Literaturgefluester

2021-04-15

Hotel Weitblick

Filed under: Bücher — jancak @ 00:15
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Jetzt kommt gleich ein Buch der Preisträgerin des „Rauriser Förderungspreises“ von 2013. Das Debut der 1975 geborenen Renate Silberer von der ich schon ihren 2017erschienenen Erzählband „Das Wetter hat viele Haare“ gelesen habe und jetzt auch ein bißchen verwirrt bin, dachte ich doch die „Rauriser Preise“ gehen an Debuts und Renate Silberer habe ich auch schon bei verschiedenen Lesungen gehört.

Das Buch ist vielleicht ein bißchen verwirrend, weil wieder viel zu viel darin verknüpft und etwas, was ich eigentlich für normal halte, als Problem geschildert wird.

Es geht, wie ich der Beschreibung entnehme, um Kritik am Leistungsdenken und an Führungsseminare und es geht auch wieder in die Vergangenheit, nämlich in die Eziehungsmethoden der Natonalsozialisten „Der Letzte, der nicht den Verstand verloren hat, wird Geschäftsführer: ein bitterböser Roman über das Leistungsdenken und den Glauben an sich selbst.“

Das klingt schon einmal interessant und der Anfang, der die Ausstiegspläne des Consultersmarius Tankwart schildert ist auch recht spannend und gut geschrieben. Dann zerfleddert es sich aber und verknüpft Dinge,die eigentlich nicht verknüpfbar sind. Da ist der sehr erfolgreicheConsulter, Platz vierundsechig bei den Top hundert, glaube ich, der will aussteigen und nach Mexiko gehen will. Vorher soll er aber noch unter vier Angestellten, den künftigen Geschäftsführer einer Werbeagentur aussuchen. Das soll im Saal „Harmonie“ des „Hotel Weitblicks“ geschehen. Die vier Kanditaten sind Horst, der ehrgeizige, wahrscheinlich FPÖ-Wähler mit ausländer- und frauenfeindlichen Ansichten, der während er zum Seminar fährt, Angst hat, von seiner Veronika verlassen zu werden. Dann gibt es Franz, den Familienvater, der am Schluß von seiner Frau verlassen wird, die Quotenfrau Annette, die an Panikattacken leidet und Helmut der offenbar der Schwächste ist, weil er immer von seinem Psychiater spricht.

In dem Hotel wird Dr. Tankwart, der lieber Schauspieler geworden wäre, aber keine Chance hatte sich gegen seine Mutter durchzusetzen, von dieser angerufen, die ihm zum Geburtstag gratuliert und dabei schildert, wie schwierig die Geburt für sie war. Das tut sie jedes Jahr und das führt zu dem berühmten Buch der Frau Dr. Haarer „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, das bis in die Neunzehnhundertsiebzigerjahre wieder aufgelegt wurde und in dem steht, daß man Kinder nicht verwöhnen, sondern schreien lassen soll, damit sie harte Menschen werden und im leben nicht versagen.

Das ist das Problem von Dr Tankwart. Er geht dann aber in den Seminarraum, das Buch beginnt am Freitag und endet am Sonntag, wie das bei Assmesmentseminaren üblich ist und es beginnt auch mt den üblichen Psychoübungen. Aufeinander zu gehen, einen Baum zeichnen und sich dann auf den heißen Stuhl setzen, etcetera. Das denke ich, ist normal bei solchen Assesmentseminaren und die Teilnehmer darauf eingestellt. Diese, besonders Horst rebellieren aber und verstehen den Sinn nicht, betrinken sich am Abend, was vielleicht wieder ganz typisch ist und am Schluß flippt der Cosulter aus und sagt, er wird niemanden vorschlagen, sondern das Seminar verlassen. Der Schwächste, nämlich Helmut wird von der Polizei abgeführt. Die Quotenfrau bleibt über und die beiden anderen schreiben sich ihre Empfehlenungen selbst. Da würde ich jetzt an Daniel Glattauer und sein Paartherapiestück denken, wo der Therapeut zusammenbricht, weil ihm seine Frau angeblich verlassen hat. Das zerstrittende Paar verläßt versöhnt die Praxis, und der Therapeut ruft die Frau an und sagt „Hat wieder mal funktioniert!“

Aber hier war das ernstgemeint und nicht Seminarmethode, sondern sollte „Das Leistungsdenken, den Glauben an sich selbst und die Handlungsweisen der Gesellschaftbitterböse aufzeigen“, wie in den Beschreibungstexten steht.

Was das mit den nationalsozialistischen Erziehungsmethoden der Dr. Haarer zu tun hat, wird mir nicht ganz klar, beziehungsweise finde ich diese Verknüpfung zu den Assesmentmethoden und der Führungskräfteauswahl als zu plump und einfach gestrickt. Denn schließlich sind es jetzt wahrscheinlich schon die Enkelkinder die zu Führungsseminaren gehen und die wurden oft von den Achtundsechzigern erzogen, die den „Struwwelpeter“ und die Dr. Haarer längst in den Mistkübel geworfen haben und sie antiautoritär aufwachsen ließen, was, wie ich immer höre, auch nicht gut ist.

Gut hat mir aber die Anfangsstelle gefunden, wo der Consulter im Cafehaus sitzt, sich Zeitungen holt, als er zurückkommt, sitzt eine alte Frau auf seinen Platz, sagt er kann sich dazusetzen. Er liest einen Artikel von einer Frau, die ein Sessel sein möchte und die alte Dame spricht ihn darauf an, die ist dann offenbar der Mutterersatz und führt ihn durch das Buch und motiviert sein Aussteigen.

2017-12-25

Das Wetter hat viele Haare

Jetzt kommt der bei „Kremayr&Scheriau“ erschiene Erzählband, der 1975 geborenen Renate Silberer, die ich, glaube ich, aus der „Alten Schmiede“ und den „Lockstoffen“ kenne, der eigentlich keiner ist, handeln die elf Geschichten, die durch kurze „Momentaufnahmen“ verbunden sind, doch von den Geschwistern Annemarie und Konrad und sind, wie im Klappentext steht, oft“traumhafte Momene und Spuren der Erinnerung, die zu einem neuen Bildführen.“

Eine Hilda gibt es auch, die ist von irgendwo weither zu ihrer Cousine Ester in die Stadt gekommen, um mit ihrer Krankenschwesternausbildung Gld zu verdienen. Jetzt lebt sie in einem großen Haus mit ihrem Mann und möchte gerne mit „Deckweiß“ die grauen Stellen in ihrem Zimmer bemalen.

Sie gibt aber auch Annemarie Interviews für deren Dissertation, dazu treffen sich die beiden in einen Cafe und die „Münder“ und die „Zungen“ spielen in den Geschichten auch eine große Rolle.

Konrad besucht das Haus des Großvaters und blättert in alten Familienaufnahmen. Franziska die Urgroßmutter mußte ihren Sohn weggeben, hat ihn später aber wieder zurück auf den Hof geholt und Ester und Hilda gehen tanzen. Ester die sich von Manfred trennen will, betrinkt sich dabei und während sie ihren Rausch auschläft, kommt Manfred in die Küche und Esters Kleid das jetzt Hilda trägt, wird dabei zerrissen.

Birgit Birnbacher hat mit „Wir ohne Wal“ einen Roman geschrieben, der aus lauter Kurzgeschichten besteht, der durch die handelnden Personen verknüpft ist und der mich dadruch sehr verwirrte.

Hier scheint es anders zu sein, denn man kann, die im Buch ausgewisenen sehr poetischen surrealen Erzählungen durchaus zu einer Romanhandlung verknüpfen, wie man auch bei „Amazon“ nachlesen kann und sich wieder einmal die Frage stellen, was ein Roman eigentlich ist und wie weit Geschichten ineinander verwoben sein müßen, um zu einem solchen zu werden?

In „Flugzeuge“ treffen wir jedenfalls auf Hanni und Karli in deren Garten ein Flugzeug abstürzt, eine sehr poetische Geschichte und in der nächsten „Vor dem Verschwinden“ taucht eine schwangere Ich-Erzählunerin auf und kommt nach Hause. Später begreift man, daß es Annemarie ist, die eine Freundin namens Hanni hat, die zwei Geschichten weiter ihr erstes Kind Mareike gebärt. Dazwischen gibt es noch eine Konradgeschichte, wie der mit seinen zwei Töchtern ins Elternhaus zurückkommt, die Kinder wollen nicht essen, der Sohn liest seine alten Tagebücher und den Karli, der eigentlich ein Charly oder Karl sein möchte, treffen wir in der nächsten Geschichte wieder.

Zu Mareike kommt auch noch die kleine Leni und in der Wohnung gibt es Schlangen und das du, zu dem die Mutter Annemarie immer spricht ist Manfred und der hatte ja einmal etwas mit einer Ester und in der letzten Geschichte sind die beiden getrennt.Annemarie zieht mit den Kinder aus, verdingt sich durch Bügelarbeiten und die Eltern können sie leider nicht unterstützen.

Sehr poetisch, die romanhaften Geschichten der Renate Silberer, die aus dem Buch auch bei der „Buch-Wien“ gelesen hat, Preise und Stipendien gewonnen hat und ich wieder einmal sehr gespannt bin, was ich von der Autorin noch hören und lesen werde können.

Und zum Adventkalender geht es hier 5 7 9 19 20 24 25 29 30.

Ein paar Lücken in der Handlung gibt es also noch, in ein paar Jahren wird es hier wahrscheinlich alles im Dezember zu lesen geben und für ungeduldige habe ich noch ein paar Exemplare, die man bei mir bestellen kann.

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