Literaturgefluester

2018-09-12

Von der Wien-Bibliothek ins Literaturhaus

Ein Tag zur Faschismusaufarbeitung in Zeiten, wo die Rechten die „Antifa“ bekämpfen und im Netz diskutiert wird, ob Maxim Biller nicht vielleicht zur jüdisch ist, gab es in der Wien Biblitohek im Rahmen der 1938-Ausstellung eine Forschungsveranstaltung zur Rolle der städtischen Bibliotheken nach 1938, die Heimo Gruber hielt und sich gleich einmal entschuldigte, daß er viel zu viel vorbereitet hätte und also kürzen würde müßen.

Dann lagen die Bände mit den wissenschaftlichen Artikel zu dieser Problematik auf und Heimo Gruber verkündetete, daß er aus Zeitgründen den Bibiliotheksbestand weglassen würde müssen, das, was ich mir eigentlich erwartet und mich interessiert hätte und ging dann auf die Bibliothekare ein, die  1938 in den städitischen Büchereien meist ehrenamtlich mit Spesenersatz gearbeitet haben, die bis 1934 Arbeiterbibliotheken geheißen haben, dann schon einmal vom Kommunismus gesäubert wurden und nach 1938 natürlich judenfrei sein mußten.

Es hat damals die Pudel, beziehungsweise den Schalter gegeben, wo der Bibliothekar stand und ein Verzeichnis hatte, welche Bücher welchem Lesertyp ausgehändigt wurden und „Nein, das bekommst du nicht! Einen Krimi darst du nicht lesen! Nimm doch die verstaubte Grillparzer-Ausgabe habe ich selbst noch in meiner Hauptschulzeit erlebt.

1938 war das allgemein so üblich, es gab keine Freihandbibliotheken und einen Bibliotheksleiter, der schon vor 1938 gesäubert hat, sich dann beurlauben ließ und der Nachfolger hat handschriftlich seine Memoiren verfaßt und sich von der Schuld entschuldigt, die er eingegangen ist, weil er beim System mitgemacht hat. Die jüdischen Mitarbeiter wurdern entlassen, die anderen Juden durften sich nichts mehr ausborgen ind der Leiter hat sechshundert Schilder bestellt, wo „Juden Eintritt verboten!“, stand.

Der Bibliothesbestand hätte mich sehr interessiert, habe ich ja irgendwo eine Broschüre, wo drin steht, was sich die Arbeiter vor 1934 ausgeborgt und gern gelesen haben, ich glaube Sinclair Lewis oder war es Upton Sinclair und  nach dem wissenschaftlichen Vortrag, bin ich über den Bücherschrank, wo sich eine Dame schon alles Tolle zusammengesammelt hatte und „Das gehört mir!“, sagte, als ich danach greifen wollte, ins Literaturhaus gegangen, wo Erich Hackl sein neues Buch „Am Seil“ vorstellte, da gibt es zwar schon ein anderes von Thomas Lang, das so heißt, aber das ist offenbar nur bei mir  wichtig, daß meine Transgeschichte nicht „Paul und Paula“ heißen soll oder darf und das Thema passet zur Ausstellung, denn Erich Hackl. der faktionale hat wieder eine Geschichte darüber geschrieben, was damals im dritten Reich passiert ist. Denn da wurde ja nicht nur in Auschwitz geheiratet und die kleine Sidonie, der Fürsorgerin übergeben, die sie ins KZ brachte, sondern es hat auch ein Bergsteiger und Kunsthandwerker  namens Reinhold Duschka eine Frau und ihre kleine Tochter in seiner Werkstatt versteckt.

Die Frau und der Bergsteiger sind wahrscheinlich schon lang gestorben, die Tochter namens Lucia aber überlebte und ist zu Erich Hackl gegangen, um sich von ihm ihre Geschichte aufschreiben zu lassen und jetzt ist das Buch fertig, das nicht, wie man erwarten hätte können, auf die öst oder auch den dBp gekommen ist. Die Tochter hat ihre gesamte Familie zusammengesammelt und so war das Literaturhaus, als ich es um sieben erreichte pummvoll und ich bin solange in der erste Reihe vorne gestanden, bis mir eine Frau gesagt hat, daß ich weggehen soll. Es waren auch im Vorraum Stühle aufgestellt, die Kameraübertragung aber funktionierte nicht und irgendwann ist dieTochter dann aus Platzmangel am Podium sitzen geblieben, so daß ich den letzten freien Platz haben konnte, als den die fotografierende Lteraturhausmitarbeiterin verlassen hat.

Und die Lesung war sehr eindrucksvoll, die Werkstatt war im sechsten Bezirk. Wie alt die tochter war, war nicht genau herauszubekommen. Sie war aber schon älter, denn sie bekam schon ihre Regel. Also wahrscheinlich 1929 geboren. Sie hat aber sehr jung ausgesehen und Hackl las ganz genau, wie beschrieben, davon daß man in der Werkstatt still sein aber mitarbeiten mußte, dann ausgebombt wurde und am Schluß, als die Russen mit ihren Fellmützen aufmarschierten große Freude herrschte.

Katja Gasser moderierte, anschließend gab es Wein und Brötchen und das Publikum schien, wie ich bemerkte hauptsächlich aus der Familie zu bestehen und die Stimmung war so gut, wie sie in Zeiten, wie diesen, wahrscheinlich nur sein kann.

2016-10-31

Und was hat das mit mir zu tun?

Nach einem Ausflug in das Nachkriegs-Berlin und zu einer Wiederentdeckung aus dem „Aufbau-Verlag“ geht es gleich thematisch mit dem österreichischen Buchpreis, beziehungsweise den Debuts weiter, obwohl ich bei Buch eins, das ich jetzt gelesen habe, schon die Frage hörte, was hat ein Schweizer mit dem öst BP zu tun?

Denn das ist ja der 1973 geborene Sacha Batthyany, der in Zürich und Madrid Soziologie studierte und mit seinem Debut auch auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises steht, der Verlag ist ein deutscher, nämlich „Kiepenhheuer & Witsch“, dem ich gleich herzlich für das Rezensionsexemplar danke, bleibt nur noch der Ort des Geschehens, nämlich „Rechnitz“ und das liegt im Burgenland, das nach dem Krieg zu Österreich gekommen ist.

Das Buch ist ein Rezensionsexemplar, obwohl es der Alfred, der bei der dortigen Präsentation am blauen Sofa war, es in Leipzig kaufte, er hat es aber an einen Kollegen verschenkt, der beklagte, daß die Jungen nichts mehr von den damaligen Geschehnissen wissen.

Und da ist ist ja genau das Buch dafür, es ist wieder kein Roman, aber das ist für den öst Bp, glaube ich, auch keine Bedingung, sondern „Die Geschichte meiner Familie“, also ein Memoir und das ist an dem Buch auch sehr  zu loben, beziehungsweise habe ich, als sehr geglückt gefunden, daß hier die Autobiografie perfekt mit der Fiktion vermengt wird. Dazu vielleicht noch später.

Jetzt erst einmal hinein in das Geschehen, da ist also der in der Schweiz aufgewachsene Erzähler, der Sohn einer ehemaligen ungarischen Adelsfamilie, die nach 1956 Ungarn verlassen hat und sich zuerst in Deutschland, dann in der Schweiz niederließ, die Batthyanies, ein Graf Batthyani, schreibt der Autor auch, kommt jährlich in der weihnachtlichen Wiederholung der Sissy-Filme vor. Der tanzt da mit der Romy Schneider und macht ihr den Hof, darauf wird er regelmäßig angesprochen, aber einmal kommt eine Redakteurin zu ihm, er arbeitet bei der NZZ knallt ihm eine Zeitung hin und sagt „Was hast du denn für eine Familie?“

Es ist ein Bericht über das Massaker von Rechnitz, Elfriede Jelinek hat darüber, glaube ich, auch ein Stück geschrieben, da gab es in dem Schloß der Grafen Battyhany, 1945 ein großes Fest, wo sich die Nazi-Größen trafen, die Großtante Margit war die Hausherrin und hielt Hof und aufeinmal kam ein Anruf, daß da hundterachtzig Juden wären, die erschoßen werden müßten.

Die NS-Größen marschierten los und taten ihre Plicht, bevor sie weitertanzten und die Tante war darin verwickelt, hat selbst mitgeschossen oder zumindestens davon gewußt.

Der Rest der Familie nicht, so trifft es  den jungen Schweizer, der daraufhin nachzuforschen beginnt und Maxim Biller, der vom literarischen Quartett, der mit seinen nicht sehr qualifizierten Äußerungen Thomas Melle vielleicht um den dBp brachte, stellte die Frage  „Und was hat das mit dir zu tun?“

Das ist die Ausgangslage des Buches und, um die Antwort gleich vorweg zu nehmen, die Frage, ob die Gräfin, die mit der spitzen Zungen, eine reiche Erbin, die den verarmten Teil der Familie, dem der Autor angehört, mehrmals im Jahr zum Essen einlud, geschossen hat, eine Nazinin war, etcetera, wird nicht beantwortet.

Das konnte heute siebzig Jahre später wohl auch nicht mehr aufgeklärt werden. Sacha Battyany forschte aber in seiner Familie, nahm auch eine Psychoanalyse auf und stieß auf ein Tagebuch seiner Großmutter Maritta, deren Mann Feri zehn Jahre in  russischer Kriegsgefangenschaft, sprich in den berühmten Gulags war, so fährt er mit seinem Vater auch nach Sibirien und zu Beginn des Buches nach Argentinien, denn dort lebt jetzt hochbetagt, Agnes, die jüdische Tochter des Gemischtwarenhändler, der neben dem Schloß, in dem Sachas Großmutter aufwuchs, seinen Laden hatte.

Dieses Tagebuch, wohl ein fiktives, weil in ihm immer die Erlebnisse Marittas mit denen von Agnes verglichen werden und die Großmutter über Margit gar nicht so viel schreiben konnte, nimmt einen weiten Teil des Buches ein.

Agnes, 1944 in Budapest eine Schule besuchte, wird, als dort die Nazis einmarschierten, mit ihrem Bruder verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Maritta leidet inzwischen unter ihrem autoritären Vater und schreibt in ihrem Tagebuch von den Mandels, das sind Agnes Eltern, die als Zwangsarbeiter in dem Schloß waren und von einem jungen Soldaten erschoßen wurden.

Maritta war dabei und macht sich Zeit ihres Lebens Vorwürfe, daß sie nicht eingegriffen hat, aber wahrscheinlich wäre das der jungen Frau um die zwanzig, schon verheiratet, mit dem zweiten Kind schwanger, der Mann eingerückt, nach der damaligen Stellung der Frau bei einem autortären Vater ohnehin nicht gelungen.

Als nach dem Krieg, die Kommunsiten kamen wird sie enteignet und kann mit ihrem Kind in einem kleinen Forsthaus wohnen, als ihr Mann zehn Jahre später aus Russland zurückkommt, emigriert sie  mit Magits Hilfe, während Agnes Auschwitz überlebt, nach Argentinien auswandert und der Meinung ist, ihre Eltern hätten Selbstmord begangen.

Das ist die Geschichte der Familie mit der sich wohl alle deutschen und österreichischen Kinder oder Enkel auseinandersetzen müßen, Anna Mitgutsch die auch auf der öst Shortlist steht hat es mit ihrer „Annäherung“ auch getan und Doron Rabinovici in einem seiner früheren Romane, so ist das hier Beschriebene wohl nicht wirklich neu.

Der Unterschied ist vielleicht, die prominente Familie und natürlich ist es wichtig sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, schon um die Frage zu bewantworten, was machen wir, wenn so etwas wieder passiert?

Sacha Batthyany stellt sie sich auf der Coach und kommt zu dem Schluß, daß er nicht könnte, Juden zu verstecken. Ich gebe zu bedenken, daß er das eigentlich nicht weiß, wie er auf Herausforderungen, die noch auf ihn zukommen, regagieren wird und in Zeiten, wie diesen ist wahrscheinlich auch viel präsanter zu wissen, wie man reagiert, wenn beispielsweise, der Sohn oder die Tochter mit einem syrischen Flüchtling auf einem zukommt, der ein Versteck braucht, weil er sonst abgeschoben wird oder was mache ich, wenn ich auf der Straße sehe, daß Anhänger der Pegida-Bewegung einer muslimischen Frau ein Kopftuch hinunterreißen oder einen Afrikaner zusammenschlagen?

Deshalb finde ich es sehr wichtig, daß viele Leute das Buch lesen, um zu überlegen, was man selber gegen den Rechtspopulismus, der heute herrscht tun kann,  so daß es nie mehr so weit kommt.

Spannend finde ich, wie schon geschrieben, die Aufarbeitung, es geht ja ganz eindeutig, wie schon am Cover zu sehen, um die Geschichte der Familie des Autors, um die Gräfin Margit Battyani-Thyssen, um seine Großmutter, den Vater, etcetera und dann wird ganz ofen wieder sehr viel dazu gefunden, sich nämlich eine Identität, des jungen SS Mannes, der die Mandels erschoßen hat,  ausgedacht und ihm den Namen Böhme, weil so die Schweier Nachbarn heißen gegeben.

Agnes hat ein Buch über ihre Vergangnheit geschrieben, die Großmutter ein Tagebuch, daß der Vater nach ihrem Tod eigentlich zereißen sollte, was er nicht tat, sondern dem Sohn übergab, der damit seine Vergangenheit aufarbeitete und damit so erfolgreich wurde, daß er sowohl auf die Schwiezer, als auch den öst Buchpreisliste kam.

Ob er den Debutpreis gewinnen wird, ist angesichts der beiden Konkurreten, dem Roman über die prekären Bedingungen einer jungen Germanistin und den über die Mißhandlungen einer jungen Kurdin oder Türkin, schwer zu sagen und wäre für mich auch nicht zu entscheiden, weil man ja bekanntlich Äpfel mit Birnen nicht vergleichen kann.

Die beiden anderen Bücher habe ich auch noch nicht gelesen, nur bei den Ö-Tönen und zuletzt beim „Alpha“, wo ich ganz sicher war, daß Katharina Winkler ihn gewinnen wird, ein Stückchen daraus gehört, aber wie schon gesagt, diese spannende Entscheidung muß ich nicht treffen und, um die Ausgangsfrage zu beantworten:

Natürlich ist man nicht Schuld, an dem was zwanzig dreißig oder fünzig Jahre vor seiner Geburt geschah, aber es gut zu wissen, wie man heute reagieren könnte, um nachher nicht lebenslang Schuldgefühle zu haben, denn die Zeiten sind ja nicht rosig und wenn wir nicht sehr aufpassen, steuern wir vielleicht schon auf die nächste Katastrophe zu.

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