Literaturgefluester

2019-03-23

Ich bin Özlem

Jetzt kommt noch ein  Buch aus dem „Verbrecher-Verlag“ und zwar eines mit einem brandtaktuellen Thema, beschäftigt sich doch die 1972 in Schwäbisch Gmünd geborene Dilek Güngör, von der ich mir nicht sicher bin, ob ich ihren 2007 erschienenen Roman „Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter“, in meinen Bücherbergen habe oder nicht,  in Zeiten der politischen Korrektheit und der Frage, der Verletzung der Gefühle, während auf der patriotischen Seite, die Ausländer beschimpft und als Gewalttäter dargestellt werden, mit den Frage der Identität, des Fremdseins und, ob man jetzt Türkin ist, wenn man in Deutschland geboren wurde, aber Özlem heißt, etcetera.

Ich bin gar nicht so sicher, ob das einhundertsechzig Seiten Buch, als Roman zu benennen ist. Ich würde es fast als einen erzählenden Personal-Essay bezeichnen, denn es behandelt  nur eine sehr kurze Zeitspanne und da eigentlich mit Rückerinnerungen, die oben erwähnten Fragen.

Da ist also Özlem, wie ihre Autorin in Schwäbisch Gmünd aufgewachsen, jetzt in Berlin lebend, Tochter von türkischstämmigen Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind und jetzt Migranten heißen. Sie ist Ende dreißig und hat,  das ist vielleicht etwas ungewöhnlich, vielleicht auch konstruiert einen deutschen Mann und zwei Kinder Emilia und Jakob, die, glaube ich, nicht Türkisch sprechen und es beginnt mit einer Einladung zum Abendessen.

Im Beschreibungstext steht noch etwas, das Özlem, sich ständig mit „Ich bin Özlem!“ und „Meine Eltern stammen aus der Türkei“ vorstellt.

Zu Beginn steht sie aber in der Küche, macht Linsensuppe für ihre zwei Freundinnen Eva und Johanna und ihre Ehemänner, die zum Essen kommen und überlegt dabei, daß das türkische Essen sehr üppig ist und ihr ihre Mutter, das Kochen beigebracht hat, während das bei ihren deutschen Freundinnen nicht so wichtig war.

Sie hat die Realschule besucht, während ihre Freundinnen aufs Gymnasium abwanderten, ist dann aber  Sprachlehrerin geworden. Malen wollte sie auch, hat das aber aufgegeben und jetzt löchern sie ihre Freundinnen, daß sie mit ihnen mit in den Urlaub nach Griechenland fahren soll, was sie eigentlich nicht so will.

Dann fährt sie aber doch ein Wochenende mit den Freunden und den Kindern, ihr Mann ist nicht dabei, nach Usedom und dort zerstreitet sie sich mit ihnen an der Frage, ob die „Karlsplatz-Schule“ eine schlechte Schule ist, weil die Kinder dort nur Türkisch und Arabisch sprechen.

Sie zerstreitet sich nicht nur, sie bricht darüber fast zusammen, obwohl sie ihre Tochter auch nicht in eine solche Schule gegeben hat.

Ein interessantes Buch in Zeiten, wie diesen, wo man nicht mehr Fragen  oder soll, woher jemand kommt, weil das vielleicht rassistisch ist.

Obwohl  eigentlich nur so Kommunikation entsteht und man darüber diskutieren könnte, während der andere vielleicht genervt ist, diese Frage zum hunderttausensten Mal, in Zeiten der AFD der Pegida-Märsche, beantworten zu müssen.

Dabei wäre es, denke ich, sehr wichtig diese Frage selbstbewußt mit einem „So ist es, ich spreche zwei Sprachen und habe zwei Identitäten, na und?“, zu beantworten.

Oder natürlich nicht, wie Dilek Güngör  an ihrer Protagonistin eindrücklich beschreibt, die sich mit ihrer Doppelidentität zurechtfinden muß und ich  denke mir, daß die Empfindlichkeit, auch ein Pferdefuß sein könnte und es Rauhbeine wahrscheinlich leichter haben.

Was aber sicher  nicht so einfach ist, eine dicke Haut zu bekommen, wenn man von Kindheit an Außenseiter war.

Ein interessantes Buch, das nicht nur dem Uli sehr zu empfehlen wäre und über man sicher viel diskutieren kann.

2015-05-30

Frauenpower beim Bachmannpreis

Am Donnerstag sind die Namen der vierzehn Autoren, zehn Frauen und vier Männer, die heuer bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt lesen dürfen, bei einer Pressekonferenz bekanntgegeben worden und so ich bin darauf gekommen, daß Valerie Fritsch, Teresa Präauer, Michaela Falkner, Nora Gomringer, Dana Grigorcea, Saskia Hennig von Lange und noch acht andere, die ich nur vom Namen oder gar nicht kannte, nominiert wurden. Zehn Frauen, fünf Österreicher, das klingt schon einmal toll, noch dazu, wo man ja jetzt immer hört, das Kärnten bankrott ist und sparen muß. Deshalb wird es auch einen Preis weniger geben und wie ich auf Wolfgang Tischers Seite erfuhr, der immer gegen die Buffets wettert, wahrscheinlich nur Soletti und billigen Wein, wie im Literaturhaus und es gibt  auch eine Veränderung in der Jury. Burkhard Spinnen hat den Vorsitz im Vorjahr zurückgelegt, den scheint man dann Daniela Strigl angeboten, aber nicht gegeben zu haben, so daß sie auch zurücktrat. Arno Dusini tat das auch, so daß jetzt Sandra Kegel, Stefan Gmünder und Klaus Kastberger neu im Team sind, Hubert Winkels hat den Vorsitz und das merkt man an der Auswahl der Kanditaten. Denn die sind überraschend neu und frisch. Ganz jung vielleicht nur Ronja von Rönne, 1992 geboren und Valerie Fritsch, 1998, die Zeitungen schrieben auch von schon erfahrenen Autoren. Ja, Valerie Fritsch hat ihren neuen Roman bei „Suhrkamp“ und hatte bei der Vorstellung in der „Alten Schmiede“ ein sehr volles Haus und mich würde sie beinahe ein bißchen an die Bachmann erinnern, Nora Gomringer, die ich bei „Literatur und Wein“ hörte, ist, glaube ich, eine bekannte experimentelle Autorin und Lyrikerin, Michaela Falkner mit ihren Manifesten ist sicher auch sehr provokant und spannend, wie sie in Klagenfurt aufgenommen werden wird? Die gebürtige, in der Schweiz lebenden Bulgarin, Dana Grigorcea, deren „Baba Rada“ ich gelesen habe, habe ich auf dem „Literaturschiff“ kennengelernt und sie ist, glaube ich, auch voriges Jahr beim Schweiz-Schwerpunkt in Leipzig, aufgetreten, Teresa Präauer ist sein ihrer Nominierung für den „Leipziger Buchpreis“ bekannt und Saskia Henning von Lange, die ich einmal bei „Rund um die Burg“ hörte, ist auch sehr bekannt. Spannend, spannend, habe ich gedacht, das wird ein interessantes Lesen und ein Match zwischen Gomringer und FALKNER und vielleicht wird Valerie Fritsch genauso verrrissen, wie vor ein paar Jahren das andere Sprachtalent Andea Winkler, vielleicht bekommt sie auch den Preis.

Als ich dan noch auf die Namensliste schaute, fielen mir abgesehen, daß ich den Namen Peter Truschner kannte und den Autor vielleicht schon einmal gehört habe, auch die Namen Monique Switter und Ronja von Rönne auf, sprechende Namen, habe ich gedacht und keine Zeit mich weiter damit zu beschäftigen, gab es ja im „Theaterbrett“ ein „Literaturfestival“ und meine „Bibliophilin“ will ja auch korrigiert werden. Aber ich bin neugierig, die anderen Blogs begannen sich auch schon mit der Bachmannpreisnominierung zu beschäftigen und googlete nach.

Buzzaldrin schrieb, daß Ronja von Rönne durch ihre politische Tätigkeit bekannt wäre, eine sehr junge Frau, 1992 geboren, interessant, schau einmal nach, was sie schon für Veröffentlichungen hat.

Sie scheint noch keine Bücher zu haben, obwohl man seit ein paar Jahren ja eine Verlagsempfehlung braucht, sondern auf „sudelheft de“, der „Welt“ und „der Welt am Sonntag“ zu veröffentlichen. In ihren Blog scheint man nicht mehr hineinzukommen, es gibt aber eine Facebookseite und da war zuerst zu finden, daß sie sich über die Nominierung für die „Hungergames of Klagenfurt“ freuen würde.

Ja, mit dreiundzwanzig Jahren ist man eben cool und aufmüpfig und hat einen frechen Ton. Valerie Fritsch hat bei den „Textvorstellungen“ vor Jahren auch gesagt, daß sie in einem Bordell recherchiert hätte, weil sie alles genau wissen will. Dann geht es aber weiter: „Ich habe ein neues Haustier. Es nervt und will ständig Aufmerksamkeit. Brauche Tipps, wie ich es schnell loswerde. Ebay Kleinanzeigen schon probiert. Will keiner. Es soll sterben.  Ganz schmerzhaft“.

Weiter konnte ich nicht lesen, weiß daher nicht, wie es weitergeht und würde raten, es vielleicht mit einem Tierheim zu probieren. Die Heldin von Olga Grjasnowas ersten Buch, tötet, glaube ich, auch einen Hasen, als Ausdruck ihrer Traumatisierung und in der Literatur ist vielleicht einiges erlaubt, was im wahren Leben verboten ist, wenn man die Hintergründe kennt. Ich googlete also weiter und kam auf einen Artikel in der Welt „Warum mich der Feminismus anekelt“, der mit „Ich bin keine Feminismus, ich bin Egoistin. Ich weiß nicht ob „man“ im Jahr 2015 in Deutschland den Feminismus braucht, ich brauche ihn nicht. Er ekelt mich eher an. Feminismus klingt für mich ähnlich antiquiert wie das Wort Bandsalat.“ Uje, uje uje, vielleicht eine neue Helene Hegemann?

Klagenfurt kann spannend werden! Und da habe ich in den letzten Jahren schön öfter gehört, daß dort zu wenig los ist. Heuer ist vielleicht wieder  etwas los und bringt vielleicht wieder einen neuen Skandal, wie damals Urs Alleman mit „Babyficken“ oder  als Rainer Goetz sich mit einem Messer die Stirn aufschlitze, etc. Vielleicht wollen, die Juroren, die Journalisten, das Publikum, etc das? Ich will, glaube ich, aber keine Egoisten und bin auch bei sehr jungen Frauen, die sich auf diese Art und Weise provozieren wollen oder müssen, ein wenig skeptisch. Natürlich gibt es die Pubertät und natürlich muß man sie ausleben und natürlich ist das Erwachsenwerden, in einer Gesellschaft, wie unserer schwierig und natürlich ist Selbstbewußtsein wichtig. Aber Rücksichtnahme auf andere ist vielleicht auch in Zeiten, wie diesen ein wichtiger Wert, selbst wenn sie auf dem ersten Blick nicht so cool, wie der Satz von der „Egoistin“ scheint.

Ich will keine Demonstration, wie man ein Haustier am schnellsten tötet, das ist auch der Tierschutz sicher dagegen und Debatten, ob sich der Feminsimus, angesicht der deutlich sichtbaren Diskrimierung der Frauen, die täglich nicht nur in Saudi Arabien, sondern wahrscheinlich auch in Deutschland passietiert, überholt hat, sind vielleicht, ob solcher Artikel, immer noch notwendig, aber beim Bachmannpreis sollte es, um Literatur und nicht um Skandale und wer sich das meiste traut, gehen.

Jedenfalls kann ich soviel jugendlicher Rotzheit, so interpretiere ich das einmal, so nicht widerspruchslos stehen lassen. Deshalb jetzt auch ein zusätzlicher Blogartikel, obwohl ich eigentlich mit der „Bibliophilin“, die sicher viel harmloser, als die Debatte ist, wie man seinen Hamster möglichst schmerzhaft umbringt, fertig werden wollte, bevor ich am Spittelberg zu einer Lesung über „Joseph Roth und der Film“ gehen werde. Der Bachmannpreis wird heuer sicher spannend werden, das habe ich schon gedacht, noch bevor ich auf Ronja von Rönnes Facebookseite gekommen bin und die Proteste, die auf ihren Feminismusartikel folgten, gelesen habe.

Jetzt habe ich ein ungutes Gefühl im Bauch und bin natürlich auch auf die anderen Autoren, über Monique Schwitter, von der ich inzwischen gehört habe, daß sie Schauspielerin ist und die, die ich noch gar nicht kenne und daher nicht weiß, ob sich vielleicht nicht noch ein paar Skandalautoren darunter verbergen, gespannt.

Ja und ich bin natürlich immer noch neidig, daß ich nicht beim „Bachmann-Preis“ lesen darf, weil meine harmlosen, viel zu wenig abgehobenen Texte, keine Chance dabei haben, weil sie niemanden interessieren, obwohl ich mich schon lange nicht mehr bewerbe.

Aber ich denke, es werden sich viel mehr als vierzehn Autoren beworben haben und die vierzehn ausgewählten, die genommen worden, sind sicher priveligiert, ich will jetzt nicht spekulieren, ob das deshalb ist, weil sie schöne junge rotzfreche Frauen sind, die dann vielleicht doch, ohne, daß sie es wollen, von den Fortschritten des Feminismus profitieren, denn im neunzehnten Jahrhundert hätte man sie vielleicht weder studieren noch öffentlich lesen lassen.

Valerie Fritsch, Teresa Präauer, Nora Gomringer, Saskia Hennig von Lange, etc, sind aber auf jedenfalls starke Talente. Bei Ronja von Rönne weiß ich es noch nicht, weil die zitierten Sätze ja nicht literarisch sind. Es ist aber ein Privieg in Klagenfurt lesen zu dürfen und vielleicht hat das, die junge Frau, die keinen Feminismus zu brauchen glaubt, doch einigen Bevorzugungen zu verdanken, die die anderen nicht haben und vielleicht sollte man auch daran denken, bevor man sagt, daß einem der Feminismus, als Ausrede für die unterpriveligierten Frauen, die einen  gar nicht intererssieren, vorkommt? Wahrscheinlich interessieren auch nicht, die unterpriveligierten Autoren, die nicht beim „Bachmannpreis“ lesen dürfen, weil sie nicht so spekulär erscheinen, nicht so viel literarische Qualität, Action, oder Aufregung versprechen?

Ich weiß es nicht, habe mich jetzt ein wenig abreagiert, denn das bin ich diesmal wirklich empört und hilflos, mehr als sonst. Bin bezüglich des „Bachmannpreises“ gespannt, werde wieder genau beobachten, was dort passiert und wenn nötig, auch wieder meine Stimme erheben, wenn mir etwas nicht gefällt und über Valerie Fritsch, als Preisträgerin würde ich mich freuen.

Bei Ronja von Rönne weiß ich es nicht, denn ich kenne ihre Texte nicht, glaube aber an den Feminismus und bin auch dagegen andere zu quälen, etcetera.

Ronja von Rönne, scheint, wie ich während des Blogschreibens herausbekam, offenbar inzwischen  eine Morddrohung aus rechtsradikalen Kreisen bekommen haben, bzw. wurde sie für rechtsradikal gehalten und hat deshalb ihren Blog geschloßen und ich bin noch ein bißchen ratloser, wie zuvor, während sich das Literaturcafe in seiner zweiten Bachmann-Analyse sehr ausführlich mit der Statistik der ausgewählten Autorenschaft und der Farbe die die Promotionstaschen diesmal haben werden, beschäftigt.

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