Literaturgefluester

2019-10-05

Brüder

Buch neun des deutschen Buchpreises und das vierte das auf der Shortlist steht, ist das der 1972 in Leipzig geborenen und Berlin aufgewachsenen Jackie Thomae, die 2017 beim Bachmannpreis gelesen hat und es ist ein sehr verwirrendes Buch, das, glaube ich, nicht hält, was der Klappentext verspricht, zumindest könnte man sich etwas anderes darunter vorstellen.

Es geht, wie schon der Name sagt, um zwei Brüder, um Mick und Gabriel beide 1970 in Ostberlin geboren, aber von zwei verschwiedenen Müttern, Monika und Gabriele, der Vater Idris, ein Senegalese, der um Medizin zu studieren, in die DDR kam, ist derselbe.

Als er mit dem Studium fertig war, ist er wieder nach Afrika zurückgeflogen, wurde dort als Zahnarzt oder Kieferchirurg erfolgreich und das Buch erzählt mit einigen Intermezzis und Epilogen zwei verschiedene Geschichten, die von Michael und Gabriel, in denen unzählige Themen behandelt werden und die munter von vorn nach hinten und wieder zurück in der Biografie der jeweiligen Protagonisten springen.

Daß beide einen schwarzen Vater haben, den sie nie oder erst als Erwachsene kennenlernen, ist nur ein Teil des Roman, um Rassismus und Diskriminierung geht es auch, aber auch um Eßstörungen, um prekäre Verhältnisse und wahrscheinlich noch, um hunderttausend andere Dinge, die das Lesen schwer machen und  mich den Zusammenhalt, die Struktur, die mir ja immer sehr wichtig ist, vermissen ließen.

Mick wird als eher haltloser Mensch geschildert, er ist mit seiner Mutter Monika, eine progressive lockere Seele, früh nach Westberlin gegangen, hat eine Zimmermannlehre abgebrochen, dann mit einem Freund und seiner Freundin Delia Drogen geschmuggelt, später hatte er einen Club, der aber nicht steuerlich angemeldet war und am Schluß des ersten Teiles wird er von seiner Freundin noch verlassen.

Dann kommt ein Intermezzi nämlich die Europareise von Idris und dann wird im zweiten längeren Teil von Gabriel erzählt, der mit seiner Frau Fleur und seinem Sohn Albert in London lebt.

Er ist ein erfolgreicher Architekt, hat aber ein Burnout und Schlaftprobleme. Am Anfang seines Teiles wird er auch in eine Me too Geschichte verwickelt, die eigentlich keine ist. Er begegnet auf der Straße einer seiner Studentinnen, deren Hund sein Fahrrad bescheißt uind die sich dann weigert den Dreck wegzumachen. So wird er wütend und schmiert die Scheiße auf ihre Perücke. Sie erkennt ihn und holt die Polizei, so daß er sich rechtfertigen muß.

Daran sieht man ganz schön, wie das Buch, das für mich kein richtige Roman ist, tickt.

Dann geht es auch von hinten nach vorn in Gabriels Leben, zu seinen ostdeutschen Großvater, zu seiner Mutter die gestorben ist, als er sieben war, zu seiner Frau Fleur, die in Afrika aufgewachsen ist, obwohl sie eine Weiße ist und zum Sohn Albert, der auch seine Pubertätsprobleme hat.

Am Schluß des Buches, den sogenannten Epilog, holt Idris Mick dann vom Flughafen ab. Er hat versucht mit beiden seiner Söhne Kontakt aufzunehmen, uneheliche Töchter gibt es auch noch,  Gabriel hat sich aber geweigert zu kommen.

So kommt nur Albert, um seinen Großvater kennenzulernen und die Leserin bleibt etwas ratlos zurück, denkt, daß sie das Buch wohl auch nicht auf die Shortlist getan hätte, weil es zwar viele Probleme anschneidet aber höchstwahrscheinlich nichts wirklich durcherzählt, aber eigentlich die ziemliche Beziehungslosigkeit unserer heutigen Zeit schildert.

2018-09-25

Mit der Faust in die Welt schlagen

Filed under: Bücher — jancak @ 08:35
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Jetzt geht es gleich weiter mit den Debuts und den jungen Männern, die sich mit dem Osten Deutschlands und den Zuständen auf dieser Welt beschäftigen.

Das Buch des 1994 in Ostsachsen geborenen Lukas Rieztschel, der jetzt in Görltiz lebt, was ein weiterer Verbindungsstrang zu „Amerika“ ist, denn Alfreds Tante Edith, war dort Zanärztin, bis sie kurz vor der Wende endlich ausreisen konnte und wir haben sie dort auch 1985 noch in der tiefsten DDR mit der kleinen Anna besucht, ist für den „Aspekte-Literaturpreis nominiert, steht auch auf der „Blogger-Debutliste“ und hat, obwohl es schon seit Juni in meinem Badezimmer liegt und ich ein zweites Exemplar auch im Juni in den „Wortschatz“ legte, durch die Eregnisse in Chemnitz eine besondere Aktualität bekommen, denn ich denke auch, daß das was da beschrieben wird, sehr viel erklärt.

Jan Brandt und Thomas Winkler, der ja mit „Hool“ vor zwei Jahren auf der „Shortlist“ stand haben Texte auf den Buchrücken geschrieben und der „Ullstein-Verleger“ Gunnar Cynybulk, erklärt auf der ersten Seite von mir fast übersehen, warum das Debut nach Ingo Schulzes „Simples Story“, Dürs Grünbein und Wolfgang Hilbig ein wichtiges Buch ist und ich denke, da hat er von Chemitz noch nichts wissen können, was das Buch, das derzeit auf den Blogs auch sehr besprochen wird, mit Sicherheit  noch ein bißchen gepusht hat, denn ich denke, man sollte es lesen, um das, was in Deutschland da passiert vielleicht noch ein bißchen besser zu verstehen.

Es hat drei Teile und spielt in den Jahren 2000-2006 und dann von 2013 bis 2015, also lange nach der Wende und 2000 sind die Brüder Tobi und Phillipp, die mit ihren Eltern in dem, glaube ich, fiktiven Dörfchen Neschwitz leben,  kleine Kinder. Der eine geht schon in die Schule, der andere kommt gerade dorthin und die Eltern der Vater Elektriker, die Mutter Krankenschwester haben gerade ihr neues Haus bezogen, also den sozialen Aufstieg in der neuen schönen Zeit begonnen.

Es gibt einen Freund und Arbeitskollegen, der beim Bauen hilft, von dem munkelt man, daß er bei der Stasi war, er wird dann später ertrunken in der Steingrube gefunden, die Frau hat ihn verlassen und der kleine Tobi kommt in die Schule, der ältere Brunder will für ihn einen Vulkan auf die Garage malen, die anderen Kinder übermalen ihn aber mit Zustimmung der Lehrerin und Phillip sagt dem Bruder einmal, daß er ihn vor der Gewalt der anderen Kinder nicht schützen kann oder will.

Es gibt eine für mich berührende Stelle, wo es um die Weihnachtsgeschenke geht. Da malt und bastelt man ja immer in der Schule, was für die Eltern und die Kinder wissen längst, daß die das nicht interssiert und die selbstgemalten Bildchen niemals aufgehängt werden.

So beginnt der kleine Tobi seine Tannenzapfen zu zertreten. Es gibt Nachbarn, Andreas und Kathrin mit einem Hund im Zwinger und einem großen Haus, von denen man sich fragt, wie die sich das leisten können?

Später zieht der Vater zu Kathrin und die Mutter scheint in eine Depression zu verfallen. Es gibt Großeltern, bei denen die Buben sehr viel Zeit verbringen. Es werden Feste gefeiert und als der Großvater stirbt beginnt sich etwas zu verändern und dann noch viel mehr, als die vielen Ausländer kommen, während der Staat für das eigene Volk nichts tut, überall eingespart wird, die Schulen zusammengelegt werden, so daß die Kinder immer länger mit den den Schulbus fahren müssen und es in dem Dorf keinen Bäcker etcetera mehr gibt.

„Integriert uns“, heißt, glaube ich ein anderes Buch, in dem man das auch nachlesen kann.

Und in Österreich stehen in den Dörfer auch die Geschäfte und die Bahnhöfe leer, wie auch die Sprachspielerin Andrea Winkler so treffend beschreibt.

Es gibt aber die Dorffeste und das sogenannte „Hexenfeuer“, da wird Bier getrunken und Bratwurst gegessen und auf einen Stein wird ein  Hakenkreuz gemalt.

Wer war das? Da gibt es den Menzel, das ist sozusagen der Anführer der Jungen und ein Verwandter von dem Uwe, der in dem Dorf gefehndet war, den Felix, der später drogensüchtig wird, den schwulen Christiph, den Ramon und einen, der sich an den Energieriegeln, die sein Vater verkauft in die Fettleibigkeit frißt.

Das übliche Dorf- und Kleinstadtgeschehen halt. Bei „Amazon“ habe ich glesen, daß das nicht nur den Osten, sondern Kandl genauso betrifft. Stimmt wahrscheinlich, aber im Osten ist die Wut wahrscheinlich größer und leichter auszumachen und Lukas Rietzschel erzählt das alles sehr abgehackt und nicht immer so einfach zu verstehen in kurzen Episoden, bis zum vorläufigen Ende, wo es schon die Demonstrationen und die Pegida gibt.

Die Mutter ist mit Tobi in eine Wohnung in einen Plattenbau gegenüber der Großmutter gezogen, die verkauft den Garten, um den sich niemand kümmert, an eine syrische Familie, was Tobis Wut erregt, so daß  der Satz fällt:

„Und dann will ich auf alles einschlagen, richtig rein mit der Faust, bis alles blutet. Der ganze Mist, den einfach keiner raffft“, was aber vermutlich auch nichts löst, sondern, wie man in echt sehen kann, nur alles schlimmer macht.

Thilo Sarrazin kommt vor.

„Dumme Menschen und Ausländer pflanzen sich schneller fort als normae und überhaupt Deutschen. Seit Sarrazin komnte das jeder lesen“.

„Gutmenschen und die Ausländerfreunde“ werden zitiert.

Philipp zieht sich in sich und wahrscheinlich auch in eine Depression zurück. Es ist ihm alles egal. Er nimmt den besseren Job, den er geboten bekommen hat nicht an. Seine Freundin hat er, weil die sich um ihre Mutter kümmern mußte, verlassen und Tobi geht mit Ramon und Menzel auf das Feuerwehrfest und schlägt dort mit voller Wut die Ausländer nieder und bleibt beziehungsweise einer seiner Freunde dann mit einer verletzen Hand zurück.

Ein wichtiges Buch von einem sehr jungen Mann sehr eindrucksvoll und lakonisch in kurzen knappen Absätzen, die nur beschreiben und nichts erklären, erzählt, das man lesen und darüber nachdenken sollte.

Die eine und die andere Seite sollte sich, denke ich dafür interessieren. Ein Buch für den Uli  und all die anderen, die sich fragen, wie das in Chemnitz passieren konnte und ob das dort alles Nazis sind?

Es sind frustrierte wütende Menschen, die sich allein gelassen fühlen, denke ich und die wahrscheinlich ähnlich wie Tobi und Phililpp in gar nicht so schlechten materiellen Verhältnissen aufgewachsen sind.

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