Literaturgefluester

2016-10-12

Weit über das Land

Buch achtzehn der deutschen Longlist und das letzte was ich von dieser Liste habe, „Hool“ und „München“ fehlen mir, führt in die Schweiz und zu Peter Stamm und hat mich, ich gestehe es, etwas verwirrt und ratlos zurückgelassen. Denn jetzt habe ich ja einiges von Aufbrüchen älterer Männer, ihren Krisen und schließlich auch die umgekehrte Rückkehr einer Frau in ein Land, wo sie sich nicht willkommen fühlt, gelesen und es beginnt wieder mit einer Midlifekrise.

Ein Paar um die Vierzig mit zwei Schulkindern, sitzt nach der Rückkehr vom Spanienurlaub Ende August vor dem Haus, liest Zeitung, trinkt ein Glas Wein, dann steht die Frau auf, sieht nach den Kindern, beginnt die Koffer auszupacken und der Mann steht auf und geht, geht immer weiter und kommt nicht mehr zurück….

Die alte Geschichte von dem Zigarettenholen und diesen Anfang habe ich ja schon in Leipzig auf dem blauen Sofa gehört, da hat es mich gar nicht so besonders fasziniert, jetzt schon, die ersten zwei Drittel lang.

Denn da wird sehr bedächtig alles ganz genau beschrieben, immer in zwei Strängen, Astrid und Thomas, Thomas geht, durch den Wald, versteckt sich, schläft in einem Campingwagen, gerät durch Zufall in ein Bordell, trinkt dort zwei Bier, orientiert sich an den Bäumen, wäscht seine Wäsche im Fluß, während Astrid den Kindern am Morgen nach dem Aufstehen erzählt, der Papa ist schon weg, dann ruft sie die Sekretärin an, später erzählt sie ihr, ihr Mann ist krank und hat die Gürtelrose, später geht sie, obwohl man es nicht erwartet, zur Polizei, macht eine Vermißtenanzeige, die, ein freundlicher Polizist namens Patrick mit einem kleinen Kind, rät ihr seine Kontobewegungen zu beobachten.

Ja, da sind die zwei Flaschen Bier von dem Bordell und dann noch eine größere Abbuchung in einem Sportgeschäft bei einem Berg, denn Thomas hat sich dorthin bewegt, hat Rucksack, Bergschuhe, etcetera, eingekauft und marschiert los, jetzt fängt Patrick an, ihn mit einem Hund zu suchen, obwohl er Astrid vorher erklärte, daß man das Recht aufs Verschwinden hat.

Astrid fährt ihm auch nach, kommt in das Gasthaus, wo er die Nacht vorher geschlafen hat und dann, bis jetzt hat sich das Ganze innerhalb von ein paar Tagen abgespielt, sehr genau und sorgfältig erzählt, beginnt es über die Zeit zu springen und für mich verwirrend zu werden.

Denn plötzlich, es ist, glaube ich, Ende September,  Patrick kommt und sagt, „Wir haben ihn gefunden!“

Thomas ist auch in eine Felsspalte gefallen und hat sich den Fuß verknöchelt, er kraxelt aber wieder hinauf und geht in eine Almhütte, es hat inzwischen zu schneien begonnen und verbringt dort einige Zeit, Wochen oder Monate. Astrid läß ihn inzwischen für tot erklären, obwohl sie sich nicht, als Witwe fühlt und eine Leiche gibt es ja auch nicht, wieso also ein Begräbnis?

Es kommen dann auch Erinnerungen von beiden, die sich vor Jahren in einer Buchhandlung, wo Astrid gearbeitet hat,  kennenlernten, das ist eigentlich die erste Stelle, wo Thomas an Astrid denkt.

Sie denkt öfter an ihn und er verläßt die Alm wieder, kommt in  einen Ort, wo er in einer Pension wohnt, schwarz zu arbeiten anfängt, er ist Steuerberater, jetzt arbeitet er für einen Schreiner, dann verläßt er den Ort wieder und kommt mit falschen Paß durch ganz Europa und die Monate wechseln in Jahre, während, die Kinder inzwischen das Gymnasium besuchen, eine Lehre beginnen, zu studieren anfangen, die Tochter ein Kind bekommt und so aus den paar Tagen zwanzig Jahre wurden.

Dann hängt Thomas schon sechzig in einem Gerüst und am Schluß kehrt er in sein Haus und zu Astrid zurück, als wäre er nie fortgewesen und das Ganze ist so erzählt, daß man nicht immer ganz klar unterscheiden kann, wo sich jetzt die Realität in Phantasie verwandelt,  ob das jetzt real passiert oder Astrid sich das vielleicht nur ausdenkt und mit den allzu unlogischen Sachen und den Zeit- und den Handlungssrpüngen habe ich ja meine Schwierigkeiten.

Spannend ist es natürlich und man kann viel darüber nachdenken, über den Sinn des Lebens, denn eigentlich hat Peter Stamm ja zwei Romane geschrieben, einen langsamen und einen schnellen und man kann sich fragen, ob das jetzt ein Buch über den Sinn des Lebens ist und natürlich auch, warum steht der Mann plötzlich auf und geht weg, einfach so?

Beiindruckend war für mich, glaube ich, der Angfang bis zu der Stelle wo der Polizist, mit dem Astrid auch eine Beziehung anzufangen scheint, obwohl er ja ein schreiendes Baby hat, kommt und „Wir haben ihn gefunden!“, sagt, denn bis dahin wird alles sehr genau und auch sehr spannend erzählt und ich fragte mich die ganze Zeit, wie geht das weiter, wie ist das, wenn man auf einmal ohne viel Geld und Ausrüstung in den Wald und immer weiter geht?

Der Rest, der sich dann von Weihnachten und Ostern und von der Matura der Tochter bis zur Geburt des Enkelkindes und durch ganz Europa, ein paar Monate hier und ein paar Monate da, spannte, erschien mir unlogischer und auch der Wechsel von der Wirklichkeit in den Traum und umgekehrt,  denn ich mag ja lieber die realistischen Romane.

So bin ich mir nun nicht ganz sicher, ob ich es auf Platz sechs meiner persönlichen Shortlist reihen soll oder nicht?

Denn da hätte ich ja bis jetzt  Thomas MelleReinhard Kaiser-Mühlecker,  Andrej KubiczekSibylle Lewitscharoff und als ganz besonderes Highlight „Drehtür“ von Katja Lange-Müller.

Muß ich auch nicht und „Hool“ und „München“ können ja auch noch kommen, obwohl ich jetzt als nächsten ein Jugendbuch lesen umd mich dann an die österreichische Short- und Longlist mache, wo ich ja erst ein Buch gelesen habe und noch vier auf mich warten.

Von Peter Stamm habe ich jedenfalls den Erzählband „Wir fliegen“, „Agnes“ und „Sieben Jahre“ gelesen und ich kann noch erwähnen, daß er mit „Weit über das Land“ nicht auf Schweizer Shortlist gekommen ist, auf der aber interessanterweise unter anderen Michelle Steinbeck steht und ein bißchen an zwei Stellen hat mich das Buch auch an Anna Weidenholzers „Herren“, bzw ihre „Fische“ erinnert, obwohl es nicht wirklich damit zu vergleichen ist.

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2015-05-14

Agnes

Filed under: Bücher — jancak @ 00:51
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Auf Peter Stamms ersten Roman „Agnes“ bin ich  durch das „Literaturcafe“ aufmerksam geworden, denn da gab es ja 2012 in Deutschland diese Aktion zum „Tag des Buches“, wo man dreißig ausgesuchte Bücher verschenken durfte.

„Agnes“ war dabei und Wolfgang Tischer hat sich mit dem Buch und einer Reporterin auf einen Dorf- oder Kleinstadtplatz gestellt und dann eine Glosse darüber geschrieben, daß sich Bücher angeblich nicht verschenken lassen, weil die Leute abwehrend vorbeigegangen sind.

Da habe ich andere Erfahrungen, aber vielleicht ist „Agnes“ in einer Einkaufspassage, Samstag um zwölf nicht das richtige Buch. Ich hätte es jedenfalls sehr gern genommen, habe von Peter Stamm dann den Erzählband  „Wir fliegen“ gelesen und von dem 1963 geborenen Schweizer Autor schon etwas gehört gehabt.

Dann lag „Agnes“ auf dem „Thalia“ 3.99 Stapel und bevor ich ich zum Lesen gekommen bin, wurde das Buch, das auf der Leseliste deutscher Gymnasien steht von Malte Bremer im Literaturcafe verrissen.

Ein Verriß, den ich, obwohl ich nicht das Buch, nur den Autor kannte, nicht nachvollziehen,  für höchst subjektiv und vielliechtein bißchen überheblich und von oben herabgehalten habe.

Herr Bremer hat sich dann bei mir gemeldet und ich habe ich vorigen Jahr in Leipzig auch persönlich kennengelernt. Was mich an der Diskussion vielleicht noch etwas störte, waren die Lesermeinungen, die sich gleich anschlossen, inzwischen gibt es aber auch einige differenziertere und es ist wahrscheinlich gut über ein Buch zu sprechen, so daß man es danach lesen und sich selber ein Urteil bilden kann.

Das habe ich jetzt getan, auch in ein paar Stunden und der Badewanne und ich kann mich ein ganz kleines Bißchen Malte Bremers Meinung anschließen, zwar nicht, daß das Buch Schüler zum Langweilen bringt und auch nicht, daß Peter Stamm kein anerkannter Autor ist, nur, daß ich den Stil vielleicht auch ein bißchen hölzern und dstanziert empfunden habe.

Ich kann aber, glaube ich, auch nachvollziehen warum das so ist.

Und die Idee, die meiner Meinung nach, dahinter steckt, finde ich  höchst interessant und sie hat mich zum Nachdenken gebracht.

Geht es da ja um das Schreiben übers Schreiben oder um den Roman im Roman, bzw. kann man, glaube ich, sehr bildhaft nachvollziehen, was das Leben von der Literatur unterscheidet.

Da ist also der Ich-Erzähler, ein Sachbuchautor, der über Luxuslokomotiven ein Buch schreiben soll und deshalb in einer Bibliothek in Chicago sitzt, da kommt Agnes, eine fünfundzwanzigjährige Studentin, bezüglich Männer noch recht unerfahren hinzu, geht mit dem Autor zuerst Kaffee trinken und dann mit ihm chinesisch oder indisch essen und da wäre gleich mein erster Kritikpunkt, wo die Schreibidee vielleicht ein bißchen hölzern wirken könnte.

Der Autor steht auf Seite 22, lädt sie in ein chinesisches Restaurant ein, da liegt dann vorher noch eine tote Frau auf der Straße, auch eine Metapher, die ich für etwas unnötig empfinden würde. Es wird zwischen Agnes und dem Protagonisten aber viel über das Sterben und die Furcht davor diskutiert, dann geht Agnes mit ihm in seine Wohnung und da zeigt er ihr einen Erzählband, den er geschrieben hat.

Er hat sich es also schon mit der schönen Literatur probiert und da hat Agnes die Idee, daß er über sie, bzw. ihre Beziehung schreiben könnte.

Vorher probiert sie es noch selbst und er verreißt es, so daß sie den Versuch dann zerreißt, obwohl er zugibt, daß es vielleicht besser, als das seine war und dann beginnt er über ihre Beziehung zu schreiben.

Da kommt es auch zu Fehleinschätzungen der Wirklichkeit der Beiden, so behauptet sie, sie wären in einem indischen Restaurant, das erste Mal gewesen und irgendwo weiter hinter im Buch steht dann, es war ein indisches Restaurant.

Nun gut, das kann ich nachvollziehen, daß das Gedankenexeperimente sind, die dann auf dem Papier nicht so gut ankommen, aber den Unterschied zwischen Literatur und Leben kann man hier, glaube ich, sehr gut begreifen und mir wird ja auch immer vorgeworfen, bei mir passiert nichts und ich schreibe zu wenig abgehoben.

In einer normalen Beziehung passiert wahrscheinlich üblicherweise auch nicht so viel, daß man einen spannenden Plot daraus machen könnte und so steht der Autor bei der Beschreibung des Textes über Agnes auch bald an, beziehungseise muß er sich was ausdenken und dann passiert doch etwas, nämlich Agnes wird schwanger.

Er reagiert blöd, patzig, gemein, sagt, er will kein Kind und trifft sich auch mit einer anderen Frau, die er inzwischen kennengelernt hat. Als er zurückkommt ist Agnes, die inzwischen bei ihm wohnt, weg, ausgezogen, hinterläßt sie Nachricht, sie wird das Kind bekommen und damit zu einem anderen Mann gehen.

Da wird er wieder reurig, rennt ihr nach und eines Tages kommt auch ein Anruf einer Freundin, Agnes geht es sehr schlecht, sie hatte eine Fehlgeburt, das Kind ist also weg und sie kann wieder bei ihm einziehen.

Jetzt schreibt er über das Kind, gibt ihm den Namen Margret, weil die Kellnerin in dem Kaffee, in dem er das schreibt, diesen Namen auf ihrem Schildchen hat. Agnes geht mit ihm auch einkaufen, kauft eine Puppe, einen Teddybären und auch Kleider für das nicht geborene Kind, über das er inzwischen eine Geschichte geschrieben hat.

Wirft das dann heulend weg, er geht wieder zu der anderen Frau, feiert mit ihr Sylvester und als er zurückkommt ist Agnes weg, verschwunden und so heißt auch der erste Satz des Buches, um den Bogen wieder zurückzuspannen:

„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“, aber das weiß man eigentlich nicht. Beziehungsweise habe ich das nicht so empfunden oder so interpretiert und habe eine sehr spannende Geschichte eines anerkannten Autors gelesen, vom dem ich inzwischen auch „Sieben Jahre“ gelesen habe, „Seerücken“ habe ich beim vorigen „Tag es Buches“ im „Wortschatz“ gefunden und bei einigen Lesungen habe ich den Autor inzwischen auch erlebt.

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