Literaturgefluester

2017-06-19

Schneeflockentreiben

Moritz Lichtenstern hatte sich, nachdem er sich angezogen, rasiert, gewaschen und seinen Morgenkaffee getrunken hatte, an das Fenster gestellt, sah den glitzernden Schneefloscken zu,  die vor seinem Fenster tanzten und schüttelte den Kopf.

War es doch schon Ende Februar und er hatte eigentlich gedacht, der Winter wäre vorbei. Der Frühling würde bald anbrechen und er konnte seinen orangen Kleinbus aus der Garage nehmen und mit ihm…

Ja was wollte er damit? Durch die Welt fahren, Afghansitan, Pakistan, aber auch China und Indien hatte er bereisen wollen, als sie ihm vor zwei Jahren  mit einer Gedichtgesammlung in Pension geschickt hatten, weil man ihn im Verlag nicht brauchte. Damals war ihm auch die Idee mit dem Kleinbus und der Weltreise gekommen, wenn er sich nicht irrte, war es Egon, der  Lyriker und ein guter Freund von ihm war, gewesen der ihn auf diese Idee brachte und er hatte sie für gut gefunden und sogar schon erste diesbezügliche Pläne gemacht. Das war zwei Jahre her und seither war nur  in Wien und auf Natalies Begräbnis gewesen, hatte das Bild von dem Bus  auch Mathilde gezeigt und sie gefragt, ob sie mit mitkommen werde?

„Laß uns abhauen, neu beginnen und die Welt anschauen!“, hatte er gesagt und sie hatte ihn verwirrt anblickt, den Kopf geschüttelt, nach dem Glas Wein gegriffen, das ihr der junge Kellner mit den dunklen Locken, der, wenn er sich nicht irrte, eine Kurde oder Türke war, obwohl er mit einem italienischen Namen gerufen wurde, hingestellt hatte, es hochgehoben und „Laß mir Zeit, Moritz!“ geantwortet.

„Ich fürchte, ich kann nicht so schnell begreifen, ist doch soviel passiert und das, was mir Natalie geschrieben hat und durch ihren Anwalt schickte, hat mich auch sehr verwirrt!“

Er hatte genickt,  verständnisvoll nach ihrer Hand gegriffen „Natürlich!“, geantwortet und behauptet,  daß er das  verstehe und ihr selbstverständlich Zeit lassen würde. Jede Zeit der Welt, die sie brauchte, daß er aber gern seine Tochter  kennenlernen würde und da er  schon fast zweiundsiebzig war, hatte er vielleicht diese Zeitfülle  nicht mehr und so schlage er vor, daß sie sich sechs Wochen Zeit lassen sollten und er in der Karwoche wieder kommen würde, um sie nach ihrer Entscheidung zu fragen.

Da hatte sie wieder genickt und war wahrscheinlich froh über diesen Aufschub gewesen, denn sie hatte geantwortet „Gut, Moritz, machen wir das so!“ und  noch hinzugefügt, daß sie froh über Natalies Brief wäre, sich über das Wiedersehen freue und Lily sicher gerne ihren Vater kennenlernen würde.

„Denn weißt du!“, hatte sie gesagt.

„Sie hat in der Pubertät eine sehr rebellische Phase gehabt und,  um jeden Preis deinen Namen herausbekommen und mit dir in Kontakt treten wollen! Aber was sollte ich ihr sagen? Daß ihr Vater, der Ehemann ihrer Tante Natalie ist, wollte ich ihr nicht verraten und so ist diese Zeit sehr schwierig für uns gewesen, wollte ich sie doch nicht enttäuschen und wußte auch, daß jedes Kind seinen Vater braucht, aber da bei uns die Verhältnisse so schwierig lagen-!“, sagte sie und brach ab.

„Natürlich, Mathilde!“, hatte er geantwortet und wieder nach ihrer Hand gegriffen.

„Ich fürchte, ich bin selber schuld an dieser Geschichte, weil ich ein solcher Trottel war!“

Sie hatte den Kopf geschüttelt, ihre Hand der seinen entzogen und hinzugefügt, daß Lily, weil sie sich nicht an ihren Vater wenden konnte, sogar Kontakt mit ihrer Großmutter aufgenommen und sich mit ihr angefreundet hatte.

„Aber die konnte ihr die Antwort auch nicht geben, hatte sie ja keine Ahnung, daß du ihr Vater bist! Sie scheint aber Schuldgefühle gehabt zu haben, hat sie sich doch, um Lily mehr als, um mich damals gekümmert!“, sagte sie und brach wieder ab, was ihn, wie er sich erinnern konnte, ratlos und unsicher machte, war es doch wirklich eine äußerst verrückte Geschichte, in die er durch Natalie hineingeraten war und Mathilde hatte sie  in doppelter Ausführung erlebt.

„Da war ich von Natalie  schon längst wieder geschieden!“,hatte er so nach einer Weile hinzugefügt.

„Denn weißt du, unsere Ehe hat nur drei Jahre gedauert und sie war eigentlich gar nicht, als solche zu bezeichnen, hatte ich doch seit der Erkenntnis an meinem Hochzeitstag, daß ich, ohne es zu merken, die falsche Frau geheiratet habe, Schwierigkeiten aus ihr wieder herauszukommen und brachte es nicht zusammen, gleich wieder die Scheidung einrzureichen, weil ich im Verlagt, bei meiner Familie und meinen Freunden nicht, als Vollidiot dastehen wollte. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst!“, sagte er und jetzt war er es, der sein Glas erhob, sie hilflos ansah und den Kopf schüttelte.

„Warum hast du mir  nie  davon geschrieben, daß du Lilly bekommen hast! Das hätte mich wahrscheinlich eher zu einer Entscheidung veranlaßt?“, fügte er in der selben Hilflosigkeit hinzu und war über ihre schüchterne Antwort, daß sie das nicht gekommt hatte, nicht verwundert.

„Natürlich!“ antwortete er.

„Die Schuld liegt eindeutig bei mir! Ich hätte nicht so blöd sein dürfen, mich von Nataie auf der Straße ansprechen und verführen lassen, weil sie damit recht hatte, daß ihr trotz eurer vordergründlichen Ähnlichkeit sehr verschieden seid und ich den Irrtum merken hätte müßen!“, sagte er und dann noch, daß er keine andere Entschuldigung hätte und sie auf diese Art und Weise dreißig Jahre ihres Lebens verloren hätten, die sie jetzt durch Natalies Brief wieder gut machen könnten.

„Und ich wünsche mir sehr, wir würden das tun und könnten mit oder ohne meinen Bus neu anfangen! Was meinst du, Mathilde? Es war doch damals zwischen uns allles in so schöner Ordnung und  hat so gut begonnen und ich weiß nicht, ob du es mir glaubst, daß ich damals die schönsten Zukunftspläne in diese Valentinsrose steckte-! Aber ich weiß schon, du wirst mir antworten, daß es meine Schuld ist, daß es nicht weiter ging!“, wiederholte er, brach wieder ab und war froh, daß sie den Kopf schüttelte und sagte, daß sie die Rose noch habe und sie oben in ihrer Wohnung in einer Vase stünde.

„Sie hat meine überstürtzte Flucht nach Wien überlebt“, sagte sie fast mädchenhaft schüchtern mit geröteten Wangen, lud ihn aber nicht ein, in ihre Wohnung mitzukommen und das Beweisstück anzusehen, sondern verabschiedete sich von ihm und er war in sein Hotel gegangen, hatte die Nacht dort geschlafen, war am nächsten Tag, wie geplant nach Berlin zurückgefahren und jetzt stand er  vor seinem Fenster, sah dem winterlichen Treiben der Schneeflocken zu und überlegte, daß es noch sechs Wochen bis zur Karwoche waren, wo er wieder mit den Bus nach Wien fahren und sich Mathildes Enscheidung abholen konnte. Bis dahin mußte er warten, daß heißt er konnte nach New York telefonieren und Lily, seine Tochter, anrufen.  Hatte das auch schon  getan und mit ihr einen vagen Besuch nach Ostern vereinbart.

„Entweder mit oder ohne deine Mutter!“, hatte er gesagt.

„Ich komme auf jeden Fall dich besuchen und möchte dich kennenlernen, würde am liebsten aber deine Mutter dabei haben, ich hoffe du verstehst das!“, hatte er gesagt und sie war einverstanden gewesen und hatte salopp „Natürlich, Pa, auf die paar Wochen kommt es auch nicht mehr an!“, geantwortet, was ihn wieder daran erinnerte, daß er vielleicht nicht mehr so viel Zeit hatte. Er stand knapp vor seinem zweiundsiebzigsten Geburtstag. Sein Vater war fünfundsiebzig, der Großvater knapp achtzig geworden und beide waren zu ihrem Todesdatum senil, beziehungsweise dement gewesen oder wie man diesen Zustand sonst noch nennen konnte.

„Alzheimer Deasease!“, hatten es die Ärzte genannt und er hatte den heimlichen Verdacht, daß es bei ihm auch so kommen konnte. Hielt das Zittern seiner Finger, das ihm morgens manchmal quälte,auch für Parkinson. Schüttelte dann wieder den Kopf, nannte sich einen Träumer und Hypochonder und war zu feig noch  einmal zum Arzt zu gehen und diese Diagnose feststellen oder dementieren zu lassen.

Der Vater und der Großvater waren beide an Demenz verstorben und er war von seinem Verlag, zu dessen Leiter er es nach der Scheidung von Natalie sehr bald gebracht hatte, pensioniert worden, hatte sich auf Anraten seines Freundes Egon einen Bus gekauft, um damit um die Welt zu reisen und es bisher nicht getan, weil es Reisewarnungen für Länder, wie Afghansitan, Pakistan oder Syrien gab und er nicht so einfach nach Italien oder Frankreich reisen fahren hatte wollen und es ihm, als der Idiot, der er offensichtlich mit oder ohne Alzheimer und Parkinson war,  nicht einfiel, das Naheliegenste zu tun und mit  Bus nach Wien zu Mathilde zu fahren, aber  in der Karwoche würde er das tun! Das hatte er sich fest vorgenommen, dachte er und merkte mit Befriedigung, daß es zu schneien aufgehört hatte.

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