Literaturgefluester

2018-04-30

Still leben

Filed under: Bücher — jancak @ 00:51
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Was jetzt kommt ist, glaube ich, ohne jeden Zweifel ein Personal Essay. Die Literaturkritik und die Verlagswelt tut sich ja recht schwer mit den Begriffen oder den Workshoparten, die man beispielsweise bei den „Open days“  des „Writersstudios“ lernen kann.

Da ist alles ein Roman und ein Debut, damit man es besser verkaufen kann, obwohl „Still leben“ der 1984 deutschen Autorin, Antonia Baums, die ich vom „Bachmann-Lesen“ kennen,  wurde, glaube ich, in „Leipzig“ als Essayband vorgestellt und es hat ein sehr interessantes Thema, geht es doch auf der einen Seite, um die prekären Verhältnisse der dreißigjährigen Akademikerinnen der deutschen Mittelschicht und auf der anderen um die „Mutterschaft“.

„Aha!“, könnte man jetzt sagen und etwas verwirrt schauen.

„Wie passt das denn zusammen?“

Ich tue es nicht, habe ich doch in letzter Zeit einige Klientinen die um die Dreißig sind, gerade in Instituten  oder  Büros zu arbeiten beeginnen und entweder von ihren Nichten und Neffen oder den Kinderbegrüßungsparties ihrer Freundinnen oder schon von den eigenen Kindern erzählen, die sie jeden Morgen sich abhetzend in den Kindergarten bringen.

Auf noch einer anderen Seite höre ich von den meist sehr gepflegten schönen blonden  Identitärinnen, wie sehr die Frau von heute angeblich unter den von ihren Müttern aufgezwungenen falschen Feminismus leiden würde, der ihnen vorschwätzte auf jeden Fall zu studieren und auf keinen Fall ein Kind zu bekommen und, die unter diesen Vorgaben, wie sie meinen, totunglücklich wären.

Die meisten dieser jungen Frauen haben zwar noch keine Kinder und versucht mal eine ein unruhiges Zweijähriges zu beruhigen, regen sich prompt die männlichen Identitären darüber auf und die sechunddreißigjährige Antonia Baum oder ihre Ich-erzählerin steht am Fenster,  starrt in die Leere und denkt „Ich will ein Mann sein!“

„Aha!“, könnte man jetzt denken, wenn man nichts darüber weiß, daß das ein Personal Essay über die Mutterschaft ist, „es geht, um das ebenfalls sehr moderne Transthema!“

Aber nein, die Erzählerin ist schwanger oder hat gerade ein Kind geboren und denkt darüber nach, wie dieses ihr Leben verändert wird?

Sie ist über dreißíg, hat studiert oder offenbar beim „Bachmann-Preis“ gelesen und schon ein paar Bücher geschrieben. Steht also auf der einen Seite des möglicherweisen Berlins, wo man hinausgehen kann in die hippen Geschäfte, wo es die Markenkleider zu kaufen gibt, die einen sofort von denen in no name Billigklamotten Gekleideten unterscheidet und die, merke ich kritisch an, wahrscheinlich in der gleichen Fabrik in Bangladesh von hungrigen chancenlosen Kindern erzeugt wurden.

Aber das ist nicht das Thema des Buches, sondern die Frage, wie sehr Mutterschaft eine verändern kann und was sie damit auf sich nimmt, denn es gehört ja zu den Aufgaben der Frauen, sich um ihre Kinder zu kümmern und Annika Bühnemann von „Vom Schreiben leben.de“, deren Schreibtipps ich ja sehr intensiv verfolge, hat vor drei Monaten auch ein Kind geboren und postet jetzt zwar auch noch Videos über die häufigsten Anfangsfehler der Autoren, aber auch jede Woche eines, wo sie sich beispielsweise darüber beklagt, daß man nicht zum Schlafen, kommt, wenn die kleine Maus die ganze Nacht lang durchschreit und man weiß nicht wieso.

Mutterschaft ist aber etwas, was zum Leben einer Frau dazugehört und, daß etwas fehlt, wenn man diese Erfahrung nicht gemacht hat, ist auch ein Satz den Antonia Baum gleich am Anfang ihres Essysband schreibt und ich habe diese Erfahrung vor vetzt schon mehr als fünfunddreißig Jahren auch gemacht.

Da gab es noch keine prekären Arbeitsverhältnisse, zumindest haben sie nicht so geheißen. Ich war gerade mit meinem Studium fertig, hatte das Akademikertrainig hinter mich gebracht und ein Inserat im „Falter“ aufgegeben: „Habe viel Erfahrung im Alleineleben und möchte jetzt eine Zweierbeziehungs ausprobieren!“

Aber eigentlich habe ich gewußt, ich will ein Kind. Als ich dann Dreißig wurde, war ich, Vertragsassistentin an der II  HNO-Klinik, schon schwanger und habe das nicht bereut, während sich Antonia Baum die Frage stellte, ob sie das dann mit dem schreienden Kind am Bauch  am Hinausgehen in die schicke Hipsterwelt vielleicht bereuen würde, denn Antonia Baum lebt mit ihrem Freund vielleicht aus Kostengründen in einem der Multikultihäuser, die die Identäten auch nicht haben wollen, schaut in die Nacht, hört auf die Geräusche und überlegt, daß sie die meisten ihrer Nachbarn gar nicht oder höchstens nur vom Sehen kennt.

Als Antonia Baum erfährt, daß sie schwanger ist, ist sie mit ihrem Freund in Israel, der ihr voll die Entscheidung überläßt, wie sie mit dieser Tatsache umgehen will, was sie vielleicht auch überfordert.

Wieder zurückgekommen, steht sie erneut am Fenster ihrer Wohnung, die Nachrichten von dem Terroranschlag in Paris am fünfzehnten November 2015 fällt in die Zeit ihrer Schwangerschaft. Ebenfalls die Ereignisse in Köln in der anschließenden Silvesternacht, was das Ich -Bild der Erzählerin sehr durcheinander bringt. So gesehen ist das Buch sehr poltisch, obwohl man auf dem ersten Blick gar nicht denken würde, daß es das ist. Vielleicht politischer sogar als Olga Flors Essayband.

Sie sucht weiter die hippen Orten ihrer Umgebung, beispielsweise ein Yogastudi für Schwangere auf, wo sie die gepflegten Mittelschichtschwangeren ein wenig verwirrend. Verwirrend sind vielleicht auch die Leute die auf ihren Bauch starren oder darauf greifen und ihr gute Ratschläge geben.

Klinik oder Geburtshaus wäre eine solche Frage? Die Hausgeburt für die mich  entschieden habe, kommt, glaube ich, in ihren Überlegungen nicht vor. Dafür aber die Frage, die ich ebenfalls hatte, wie das dann mit dem Schreiben werden wird?

Für mich war das in der Phase vor und nach der Geburt etwas schwierig, in dem Text „Poesie und Brotberuf“ im „Poldis Galeriecafe“ vorgetragen, habe ich das thematisiert.

Bettina Balaka, die mit mir gelesen hat, hat damals gesagt, sie hatte als Alleinerzieher keine Wahl gehabt, sie mußte schreiben, ob sie wollte oder nicht. Antonia Baum schreibt, glaube ich, einen Roman prophylaktisch voraus, der wie sie gleich erwähnt, nie fertig wird.

Dann kommt meiner Meinung nach ein eher klischeehafter Excurs über die Benachteiligung der Frauen im Literaturbetrieb. Hier zählt Antonia Baum nur drei weibliche Autorennamen auf, als hätte sie noch etwas von Elfriede Jelinek, Herta Müller, Marlene Streeruwitz etcetera gehört und würden alle anderen weiblichen Schreiberinnen „Herzchen- oder Mami-Romane“ schreiben, was meiner Sicht nach nicht stimmt.

Das Baby wird geboren. Antonia Baum verbringt die erste Nacht es anzusehen. Dann bricht die Härte der Mutterschaft über sie herein. Sie muß es stillen, denn ihrer Meinung nach würde sie von den Still-Blogs und der Still-Maffia gesteinigt werden, wenn sie es nicht täten. Dazu passt dann gleich die Nazi-Ideologie, von der der Stillkult vielleicht kommt und Johanna Haarers „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ wird zitiert, das unter modizierten Namen bis in die Siebzigerjahre oder sogar Neunzigerjahre verkauft und verlegt wurde.

Antonia Baum bleibt das erste halbe Jahr zu Hause und das, was dann kommt, kann man vielleicht mit einer Still- Depression vergleichen, obwohl das Wort nicht erwähnt wird.

Es bleibt die Angst, die die Famlie lebt ja in einem eher Abbruchhaus, wenn ich es richtig verstanden habe, mit komischen Bewohnern, die wahrscheinlich, die AfD wählen und psychische Probleme haben. Jedenfalls gibt es da einen Mann, der ständig „Heil Hitler!“ aus dem Fenster schreit. Die Psychiater werden jetzt vermuten, er leide an einem „Tourette-Syndrom“. Er laubert aber auch Antonia Baum und ihrem Freund auf, als die mit ihrem Baby von der Klinik nach Hause kommen, stellt sich vor sie hin und sagt „Aha!“

Später läutet er mit einem Essensrest an seinen Zähnen an Antonia Baums Tür, die sie erschrocken verschließt und mit Freund und Anwalt überlegt ob sie die Polizei rufen soll?

Da klingeln bei mir die Alarmglocken und ich denke „Uje, wenn so das Mobbing oder Stalking beginnt!“

Wäre es vielleicht nicht besser mit dem Mann zu reden, als gleich die Polizei zu holen oder zu überlegen, sich vielleicht ein andere, „bessere“, schreibt Antona Baum, Wohngegen zu suchen, was auch überlegt wird, aber so schnell findet man keine andere Wohnung.

Also bleibt Antonia Baum das erste halbe Jahr vorwiegend zu Hause, zieht sich von der Gesellschaft zurück, wodurch die Decke übern Kopf wahrscheinlich auch nicht kleiner wird. Denn als sie mal mit dem Babya aus dem Haus wollte, fing es prompt zu schreien an. Die junge Mutter konnte es nicht beruhigen und das Fenster öffnete sich und ein Frau schaut heraus und fing an sie zu beschimpüfen, weil sie durch das Geschrei gestört wurde Interessant, daß sich auch Antonia Baum durch den schreienden Mann gestört fühlte.

Excurse über die Benachteiligung von Mann und Frau folgen. Wer ist für die Hausarbeit zuständig? Gibt es da einen Hausarbeits- oder Müttergen? Wahrscheinlich nicht. Aber es gibt die Möglichkeit eine Putzfrau zu engagieren, die aus dem Osten kommt, eigentlich Biologie studierte, auch nicht gerne putzt, für Geld macht man aber alles. Was Antonia Baum auch mit schlechten Gewissen auch tut, während sie nach dem halben Mütterjahr vier Stunden täglich aus dem Haus geht und an dem Buch zu schreiben beginnt, nicht ohne zu betonen, daß sie ihr Baby selbstverständlich liebt und nur das erste halbe Jahr allein zu Haus sehr anstrengend oder fürchterlich war, was mich jetzt wieder ein bißchen an Thomas Bernhard, beziehungsweise an seinen Schreibstil erinnert.

Sie geht dann in eine Krabbelgruppe, wo die andereren hippen Akademiker- oder Mittelschichtmütter mit ihren Fair trade Markenklamotten hingehen und ist dort auch nicht glücklich, weil die alle kindische Babylieder singen und mit ihr sprechen, als ob sie auch ein solches wäre.

Dann werden  Zeitungsartikel, auch die von „Spiegel“, „Zeit“, etcetera nach ihren Aussagen über Mütter untersucht und uje, die machen entweder zu viel oder gar nicht für ihre Pxvpension, arbeiten zu viel oder gar nicht, trinken Latte Macchiatto oder gehen nie aus dem Haus, etcetera, etcetera.

Die neue Wohnung wird Realität, Antonia Baum, ihr Freund und ihr Baby können zuück jenseits der Grenze in die schicke oder vielleicht auch nicht so tolle Mittelschichtwelt.

Vorher werden sie noch von einer netten Polizistin zu dem Mann befragt. Denn inzwischen hat es nicht nur den Anschlag am Berliner Weihnachtsmarkt gegeben, sondern es wurde auch ein Jugendzentrum in der Nähe angezündet und der Mann wurde kurz davor gesehen.

„Was geschieht mit ihm?“, fragt Antonia Baum die Polizistin, die zuckt die Achseln und antwortet „daß er vielleicht in eine Einrichtung komme oder ins Gefängnis oder auf Bewährung, sie könne es nicht sage, sie wisse es nicht“ und nur das Protokoll aufnehmen füge ich hinzu.

Antonia Baum zieht also weg. Detail dam Rande, daß kurz danach das Haus einen neuen Eigentümer bekommt, der alles aufreißen läßt, die alten Mieter hinausekelt und die neuen für das nun schöne hippe Haus wahrscheinlich höhere Mieten zahlen läßt, was ich auch für keine Lösung halte.

Antonia Baum resumiert aber weiter über die Mutterschaft, zitiert Studien dazu und schließt mit den Worten „Nein, das Problem ist nicht das Kind. Das Problem liegt in dem Versuch, das Kind zusammenzubringen mit den Ideen, Erdornissen und Sachzwängen eines modernen Erwachsenenlebens, wie es sich die Erwachsenen gemacht haben.“

Und ich habe ein sehr interessantes Buch gelesen, dessen scharfer Ton und Antonia Baums starke Distanzierung von ihrem Kind ,das sie machnmal auch als „Baby-dings“ bezeichnet und von „Schweine-Müttern“ spricht, mich manchmal überraschten und das Buch vielleicht auf dem ersten Blick unsympathisch machen, wie man auch bei „Amazon“ finden kann.

Auf dem Zweiten ist es dann sehr politisch und da haben mich die Einschübe mit dem Mann, den ich ganz ehrlich für einen armen Teufel halte und mit dem ich reden würde, statt mich hinter meiner Tür zu verbunkern, am meisten interessiert, weil das das Lesen auch sehr spannend machte und ich mir die ganze Zeit dachte, was passiert mit ihm? Werden sie sich am Ende zum Tee treffen und er vielleicht mit dem Kind spielen oder etwas für es basteln?

Aber ich weiß schon, daß das zu kitschig wäre und in Zeiten, wie diesen vielleicht nicht möglich, weil er ja auch „Heil Hitler!“ schreit und wenn überhaupt, vielleicht die „AfD“ wählt und Antonia Baums Angst vor der Still-Maffia erscheint mir zu Bernhardesk übertrieben oder wird man in Deutschland wirklich angezeigt, weil man sein Kind nicht stillt? Vielleicht schon eher, wenn man es nicht gegen Masern impfen läßt, aber da ist ja Antonia Baum eher gegen die Impfgegener, wenn ich das richtig verstanden habe.

Sie hat auch im Leipzig auf dem „Blauen Sofa“ gelesen oder über das Buch diskutiert. Da bin ich aber früher weggegangen, obwohl ich damals noch nicht realisiert hatte, daß ich das Buch ohnehin bestellt hatte. Wenn man genau hinsieht, kann man mich kurz auf dem Video sehen und ich denke, es ist ein sehr spannendes Buch, wenn auch eines über das man viel diskutieren kann und das auch tun sollte!

Ein Muterbeispiel darüber was ein Personal-Essay ist, ist es, glaube ich auch.

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2018-03-22

Unter der Haut

Jetzt kommt, wenn man so will, das dritte Highlight von 2018 und es ist vielleicht eine Antwort auf die Blogbusterdiskussion, daß man da nur Bücher vorschlagen kann, die wirklich das ganz besondere sind, denn ein solches ist offenbar im Vorjahr auf die Longlist gekommen und hat dann, wie ich vor kurzem hörte, schon im März, also noch vor der Entscheidung, einen Verlag gefunden.

Was ich nicht wußte, so daß ich bisher dachte, daß es vielleicht Tobias Nazemi und Dennis Scheck nicht so ganz berühren konnte, es aber trotzdem beim „Piper-Berlin Verlag“ erschienen ist und mich hat es, schreibe ich gleich, berührt und denke einen so frischen und ungewöhnlichen Ton habe ich schon lange nicht gelesen, denn der 1976 in Köln geborene Gunnar Kaiser, der auch Blogger ist und den ich schon von seinem „Kaiser-TV“ kenne, versteht es, glaube ich vorzüglich auszusparen, durch Widersprüche hinwegzugleiten und immer wieder ein Stück voraus zu sein.

So ist das fünfhundert Seiten Ouvre ein sehr vielschichtiges Buch, das und das ist sehr interessant, in Amerika spielt und für mich ganz besonders wichtig, es geht um Bücher.

Um das Sammeln, um die Besessenheit und die Bibliophilie. Es geht um das Nazideutschland und die Frage, ob ein Jude morden kann?

So ganz habe ich das auch nicht mitgekommen, denn Gunnar Kaiser baut ja in sein Ouvre viele Schlefen ein und es ist auch ein Krimi.

Vielleicht hätte es deshalb den Blogbuster nicht gewonnen. Denn dort sind ja die Genres ausgeschlossen. Allerdings ein sehr literarischer. Eine Parodie auf die große amerikanische Literatur, die ich ja nicht so mag, ist es vielleicht auch und natürlich und da können die politisch korrekten Bloggerinnen vielleicht aufschreien, eine über den Sex oder die Jagd der jungen Männer nach den Mädchen mit den kurzen oder längeren Röcken.

Ein vielschichtiges Buch in verschiedenen Zeitebenen und verschiedenen Teilen geschrieben und, was mich etwas verwirrte war, daß der erste Teil nach dem zweiten folgte. Aber halt, es dann der zweite Teil davon und der Roman ist aus zwei Perspektiven geschrieben.

Da gibt es einmal in New York des Jahres 1969, den erfolglosen jüdischen Literaturstudenten Jonathan Rosen, der jagt natürlich, wie kann es anders sein, den Röcken nach und trifft dabei einen bibliophilen Sammler, der gerne klassische Musik hört, namens Josef Eisenstein.

Mit dem begibt er sich, sowohl auf die Frauen- als auch auf die Bücherjagd und schläft, glaube ich, auch mit ihm einmal in einem Keller eines Antiquariats auf Büchern und dann, da ist man in das Buch vielleicht noch nicht so hineingekommen, geht es in einen anderen Kontinent und bis in das Jahr 1918 zurück und in das „Leben eines Verbrechers“, denn da wurde Josef Eisenstein beborren. Der Vater hieß Samuel und war ein bedeutender Literaturwissenschaftler. Die Mutter Fanny  Schauspielerin und die spanische Grippe hat den kleinen Josef sehr geprägt, denn um ihn herum sterben seine Ammen und auch andere Frauen und es geht schon das Gerücht herum, der kleine Josef könnte vom Teufel besessen sein.

Der kommt aber vielleicht in anderer Form in den Dreißigerjahren nach Berlin und da die Mutter nach Wien ins Theater in die Josefstadt geht, kommt Josef zu einer Halbtante nach Berlin, nennt sich fortan Josef Schwarzkopf und entdeckt in dem Gymnasium, das er besucht, die Bibliothek und dort im Hinterkammerl, die Bücher jüdischer Autoren und auch das seines Vaters, die er zu retten beginnt.

Das heißt, er fängt an Bücher zu stehlen, geht da in Antiquariate und berühmte Bibliotheken und fängt später an, das Buchdruckhandwerk zu erlernen.

Mit dem Sterben geht es weiter. Zuerst ist das vielleicht nur ein Zufall, daß ein Mädchen mit einem wertvollen Buch ins Wasser fällt. Dann macht es Josef systematischer und geht „unter die Haut“, denn die kunstvollsten Bücher sind vielleicht mit Frauenhaut gebunden und da Gunnar Kaisers nicht an den skurillen Details spart, übt sich der Meister erstmals an Hitlers „Mein Kampf“ und da könnte man sich natürlich fragen, wieso dieses Buch in den Neunzehnhundertdreißigerjahren schon restauriert werden mußte?

In New York in das wir wieder zurückgehen, werden nun auch Frauenleichen ohne Haut gefunden und dann geht es wieder ein paar Jahrzehnte weiter und zwar nach Israel, wo Jonathan Rosen, der inzwischen  literarische Texte geschrieben hat und wahrscheinlich auch erfolglos versuchte, den großen amerikanischen Roman zu schreiben, in einen Kibbuz lebt und da bekommt er 1990 Besuch von einer schönen Frau. Einer ehemaligen Polizistin, die Josef Eisenstein auf der Spur ist und in Jonathan Rosen einen Zeugen, nämlich, den einzigen, der ihn erkennen kann, vermutet und überredet ihn mit ihr nach Argitienen zu fliegen, wo sie  in einem überschwemmten Hotel einer ehemaligen deutschen Kolonie Eisensteins Leiche finden und ein Buch, daß Rosen mit sich nimmt.

„Ich ziehe das Buch aus meiner Tasche, lege es auf mein Knie und auf ihres. Der Einband schimmert tiefrot im Schein der nacht. Ich befühle es lange, schteichle die weißen Buchstaben. Dann öffne ich die erste Seite.“

So endet Gunnar Kaisers Debutroman, den ich auch schon für den entsprechenden Preis vorgeschlagen habe und das mich einmal wirklich berührte. Mal sehen ob es auf die Shortlist oder die Longlist des dBps kommt?

2018-03-09

Ein Geständnis

Filed under: Bücher — jancak @ 00:26
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Das nächste, ebenfalls bei „Piper“ erschienene Buch ist der „Büglerin“ sehr ähnlich, auch wenn es viel konventioneller geschrieben ist. Es geht auch um Schuld- und Sühne, beziehungsweise um die Sinnsuche. Das Wasser spielt ebenfalls eine große Rolle und Raben schwirren als Metaphern durch den Raum und wenn man zur Biografie, der 1968 geborenen Thekla Chabbi, die Sinologie studiert hat, geht, erlebt man eine Überraschung, hat sie doch mit Martin Walser, der in Steinfests Buch ebenfalls erwähnt ist und der auch am Buchrücken zitiert wird, schon einige Bücher herausgebracht. Sie wird als Co-Autorin vom „Sterbenden Mann“ am Klappentext bezeichnet, was mich insofern etwas verwirrte, da es am Walser Buch keinen entsprechenden Hnweis gibt. Im Internet sind aber einige Interviews mit ihr und Martin Walser zu finden und da steht auch, daß einige Frauen, die mit oder über ihm ein Buch herausgegeben haben, nun selbst ein Buch geschrieben haben.

„Ein Geständnis“ ist auch Thekla Chabbis erster Roman. Ein Debut also  und wie gesagt, dem Steinfest Buch irgendwie sehr ähnlich, obwohl konventioneller, allerdings in zwei Erzählebenen geschrieben.

Es gdeht um Amelie, um, die wunderbare, das Adjektiv kann man irgendwo eine Zeile ober oder unter dem Namen finden und die hat eigentlich ein schönes Leben, wenn auch vielleicht ihren Sinn noch nicht so ganz gefunden.

Sie ist Wirtschaftsanwältin, von der Mutter einer Zahnärztin in diesen Beruf getrieben und am Anfang des Buches schreibt sie auch eine Kündigung an Herrn Kugler, ihren Chef und überlegt ob sie nicht ein paar Monate kellnern soll.

Diesen Brief schickt sie aber nie ab, denn sie hat einen Radunfall, wobei ihr eine Frau begegnet, die sich als Astrologin entpuppt, so bucht Amelie einen Astrologiekurs, der das Ganze wohl in Schwung bringt. Denn da lernt sie Mario kennen, aber eigentlich beginnt das Ganze vier Jahre später im Gefängnis, wo Amelie ihren Bewähruingshelfer Herrn Blum trifft, mit dem sie wöchentliche Gespräche führt, denn sie hat eine strafbare Tat, Anstiftung zum Mord, werden wir viel später erfahren, begangen.

In diesen zwei Erzählsträngen fließt das Buch dahin. Die wöchentlichen Gespräche mit dem siebzigährigen Blum, der sich eigentlich schon Penison befindet und später mit seiner Frau nach La Palma übersiedeln wird, während sie in ihrem früheren Leben, einen Steuerbetrüger namens Matt zu vertreten hat, von ihrem Chef zu dessen Vater, einem Galeristen geschickt wird, um einen Vertrag für ein Bild, das der Sohn in seiner Praxis haben will, zu unterschreiben, dabei Rosa Aldus kennenlernt, eine alleinerziehende Mutter, die eigentlich bei Kugler Senior arbeiten will, später aber die Geliebte von Kugler Junior wird.

Sehr köstlich sind die Treffen bei Amelies Mutter, die die Tochter, obwohl sie das nicht wil,l immer wieder zum Essen einlädt, da ist auch deren Freundin Philine dabei, man sieht auch Thekla Chabbis vberwendet seltene Namen, die will Projekte mit Flüchtlingen machen und ist enttäuscht, daß die so stur sind und nicht das machen was sie will. eine solche Szene kommt bei Steinfest übrigens auch vor.

Man sieht gesellschaftskritisch ist das Buch auch, oder überhaupt, denn Amelie torkelt von der Mutter in den Beruf gedrängt, irgendwie orientirungslos durchs Leben, hört die Mutter während sie Austern paniert und die besten Sektflaschen öffnet, Philine davon vorschwärmen, daß die Tochter beruflich bald aufsteigen wird und, als es Amelie einmal schlecht geht, drängt sich die Mutter trotzdem zum Kochen auf.

Dabei hat Philine einen Hexenschuß, die Mutter muß ihr helfen, der teure Fisch verbrennt und der Abend geht in die Hose, während Amelie, was der Chef nicht wissen darf, wöchentlich den Astrologiekurs besucht, dabei in die griechische Sagenwelt eintaucht und den seltsamen Mario kennenlernt.

Der ist Musiker, sehr scheu, so kommt es zu keiner Annäherung, obwohl er eine Internetseite hat, wo er seine Aktfotos zeigt und auch diesbezügliche Dienste anbietet. Bei Amelie scheint es aber nicht so klappen, so daß sie, ebenfalls sehr köstlich beschrieben und vielleicht von Martin Walser inspiriert, in einer Apotheke Viagra holen will, das dort nicht bekommt, sie muß in einer zwielichtige Spelunke viel Geld dafür zahlen. Das Zeug wirkt aber nicht, so geht sie stattdessen mit Mario und einer anderen Kursteilnehmerin namen Conny an einen See baden und als die dann ein paar Monate später schwanger ist, dreht Amelie durch könnte man sagen oder findet ihren Sinn.

Aber den findet sie ja erst später im Gefängnis, sie heuert jedenfalls die Russen Igor und Vladimir  an und, als sie ihren Koffer packt, um die nächste Zeit mit ihrer Freundin Luna, die alternative Reisen veranstaltet, nach Südafrika will, läutet die Poliztei bei ihr und bringt sie in das Untersuchungsgefängnis.

„Ein zum (leeren) Himmel schreiender Liebesroman, ein abgründig leuchtender Kriminalroman, ein erstaunlich konkreter Wirtschaftsroman und das alles EIN Roman. Eine Lese-Erlebnis! Das gelingt der Autorin durch ihre Erzählkunst. Mit einer fantastischen Genauigkeit schafft sie Poesie“, hat Martin Walser auf den Buchrücken schreiben lassen.

2018-03-04

Die Büglerin

Filed under: Bücher — jancak @ 16:10
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Von dem 1961 in Australien geborenen aber in Wien aufgwachsenen Heinrich Steinfest, der jetzt in Stuttgart lebt, habe ich „Der Mann der den Flug der Kugel kreuzte“ gelesen, ein paar andere Bücher gefunden, ihn ein bißchen bei den O Tönen und vorher in Göttweig gehört und war über seinen skurillen Humor, der zweimal auch auf der dBp-Liste stand, etwas erstaunt oder verwundert.

Jetzt hat „Piper“ mir sein neues Buch „Die Büglerin“ geschickt, von dem ich irgenwo las, daß es ein Krimi sein soll. Ist es natürlich nicht. Auch wenn es dabei einen Toten gibt und was es ist bin ich mir eigentlich nicht so ganz sicher. So war ich von dem Buch und seiner Spannung eigentlich sehr gefesselt, strich mir einige der schönen Phrasen als Allgemeinplätze an, staunte über die Belesenheit des Autors und seinen ironischen Humor und dachte gegen Ende, daß das, obwohl brillant geschrieben, wahrscheinlich eigentlich sehr kitschig ist.

Aber Heinrich Steinfest ist wahrscheinlich einer der ungewöhnlichsten Gegenwartsautoren, der sich offenbar auch traut die vorgegebenen Schienen zu verlassen und wahrscheinlich auch keine Angst vor dem Abgleiten hat.

Worum geht es?

„Reichtum und tiefe Schuld“ steht am Buchrücken und das ist es wahrscheinlich und das Ganze sehr spannend und sehr außergewöhnlich erzählt.

Da ist Tonia Schreiber, die Büglerin, aber eigentlich ist sie Meeresbiologin und auf einem Segelboot zur Welt gekommen, dort ist sie mit ihren Eltern, die Botaniker waren, vierzehn oder so Jahre herumgefahren, immer alle Jahre kurz nach Wien zum Bezirksschulamt, um dort die öffentliche Prüfung abzulegen, denn und das haben wir hier schon fast vergerssen, in Österreich gibt es ja keine Schulpflicht, sondern nur eine Unterrichtspflicht.

Das heißt ein jeder kann sein Kind abmelden, es selber unterrichten oder auf eine freie Schule schicken, solange es einmal im Jahr einePrüfung macht und besteht. Wir haben das mit der Anna so gmacht, die in die frei Schule Hofmühlgasse  in die Volksschule gegangen ist. Tonias Elternl machten es mit ihr so. Gaben sie mit vierzehn dann auf ein Internat und als sie sechzehn war, ist das Boot untergangen und die Leiche der Mutter wurde nie gefunden.

Der Vater hat einmal eine Katze im Flug gerettet, man sieht Steifests subtilen Humorund daher ein Vermögend geerbt, von diesen kaufte er sich eine Villa in Wien und das Segelboot. Tonia zog dann in dieses und zog sie mit ihrer Halbschwester, der Vater hatte noch ein uneheliches Kind, deren Tochter Emilie auf. Sie studierte Meeresbiologie, legte in der Villa mehrere Aquarien an und ging dann mit Emilie und deren Freundinnen, als sie sechzehn war, ins Kino.

Da saß sie hinter einem seltsamen Mann, der immer das Handy zückte. Sie las eine Nachtrich:t „Tue es endlich!“ oder so. Da zuckte er eine Pistole, Tonia stürzte sich auf ihn. Es kam zu einem Schußwechsel und Emilie war tot. Das führte zu Schuldgefühlen Tonias, die daraufhin ihr ganzes Vermögen an die katholische Kirche verschenkte, hier sieht man wahrscheinlich den Steinfesten Sarkasmus und mit ihrem Restgeld nach Hamburg fuhr, dort ein paar Jahre lang Haushälterin war, wieder ein Vermögen erbte und sich dann in Heidelberg als Büglerin verdingte.

Dort stand sie dann in den Bibliotheken oder anderen hellen Zimmern der Angehörigen der Universitäten dort, wie beispielsweise eines alten Augenarztes oder einer jungen Leiterin des Max PlankInstitutes für Astronomie, bügelt in schwarzen Kleidern und mit Ohrringen, die sie noch von ihrer Mutter erbte und kam ganz langsam ins Leben zurück oder auch nicht.

Jedenfalls lernte sie beim Laufen und auch in der Bar, wo sie ihren täglichen Whisky trinkt, den ständig schwitzenden Gemüsehändler Karl Dyballa kennen, die schönen Namen hat Steinfest wohl von Heimito von Doderer übernommen und als sie eines Tages ein Hemd in der Wäsche der Astronomin Marlen Kreuzer entdeckt, werden alte Wunden aufgerissen. Denn das trägt als Emblem Malewitschs schwarzes Quadrat und als ein solches Tattoo hatte auch Erler, das war der Mann, der die Nichte erschossen hat, auf der Brust und Tonia forschte nach.

Marlen Kreuzer erzählt, das Hemd gehört dem Gatten ihrer Freundin Clarissa und so läßt sie sich, obwohl sie sonst streng das Private vom Beruflichen trennt zu der Abendgesellschaft Prof. Hotter, dem Augenarzt einladen und bekommt eigentlich heraus, daß ihre Schuldgefühle, wenn man zart berseitet ist, berechtigt waren.

Denn Erler, das heißt Erich Müller, war eigentlich kein Amokläufer, sondern ein Selbstmörder. Aber was soll man auch machen, wenn man im Kino einenMann mit einer Pistole beobachgtet? Erschießen kann man ihn wohl sich nicht lassen und für Ablenkungsgespräche ist wohl nicht der richtige Ort.

Eine schwirige Gewissensfrage, die uns Heinricht Steinfest hier listig stellt. Es geht aber schon rasant weiter, denn auch Karl Dyballa hat eine uneheliche Tochter und die obwohl sie in Neuseeland lebt, will nach Mallorca zu der Hochzeit einer Freundin. So reisen auch die platonischen Freunde dorthin, haben da auch noch Schwierigkeiten mit dem Doppelzimmer das ihnen das Hotel zuweist. Aber das sind Kinzerlitzen, die erwachsene Leute lösen können.

Schwieriger wird es erst, als Vivien, die Tochter im Himalaya bei einer Bergtour, die sie machte, vermißt wird. Jetzt kommen wir wieder zu denSteinfesten philosophischen Überlegungen, denn Tonias Schuldgefühle sind ja noch vorhanden und obwohl nicht gläubig und Dyballa ist das auch nicht, kommt sie doch auf die Idee, sie könnte für Vivien sterben und ihre Schuld so sühnen. Das passiert dann, indem sie zuerst Dyballas Hemden bügelt, das heißt ein weißes, obwohl er ja eigentlich nur schwarze trägt, sein übermäßiges Schitzen ist dadurch verschwunden und Tonia sieht am Meer ein Boot, das sie an das ihrer eltern, das ja untergegangen ist, erinnert. Sie schwimmt hinaus, besteigt es. Wird, wie sie es interpretiert vom Tod erwartet und verschwindet.

Das Weitere läßt sich dann nicht mehr wirklich klären. Nur soviel, Vivien wird gerettet und zieht zu ihrem Vater nach Heidelberg, um dort ihre Dissertation über Walter Berry fertig zu schreiben, als ihm auch in seinem Gemüseladen, der höre und staune „Das grüne Rllo“ heißt, hilft.

Und das Staunen ist auch deshalb angesagt, weil es ja schon ein Steinfest Buch mit diesen Namen gibt und das wird in dem Roman auch erklärt. Man sieht Heinrich Steinfest ist wirklich ein ungewöhnlicher Schriftsteller und mit allen Wassern der Schreibkunst gewaschen und ich bin jetzt nur  gespannt, wie die Leser und die Kritiker das Buch empfinden werden.

Ob sie es als kitschig oder genial bewerten und es vielleicht sogar auch auf die deutsche oder österreichische Buchpreisliste setzten werden? Was mich freuen würde, denn dann hätte ich weniger zu lesen und obwohl kitschig, ist es eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr schon gelesen haben, zu den anderen würde ich den josuah Cohen, Jon Fante und auch Andre Kubicek setzen.

2018-02-16

Schöne Seelen und Komplizen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:00
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Von der 1974 in Bad  Saarow geborenen Julia Schoch, habe ich, glaube ich, das erste Mal etwas gehört, als sie in Klagenfurt gelesen hat.

Ihre „Verabreredungen mit Mattock“, habe ich 2008 gelesen und es damals sehr kompliziert und stilisiert gefunden. Schöne Sprache und kein Inhalt oder so. Also das, was ich eigentlich nicht sehr mag und jetzt hätte ich, wenn ich mich an Mariki Fallwickls Rat keine zweites Buch einer Autorin eines Autors zu lesen, gehalten hätte, wieder etwas versäumt.

Nämlich die Wandlung zum realistischen Schreiben und das finde ich immer sehr interessant und auch angenehm. Es erleichtert das Lesen und wieder ein Buch über die ehemalige DDR.

Das ist, glaube ich, auch etwas was Marike Fallwickl nicht so interessiert. Mich aber schon und auch wenn man sagen könnte, daß in dem Buch da eigentlich nicht so viel Neues und noch nie Gelesenes passiert, fand ich die Idee eine Schulklasse in einem DDR Gymnasium oder erweiterte Oberschule hieß das, glaube ich, die Wende erleben zu lassen und dann dreißig Jahre später zu schauen, was aus ihnen geworden ist, sehr interessant.

Vor allem ist es, glaube ich, der Stil  in dem das Buch geschrieben ist. Wieder geht es um Namen in den Kapiteln. Diesmal sind sie die Überschriften und so erfährt man von Lydia Gebauer, Kati Viehweg, Ruppert Klose und vielen anderen, die die „Käthe Kollwitz Schule“, ein Elitegymnasium, wie im Klappentext steht, zu dem man eine Aufnahmeprüfung bestehen mußte, besuchten, wie sie die Jahre von 1989 bis1992 erlebten.

1989 waren sie sechzehn, erlebten ihre Pubertät, ihre ersten Lieben, das Erwachsenewerden und all das, was wohl alle Sechzehnjährige erleben und noch erleben werden und dazwischen wird sehr fein und fast nebenbei, die Veränderung des Systems erwähnt.

Das beginnt damit, daß sich Lydia Gebauer, die sich für Literatur interessiert, darüber ärgert, daß Rebecca Wendtland, die „Animal Farm“ und nicht das Stück das sie auswählte und das glaube ich die „Fliegen“ von Satre waren, Julia Schoch deutet nur an, für eine Klassenaufführung auswählte.

Dazu schleppt sie die Schulkollegen zu einem richtigen Regisseur, der allerdings nur ein Heizer ist, in dem sich Lydia gleich verliebt. In den Pausen treffen sie sich im Cafe Reinholdt und üben dort die Rebellion, beziehungsweise erzählen sie sich, daß Ruppert sich traute, einen Aufsatz anders als gewollt zu schreiben und sich dann noch bei der Lehrerin über die schlechte Note zu beklagen.

Er wird auch aus einem Wehrlager geholt und zum Direktor zitiert, bei dem schon der Stasimann sitzt. Aber die Zeiten ändern sich bald. Zuerst hauen die Mütter ab und lassen ihre Töchter bei den alten Tanten, dann kommen die Demonstrationen und die Lehrer beginnen die Schüler bald für ihr aufmüpfiges Verhalten zu loben.

Als es dann zum Abitur kommt, heißt die Schule schon „Luisengymnasium“ und der neue Direktor kommt aus dem Westen und begeht ein paar Faux Pas und dreißig Jahre später oder so, versucht eine der Schülerinnen ein Klassentreffen zu organisieren. Dahin kommen nur ein paar Personen, denn die anderen hat es in die Welt verstreut. Lydia Gebauer, die Lektorin geworden ist, ist gerade in Paris kurz nach den Anschlägen, die es dort gab.

Ehen wurden geschieden, Traume und Karrieren aufgegeben. Einer von ihnen ist schon gestorben und ein paar unterrichten am „Luisengymnasium“,  wundern sich über ihre Schüler heute und fragen sich, ob sie mehr oder weniger politisch sind, als sie es damals waren?

Ein sehr interessantes Buch, ein leises feines. Wie schon erwähnt, ist das, was das geschrieben steht, nicht wirklich neu, weder die Wende, noch, daß Ehen auseinandergehen und Karrieren scheitern.

Es ist aber durchaus spannend, das zu lesen und darüber nachzudenken, wie das ist, wenn man mit Mühen oder Protektionen in die „Käthe Kollwitz – EOS“ aufgenommen wurde und dann am Ende am „Luisengymnasium“, die Matura macht?

Das hat gute und auch schlechte Seiten. Für die Schüler war es wahrscheinlich nicht ganz so einfach plötzlich von ihren alten und auch neuen Lehrern etwas ganz anderes zu hören und die Stelle, wo einer fast durchdreht, weil seine Frau das leere Osterhasennest seiner Tochter weggeworden hat, habe ich besonders interessant gefunden,

2017-12-08

Oder Florida

Buch fünf der Shortlist des Bloggerdebuts eine Auswahl aus vierundsechzig Longlistbüchern ist wieder komplett anders und eigentlich in meinem Sinn, nämlich ein DDR-Roman und die lese ich doch gerne.

Da waren also drei poetisch sprachlich anspruchsvolle Bücher, die ich wie folgt reihen könnte:

  1. Immer ist alles schön
  2. Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens
  3. Still halten

Dann die Biografie des Genies James William Sadis und jetzt ein „So lustiges und trauriges, ein so politisches und gefühlvolles Buch über das Deutschland nach der Wende, habe ich schon sehr lange nicht mehr gelesen!“, wie Jana Hensel am Buchrücken schreibt.

Die 1976 in Borna geborene Jounalistin und Autorin die  „Zonenkinder“ geschrieben hat, meint das.

Nicht ich, denn ich habe ja erst vor kurem „Peter Holtz“ gelesen und hätte dieses Buch gern auf der Shortlist des dBp haben wollen und  muß auch gestehen, daß ich nicht gleich in den Roman, des 1979 in Frankfurt an der Oder geborenen Christian Bangel hineingekommen bin.

Am Anfang erschien er mir etwas langatmig und unverständlich, aber dann habe ich mich hineingelesen und habe mir gedacht, daß das realistische Erzählen ja etwas für mich ist, obwohl es natürlich auch ironisch und komisch ist.

Natürlich ist es das und damit habe ich auch meine Schwierigkeiten und deshalb hab ich mir anfangs beim Lesen vielleicht ein bißchen schwer getan. Velleicht lag es auch am Format, denn es ist das zweite Buch das ich bei „Netgalley“ öffnen konnte. Das Erste war Kerstin Preiwuß „Nach Onkalo“.

Das habe ich dann aber als Printausgebe gelesen. Als ich aber am Freitag mit diesem Buch anfangen wollte, war die noch nicht da, also habe ich das PDF oder E-Book angefangen und das ist ja ein bißchen schwieriger, obwohl man auch da hineinkommt.

Dann habe ich das Buch bekommen und habe es mir auch ins Literaturhaus mitgenommen und in den Pausen des „Fried Festtivals“, darin gelesen.

Wir gehen, womit man wieder sehen kann, daß die meisten Bücher und auch sehr viele Debuts etwas Autobiografisches haben, nach Frankfurt an der Oder und in das Jahr 1998 und da ist der zwanzigjährige Matthias Freier und der hat gerade seinen Zivildienst hinter sich, ist Redaktuer eines Magazins, das sein Freund  Fliege gegründet hat und der hat noch andere Pläne. Er will nämlich, es sind gerade Wahlkampfzeiten und Gerhard Schröder wird etwas später Helmut Kohl ablösen, einen Kapitalisten zum SPD Bürgermeister machen, der heißt Franziskus und hat sehr neobliberale Ansichten, obwohl oder gerade, weil er aus dem Osten kommt und Freier, wie Matthias genannt wird, wird zu seinem Pressesprecher.

Frankfurt (Oder) heißt der erste Teil des Buches, weil es dort spielt und 1998 ist die Stadt offenbar sehr von den Neo Nazis bevölkert, die Freier auch krankenhausreif zusammenklatschen und der der frisch gebackene Pressesprecher eines Kapitalisten, der ihm von Florida vorschwärmt, weil dort ja alles so kapitalistisch ist, deshalb heißt das Buch auch so, hat gerade genug Probleme.

Lebt er doch in einer leeren Wohnung mit einem leeren Kühlschrank, die Mama, die die Wende in ein Callcenter verpflanzt hat, schickt ihm zwar Carepakete, beiehungsweise stellt sie ihm Letschodosen in die Küche, die Freier dann hinter im Bücherradel versteckt, weil er kein Letscho mag.

Die Mama ruft ihn auch mitten in ihren Meinungsforschungsinterviews an und fragt ihm dann nach seiner Meinung und erst wenn die Luft von den Supervisorn rein ist, wie es ihm geht.

Ja, so sans die Kapitalisten und Franziskus Wahl geht gehörig schief, weil man im Osten 1998 offenbar auch schon das Dirty Campaining kannte und da wird aufgedeckt, daß Franziskus in Florida ein Geschäft aufbauen will ,um die faulen Ossis zur Schulung dorthin zu schicken.

So wird er ausgepfiffen und verliert die Wahl, macht Freier aber, der auch um seine Jugendliebe Nada trauert, die mit ihrer Mutter  in den Westen mußte, weil die im Osten keine Arbeit mehr bekam, die er aber jetzt wiedergesehen und einen Kurzausflug nach Berlin mit ihr gemacht hat, wo er aber auch von den Nazis verfolgt wurde, ein moralisches oder unmorialisches Angebot.

Er nennt ihn jedenfalls einen Rohdiamanten, den er schleifen will. Das heißt Freier soll nach Hamburg und sich im Zoofachgeschöft eines befreudeten Kapitalisten in die BWL einarbeiten, dann nach Florida fliegen, für Franziskus ein Geschäft aufbauen und bekommt dann von ihm hunderttausend Dollear.

Die Mutter rät davon ab. Freier sagt zu und muß bei dem befreundeten Kapitalisten nun Kartons falten, Dosen aussortieren, Fischbecken putzen, etcetera und wird immer wieder vertröstet und zusammengeschißen, so daß er schließlich vor der Wahl steht, ob er sich weiter verskalven lassen oder nach Berlin abhauen und mit Nadja ein schönes neues freies Leben beginnen soll?

Ein interessantes Buch, vielleicht nicht ganz so knallhart iroinisch wie  „Peter <holtz“ erzählt. Aber knallhart komische Stellen hat es schon. Etwa gleich am Anfang, als Fliege mit dem Slogan „Mehr sonne für Frankfurt!“, in den Wahlkampf tzieht oder knallhart grausam, als er im zweiten Teil „(Oder ) Hamburg draufkommt, daß die Kapitalisten die Azubis aus dem Osten alle Udo nennen „unser dummer Ossi“.

Ansonsten ist Deutschland weit von Österreich weg und und das Jahr 1998 weit von 2017, wo die Neo Nazis ja nicht mehr Türken klatschen, sondern sich „Patrioten“nennen,  den Linksfaschismus bekämpfen und auf der Buchmesse „Wir alle hassen Antifa“, einem hilflos daneben stehenden messedirektor ins Gesicht schreien und ich denke mir 1998 ist lang vorbei. Die blauschwarze zweite Wende oder die „Orbanisierung“ Österreichs fängt hier erst an und begann zu überlegen, ob ich für Debutpreis wirklich nur drei poetisch schöne Bücher rangreihen will und, obwohl ja eine realistische Autorin, die realistischer geschriebenen außen vorn lassen will?

Ich will, das kann ich gleich verraten, nicht und werde das noch genauer in einen eigenen Artikel begründen.

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