Literaturgefluester

2018-08-07

Als die Kirche den Fluß überquerte

Jetzt kommt wieder etwas Neues, am ersten August erschienen und schon der zweite Roman, der 1988 in Bratislava geborenen Didi Drobna, die seit 1991 in Wien lebt und auch Sprachkunst studierte. Der Erste „Zwischen Schaumstoff“erschien 2014 in der „Edition Exil“, Preisträgerin oder Finalistin von „Wartholz“ war sie, glaube ich, auch.

„Als die Kirche den Fluß überquerte“, was hat dieser Titel, der erstmals absurd scheint und aufmerksam macht, zu bedeuten? Es ist eine Metapher für das Leben, beziehungsweise für die Veränderungen durch Krankheit und Tod, die eine ist die Mutter, die geht oder Alzheimer bekommt, der zweite, der Sohn, der überbleibt und die Geschichte erzählen muß.

Der heißt Daniel, ist etwa zwanzig und alles fängt mit einem Urlaub an, danach trennen sich die Eltern, was den Sohn offenbar in tiefe Verwirrung stürzt. Er fühlt sich für den Zusammenhalt der Familie verantwortlich, verliebt sich in die Schwester Laura, die schon in einer Bank arbeitet. Es kommt zu einer etwas verwackelten Inzestszene im Suff und die darauffolgenden Ohrfeigen, Auszug zum Vater und schon wieder Trennung.

Inzest ist ein Tabuthebma, das eigentlich nur selten angesprochen und beschrieben wird, obwohl es in Zeiten von Kondomen, Abtreibungen und Pille, meiner Meinung nach keines mehr sein bräuchte.

Am Anfang hat das Buch mich verwirrt, beziehungsweise mir nicht sehr gefallen und es wäre wieder ein Beweis dafür, daß man den Wert eines Buches nicht erkennt, wenn man es nach fünf Minuten mit den Worten „Mist, ich lasse mir meine Zeit nicht stehlen!“, zur Seite schmeißt. Denn da war mir dieser Daniel zu unsympathisch und Didi Drobna zu lustig, der zweite Tilmann Rammstedt habe ich getdacht, dessen aufgesetzte Lustigkeit und heitere Nonsenseschreiben mir auch nicht gefällt.

Dann, als die Mutter aber Parkinson und Alzheimer noch dazu bekommt, wird das Buch berührend und ich denke, es ist nicht nur etwas für junge Leute, die sich über diese Coming out Comic der Zwanzigjährigen amüsieren und es würde mich nicht wundern, wenn Didi Drobna, das bei einem Großvater oder Großmutter  selbst erlebt hätte? Wenn es die Mutter gewesen wäre, wäre es besonders tragisch. Und das kann ich nachvollziehen und scheint, die ich mich ja sowohl persönlich, als auch beruflich mit diesem Thema beschäftigt habe, auch fachlich zu stimmen, obwohl so ganz wieder doch nicht.

Denn die Mutter wird ja, als es dem Sohn, als der zuerst einmal die Pflege übernimmt, von zwei vierundzwanhzig Stunden Heimhilfen, die sich abwechseln betreut. Als die Mutter dann doch einmal abbüchst, weil der Sohn nicht ausgehalten hat, daß sie Stundenlang „Ich darf die Himbeeren erst essen,wenn…..!“  und sie dann auf ihr entschuldigendes „Ich bin noch nicht ganz senil!“, ein empörtes „Doch bist du!“, ins Gesicht geschrieen hat, kommt der Vater, der ja eigentlich ausgezogen ist, auch das ist unlogisch, um sie zu suchen und sie rufen die Betreuerinnen an, ob die wissen, wo sie ist? Aber die eine sitzt wahrscheinlich in der Slowakei bei ihrem Kind und ihrer Mutter und die andere sollte eigentlich im Haus und dabei gewesen sein.

Es gibt neben dem meiner Meinung nach wirklich sehr berührenden und lesenswerten Stellen, aber noch vieles anderes in dem Buch. So erscheint mir diese plötzliche Trennung der Eltern, Erstens nicht wirklich nachvollziehbar und Zweitens reißt es die Kinder, wie Christine Nöstlinger und Vera Ferra- Mikura zeigten oft empfindlich durcheinander. Ein Achtzehnjähriger wird aber wahrscheinlich drüber stehen und an die Mädchen denken, die er noch verführen will und da gibt es  auch noch einige so aufgesetzt komische Szenen in dem Buch, wie die, wo alle Schüler zu Schulanfang in die Kirche gehen und Daniel ist gerade, noch bevor er sich in seine Schwester verliebt, in eine schöne Zugezogene vernarrt, die er dann beim Knutschen mit einem anderen erwischt und laut durch den Kirchensaal :“Sie wird geleckt verdammt!“, schreit, dann nach Hause in den Garten rennt und sich am Apfelbaum aufhängen möchte, nur leider hat er das Seil zu schlampig geknöpft „Ich stöhnte, sogar zum Sterben war ich zu blöd!“, so daß er von der herbeieilenden Schwester gerettet wird.

Es gibt noch so eine wahnsinnig komische Szene mit einem Pfarrer. Denn er wird, das Buch erzählt, sowohl von der Gegenwart, als auch von der Vergangenheit, als er, weil er nicht singen möchte, in Religion nur eine „zwei“ bekommt, von der katholischen Großmutter Sonja zum Nachhilfeunterricht beim Pfarrer verdammt, der ist einerseits ein frommer strenger Mann, andererseits ist er leger und trägt Jeans und läßt von der Haushälterin auch Tee und kleine Brötchen servieren.

Daniel rinnt das Wasser im Mund zusammen, nur leider weiß er nicht, wie er sie essen soll. Der Pfarrer macht es ihm nicht vor. So wartet er, bis der von einem Gläubigen, ein Kuvert mit Geld für den Kirchenbau in die Hand gedrückt bekommt, stopft die Brötchen in sich hinein, kann sie dann aber nicht schnell genug hinunterschlucken, so daß er sie dem Pfarrer am Ende ins Gesicht spukt.

Das führt zu einem Lachanfall der Eltern, wie in dem Buch, wie ich anmerken kann, überhaupt viel gelacht wird, denn als die Eltern heiraten, werden beide vorher von Großcousine Miriam, einer Bildhauerin, bei der Daniel später als Praktikant unterkommt, aufgefordert das nicht zu tun, sie biete ihnen viel Geld dafür und als beide das empört ablehnen und sich die Geschichten gegenseitig erzählen, fangen sie auch schallend zu lachen an.

Nun ja, später haben sie sich wieder getrennt oder doch nicht so ganz. Die Schwester in die Daniel sich verliebt und einen Wutanfall bekommt, als er sie im Bett eines Prakitanten findet und dessen Skulpturen betrunken zerstört, entwickelt eine Magersucht oder eine Gastritis, ißt nichts und kotzt alles aus sich heraus, denn das Leben und das Aufwachsen, das Coming in Age, ist hart und grausam.

Wir wissen es und können es inzwischen in unzähligen Büchern von Sprachkunstabsolventen nachlesen und ich habe manchmal gedacht, daß ich vielleicht zu alt für das Buch bin. Dann war ich aber vor allem von den Alzheimerstellen wieder sehr beeindruckt und kann das Buch wahrscheinlich auch älteren Lesern empfehlen. Im Herbst wird es auch im Wiener Literaturhaus vorgestellt.

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