Literaturgefluester

2019-04-16

Sechs Tage im April

Filed under: Bücher — jancak @ 00:23
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Nach Robert Misiks Streitschrift zur Lage der Nation nach einem guten Jahr schwarz blau neu, geht es jetzt  hundert Jahre zurück, denn ich interessiere mich ja  sehr für die politische Situation bis oder ab dem ersten Weltkrieg und da hat mir der „Verbrecher-Verlag“, den ich ja vorigen Herbst durch das Debutpreislesen besonders kennenlernte, ein besonderes Buch geschickt, was mich etwas erstaunte, bringt er offenbar nicht nur zeitgenößische Literatur und da auch einige Debuts heraus.

Er beschäftigt sich auch mit Erich Mühsam und da hat der 1967 geborene  Markus Liske gemeinsam mit Manja Präkel deren 2017 Debut ich ja vor kurzem gelesen habe, schon einige Bände mit seinen Originalzitaten aus Briefen und Tagebüchern herausgegeben.

Wir haben den April 2019 und da gab es vor hundert Jahren „Sechs Tage bayrische Räterepublik“, das heißt, die hat schon im November angefangen, jedenfalls hat Volker Weidermann schon 2017 das Buch „Träumer“ darüber geschrieben und jetzt geht es, fast pünktlich zu Ostern,  hundert Jahre zurück, wo Erich Mühsam an  der Spitze der Räterepublik tätig war, bis er verhaftet wurde und Markus Liske hat wieder Originalzitate verwendet, sich aber, was höchst löblich und wahrscheinlich auch sehr wichtig ist,  nicht nur auf die Titel gebenden, sechs Tage im April bezogen, sondern geht eigentlich durch das ganze Mühsam Leben, um auch das Vor- und Nachher zu verstehen und das,  die Originalzitate in kurzen oder längeren Ausschnitten zu lesen, ist zwar etwas mühsam, aber sicher auch sehr interessant, denn ich bin ja  keine  Mühsam Expertin, habe aber gesehen, daß ich zwei Bücher von ihm habe, eines, „Der Bürgergarten“ habe ich mir 1983, also noch in DDR-Zeiten in Budapest gekauft, als ich mit dem Alfred das erste Mal in meinem Leben dort war.

Es war nicht ganz leicht in das Buch hineinzukommen, obwohl Markus Liske immer schön zusammenfaßt, es auch ein Vorwort gibt und unter die Textausschnitte auch immer genau angibt, woraus er zitiert, so habe ich mir „Wikipedia“ zu Hilfe genommen und werde  daraus zitieren, daß Erich Mühsam, der von den Nazis 1934 im KZ Oranienburg ermordet wurde,  1878 in Berlin als Sohn eines Apothekers geboren wurde.

Er hat dort das Gymnasium besucht, ist aber  wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ vertrieben, was für den weiteren  Lebenslauf des Anarchisten, Publizisten und Antimilitaristen sehr bezeichnet ist.

Er hat sich dann  als Apothekergehilfe ausbilden lassen, bevor er einige Jahre durch die Welt zog und sich 1909 in München Schwabing niedergelassen, wo es in dem Buch schon einige Texte gibt, so etwa die, wo er das Wesen der „Bohemiens“ beschreibt.

Er hat in München  den „sozialistischen Bund“ gegründet und ist mit Gustav Landauer, der ja ebenfalls führend an der Räterepublik beteiligt war, in Berührung gekommen. 1911 hat er  „Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit“ herausgegeben, aus der es in dem Buch immer wieder Texte gibt.

So etwa einer über die „Polizei“, denn Erich Mühsam wurde 2010 verhaftet und freigesprochen, dann gibt es einige Artikel über den „Sozialismus“ und das „Wahlrecht“.

Dann kommt der erste Weltkrieg, wo Mühsam 1915 seine Frau Zenzl heiratete,  seine Zeitschrift einstellte, die  er nach 1918 wieder aufleben ließ, so daß es in dem ersten Kapitel, das die Ereignisse bis zur Räterepublik erklärt  auch Tagebucheintragungen und Gedichte gibt.

Der zweite größere Teil „Alle Macht den Räten“ beginnt mit dem berühmten Gedicht „Fanal“, dann geht es zunächst in das Jahr 1920, wo Mühsam noch im Gefängnis sitzt, die Ereignisse vom April 1919 aufschreibt und  einen Brief an Lenin hinausschmuggelt, in dem er das falsch Dargestellte Ereignisse korrigiert, was aber nicht gelungen ist, da Lenin starb und sich die SU vom sozialistischen Musterstaat, an den Mühsam lange glaubte, ja in eine Diktatur verwandelte.

Dann geht es in den November 1918 zurück, wo die Revolution mit einer Demonstration, organisiert von Kurt Eisner und Erhard Auer, auf der berühmten  Münchner Theresienwiese begann und die Republik ausgerufen wurde, wie auch von Volker Weidermann in seinem Buch beschrieben wurde.

In den „Kain-Flugblätter“ erscheinen  ab November, während Eisler an der Spitze der neuen Regierung steht, berührende Aufrufe an die „Soldaten! Arbeiter! Volksgenossen!“ zum Thema „Krieg – Revolution – Friede“.

Im Dezember 1918 versuchte Mühsam fast alle bürgerlichen Zeitungen Münchens zu besetzen, was aber durch das Erscheinen von „Ministerpräsidenten Eisner“ mißlang, wie er in dem Artikel „Mein Putsch gegen die Münchner Zeitungen“ beschrieb, wo interessant, auch schon die Worte „Lügenfreiheit der Presse“ vorkommen, die derzeit ja so gern von den patriotischen You Tubern benutzt werden.

Es kam zur Streichung des Weihnachtsgeldes der Kieler Matrosen, die ja die Novemberrevolution ausgelöst habn, was Mühsam zum Artikel „Gegenrevolution“, in seiner „Zeitschrift für Menschlichkeit“ veranlaßte.

Und da er für „Alle Macht den  Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten!“, ist, schreibt er einen „Boykottaufruf“ für die Wahlen, die in der Räterepublik kommen sollen und hat seine Schwierigkeiten mit Kurt Eisner, der ihn verhaften lassen wollte.

Im Februar gab es dann den Putschversuch, bei dem Kurt Eisner ermordet wurde, was von Mühsam in einem Essay  sehr bedauert wurde und die Revolution wieder belebt wurde, da es wie Mühsam schrieb, „Das Proletariat erweckt wurde und es zum Generalstreik kam“.

Bei dem Anschlag sollten auch Landauer und Mühsam ermordet werden, die sich  aber nicht in München befanden, so daß Mühsam nach dem Anschlag, gemeinsam mit Ernst Toller und Gustav Landauer vom siebenten bis dreizehnten April  an die Spitze der Räterepublik gesetzt, während in Unbarn die Räterepublik unter Bela Kun schon im März ausgerufen wurde, was Mühsam sehr begrüßte und in einigen Essays euphorisch beschrieb.

Am Palmsonntag, den 13. April wurde Mühsam  verhaftet und ins Zuchthaus Ebrach gebracht, wo er in Hungerstreik tritt und die Ereignisse zu beschreiben beginnt. Die Räterepublik hat noch einige Wochen weiter bestanden. Mühsam wurde zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilt und 1924 amenstiert.

Der dritte Teil  „Testament der Freiheit“ beginnt mit dem Gedicht „Gefängnis“, wo Mühsam seine Hafterfahrungen beschreibt und es dann zu einer Beschreibung der Gerichtsverhandlung Juni kommt.

1930 setzt er sich in einem Text mit der „Kunst und dem Proletariat“ auseinander und beginnt, wie Markus Liske schreibt, sich für die „Rote Hilfe“ einzusetzen und Gedenkartikel über Gustav Landauer, Eugen Levine und sogar Kurt Eisner zu schreiben und setzt sich mit Sowet-Russland auseinander.

1933 kommt Hitler an die Macht und Mühsam wird am achtundzwanzigsten Februar von der SS verhaftet und in verschiedenen Gefängnissen und Lagern Folterungen und Verstümmelungen ausgesetzt, bis er im Juli 1934 stirbt.

Seine Frau Zenzl, die in die SU geflüchtet ist, kommt dort jahrelang in Lager und kann erst in den sechzigerjahren in die DDR ausreisen und ich habe ein  spannendes Buch mit spannenden Originaldokumenten gelesen, das weit mehr, als die im Titel erwähnten, sechs Tage beschreibt, was nicht immer  einfach war, viel Aufmerksamkeit und Konzentration verlangte, aber wahrscheinlich ein authentischeres Bild der Ereignisse gibt, als wenn man einem Roman darüber liest.

Mich hat das Buch an den Revolutionsworkshop erinnert, den ich ja derzeit meines Unfalls wegen nicht besuche und auch daran, daß ich ja noch einen Krimi über die Rebubliksgründung in Österreich im November 1918 auf meinem Stapel liegen habe.

Mein Geschichtsbild hat sich wieder etwas verschärft und besonders spannend finde ich es auch, die Ereignisse vor hundert Jahren mit der heutigen Zeit zu vergleichen, was mir manchmal so aktuell erschien, daß mir fast das  Gruseln kam.

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2017-12-14

Träumer

Weiter geht es mit den Literaten, aber jetzt gehen wir um einen Krieg zurück oder in den November 1918,  wo in München die Räterepublik vorbereitet wurde und da für eine kurze Zeit, die Dichter oder „Träumer“ wie es der „Spiegel- Redakteur“ und jetziger Gastgeber des „Literarischen Quartetts“, der  1969 in Darmstadt geborene Volker Weidermann, von dem ich schon „Ostende“ gelesen habe, nannte.

Bei „Kiepenheuer und Witsch“ ist das Sachbuch über eine Utopie, wie man es nennen könnte, herausgekommen und Volker Weidermann hat sich, glaube ich, wieder sehr genau in die Tagebücher und Schriften der damals ortsansäßigen Dichter eingelesen und eine Narration daraus gemacht.

Vielleicht könnte man auch Krimi oder Thriller dazu sagen oder nein, vielleicht nicht, weil die Räterepublik, der ja für kurze Zeit Ernst Toller vorstand und Gustav Landauer Minister oder Volksbeauftragter für Bildung war, war ja gegen Gewalt, obwohl natürlich sehr viel Blut dabei geflossen ist.

Aber erst geht es in den siebenten November 1918 und auf die Münchner Theresienwiese, wo glaube ich, auch die Oktoberfeste stattfinden.

Jetzt ist der Krieg vorbei und die Soldaten rennen noch in Uniformen herum, von denen die Rangabzeichen heruntergenommen wurden und der Journalist und Schriftsteller Kurt Eisner steht da wohl an einem Podium und spricht die revolutionären Massen an. Von ihnen wird er auch getragen, zum ersten Ministerpräsidenten Bayerns gemacht, der König mußte mit seiner Familien fliehen, aber schon im Februar darauf, als er gerade wieder abdanken wollte, weil er die Wahlen nicht gewonnen hat, ermordet wurde.

Seine Kampfgenossen wie Erich Mühlsam, dem er zu wenig revolutionär war, waren dagegen, aber der bekommt, als sich im April eine neue Regierung, eben jene Räterepublik mit dem Schriftsteller Ernst Toller an der Spitze bildet, kein Ministeramt, das bekommen eher schrullige Gestalten, wie ein Dr. Ernst Lipp, der den Papst kennet und ihm seltsame Telegramme schickt, so daß er gleich wieder zurücktreten muß und in ein Sanatorium geschickt wird.

Vergleiche zu schwarz blau I in Österreich können aufkommen, werden in dem Buch aber nicht gezogen, denn Volker Weidermann geht es ja in die damalige Dichterschaft ein und da hat Thomas Mann mit seiner Frau und seinen <kindern in einer Villa  am Herzogpark bei München, das Geld dafür stammte von seiner Schwiegermutter, gelebt, gerade seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“ herausgegegben und am siebenten November war er in einem Konzert, das sein Freund der „ultranationale und Antikdemokrat“ Hans Pfitzner, der die Oper „Palästrina“ gegschrieben hat, die mich in meiner Studentenzeit sehr beeindruckt, dirigierte.

Er erlebt die politischen Umwälzungen also am rande mit, genauso wie Rainer Maria Rilke, der am ersten Weltkrieg fast gescheitert wäre, Stephan Zweig hat ihm, glaube ich, eine Stelle im einem Kiegsarchiv verschafft, damit er nicht an die Front mußte, der aber offenbar von den Umwälzungen angetan war, genauso wie vielleicht oder angeblich ein Gefreiter und erfolgloser Kunstmaler namens Adolf Hitler, der zwar bestritten hat, am Eisler Begräbnis dabei gewesen zu sein, aber angeblich auf einer Fotografie zu sehen war.

Thomas Mann Bruder Heinrich war dagegen politisch revolutionärer und sein  dreizehnhähriger Sohn Klaus, hat ein Theaterstück über die Machtergreifung Eislers geschrieben.

Es gab aber noch andere,  mehr oder weniger damit befaßte Dichter, wie  zum Beispiel Erich Mühsam, der zwar die Villa eines Holländers zur zur  „Unabhängigen Räterepublik“ ausrief, um weiter mit dem Freund ungestört trinken zu können, aber ebenfalls ministerlos vom Wittelsbacher Palais zurückkehrte und Hermann Hesse gab es auch oder eigentlich ein Manuskript namens „Deminan“ das Aufsehen erregte und von einem Debütanten namens Emil Sinclair geschrieben worden sein soll, der mußte den „Fontane-Preis“ den er dafür bekommen sollte,  aber wieder zurückgeben, denn Hesse war damals  einundvierzig Jahre alt und hatte schon Werke, wie „Unterm Rad“ und „Peter Camenhind“ geschrieben.

Ein gewisser Ret Martut der den „Ziegelbrenner“ herausgegeben hat und der sich später nach Mexiko zurückgezogen hat, wird auch erwähnt. Volker Waidermann meint, er hätte dort Romane unter dem Namen B. Traven herausgegeben, aber so viel ich weiß,  weiß man noch immer nicht wer  B. Traven war.

Man sieht also, Volker Weidermann führt sehr genau in die Zeit hinaein und läßt uns mitschnuppern, wie es damals in München vielleicht war, als die Dichter und die Träumer für eine Zeitlang die Macht übernahmen und die gewaltfrei ausüben, das Geld abschaffen und noch vieles andere, wollten.

Gegen die Gewaltfreiheit waren seltsamerweise die Kommunisten, die meinten, daß man so keine Revolution machen kann und sdaher die Regierungsbeteiligung verweigerten, Toller schon ein paar Tage später wieder absetzen wollten und das in einerm Bierkeller beschlossen Ernst Toller ging hinüber, wollte reden, durfte nicht, tat es doch,wurde dann verhaftet, kam aber wieder frei und es ging noch eine Zeitlang weiter mit der Unsicherheit, wo jeder seine eigene Räterepublik gründete und Erich Mühsam mit einem Lastwagen Rundfahrten auf Münchens Straßen machte, von dem herunter er dann seine Gedichte , wie „Die Sonne der Freiheit“,  das er gar nicht geschrieben hat, deklamierte.

Am Palmsonntag kommt es dann zum Putsch, die Kommunisten übernehmen die Regierung und werden im Mai schon von der weißen Garde abgelöst, es kommt zu Verhaftungen und Erschießungen. Gustav Landauer wird erschoßen, Ernst Toller, der sich versteckt hält, bekommt fünf Jahre Festungshaft, wo er 1924 entlassen wird, nach Amerika emigriert und sich 1939 im Hotel Mayflower in New York erhängt.

Erich Mühsam wurde von den Nazis ermordet, Oskar Maria Graf, der ja 1933 bedauerte, daß die Nazis ihm nicht auch verbrannten, emigrierte ebenfalls nach Amerika.

Thomas Mann und Rainer Maria Rilke, die bürgerlichen, die nur am Rand an dieser Revolution beteiligt waren, verließen ebenfalls München. Der eine übersiedelte nach Lübek, der andere ging in die Schweiz und die Geschichte ging weiter.

Überrollte die Republik der Träumer, die sich nicht lange halten konnte. Das Weitere ist wahrscheinlich bekannt, man lernt es in der Schule und kann  hier an verschiedenen Stellen  auch nachgelesen werden.

„Lustig, aufregend, viel Neues, tolle Recherche. Das wird Furore machen.“, schreibt Hans Magnus Enzensberger am Buchrücken und ich antworte, wie meine Leser vermuten werden, daß ich das Buch zwar nicht lustig, aber interessant gefunden hatte und Volker Weidermanns Recherche für mich tatsächlich viel Neues enthielt.

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