Literaturgefluester

2018-04-30

Still leben

Filed under: Bücher — jancak @ 00:51
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Was jetzt kommt ist, glaube ich, ohne jeden Zweifel ein Personal Essay. Die Literaturkritik und die Verlagswelt tut sich ja recht schwer mit den Begriffen oder den Workshoparten, die man beispielsweise bei den „Open days“  des „Writersstudios“ lernen kann.

Da ist alles ein Roman und ein Debut, damit man es besser verkaufen kann, obwohl „Still leben“ der 1984 deutschen Autorin, Antonia Baums, die ich vom „Bachmann-Lesen“ kennen,  wurde, glaube ich, in „Leipzig“ als Essayband vorgestellt und es hat ein sehr interessantes Thema, geht es doch auf der einen Seite, um die prekären Verhältnisse der dreißigjährigen Akademikerinnen der deutschen Mittelschicht und auf der anderen um die „Mutterschaft“.

„Aha!“, könnte man jetzt sagen und etwas verwirrt schauen.

„Wie passt das denn zusammen?“

Ich tue es nicht, habe ich doch in letzter Zeit einige Klientinen die um die Dreißig sind, gerade in Instituten  oder  Büros zu arbeiten beeginnen und entweder von ihren Nichten und Neffen oder den Kinderbegrüßungsparties ihrer Freundinnen oder schon von den eigenen Kindern erzählen, die sie jeden Morgen sich abhetzend in den Kindergarten bringen.

Auf noch einer anderen Seite höre ich von den meist sehr gepflegten schönen blonden  Identitärinnen, wie sehr die Frau von heute angeblich unter den von ihren Müttern aufgezwungenen falschen Feminismus leiden würde, der ihnen vorschwätzte auf jeden Fall zu studieren und auf keinen Fall ein Kind zu bekommen und, die unter diesen Vorgaben, wie sie meinen, totunglücklich wären.

Die meisten dieser jungen Frauen haben zwar noch keine Kinder und versucht mal eine ein unruhiges Zweijähriges zu beruhigen, regen sich prompt die männlichen Identitären darüber auf und die sechunddreißigjährige Antonia Baum oder ihre Ich-erzählerin steht am Fenster,  starrt in die Leere und denkt „Ich will ein Mann sein!“

„Aha!“, könnte man jetzt denken, wenn man nichts darüber weiß, daß das ein Personal Essay über die Mutterschaft ist, „es geht, um das ebenfalls sehr moderne Transthema!“

Aber nein, die Erzählerin ist schwanger oder hat gerade ein Kind geboren und denkt darüber nach, wie dieses ihr Leben verändert wird?

Sie ist über dreißíg, hat studiert oder offenbar beim „Bachmann-Preis“ gelesen und schon ein paar Bücher geschrieben. Steht also auf der einen Seite des möglicherweisen Berlins, wo man hinausgehen kann in die hippen Geschäfte, wo es die Markenkleider zu kaufen gibt, die einen sofort von denen in no name Billigklamotten Gekleideten unterscheidet und die, merke ich kritisch an, wahrscheinlich in der gleichen Fabrik in Bangladesh von hungrigen chancenlosen Kindern erzeugt wurden.

Aber das ist nicht das Thema des Buches, sondern die Frage, wie sehr Mutterschaft eine verändern kann und was sie damit auf sich nimmt, denn es gehört ja zu den Aufgaben der Frauen, sich um ihre Kinder zu kümmern und Annika Bühnemann von „Vom Schreiben leben.de“, deren Schreibtipps ich ja sehr intensiv verfolge, hat vor drei Monaten auch ein Kind geboren und postet jetzt zwar auch noch Videos über die häufigsten Anfangsfehler der Autoren, aber auch jede Woche eines, wo sie sich beispielsweise darüber beklagt, daß man nicht zum Schlafen, kommt, wenn die kleine Maus die ganze Nacht lang durchschreit und man weiß nicht wieso.

Mutterschaft ist aber etwas, was zum Leben einer Frau dazugehört und, daß etwas fehlt, wenn man diese Erfahrung nicht gemacht hat, ist auch ein Satz den Antonia Baum gleich am Anfang ihres Essysband schreibt und ich habe diese Erfahrung vor vetzt schon mehr als fünfunddreißig Jahren auch gemacht.

Da gab es noch keine prekären Arbeitsverhältnisse, zumindest haben sie nicht so geheißen. Ich war gerade mit meinem Studium fertig, hatte das Akademikertrainig hinter mich gebracht und ein Inserat im „Falter“ aufgegeben: „Habe viel Erfahrung im Alleineleben und möchte jetzt eine Zweierbeziehungs ausprobieren!“

Aber eigentlich habe ich gewußt, ich will ein Kind. Als ich dann Dreißig wurde, war ich, Vertragsassistentin an der II  HNO-Klinik, schon schwanger und habe das nicht bereut, während sich Antonia Baum die Frage stellte, ob sie das dann mit dem schreienden Kind am Bauch  am Hinausgehen in die schicke Hipsterwelt vielleicht bereuen würde, denn Antonia Baum lebt mit ihrem Freund vielleicht aus Kostengründen in einem der Multikultihäuser, die die Identäten auch nicht haben wollen, schaut in die Nacht, hört auf die Geräusche und überlegt, daß sie die meisten ihrer Nachbarn gar nicht oder höchstens nur vom Sehen kennt.

Als Antonia Baum erfährt, daß sie schwanger ist, ist sie mit ihrem Freund in Israel, der ihr voll die Entscheidung überläßt, wie sie mit dieser Tatsache umgehen will, was sie vielleicht auch überfordert.

Wieder zurückgekommen, steht sie erneut am Fenster ihrer Wohnung, die Nachrichten von dem Terroranschlag in Paris am fünfzehnten November 2015 fällt in die Zeit ihrer Schwangerschaft. Ebenfalls die Ereignisse in Köln in der anschließenden Silvesternacht, was das Ich -Bild der Erzählerin sehr durcheinander bringt. So gesehen ist das Buch sehr poltisch, obwohl man auf dem ersten Blick gar nicht denken würde, daß es das ist. Vielleicht politischer sogar als Olga Flors Essayband.

Sie sucht weiter die hippen Orten ihrer Umgebung, beispielsweise ein Yogastudi für Schwangere auf, wo sie die gepflegten Mittelschichtschwangeren ein wenig verwirrend. Verwirrend sind vielleicht auch die Leute die auf ihren Bauch starren oder darauf greifen und ihr gute Ratschläge geben.

Klinik oder Geburtshaus wäre eine solche Frage? Die Hausgeburt für die mich  entschieden habe, kommt, glaube ich, in ihren Überlegungen nicht vor. Dafür aber die Frage, die ich ebenfalls hatte, wie das dann mit dem Schreiben werden wird?

Für mich war das in der Phase vor und nach der Geburt etwas schwierig, in dem Text „Poesie und Brotberuf“ im „Poldis Galeriecafe“ vorgetragen, habe ich das thematisiert.

Bettina Balaka, die mit mir gelesen hat, hat damals gesagt, sie hatte als Alleinerzieher keine Wahl gehabt, sie mußte schreiben, ob sie wollte oder nicht. Antonia Baum schreibt, glaube ich, einen Roman prophylaktisch voraus, der wie sie gleich erwähnt, nie fertig wird.

Dann kommt meiner Meinung nach ein eher klischeehafter Excurs über die Benachteiligung der Frauen im Literaturbetrieb. Hier zählt Antonia Baum nur drei weibliche Autorennamen auf, als hätte sie noch etwas von Elfriede Jelinek, Herta Müller, Marlene Streeruwitz etcetera gehört und würden alle anderen weiblichen Schreiberinnen „Herzchen- oder Mami-Romane“ schreiben, was meiner Sicht nach nicht stimmt.

Das Baby wird geboren. Antonia Baum verbringt die erste Nacht es anzusehen. Dann bricht die Härte der Mutterschaft über sie herein. Sie muß es stillen, denn ihrer Meinung nach würde sie von den Still-Blogs und der Still-Maffia gesteinigt werden, wenn sie es nicht täten. Dazu passt dann gleich die Nazi-Ideologie, von der der Stillkult vielleicht kommt und Johanna Haarers „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ wird zitiert, das unter modizierten Namen bis in die Siebzigerjahre oder sogar Neunzigerjahre verkauft und verlegt wurde.

Antonia Baum bleibt das erste halbe Jahr zu Hause und das, was dann kommt, kann man vielleicht mit einer Still- Depression vergleichen, obwohl das Wort nicht erwähnt wird.

Es bleibt die Angst, die die Famlie lebt ja in einem eher Abbruchhaus, wenn ich es richtig verstanden habe, mit komischen Bewohnern, die wahrscheinlich, die AfD wählen und psychische Probleme haben. Jedenfalls gibt es da einen Mann, der ständig „Heil Hitler!“ aus dem Fenster schreit. Die Psychiater werden jetzt vermuten, er leide an einem „Tourette-Syndrom“. Er laubert aber auch Antonia Baum und ihrem Freund auf, als die mit ihrem Baby von der Klinik nach Hause kommen, stellt sich vor sie hin und sagt „Aha!“

Später läutet er mit einem Essensrest an seinen Zähnen an Antonia Baums Tür, die sie erschrocken verschließt und mit Freund und Anwalt überlegt ob sie die Polizei rufen soll?

Da klingeln bei mir die Alarmglocken und ich denke „Uje, wenn so das Mobbing oder Stalking beginnt!“

Wäre es vielleicht nicht besser mit dem Mann zu reden, als gleich die Polizei zu holen oder zu überlegen, sich vielleicht ein andere, „bessere“, schreibt Antona Baum, Wohngegen zu suchen, was auch überlegt wird, aber so schnell findet man keine andere Wohnung.

Also bleibt Antonia Baum das erste halbe Jahr vorwiegend zu Hause, zieht sich von der Gesellschaft zurück, wodurch die Decke übern Kopf wahrscheinlich auch nicht kleiner wird. Denn als sie mal mit dem Babya aus dem Haus wollte, fing es prompt zu schreien an. Die junge Mutter konnte es nicht beruhigen und das Fenster öffnete sich und ein Frau schaut heraus und fing an sie zu beschimpüfen, weil sie durch das Geschrei gestört wurde Interessant, daß sich auch Antonia Baum durch den schreienden Mann gestört fühlte.

Excurse über die Benachteiligung von Mann und Frau folgen. Wer ist für die Hausarbeit zuständig? Gibt es da einen Hausarbeits- oder Müttergen? Wahrscheinlich nicht. Aber es gibt die Möglichkeit eine Putzfrau zu engagieren, die aus dem Osten kommt, eigentlich Biologie studierte, auch nicht gerne putzt, für Geld macht man aber alles. Was Antonia Baum auch mit schlechten Gewissen auch tut, während sie nach dem halben Mütterjahr vier Stunden täglich aus dem Haus geht und an dem Buch zu schreiben beginnt, nicht ohne zu betonen, daß sie ihr Baby selbstverständlich liebt und nur das erste halbe Jahr allein zu Haus sehr anstrengend oder fürchterlich war, was mich jetzt wieder ein bißchen an Thomas Bernhard, beziehungsweise an seinen Schreibstil erinnert.

Sie geht dann in eine Krabbelgruppe, wo die andereren hippen Akademiker- oder Mittelschichtmütter mit ihren Fair trade Markenklamotten hingehen und ist dort auch nicht glücklich, weil die alle kindische Babylieder singen und mit ihr sprechen, als ob sie auch ein solches wäre.

Dann werden  Zeitungsartikel, auch die von „Spiegel“, „Zeit“, etcetera nach ihren Aussagen über Mütter untersucht und uje, die machen entweder zu viel oder gar nicht für ihre Pxvpension, arbeiten zu viel oder gar nicht, trinken Latte Macchiatto oder gehen nie aus dem Haus, etcetera, etcetera.

Die neue Wohnung wird Realität, Antonia Baum, ihr Freund und ihr Baby können zuück jenseits der Grenze in die schicke oder vielleicht auch nicht so tolle Mittelschichtwelt.

Vorher werden sie noch von einer netten Polizistin zu dem Mann befragt. Denn inzwischen hat es nicht nur den Anschlag am Berliner Weihnachtsmarkt gegeben, sondern es wurde auch ein Jugendzentrum in der Nähe angezündet und der Mann wurde kurz davor gesehen.

„Was geschieht mit ihm?“, fragt Antonia Baum die Polizistin, die zuckt die Achseln und antwortet „daß er vielleicht in eine Einrichtung komme oder ins Gefängnis oder auf Bewährung, sie könne es nicht sage, sie wisse es nicht“ und nur das Protokoll aufnehmen füge ich hinzu.

Antonia Baum zieht also weg. Detail dam Rande, daß kurz danach das Haus einen neuen Eigentümer bekommt, der alles aufreißen läßt, die alten Mieter hinausekelt und die neuen für das nun schöne hippe Haus wahrscheinlich höhere Mieten zahlen läßt, was ich auch für keine Lösung halte.

Antonia Baum resumiert aber weiter über die Mutterschaft, zitiert Studien dazu und schließt mit den Worten „Nein, das Problem ist nicht das Kind. Das Problem liegt in dem Versuch, das Kind zusammenzubringen mit den Ideen, Erdornissen und Sachzwängen eines modernen Erwachsenenlebens, wie es sich die Erwachsenen gemacht haben.“

Und ich habe ein sehr interessantes Buch gelesen, dessen scharfer Ton und Antonia Baums starke Distanzierung von ihrem Kind ,das sie machnmal auch als „Baby-dings“ bezeichnet und von „Schweine-Müttern“ spricht, mich manchmal überraschten und das Buch vielleicht auf dem ersten Blick unsympathisch machen, wie man auch bei „Amazon“ finden kann.

Auf dem Zweiten ist es dann sehr politisch und da haben mich die Einschübe mit dem Mann, den ich ganz ehrlich für einen armen Teufel halte und mit dem ich reden würde, statt mich hinter meiner Tür zu verbunkern, am meisten interessiert, weil das das Lesen auch sehr spannend machte und ich mir die ganze Zeit dachte, was passiert mit ihm? Werden sie sich am Ende zum Tee treffen und er vielleicht mit dem Kind spielen oder etwas für es basteln?

Aber ich weiß schon, daß das zu kitschig wäre und in Zeiten, wie diesen vielleicht nicht möglich, weil er ja auch „Heil Hitler!“ schreit und wenn überhaupt, vielleicht die „AfD“ wählt und Antonia Baums Angst vor der Still-Maffia erscheint mir zu Bernhardesk übertrieben oder wird man in Deutschland wirklich angezeigt, weil man sein Kind nicht stillt? Vielleicht schon eher, wenn man es nicht gegen Masern impfen läßt, aber da ist ja Antonia Baum eher gegen die Impfgegener, wenn ich das richtig verstanden habe.

Sie hat auch im Leipzig auf dem „Blauen Sofa“ gelesen oder über das Buch diskutiert. Da bin ich aber früher weggegangen, obwohl ich damals noch nicht realisiert hatte, daß ich das Buch ohnehin bestellt hatte. Wenn man genau hinsieht, kann man mich kurz auf dem Video sehen und ich denke, es ist ein sehr spannendes Buch, wenn auch eines über das man viel diskutieren kann und das auch tun sollte!

Ein Muterbeispiel darüber was ein Personal-Essay ist, ist es, glaube ich auch.

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2016-09-13

Die Welt im Rücken

Buch acht des LL-Lesens um den besten Roman dieses Jahres und das wird, auch wenn das Tobias Nazimi für sich schon so entschieden hat, Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ ganz einfach aus dem Grund nicht sein, weil das Buch kein solcher ist.

Ist es ein Sachbuch?, habe ich irgenwo die ratlose Frage im Netz gelesen. Nein auch das nicht, denn eine manisch depressive oder wie das ja heute mildender heißt, bipolare Störung ist, keine Sache, wohl ist das Buch aber eine großartige Information, für, wie auch selber darin steht, alle „angehenden Psychiater“ und als solches sehr zu empfehlen.

Vor dem Weihnachtsgeschenk für die berühmte Schwiegermutter würde ich etwas warnen, denn die meisten literaturinteressierten Schwiegermütter kennen sich bei den bipolarischen Störungen nicht so aus, wollen vielleicht auch nicht so ins Detail gehen und brauchen, wenn sie nicht selber familiär betroffen sind, das wohl auch nicht.

Aber, um den Unsinn von den „Irren und Verrückten auf dieser Welt vor denen man sich so fürchten muß!“, ein bißchen mehr aus der Welt zu räumen oder ihn zu revidieren, taugt es allemal.

Und was ist das Buch dann?

Ein „Memoir“ oder „Personal Essay“ sagen wohl die Amerikaner und das „Writersstudio“, das bald wieder seine Gratisseminare hat und um es in einfacheren Worten auszudrücken, es ist das Outing des 1975 geborenen Thomas Melle, der mit seinen zwei vorigen Romanen, die in entschlüßelter Weise auch schon von seinen psychischen Problemen Berichten „Sickster“ und „3000 Euro“, die beide schon auf der LL gestanden sind. „3000 Euro“ hat es auch auf die Shortlist gebracht.

Deshalb vielleicht auch noch ein paar Worte zu der berühmten Frage mit der Autobiografie, die ich am letzten Donnerstag lachend und verschämt an die Debutanten von „K.u.S“ stellen gehört habe,  die auf gleicherweise, das, was ich etwa so sagen würde „Es ist alles autobiografisch und alles auch gleichzeitig nicht!“, beantworteten.

Und da trennt sich die Streu vom Weizen oder die Romandefinition. Denn der Roman darf oder ist es ja angeblich nie, die Biografien der Autoren widersprechen zwar ständig, aber die Frage wird als naiv bewertet, die „Memorien“ und „Biografien“ sollten es sein.

In Wahrheit wird es wohl eine Mischung sein, auch bei diesem Buch, denn Thomas Melle ist ja nicht zu beneiden, wenn er sich mit diesem Outing so in die Öffentlichkeit stellt, die Journalisten werden kommen, die neugierigen Leser, die Schwiegermütter, das Fernsehen, etcetera und das muß man ja alles auch aushalten und Maniker und Depressive haben ohnehin eine sehr dünne Haut, sonst würde das nicht passieren und Schriftsteller auch.

In drei großen Kapiteln, die 1999, 2006 und 2010 zur Überschrift haben, wird das erzählt. Ein kleineres 2016 und einen Prolog gibt es auch und das springt Thomas Melle gleich hinein in das Medias Res, erzählt von seiner großen Bibliothek, die er verschleudert hat, von seinen sexuellen Beziehungen zu Madonna und wir haben gleich ein bißchen hineingeschnuppert in die manisch- depressiven Seiten und dann kommt, wie bei Personal Essays typisch und wichtig, die Theorie, nämlich die Definition, was diese Krankheit ist, woher sie kommt und wie sie sich verändert hat.

Dann beginnt es und das finde ich auch sehr interessant, mit einer Feststellung eines Freundes, als die erste „Seltsamkeit“ auffiel „Da stimmt doch etwas nicht!“ und Thomas Melle schreibt, wie heilsam solche Fragen sein und, wie sie den „Verwirrten“ ein Stück Stabilität zurückbringen können, denn alle gehen ja meistens aus Hilflosigkeit oder auch aus Neugier auf die „Verrücktheit“ ein und das hilft wahrschein weniger, weiter, als die lapidare Feststellung „Das kann nicht sein!

Es gibt verschiedene Formen der Bipolarität, bei Thomas Melle haben die Phasen von Manie und Depression jeweils lange angehaltenen und eine paranoide Form hat es auch gegeben und so stürzt der Sohn einer depressiven Mutter, den Vater hat er, glaube ich, nicht gekannt, in diesen Wahnsinn hinein.

Als Student beginnt es, die Freunde bringen ihn irgendwann auf die Psychiatrie, dort entläßt er sich wegen mangelnder Krankheitseinsicht nach wenigen Tagen, so geht es weiter bis zum ersten Selbstmordversuch. Dann wird er stationär aufgenommen und behandelt.

Er rappelt sich hoch, schließt sein Studium ab, liest 2006 beim „Bachmannpreis“, da ist er schon in der zweiten Phase, arbeitet an einem Theater an einer Stückentwicklung, kommt wieder in die Psychiatrie, bekommt auch mit der Polizei Schwiergkeiten, als er in seiner Wohnung zu laut ist, in Auseinandersetzungen verwickelt wird, in „Wikipedia“ seine eigene Ermordung bekannt gibt, so was Ähnliches habe ich vor einem Jahr erlebt und mich gefragt, wie man darauf reagieren soll?

Melles Freunde haben auch die Polizei geholt und die Feuerwehr hat die Wohnung zertrümmert.

Die Manie wirkt sich bei Melle auch so aus, daß er überall Prominente erkennt, Obama auf der Rolltreppe zum Beispiel und alle winken ihm zu,  reden über ihn und widmen ihm ihre Werke.

Er macht auch Schulden, verliert seine Wohnung, bekommt Zwangsbetreuung und wohnt in Übergangswohnungen, dazwischen legt er sich auch mit „Suhrkamp“ an, wo seine ersten Werke herauskommen. Sein Agent wird zum Betreuer und regelt seine Schulden. Er übersetzt Bücher, schreibt seine zwei Romane, steht auf den schon erwähnten Listen und hat nun ein grandioses Buch über seine manisch depressive Krankheit oder bipolare Störung, wie es jetzt heißt, geschrieben, das ich allen daran Interssierten wirklich nur empfehlen kann.

Ich wünsche es mir auf die Shortlist und Thomas Melle alles Gute! Wenn es der „beste Roman des Jahres“ werden sollte, habe ich auch nichts dagegen, obwohl ich weiß, daß es keiner ist und den Verlagen auch dringend mehr Differenzierung Genauigkeit wünschen würde!

Denn so bleibt es ja bestehen dieses Kuddelmuddel der Verwirrung und die Frage, ist das jetzt alles wahr, erfunden oder erdacht, wird auch so bleiben.

Der mündige Leser hat eigentlich das Recht, sich besser auszukennen und solche Bücher sind interessant und sehr wichtig und zur Pflichtlektüre für angehende Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, etcetera gehört es allemal, vielleicht auch auf die Leseliste in die Gymnasien, falls es die noch gibt und, als Thema für die nächste Zentralmatura, aber das nur behutsam, weil ein solches Thema ja auch überfordern kann.

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