Literaturgefluester

2019-01-17

Oleg Jurjew und Olga Martynova

Filed under: Veranstaltungen — jancak @ 23:16
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Der  1959 in Leningrad geborene Oleg Jurjew von dem ich es, als es die „Fix Poetry- Gewinnspiele“ noch gegeben hat „Von Orten ein Poem“ gewonnen,  ich von ihm auch einen Roman von ihm auf meinem Stapel habe und ich ihm auch einmal in der „Alten Schmiede“ hörte,  ist am 5. Juli 2018 gestorben.

Er war mit der  1962 geborenen Olga Martynova verheiratet, die ich, glaube ich, durch ihren Roman „Sogar Papgeien überleben uns“ 2010 auf der Longlist des dBp gestanden ist, ich habe sie dann in der „Alten Schmiede“ gesehen, als dort die „Manuskripte“ geifert wurden, dann hat sie in Klagenfurt gelesen und Michael Hammerschmid hat sie auch zu seinen Lyrik Festivals eingeladen. Eine  Lesung gab es in der „Alten Schmiede“ zu ihrem dritten Roman auch und beim letzten „Schamrock-Festival“ habe ich sie auch gehört und heute sozusagen eine Gedenklesung.

Zuerst wurde aber Olga  Martynovas Essayband „Über die Dummheit der Stunde“ vorgestellt und von Daniel Terkl eingeleitet.

Darin gibt es, wie er erklärte, einige sehr erzählerische Texte, mit Gottfried Benn und seinen Gedichten fing es an und ging dann über das kollektive zum einsamen Denken und dann gab es ein Gespräch zwischen Olga Martynova, Daniel Terkl und Michael Hammerschmid, der zu Oleg Jurjew überleitete, von dem es inzwischen eine Poem-Reihe gibt und der dritte Band „Von Arten und Weisen“ wurden dann von ihm vorgetragen und kommentiert und der ist sehr interessant beziehungsweise sehr erzählerisch oder sehr originell, „dicht am Absurden“, nannte es Michael Hammerschmid.

Es begann aber auch mit Orten, Leningrad war, glaube ich, der erste, der genannt wurde und zusätzlich wurde immer der Zeitpunkt des Schreibens angegeben, da verbindet ihn glaube ich mit Gerald Bisinger, der seine Gedichte auch oft: „Ich sitze im Zug, trinke Rotwein und denke an Karl August“ begann, obwohl  da die Zeitangabe fehlt und Oleg Jurews Gedichte sind, zugegeben viel fantastischer, wurde da doch zum Beispiel ein Literaturpreis bedichtet, der nur an tote Dichter vergeben wird, Schiller hat ihn gewonnen und holt sich dann sein Preisgeld als Monument, mit dem Totenkopf in der Hand ab, dazu wird der Schlußakkord aus „Don Giovanni“ gespielt.

Sehr absurd und auch sehr eindrucksvoll. Tauben, wie andere Tiere tauchen in den Poemen immer wieder auf und am Schluß gab es noch ein Video über eine Performance, die in Russland standfand, wo man Oleg Jurjew ein Gedicht lesen sieht.

Die „Alte Schmiede“ war sehr voll, mit der dichterischen Prominenz des Landes, Thomas Stangl ist hinten gesessen und wurde von Olga Marytnova angesprochen, Peter Waterhouse neben und Richard Obermayr hinter mir, Christl Greller, deren neuen Gedichtband ich jetzt endlich lesen werde, Teresa Präauer, und und und

Es war ein interessanter Abend, weswegen ich die Donnerstagdemo versäumte, das politische Bewußtsein aber bleibt.

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2017-02-06

Olga Martynovas dritter Roman

Von der 1962 in Russland geborenen Autorin Olga Martynova, die seit 1990 in Deutschland lebt, habe ich, glaube ich, 2010, das erste Mal etwas gehört, als sie mit ihrem Debutroman „Sogar Papageien überleben uns“ auf die Longlist des dBps kam. Das Buch habe ich dann beim „Augustin-Flohmarkt“ gefunden und 2015 gelesen.

2012 hat sie dann den „Bachmannpreis“ gewonnen, dazwischen habe ich sie glaube ich bei einem „Manuskripte-Fest“ in der „Alten Schmiede“ gehört, denn die „Papgeien“ sind ja  bei „Droschl“ erschienen, wie ihr zweiter Roman „Mörickes Schlüsselbein“ 2013.

Dazwischen gab es noch den Gedichtband „Von Tschiwirik und Tschiwirka“, den ich mir einemal bei einem „Morawa-Abverkauf“ kaufte, aber noch lesen muß.

Daraus war sie aber, glaube ich, auch bei der Poliversale, dem Lyrik-Festival in der „Alten Schmiede“, zu hören und jetzt gibt es schon den dritten Roman „Der Engelsherd“, der heute in der „Alten Schmiede“ vorgestellt wurde.

Annalena Stabauer moderierte und zählte in ihrer sehr ausführlichen Einleitung, die drei Erzählstränge auf. Da gibt es ein Journal eines Engelsammlers und dann noch zwei Erzählstränge.

In dem einen geht es, um einen alternden Schriftsteller namens Caspar Waidegger, der mit seiner jungen Freundin Laura Schmitz lebt, der hat aber eine behinderte Tochter namens Marie, die er in einHeim gegeben hat und im dritten Strang schreibt er einen Roman über eine Schauspielerin, die aber eigentlich seine Mutter ist, die im dritten Reich ein behindertes Kind in einem Heim hatte, das dann ein Eutanasieopfer wurde.

Wie das jetzt genau mit den Engeln zusammenhängt, Kurt Neumann nannte es eine metaphysische Ebene, ist mir gar nicht so sehr klar geworden, ich bin da, glaube ich schon viel weltlicher bei den Zusammenhängen zwischen der behinderten Marie und dem behinderten Kind, der Mutter, die ja die Schwester des Dichters sein müßte, hängengeblieben, weil mir das zu sehr zufällig erschienen ist.

Olga Martynaova, die in ihrer Einleitung noch etwas von Zahnschmerzen und daß sie trotzdem nach Wien gekommen wäre, weil sie gerne in der „Alten Schmiede“ liest, erzählte, ist in dem Buch auch ziemlich hin- und hergesprungen und hat dazwischen auch immer viel erzählt, so daß mir klarwurde, daß es eine sehr komplizierte Handlung mit sehr vielen Ebenen und Verschränkungen zu haben scheint.

Es ist auch, um den Unterschied zwischen dem „guten“ und dem kitschigen Roman dabei gegangen und ein wenig läuft man wohl auch in Gefahr, in den Kitsch abzugleiten, wenn man die Eutanasieprogramme des dritten Reiches in Verbindung mit den Engeln bringt, habe ich zwischendurch gedacht, müßte das Buch aber wohl vorher lesen, um eine Aussage darüber machen zu können.

Olga Martynova meinte jedenfalls, daß sie die Engeln, als Erzählstimmen oder als Verbindungsstücke brauchte, um zwischen den Ebenen hin und her zu switchen.

Sie hat dann auch ein Stück von Maries Halbschwester gelesen, die sie besuchte und in dem Heim ein Praktikum machen will, weil sie sich als psychiatrische Krankenschwester ausbilden lassen will.

Da haben wir schon wieder eine neue Ebene und einen Traum, wo Dr. Freud auftaucht, gibt es auch.

Also sehr kompliziert. Olga Martynova erzählte noch etwas von ihren Recherchen zu dem Buch und von den Kinderköpfen in Formaldehyd, meinte sie hätte diese Dinge nicht erfunden und da wären wir ja in der Nähe des Spiegelgrundes und des Schloß Hartheim, aber das Heim in dem sich Marie befindet hat einen anderen Namen.

Wenn ich es recht verstanden habe, ist es das Schloß, in dem auch Hölderlin und noch ein russischer Dichter einmal Patienten waren.

Olga Martynova hat in der Dikussion noch den Bogen zur Sterbehilfe gezogen und ich denke, glaube ich, wie Kurt Neumann, daß das sehr verschiedene Themen sind, aber sicher interessant in einer sehr poetischen Sprache auf die  verschiedenensten Formen von psychischen Leiden, Behinderungen, lebenswerten oder lebensunwerten Leben, etcetera, hingewiesen zu werden.

Wie, das nun mit den Engeln zusammenhängt, verstehe ich noch immer nicht so ganz, dazu müßte ich das Buch erst lesen, vielleicht kommt es einmal zu mir, Kurt Neumann meinte noch daß es eine russische Tradition wäre, sich den schwierigen Themen mit der Metaphorik anzunähern, was ja auch sehr interessant ist.

Noch ein Detail ist mir jetzt eingeallen.- Es gibt da offenbar noch ein Theaterstück das Olga Martynova geschrieben hat, das aber noch nicht aufgeführt wurde, das hat sie jetzt ihrem Dichter in den Mund oder in die Feder gelegt und wollte es zuerst auch am Ende des Buches abdrucken, dann hat sie es sicher aber überlegt und nur darauf hingewiesen.

2015-07-24

Sogar Papageien überleben uns

Weiter geht es mit dem Longlistenlesen, mit der russischen Literatur und um den Bachmannpreis geht es auch.

Die Longlist von 2010 war offenbar ein interessanter Jahrgang mit einigen sehr interessanten Neuentdeckungen und Namen, die ich dort das erste Mal hörte.

So ging es mir mit der 1962 bei Krasnojarsk geborenen Olga Martynova, die 1991 nach Deutschland zog und mit ihrem Mann, dem Lyriker Oleg Jurew in Frankfurt lebt.

Als ihr erster Roman 2010 bei „Droschl“ erschien, sagte mir der Name nichts, aber ich hatte mir damals ein Presseexemplar des Longlistenbüchleins bestellt, so hat er sich mir eingeprägt, dann habe ich die Autorin in der „Alten Schmiede“ gehört,als dort die „Manuskripte“, glaube ich, vorgestellt wurden, 2012 habe ich das Buch mit anderen Leseexemplare, beispielsweise das der Alina Bronsky, der anderen Russin, aber auch den ersten Langenegger, Sudabeh Mohafez „brennt“ und Lisa-Marie Dickreiters „Vom Atmen unterm Wasser“ bei diesen „Augustin Flohmarkt“ gekauft.

Leseexemplare aus der Buchhandlung Jeller höchstwahrscheinlich, zumindest war das beim Lorenz Langenegger so und bei den „Papageien“ ist es das auch, „Leseexemplar Erstverkaufstag 29. Jänner 2010“, steht vorne eingeklebt und hinten klebte ein Pickerl, das auf Anna Jellers Buchhandlung verwies.

2012 hat Olga Martynowa dann den Bachmannpreis gewonnen, ihr zweiter Roman heißt „Mörikes Schlüsselbein“ und den Gedichtband „Von Tschwiirk und Tschwirka“, habe ich einmal bei einem „Morawa-Abverkauf“ gefunden, als ich durch das Geschäft, wie ich das meistens mache, in die „Alte Schmiede“ ging und dort hat sie ein halbes Jahres früher auch den Gedichtband bei der „Poliversale“ vorgestellt.

Eine interessante und sehr sympathisch lächelnde Autorin und ein interessantes Buch, das deutlich zeigt, wie unterschiedlich russisches Schreiben sein kann. Denn Olga Martynova ist sicherlich die lyrischte der drei Autorinnen, die ich in den letzten Wochen gelesen habe.

Das Zitat stammt und das ist auch interessant oder auch nicht, denn Olga Martynova ist ja Germanistin von Joseph Roth und die Handlung des Buchs, Roman steht unter dem Titel und wahrscheinlich ist es auch ein sehr lyrischer, wird im Klappentext in einigen Sätzen, was dann das ganze Buch ausnimmt, so beschrieben:

„Marina stammt aus Petersburg und ist zu Besuch in Deutschland, wo sie bei einem Kongress über Daniil Charms und seinen Freundeskreis spricht. Außerdem ist da ein Mann, der in Leningrad Russisch studierte und mit dem sie damals, vor 20 Jahren, eine Liebesgeschichte erlebte.“

Das wird dann in sieben Teilen mit jeweils mehreren Kapiteln, die interessante Überschriften, wie „Der Zeifluss, das Zeitweib, die Bergvogelfrauen“ „Schuhschnabel in den Ruinen von Berlin“ oder „Deutsche Kaffeemaschine“ sehr lyrisch erzählt.

Dabei geht es in die Vergangenheit. Von Petersbrug nach Leningrad, beispielsweise oder sogar ins 5. Jhd vor Chr. Jedenfalls stehen vor den Kapitel jeweils immer die gleichen Jahreszahlen, bis ins Jahr 2006, wo das Buch wahrscheinlich geschrieben wurde und die Zahl in dem das Kapitel spielt ist dann fettumrandet.

Das habe ich nicht gleich begriffen, mir später aber so gedeutet und nun geht es zu den Kongreß über Daniil Charms, geht zu den Hotelfrühstücken, geht aber auch, in die jüdische Vergangenheit oder zur Verfolgung der Juden unter Stalin. Mit dem Geliebten geht die Ich-Erzählerin in den Zoo von Leningrad aber auch in den von Berlin und erzählt schöne Geschichten und die läßt sie sich auch von ihren Studenten, denen sie beispielsweise eine Textstelle von Wilhelm Genanzino gibt und darauf vertrauend, daß die studenten den Originaltext nicht kennen, die Geschichte weiterschreiben und nach dem originellsten Einfall forscht.

Es geht aber auch um den „Weihnachtsschmuck zu  Silvester“, um den deutschen Kaffee, um Singer Nähmaschinen und um viele schöne Bilder und Metapher mit denen wie im Klappentext und im Nachwort steht, das „zwanzigste Jahrhundert in einem ungewöhnlichen Bilderbogen erzählt wird.

So kommt die Belagerung Leningrads an Hand der Katzenfelle von Antonias Großmutter vor, ebenso wird die Geschichte der Potemkinischen Dörfer neu erzählt und während man bei der Tagung über die Bachmann Juroren schimpft, der Dichter Fodor, der schon fünf Jahre keine Gedichte mehr geschrieben hat, eine Rolle spielt und Marina von ihren Reisen nach Sibirien und Rom erzählt, geht es immer wieder in die Literatur in die von Joseph Roth und auch in die von Thomas Bernhard.

„In der Joseph Roth Diele in der Potsdamerstraße, zitiert Marina aus einem der Roth Bücher das titelgebende Zitat  und beginnt Hand zu lesen „im bräunlichen Licht der Joseph Roth Diele, das antiquarisch schien, als hätte man die geräucherte und von Kaffeedünsten getränkte Luft des alten Wien in Plastiktüten hierher gebracht und über den Schachbrettboden gestreut, kakanische Luft,wie sie in der Literatur beschrieben wurde, wer weiß wie und ob sie tatsächlich so war“, wunderschöne lyrische Prosa Skizzen, die dieses Jahrhundert und den Sprung von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück nacherzählen.

Sprachräusche, die auch die Geschichte erfassen, die Realität der Leningrader Belagerung, das Entsetzen der wenigen überlebenden Juden aus der Ukraine und das, was die Realistin in der Literatur sucht und selber vielleicht doch nicht so gut kann.

„In einem Roman“, so lauten auch die letzten Sätze „wird das Leben beschrieben, da läuft angeblich die Zeit, aber sie hat nichts gemeines mit der wirklichen Zeit, da gibt es keine Ablösung des Tages durch die Nacht, da entsinnt man sich spielerisch beinah des ganzen Lebens, während du dich in der Wirklichkeit kaum an den gestrigen Tag erinnern kannst.

Der einzige seinem Prinzip nach richtige Roman ist von mir. Aber er ist schlecht geschrieben.“

Das glaube ich nun nicht und bin auf auf den zweiten Roman, den ich erst finden muß und den Gedichtband sehr gespannt.

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