Literaturgefluester

2018-12-21

Römisches Fieber

Nun kommt wieder  ein Buch der Herbstleseliste, im September erschienen, eines das nicht auf der deutschen Liste stand, das wahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre, obwohl ich es, glaube ich bei „Morawa“ liegen gesehen habe, was schade gewesen wäre, denn dem 1965 geborenen, in Tokio lebenden Christian Schnalke ist im „Römischen Fieber,“ übrigens ein Debut, das, glaube ich, nicht auf der Bloggerdebutlonglist gestanden ist, in leichter lockerer Manier, ein würde ich sagen, moderner Gespenster- oder Schauerroman gelungen.

Susanne Röckl hat ja mit dem „Vogelgott“ etwas Ähnliches versucht und ist damit auf der Shortlist des dBp gestanden, Christian Schalkes Buch ist dazu wahrscheinlich zu locker und zu spannungsgeladen, dafür weniger sprachgewaltiger und, ich glaube, daß man hier, was mir ja bisher eher schwer gefallen ist, die Anwendung der „Heldenreise“ gut nachvollziehen kann.

Es beginnt mit einer Anmerkung des Autors, daß man an einem 1818 gemalten Bild des Künstlers Carl Fohr alle damals in Rom lebenden deutschen Künstler sieht. Einer davon ist bis heute unbekannt, diesen hat er das Buch gewidmet, beziehungsweise eines über ihn geschrieben und in der Nachbemerkung kann man lesen, daß das Buch eineMischung zwischen Dichtung und Wahrheit ist. Einige der handelnden Personen wie etwa Caroline von Humboldt hat es tatsächlich gegeben. Andere wie das Geschwisterpaar Cornelius und Isolde Lohwaldt  oder den Helden Franz Wercker nicht und bei wieder anderen hat er gemischt, beziehungsweise hat ihn die Phantasie von der Wirklichkeit weggetrieben, so ist aus Angelika Kaufmann eine Aura geworden, etcetera.

Das Buch beginnt 1818 am Gardasee. Dahin ist der Held Franz Wercker, der von Kindheit an Dichter werden wollte, Sohn eines Zimmermanns war und eine schwere Kindheit hatte, was Schnalke leicht und locker mit heutigen Worten erzählt, gefohen, weil er seinen Vater, der ihn lebendig begraben wollte, erschlagen hat und ihm die Polizei schon sucht.

Er will sich in den See stürzen, da sieht er aber einen jungen Mann hineinfallen. Es ist der Dichter Cornelius Lohwaldt, der mit einem Stipendium des bayrischen Königs ausgestattet, auf den Weg nach Rom ist.

So nimmt er dessen Gestalt, Sachen und Papiere an und wird in der deutschen Künstlerkolonie, die es in Rom gibt, liebevoll aufgenommen.

Er verliebt sich in die junge Malerien Carla Seidler, die es offenbar auch wirklich gab, aber Louise geheißen hat, beginnt ein Liebesverhältnis mit Aura Kaufmann und schreibt einen Roman, der von einem Kritiker gegen den er E.T. A Hoffmann verteidtigte verrissen wird.

Die tapfere Carla schickt ihn aber an den alten Goethe mit dem sie im Briefwechsel steht. Der berühmte Verlag „Cotta“ wird ihn verlegen, indessen aber beginnen die Wolken des Schicksals heranzuwuchten beziehungsweise sich die Spannungsbögen zu verdichten.

Isolde, die lugenkranke Schwester von Cornelius, merkt in dem Brief den Franz in verstellter Schrift an die Eltern geschrieben geschrieben hat, daß da etwas nicht stimmt und fährt nach Rom, den Bruder zu überraschen. Der will zwar gerade abrreisen, weil ihm Cornelius Mutter die Ankunft Isoldes mitteilte, weil er aber auch zum Kronprinzen soll, der sein Manuskript hat und sich das wegen des Verrisses nicht ganz traut, rät ihm Carla „Wollen wir mutig sein!“ und so packt er seine Sachen, um erst am nächsten Tag mit ihr nach Neapel zu reisen.

Als er aber nach geglückten Besuch zurückkommt, findet er Isolde in seinem Zimmer. Sie hat eine gespensterhafte Gesellschafter und einen buckligen unheimlichen Kutscher bei sich, läßt ihn von diesen fortan überwachen und zwingt ihn, mit ihr in einen Palazzo zu ziehen, denn sie möchte in Rom einen Salon aufbauen, kann das aber als Frau vor zweihundert Jahren nicht ohne den Schutz eines Verwandten tun.

Der Ereignisse überschlagen sich. Das geheime Liebesverhältnis zwischen Aura und Franz hat sich aufgelöst. Sie kommt stattdessen in sein  Zimmer und raubt ein Amulett, in dem die Geschwister zu sehen sind und als sie bei einem Künstlerfest Franz und Isolde zur Rede stellen will, erschlägt diese sie und befiehlt Franz ihre Leiche in den Tiber zu werfen.

Franz wird, da Cornelius homosexuell war und deshalb nach Rom flüchten wollte, selbst dieser Neigung angeschuldigt und  verhaftet. Kommt aber wieder frei, beichtet seinem Freund, dem Maler Georg, wer er wirklich ist, wofür dieser dann von Isolde und Teresa, der Gesellschafterin, vergiftet wird und als er Carla auch noch beichtet, werden beide vom unheimlichen Kutscher in die Katakomben gezerrt. Carla soll dort verhungern. Franz in den Tiber geworfen werden, damit die Schwester sich von ihm lösen kann. Der unheimliche Kutscher entpuppt sich aber doch als ein Mensch mit Seele, der sich von Carla malen lassen wollte. So  wird das Paar gerettet. Es kommt aber alles ans Tageslicht und Franz des merhfachen Mordes angeklagt, in den Kerker, um hingerichtet zu werden.

Um nicht alzu sehr zu spoilern, es ist ja ein Rezensionsexemplar, verrate ich nur, es nimmt alles ein mehr oder weniger glückliches Ende, so weit es nach diesen Spannungsbögen möglich ist. Carla reist nach Weimar zurück, um ihren Vater zu pflegen und Franz verläßt Rom, um unter einen anderen Namen ein neues Leben zu beginnen und ich kann schreiben, ich habe selten ein so spannendes Buch gelesen, das mich sogar veranlaßte, länger als geplant in der Badewanne zu bleiben, weil ich mit dem Lesen nicht aufhören wollte und kann das Buch also beispielsweise als Weihnachtsgeschenk sehr empfehlen, wenn man etwas Spannendes lesen will aber auch einen guten Einblick in das Leben in Rom vor zweihunder Jahren, in manche politischen Ereignisse und in die damalige deutsche Künstlerwelt bekommen woll.

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2016-02-21

Eine Dame von Welt

Von der Reichstumsschriftkammer und dem Biedermeier komme ich nun ins neunzehnte  Jahrhundert und zu einem amerikanisch-britischen Schriftsteller, in New York geboren, in England vor fast genau hundert Jahren gestorben, nämlich Henry James, der zu diesem Anlaß für den deutschen Raum entdeckt und wieder oder neu aufgelegt zu werden scheint.

So hat der „Schweizer Literaturclub“ seine Dezembersendung seinem Roman „Die Europäer“ gewidmet, der mit den „Gesandten“ derzeit bei Anna Jeller im Schaufenster liegt. „Jung und Jung“, hat die von Walter Kappacher übersetzte Erzählung „Die mittleren Jahre“ herausgebracht und „Aufbau“, der mich seit Herbst ein bißchen in seine Neuerscheinungen schnuppern läßt, hat mir die, im Jänner erschienenen Salonerzählung „Eine Dame von Welt“ zugeschickt.

Soviele Neuerscheinungen von einem 1843 erschienenen Schriftsteller, der für mich bisher eher unbekannt war, erscheint mir eher ungewöhnlich und ich finde es auch spannend, die Hintergründe für die plötzliche „Jamesmanomie“ herauszufinden.

„Dieser Schriftsteller wird Sie nicht mehr aus seinen Fängen lassen, sobald Sie eine Zeile von ihm gelesen haben!“, steht auch am Rücken des kleinen gelben Büchleins.

Ich muß feststellen, für mich trifft das nicht zu und auch im „Literaturclub“ waren die Meinungen zweigeteilt. Einige waren begeistert von dem alten Herrn, der so  vortrefflich Charaktere beschreiben kann. Elke Heidenreich hat dagegen eher das Korsett und den Staub erwähnt, den sie beim Lesen verspürte und ich kann mich erinnern, das erste Mal von Louise Doughty den Namen Henry James gehört zu haben, als ich mich in ihr Projekt „Ein Roman in einem Jahr“ eingelesen habe, und sie war eher auch nicht begeistert.

Worum geht es in dem Buch und wahrscheinlich, wenn ich es richtig verstanden habe, überhaupt in dem Werk des Dichters, der ein Zeitgenosse von Melville und Charles Dickens war?

Um die Unterschiede der Amerikaner und der Europäer habe ich verstanden und die Geschichte beginnt in Paris, in einem Theater, wo zwei Amerikaner mit dem Feldstecher in die Logen schauen und dort von dem Anblick einer weißgekleideten Dame gefesselt werden.

„Ist sie ehrbar?“, lautet die Frage des einen an den anderen und in dem Stück, das sie gerade sehen, geht es auch darum. Da will einer heiraten, fragt einen Freund nach der Ehrbarkeit der Braut und dieser verneint, denn sie war einmal seine Geliebte.

Mister Littlemore, der Gesandte, verneint auch, denn er hat die Dame, Missis  Headway oder Nancy Beck, wie sie früher hieß, auf einer Veranda in San Diego, New Mexiko, wie es in dem Buch heißt, kennengelernt und war  für das späte Neunzehntejahrhundert ungewöhnlich, vier oder fünfmal geschieden oder verwitwet und  scheint auch sonst Beziehungen zu Männern gehabt zu haben.

Jetzt ist sie aber zu Geld gekommen und befindet sich an der Seite von Sir Arthur Demesne, der sie heiraten will. Nichts destotrotz lädt sie die beiden Amerikaner in ihr Hotelzimmer ein und erzählt ihnen, daß sie von der europäischen Gesellschaft aufgenommen werden will.

Die Amerikanische hat ihr das versagt, jetzt will sie in die ersten europäischen Häuser und verlangt von ihrem Bräutigam, den sie gar nicht gut behandelt, daß er seine Mutter, die auf den Weg nach Cannes, wo sie den Winter verbringen will, ein paar Tage in Paris Station macht, daß sie zu ihr kommen soll. Die kommt auch und wird wieder nicht sehr gut von der schönen Nancy behandelt. Dann geht es in das Landhaus der Demesnes, nach England und dort will die Mutter von den beiden Amerikanner auch wissen, ob es sich bei ihr, um eine ehrbare Frau handelt, die man heiraten kann?

Sie ist es offenbar nicht und Mister Littlemore würde sie auch nicht heiraten wollen, erklärt der Lady und dem Bräutigam aber, daß sie es ist und das Schicksal nimmt seinen Lauf, beziehungsweise wird die Ehe vielleicht bald wieder geschieden werden.

Für mich ehrlich gesagt, ein wenig schwer verständlich und weit hergeholt, einmal das neunzehnte Jahrhundert, dann die erste englische Gesellschaftschicht, etwas, was, wie ich meine, in Zeiten, wie diesen nicht mehr sehr so sehr interessiert, daß es mich fesseln würde.

Ich würde das Ganze auch eher, als Satire verstehen und dem guten Sir raten, die Hände von der Kokotte, die auch noch  einen Verfolgungswahn haben dürfte, sich von allen bespitzelt fühlt und, die Lady  als Hexe beschimpft, zu lassen. Warum George Littlemore  lügt oder schweigt, habe ich nicht ganz verstanden, halte es aber auch nicht für so  oder ähnlich wichtig, wie Richard Lugners neue Ehe oder das Seitenblicke TV.

Dagegen interessiert mich vielleicht auch die Frage, warum Henry James plötzlich in aller Munde ist, denn Emile Zola, oder John Galsworthy, von dem ich übrigens eine Menge Bücher in den Schränken gefunden habe, wird jetzt  auch nicht neu aufgelegt?

Ich bin auch gespannt, wie die Blogger auf Henry James reagieren werden. Die „Klappentexterin“ hat ja schon angedeutet, daß sie ihn demnächst lesen wird und mir ist noch ein Roman von Hedwig Courths-Mahler eingefallen, die ich ja einmal sehr begeistert gelesen habe und die ich trotz ihrer sehr verqueren Moralvorstellungen, für eine hervorragende Beschreiberin des Berliner Gesellschaftsleben des frühen zwanzigsten Jahrhunderts halte, der ein ähnliches Thema, wie ich finde, packender behandelt hat.

„Käthes Ring“ heißt er, glaube ich und da liebt ein armes Mündel, den Sohn des Hauses, der ist aber in eine schöne Schauspielerin verknallt und heiratet sie gegen des Willen des Vaters, der  den vorigen Liebhabern, der Dame dieselbe  Frage stellt und die antworten „Um Gottes Willen, so etwas heiratet man doch nicht!“ und schicken die Rechnungen der Pelzmäntel oder Kleider, die sie ihr kauften.

Die Gesellschaft hat sich aber verwandelt und heute muß man  nicht mehr so „ehrbar“, wie vor hundertfünfzig Jahren sein. Spannend aber trotzdem, daß die Dame so oft geschieden war, dachte ich doch, das ging im neunzehnten Jahrhundert nicht.

In einer Rezension habe ich gelesen, daß es sich um das England von Jane Austen handelt und von der habe ich ja demnächst ein Buch auf meiner Liste und einen diesbezüglichen Dating-Ratgeber vor kurzem gelesen.

 

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