundesheer, worauf er Zivildienst machte und, um meine Radek Knapp Biografie zu wiederholen oder zu ergänzen.

Er war auch eine Zeitlang in der Jury für den „Siemens-Preis“, als ich dort noch meine Texte einreichte. Da habe ich ihm, glaube ich, auch einmal einen Brief geschrieben und mit Günter Kaindlsdorfer moderierte er bei der letzten „Buch-Wien“ den Bücherquiz, wo ich zwar antreten durfte, aber nicht sehr erfolgreich war.

Radek Knapp ist das sicher viel mehr als ich und einer der wenigen humoristischen Autoren, wie Manfred Müller noch erklärte, die wir in Österreich haben. Das liegt mir nicht so sehr, aber trotzdem habe ich mich für die Lesung entschieden.

Das dünne Büchlein nicht gekauft, „Franio“ und „Herrn Kukas Empfehlungen“ habe ich aber in meinen Regalen, ob ich sie gelesen habe, weiß ich gar nicht und was ein Schragl ist weiß ich auch noch immer nicht oder doch natürlich, eine „Art Regal auf Rädern“, wie Radek Knapp las und ich bin jetzt gespannt, wie ich mich bei den nächsten Terminkollusionen entscheiden werde, ob da dann die Experimentellen über die Lustigen siegen werden oder wieder nicht?

2017-03-13

Tiere für Fortgeschrittene

Weiter geht es mit den Neuerscheinungen und  mit den Tieren. Denn „Kiepenheur & Witsch“ hat dieses Frühjahr gleich zwei Bücher herausgegeben, die „Tiere“ im Titel haben.

„Tierchen unlimited“ und „Tiere für Fortgeschrittene“ und der Unterschied ist, daß es sich bei Eva Menasse, um eine Erzählsammlung handelt und man könnte jetzt noch kritisch anmerken, daß ich mich eigentlich weder für Tiere noch für Erzählbände so besonders interessiere.

Aber ich bin eine Namensammlerin und wähle meine Lektüre bevorzugt nach den Autorennamen aus und Eva Menasse, die Halbschwester vom Robert, 1970 in Wien geboren, seit 2003 in Berlin lebend, kenne ich wahrscheinlich spätestens durch ihren Roman „Vienna“ für den ich eine meine ersten „Thalia-Rensionen“ geschrieben habe, die auch erschienen ist.

„Mit den „Quasikristallen“ hat sie den „Alpha“ und auch andere Preise bekommen und wie im Klappentext steht eine Sammlung mit skurillen Tiergeschichten, die sie in Zeitungen fand.

Grund genug daraus Geschichten zu schreiben, die das moderne Großstadtleben mit seinen Höhen und Tiefen beziehungsweise Alltagskurlitäten, die das Leben und das Sterben umfassen.

Das Buch ist dem 2014 verstorbenen Filmemacher Michael Glawogger gewidmet und im Anhang gibt es eine Liste, wo die Tierzitate erschienen sind.

„Schmetterling, Biene, Krokodil“ heißt die erste Geschichte und der Notiz ist zu entnehmen, daß Bienen und Schmetterlinge ihre Nahrung an seltsamen Orten finden, so setzten sie sich beispielsweise auch auf Krokodile, um deren Tränen aufzusammeln und dann kommt die Geschichte von einer Tom genannten Frau, die mit ihrem Sohn und den zwei Kindern ihres Mannes Georg in einer Patchworkfamlie lebt.

Eine Woche sind die beiden Kinder, Karo und Jonas bei der Mutter, die andere beim Vater und bei ihr und das führt zu Überlebenskämpfen, denn, die Mutter ist so unzufrieden und beschuldigt Tom immer die Kinder schmutzig oder unvollständig angezogen zurückzubringen, so daß sie alle ihre Kleider zweimal kaufte und in den Kleidungsstücken auch Erkennungszeichen angebracht hat. Jetzt geht es aber eine Woche in eine „Touristenfabrik“ in die Türkei, das heißt in einen all inclusive Urlaub ans Meer.  Aber Tom ist nicht gut drauf, ist doch gerade ihr Jugendfreund Martin gestorben und dann spricht sie in dem Hotel noch ein alter Mann an, der sie für seine Schwester hält.

Interessant, die Assoziationskette könnte man meinen und vielleicht nicht viele Übereinstimmungen finden, aber Eva Menasses Erzähleisterschaft, die aus „pointierten Witz, Geheimnis und melancholischen Ernst“ besteht, wird im Klappentext ausdrücklich gelobt.

In „Raupen“ geht es um die „Tabakschwärmerraupen“, die sich ungewollt selbst ihr Grab schaufeln und das erscheint wahrscheinlich jenem alten „Despoten“ als Ausweg, dessen Frau an Demenz erkrankt ist und der sich jetzt gegen die Veränderungen, wie Wohnungsumbau, Annehmen von Dienstleistern beziehungsweise Pflegehelfern zur Wehr setzt,  die ihm seine Töchter aufschwatzen wollen,  in dem er sich, in den zur Pensionierung geschenkt bekommenen Direktorensessel setzt, sich Pornofilme auflegt und an seiner eigenen Todesanzeige schreibt.

Und die „Igel“, die in den von Mc Donald`s erzeugten „Mc Flurry Eisbechern“ verhungern, tauchen dann in Geschichte drei, wo es, um ein Luxusweibchen geht, das nichts gelernt hat und nichts kann, als Champagner zu trinken und sich von ihrem erfolgreichen Ehemann aushalten zu lassen, tatsächlich auf.

Sie rettet einen solchen armen Igel in einem Luxushotel, wo das Paar, beziehungsweise, die Frau Urlaub macht, der Gatte mußte dazwischen zu seinen Aufsichtsratsitzungen und angelte sich einen Liebhaber  und hat  dabei höchstwahrscheinlich ein liebesleeres Leben, wie das bei den nichtberufstätigen Luxusweibchen eben so ist.

Zu den „Schafen“, die ihre Wolle selbst abwerfen, ist Eva Menasse eine bizarre Geschichte von einer Kolonie eingefallen, in die während oder nach einer Krise, vielleicht ist die Welt zusammengebrochen, eine Reihe von ausgewählten Wissenschaften und Künstlern eingeladen werden, um eine unbestimmte Aufgabe zu lösen. Schafe gibt es dort nicht, nur Blattläuse und Mücke, eine Katze, die man nicht füttern und Zitronen die man von bestimmten Stellen nicht pflücken darf.

In Amerika wurde einmal ein betrunkener Autofahrer dabei erwischt, daß er ein totes „Possum“ wiederbeleben versuchte, das läßt Eva Menasse jetzt einen bekannten Regisseur bei einem Reh machen und da ihre Protagonisten ja bevorzugt der Mittelschicht, den Intellektuellen, sowie den Reichen und den Schönen angehören, haben diese dann auch Probleme, wenn sie so offen und „multikulti“ sind, daß  sie ihre Kinder in eine öffentliche Schule geben wollen.

Wie das mit dem „Hai“ im „Haus des Meeres“ zusammenhängt, habe ich nicht ganz verstanden oder ja, denn der gehört dort eigentlich nicht hinein.

Das Kletterverhalten von „Schlangen“ bringt Eva Menasse zu einer komplizierten Beziehungsgeschichte, beziehungsweise einen Neuanfang, in dem ein abgeschlagenes Bein eines Tisches eine große Rolle spielt und, daß „Enten“ gleichzeitig schlafen, als auch nach Feinden Ausschau halten können, habe ich schon irgendwo gehört.

Eva Menasse macht eine Urlaubsreise daraus, die von Panikattacken und Flugangst gequälte Jenna fährt mit ihrem Mann Ben und dem Sohn Sammy im Auto auf Urlaub nach Italien. Dabei machen ihre Kleinhirnhälten gleich mehrere Arbeitsprozesse durch. Geht sie dabei doch in die Holocaustvergangenheit ihrer Familie zurück, während sie sie sich mit ihrem Mann beim Fahren abwechselt, den kleinen Sohn beruhigt und ihm schließlich ein Kuscheltier in einer Tankstelle kauft.

Grandiose Meisterleistung diese Verbindung von tierischen Eigenschaften zu menschlichen Schicksalen und ihren Neurosen, Ängsten, könnte man so sagen.

Manches war  für mich leicht nachvollziehbar, anderes, wie schon erwähnt, eher schwierig bis unverständlich und am Cover prangen neuen Käfer und schillern von grün bis rot in allen Farb-und Formnuancen, obwohl von Käfern in den acht Geschichten eigentlich auch nicht die Rede war.

2017-03-11

Die Sache mit Norma

Das nächste Buch der Frühjahrsneuerscheinung ist Sofi Oksanen, die sich neuerdings zusammenzuschreiben scheint „Die Sache mit Norma“.

„Ein magischer Roman“, steht im Klappentext, was mich zuerst ein wenig irritierte, habe ich doch von der 1977 geborenen, estnisch-finnischen Autorin „Stalins Kühe“ gelesen und das war alles andere, als Fantasy oder märchenhaft und von den Schreibschulen, für die ich mich ja auch sehr interessiere, habe ich noch im Gedächtnis, daß man niemals, unter gar keinen Umständen, genauso wie nicht selber publizieren,  die Genres vermischen darf.

Man kann natürlich, wenn man es versteht, wie Sofi Oksanen meisterhaft beweist und so ist ein erstaunlich frischer Roman herausgekommen, der in einem neuen Ton von den vielleicht schon allbekannten Schrecken und Schurkereien erzählt und das Märchenhafte damit schließlich auch zu einem Thriller macht.

„Ein eigensinniger Roman mit einer klaren Botschaft!, steht weiter im Klappentext und es fängt ganz harmlos auf einen ländlichen Friedhof irgendwo in Finnland an.

Normas Mutter, die sich in Helsinki auf die U-Bahnschienen stürzte, wird beerdigt.  Die demente Großmutter, die Tante, der Pfarrer begeben sich zum Leichenschmaus und Norma macht sich auf den Weg nach Helsinki wo sie mit ihrer Mutter wohnte, zurüclkzufahren, als sie von einem Mann angesprochen wird, der sich als ein früherer Bekannter der Mutter vorstellt.

Norma flieht und will sich auf kein Gespräch einlassen und sie wird, wie das in Zeiten, wie diesen so üblich ist, bald entlassen.

Die Mutter, die früher bei der Post tätig war, wurde das auch, so daß sie zuletzt in einem Haarsalon arbeitete und der, stellt sich bald heraus, gehört einem Max Lambert, also jenen Mann und der ist kein früherer Bekannter, sondern der Ex-Mann von Normas Mutter Freundin Helena, die verrückt geworden, in einer Psychiatrie lebt.

Marion deren Tochter leitet den Haarsalon in der Normas Mutter Anita bis zu ihrem Tod, sie ist gerade von einem Bangkogaufenthalt zurückgekommen, leitete und Norma stellt sich bald heraus, die Sache mit Norma ist, daß ihre Haare, wie die vom Rapunzel wachsen und wachsen und das hat sie von einer geheimnisvollen Eva, der verstorbenen Urgroßmutter, die das offenbar doch nicht ganz ist, denn sie geistert immer noch in Normas Kopf herum und Norma kann noch mehr, sie kann an den Haaren riechen, ob Menschen krank sind, was sie gegessen habe, etcetera….

Die Haarsalons, die Lambert gehören, stellen Haarverlängerungen her und beziehen die Haare aus der Ukraine. Lambert hat auch Leihmütterfabriken, beziehungsweise plant er ein solches Imperium aufzubauen und Anita, stellt sich bald heraus, hat ihnen die Haare aus der Ukraine geliefert.

Die waren aber nicht von dort, sondern von Norma, was niemand wissen durfte. Also jagen die Lamberts dem Geheimnis nach und Anita ist nach Bangkog geflogen nicht um dort Urlaub zu machen, sondern um diesen Machenschaften auf die Spur zu kommen.

Nun ist sie tot, wie die Überwachungskameras zeigen, eindeutig selber auf die Schienen gesprungen und Norma, die vom Clan mit der Mutter Schulden konfrontiert wird und nun selber in dem Salon arbeitet, versucht die Sache aufzuklären.

Nicht ganz leicht zu lesen, diese Mischung eines Märchen mit der harten Wirklichkeit, die noch zu einem Thriller gesteigert wird, aber originell und nachdenken über die Welt, wo die armen Mädchen in den Entwicklungsländern zu Zwangsabtreibungen beziehungsweise Leihmütterschaften gezwungen werden, kann man auch, wenn dabei von übernatürlich wachsenden Haaren erzählt wird.

Vielleicht sogar um so besser, denn das ist neu und leicht und locker und so gesehen hat mich Sofi Oksanens magischer Roman überrascht und ich zähle ihn, wie wahrscheinlich auch Julian Barnes Künstlerroman über Dimitri Schostakowitsch zu den Higlights dieses Frühling.

Und, das kann ich vielleicht auch noch verraten, die Sache mit Norma geht scheinbar gut aus, Dimitri Schostakowitsch ist aber möglichetrweise daran zerbrochen, daß Stalin ihn leben ließ und ihn immer wieder neue Orden in die Hand drückte.

2017-03-09

Das Mädchen an der Grenze

Der 1970 geborene Thomas Sautner ist ein besonderer Autor, der schon mehrere bei „Picus“ erschienene Romane geschrieben hat.

Mit „Fuchserde“ und „Milchblume“ habe ich ihn glaube ich bei der alten „Rund um die Burg“, wo es noch die ganze Nacht lang gegangen ist, kennengelernt, „Die Glücksmacher“ hat er schon bei „Rund um die Burg“ neu vorgestellt.

„Fremdes Land“ habe ich im Schrank gefunden, „Die Älteste“, hat mir, wie dieses Buch auch der Verlag geschickt.

Besondere Bücher, besondere Themen. In „Fuchserde“ geht es um die Jenischen. Bei „Milchblume“ geht es in das Waldviertel, wo Thomas Sautner, glaube ich, auch lebt.

„Fremdes Land“, deren Besprechung oft bei mir aufgerufen wird, hat mich erstaunt, weil  es hier in die Zukunft und um die Verlust der Freiheit geht und bei der „Ältesten“, geht es um eine Heilerin.

Also wichtige Themen, die mit einer leisen Sprache, ein Stück Literatur neben der lauten, gehypten, der experimentellen, etcetera auch ihren Berechtigung hat, wichtig ist und gelesen werden sollte.

„Das Mädchen an der Grenze“ ist wieder so ein leises, aber sicher sehr ungewöhnliches Buch. Ein Mächen, eine Utopie, ein Aufruf zur Esoterik, ein Verwischen der Grenzen von Traum und Wirklichkeit…?

Es hat sehr viele Ebenen und ist daher höchstwahrscheinlich gar nicht so einfach zu lesen und zu verstehen.

Es geht in das Jahr 1988, 1989 und in ein Zollhaus an der tschechoslowakischen Grenze zurück, wo der eiserne Vorhang noch sehr bewacht wird.

Da lebt Malina, denn ihr Vater ist dort Zollbeamter oder Grenzbewacher und sie ist ein sehr seltsames Mädchen.

Denn sie kann, in dem sie sie anstarrt, Dinge zum Verschwinden bringen und Wirklichkeiten verrücken.

Das verärgert ihren Vater, der dann aber, als die Kinder, obwohl das streng verboten ist, einmal über die Grenze laufen und Malina von den tschecholsowakischen Grenzern in ihr Zollhaus gebracht wird, im Unterleiberl mit dem Fahrrad über die Grenze fährt, um sie zurückzuholen.

Dort kommt es es fast zu einer freundschaftlichen Begegnung mit viel Schnaps mit dem tschechoslowakischen General, den die „seltsame“ Malina, die von den anderen Kindern und den Leuten im Haus für verrückt erklärt wird, einen Gefallen tun konnte.

Was der war, wird nicht sofort klar, denn die Traumwelt verrückt sich ja mit der Wirklichkeit und Malina sinkt auch in eine Krankheit ab, man könnte sie, wenn man in der Realität verbleiben will, vielleicht, als eine Art Epilepsie bezeichnen.

Sie spricht jedenfalls mit Traumgestalten und liegt wochenlang in ihren Fieberträumen, bis sie der Hausarzt endlich doch in ein Krankenhaus bringt, wo sie mit Medikamenten behandelt wird und währenddessen ändert sich die Welt.

Grenzzäune werden aufgeschnitten, die DDR- Flüchtlinge kommen, das Ehepaar Ceausescu wird erschossen. Vaclav Havel Präsident, die Grenzen gibt es nicht mehr und Malina, die gesundet, ihrgendwann wieder in das Haus an der Grenze zurückentlassen wird, findet zu ihren Vater.

Sie wird auch Schriftstellerin, schreibt oder liest ein Buch, denn solche Geschichten lassen sich nur erfinden, beziehungsweise liest der Vater ihr das vor und, wie ist das nun mit den Grenzen oder warum wurde der kurze Roman, er hat nur knapp hundertfünzig Seiten, ausgerechnet heute, wo die Patrioten schon schon wieder neue Grenzen fordern oder diese geschlossen werden, damit wir nicht von zu vielen Fremden überrannt werden, geschrieben?

Ich interpretiere es mir, als Thomas Sautners Versuch, der neuen Schließung, Radikalisierung, Verhärtung etwas Poetisches entgegen zu setzen.

Zu sagen, seht her, es gibt viel mehr, als eine Wahrheit. Es gibt das Unbewußte, die Phantasie, die Träume und es gibt die Wirklichkeit, wo die Menschen an der Realität zerbrechen, flüchten, sterben, aber auch die Hoffnung und die Bücher, die die Väter den Kindern vorlesen.

Die Traumgestalten, die aus den Phantasien aufsteigen und vielleicht auch die Verrückten, die vieles sehen und spüren können und auf die man vielleicht mehr hören sollte, als sie nur mit Medikamente zuzuschütten oder in Psychiatrien einzusperren.

Ganz wird das der Wirklichkeit wahrscheinlich nicht entsprechen, aber sicher schön zu lesen, sich seine Gedanken zu machen und Thomas Sautner, als einen besonderen Autor mit  besonderen Büchern wahrzunehmen.

 

2017-02-20

Tierchen unlimited

„Hart, mitreißend und wahr: an einem Tag weggelesen, schallend gelacht“, schreibt Feridun Zaimoglu über das Debut des 1981 in Sarajewo geborenen Berufschullehrers Tiljan Silan, der wohl viel aus seiner Schule plaudert und in einem sehr harten, manchmal etwas slapstickartig übertriebenenen Ton das Hin- und Herpendeln zwischen Verletzung und Härte, Traum und  Wirklichkeit seiner traumatisierten Schüler oder derer, die jetzt mit Migrationshintergrund aus Syrien oder Afghanistan mit ihren unverarbeiteten Erlebnissen in einer Welt der Härte, Verständnislosigkeit, des Mulitkultikampfes und der Pegidademonstrationen aufwachsen.

„Die Geschichte eines Jungen im bosnischen Bürgerkrieg, seiner Flucht nach Deutschland und das Leben unter deutschen Neonazis“, erklärt uns der Buchrücken und es beginnt gleicherweise dramatisch und vielleicht gar nicht so komisch mit einer Flucht nackt auf dem Rennrad.

Der Ich-Erzähler wurde vom Bruder seiner Freundin Leonie aus dem Bett geprügelt, flieht so in das Krankenhaus nach Frankenthal, wo er seine Schulfreundin Sarah-, die inzwischen Polizistin geworden ist, interessant die Rollenumkehr in Silas Werk, die ich als ironisch interpretieren würde, die Mutter ist Physikerin, der Vater hat Bibliothekswissenschaften studiert und die Schulfreundinnen, deren Brüder Neonazis sind, werden alle Polizistinnen, der Ich-Erzähler studiert dagegen, wie sein Autor Germanistik und später Bibliothekswissenschaft, -widertrifft, die nimmt für ihn die Rache in die Hand, nennt ihn „Mausi“ oder braver Kerl, dabei war das Leben in den Neunzigerjahren in dem kriegsgeplagten Sarajewo, die Eltern sind mit dem Sohn 1994 nach Deutschland gegangen, gar nicht so brav, sondern hart und er stahl mit seinen Freunden am Markt, den alten Frauen Pornohefte, die er dann mit den Soldaten gegen Luchpaketen tauschte und, als er schon in Deutschland war, ging es-, die Flucht wird wahrscheinlich ebensowenig komisch, vielleicht ist das die Schilderung, wohl aber nicht die Realität, in einem überhitzen Bus geschildert, wo sich alle bis zur Unterwäsche ausziehen müssen, dabei entsetzlich stinken und sich, weil sie nicht hinauskönnen, auch anmachen müssen und er zuerst in eine Hauptschule kam, weil seine akademischen Eltern, das deutsche Bildungswesen nicht verstanden, aber die Mutter hat ihren Traum, als Hilfsdozentin auch nicht wahrmachen können und was macht ein studierter Bibliothekswissenschaftler in Deutschland, wenn er kein Wort dieser Sprache spricht,  -weiter mit dem harten und wahrscheinlich nicht so komischen Leben, das, die mit dem Migrationshintergrund und wahrscheinlich auch die ohne in den überfüllten Hauptschulen erleben.

Siljas Held erlebte seine Jugendlieben mit den Schwestern von Nazibrüdern, die ihm dann eben aus dem Bett prügelten, studiert später in Heidelberg und geht mit seiner Studienkollegin Grace, die aus Taiwan kommt, einbrechen.

Da stiehlt er auch einmal ein Auto, wird vom Verfassungsschutz beobachtet und eine Melanie kommt vor, die eigentlich Schriftstellerin werden will, aber auch Polizistin wird und, die er für die strenge Sarah beobachten soll und am Schluß endet das Ganze in einem Traum.

Dem Helden wird, das am Ende des Buches, das mir ein bißchen ungeordnet erzählt erschien, da ist die Zusammenfassung geordneter, aber Traumatisierungen verlaufen eben nicht gradlinig, sondern ungeordnet und in Flashbacks, klar, das mit „In einem Moment halben Bewusstseins verstand ich, dass ich schlief und träumte“ endet und ich habe wieder ein sehr interessantes Debut gelesen, von dem ich nun gespannt bin, was ich von dem Buch noch hören werde und, ob und auf welche Short- oder Longlist es kommen wird, das uns in sehr harten Worten, die mich eigentlich abschrecken hätten sollen, denn ich mag keine Aggressivität, von dem Leben und Aufwachsen im Krieg und dem Leben nachher in der neuen Heimat unter lauter wirklichen oder vermeintlichten Neonazis erzählt.

Dazu noch zwei Anmerkungen oder Kritikpunkte, erstens habe ich den Titel nicht ganz verstanden und zweites wies das Buch, das ich mit einer Schutzhülle, dreimal, also in drei Tagen gelesen habe, nach der Benützung deutliche Gebrauchsspuren und einen zerrissenen Buchrücken auf, was eigentlich nicht sein dürfte, da ein Buch mit einem so wichtigen Thema  länger haltbar und auch mehrmals gelesen werden können sollte.

Nächste Seite »

Bloggen auf WordPress.com.