Literaturgefluester

2017-06-17

Schwesternliebe

Zwei Wochen nach Mathildes Besuch bei Dr. Heumüller, sie war gerade dabei ihre neue kleine Wohnung zu beziehen und sich bei Zuschitzky einzuarbeiten, der Prospekt über die freien Abteibungsmöglichkeiten, die ihr die Ärztin mitgegeben hatte, lag immer noch auf ihrem Schreibtisch, denn sie konnte sich nicht entscheiden, sie wollte das Kind von Moritz und wollte es gleichzeitg auch nicht, weil es ohne jeden Zweifel unverantwortlich war, ein Kind ohne Vater und ohne Liebe aufzuziehen, denn das hatte sie an sich und ihren eigenen Eltern gesehen, daß das nicht gut war und nicht gut gehen konnte, kam ein Büttenbrief aus Berlin der Natalies Absender trug.

„N. Schmidt und M. Lichtenstern geben sich die Ehre am 14. 5. zu ihrer Hochzeit in die Nikolas Kapelle, in das Standesamt von Lichtenberg und zum anschließenden Festempfang in das Seehotel Stern einzuladen!“

„Ich hoffe, du bist mir nicht bös, Schwesterlein, aber ich habe mich in deinen Verleger verliebt!“, hatte Natalie mit  spitzer Hand dazugeschrieben.

Mathilde war in Tränen ausgebrochen und hatte fast spontan wieder zu Dr. Heumüllers Abtreibungsfolder gegriffen, das Ambulatorium am Fleischmarkt wurde dasehr empholen. Von wegen Schwesterlein? Was sollte dieser Unsinn?

Natalie hatte sich ihr gegenüber nie, wie eine Schwester verhalten. Von Anfang an war sie an der Seite der Eltern gewesen, wenn sie beispielsweisen vor ihrer Geburtstagstorte stand, die Kerzen ausgeblasen hatte, die Eltern umarmt „Vielen Dank, Papa und Mama!“, gerufen und sich am Gabentisch nach ihren Geschenken umgesehen hatte. Und sie war im Hauskleid dabei gestanden, hatte sich die Tränen verkniffen und höchstens nur ganz leise „Ich habe auch Geburtstag!“ vor sich hingeflüstert.

„Was willst du?“, hatte Natalie da, die sich gerade mit der neuen Puppe oder dem neuen schönen Kleid, das auf ihrem Gabentisch lag, beschäftigte, ausgerufen.

„Du weiß doch, Math, daß sich die Eltern nur ein Kind leisten können und nur eines haben wollten. Ein Kind ist genug! Du weiß doch auch, daß man in China nur ein solches haben darf oder lernt ihr das nicht in eurer Hauptschule, daß da die Einkindpolitik herrscht. Das Zweite in den Mistkübel geschmissen wird und die Eltern eine Strafe bekommen, weil sie nicht besser aufgepasst haben! Und ich kann nichts dafür, daß ich eine halbe Stunde früher auf die Welt gekommen bin und so das eine Wunschkind bin! So ist das einmal! in China wärst du stillschweigend in den Mistkübel geschmissen worden und hättest dich nicht beschweren können! Aber jetzt bist du, weil wir nicht im kommunistischen China sind, da! Darfst auch bleiben und zur Schule gehen, hast genug zu essen und zu anziehen, schläfst in meinem Zimmer! Warum willst du dich da beklagen? Sei doch bitte so nett und stör mir nicht die Geburtstagsparty! Du kannst ohnehin von meiner Torte ein Stück essen und den Kakao mit der Schlagsahne gibt es auch für dich!“

„Das ist gemein!“, hatte sie manchmal, wenn sie ganz, ganz mutig war und sich die Tränen nicht verkneifen konnte, gemurmelt. Aber das hatte auch nicht viel genützt. Dann hatte höchstens die Mutter aufgeseufzt, eine Tafel Schokolade oder ein Päckchen Mannerschnitten vom Gabentisch genommen und es ihr hingehalten.

„Du weißt doch, Mathilde, daß wir nicht so viel Geld für zwei Gabentische verdienen und uns nicht zwei Kinder leisten können, da der Papa  Bankangelstellter ist und ich nur Hausfrau bin! Wir wünschen dir aber natürlich alles Gute zum Geburtstag! Du bist  mitgemeint! Aber das Geld für zwei Puppen haben wir nicht! Natalie läßt dich, wenn du sie schön bittest, sicher damit spielen und ein Stück von der Torte gibt es natürlich auch!“

Von wegen! Hatte die Mutter da eine Ahnung gehabt? Oder sie hatte wahrscheinlich schon, aber sie war ihr egel gewesen. Sie fühlte sich im Recht und Natalie hatte sich das ihre ganz selbstverständlich, egoistisch und selbstbewußt genommen und sie natürlich nicht mit ihrer Pupppe spielen lassen. Sie hatte das Gymnasium besucht und studiert, während sie nach der Pflichtschule in den Haushalt der Zavrics geschickt wurde und ihr die Eltern verkündeten, daß sie jetzt alt genug wäre, auf den eigenen Beinen zu stehen und sie sie bitte in Ruhe lassen sollen.

Aber das hatten weder sie noch Natalie getan. Sie war, wie ein trotziges Kind, das sein  Recht, um jeden Preis erzwingen wollte, jedes Jahr zu den Geburtstagen und zu Weihnachten in die Neubaugasse gegangen, hatte dort jedes Jahr den genervten Blick der Eltern, Natalies Verachtung, die „Bist du schwer von Begriff, Math!“, gesagt und nebenbei hingeworfen hatte, wie schön oder schwer es auf der Uni sei und sie sich zur Psychoanalytikerin ausbilden lassen würde, geerntet, sowie jedes Jahr eine Tafel Schokokolade und ein Stück von der Geburtsagstorte oder den Weihnachtskeksen bekommen. Solange, bis sie aufgab, sich in Berlin beim Starverlag, um eine Stelle, als Sekretärin beworben hatte und das bei ihren, wie sie dachte, Abschiedsbesuch, den Eltern mitteilte.

„Ich gehe als Verlagssekretärin nach Berlin!“, hatte sie gesagt. Die Eltern hatten desinteressiert zugehört. Der Vater „Wie du meinst!“, geantwortet. Aber Natalies Augen hatten, was sie erst gar nicht so gemerkt hatte, aufgeblitzt, sie hatte „Ach wirklich?“, gefragt und hinzugefügt, daß sie sich vielleicht auch dort niederlassen und ihre Praxis aufmachen sollte.

Sie hatte das nicht ernst genommen, ihre Koffer gepackt und war losgefahren. Aber wieder drei Monate später. Sie hatte sich gerade in Moritz verliebt, läutete es an ihrer Tür und Natalie stand mit einer kleinen Reisetaschen draußen und wollte bei ihr ein paar Tage übernachten.

Warum hatte sie da nicht „Nein!“, gesagt und der Schwester verächtlich hingeworfen, daß sie die eigentlich nicht wäre, weil sich die Eltern nur ein Kind leisten konnten und daher auch nur für eines Geschenke hatten und ihre Wohnung hatte auch nur Platz für eine Person. Natalie solle das einsehen und sich ein Hotelzimmer suchen, als Psychoanalytikerin verdiene sie sicherlich genug, daß sie sich das leisten könne!

Sie hatte das nicht getan, sondern stillschweigend die Couch für Natalie hergerichtet und dann war sie noch so blöd gewesen, ihr zu sagen, daß sie  keine Zeit mehr hätte, weil sie sich mit einem Verlagskollegen, um halb acht in der Richterschen Weinstube treffen würde und dort war Natalie, um acht oder halb neun frisch fröhlich aufgetaucht, hatte Moritz angeschmachtet und ihn von ihrer Praxis erzählt, die sie sich in Berlin einrichten würde. Da war sie auch noch nicht argwöhnlich gewesen. Denn Moritz hatte nicht den Eindruck gemacht, als würde er sich von Natalie einfangen lassen. Sie mußte sich aber irgendwo verkühlt haben. War am nächsten Tag krank gewesen und die nächsten drei Tage nicht in den Verlag gegangen. Da hatte sie sich schon gewundert, daß Moritz nicht anrief, um sich nach ihr zu erkundigen, war aber zu schüchtern gewesen, ihn selber anzurufen. Und, als sie das doch tun wollte, war Natalie die, sich ihre Reisetasche, während sie mit Fieber im Bett gelegen hatte, abgeholt und verschwunden war, wieder zurückgekommen und hatte ihr mitgeteilt, daß sie sich in Moritz verliebt hätte und von ihr scheinheilig wissen wollte, ob sie ihr böse sein?

Sie war das natürlich. Selbstverständlich und kein Zweifel. Zornig auf die Schwester und au Moritz, den Verräter, der sich so einfach von ihr einfangen und sich ihr auspannen ließ und konnte wieder nichts dagegen machen, als ihre Stelle kündigen und nach Wien flüchten.

Sie hatte Moritz nicht mehr gesehen, denn als sie in den Verlag gekommen war, um Dr. Bereder ihre Entscheidung mitzuteilen, war der nicht dort gewesen und Dr. Bereder hatte ihr etwas von seiner plötzlichen Familienangelegenheit  gesagt, die ihn nach Wien geführt hätte und sie dabei fragend angesehen.

Sie hatte ihn nicht mehr wieder gesehen, war nach Wien und zu den Zawrics zurückgefahren, die ihr die kleine Wohnung vermittelt hatten, hatte bei Zuschinsky im Verlag zu arbeiten angefangen, von Dr. Heumüller erfahren, daß sie schwanger sei und dem Papa doch die freudige Mitteilung machen solle und jetzt bekam sie seine Hochzeitsanzeige von Natalie geschickt und konnte es ihm nicht sagen.

Sie konnte es nicht, auch wenn Natalie und auch Gisela Zawric sicherlich den Kopf darüber schütteln würden. Sie konnte es nicht und sie konnte das Kind, das kleine Mädchen, das es werden würde, wie ihr der Ultraschall verraten hatte, nicht abtreiben. Denn sie war nicht so herzlos, wie ihre Eltern, hielt nichts von Chinas Einkinderpolitik und hatte sich schon, als kleines Mädchen immer eine große Famile gewünscht. Eine heile Welt hatte sie sich da vorgestellt, die ganz anders war, als das, was sie erlebt hatte. Viele, viele Kinder, denen sie alle eine liebevolle Mutter war und sich auch Zeit für das zweite, dritte, vierte nehmen würde. Selbstverständlich und eine schöne Hochzeit hatte sie sich in den Kindertagen, wenn sie einsam  und geduldet in Natalies großen schönen Kinderzimmer in ihrem Klappbett lag, ausgemalt, mit einem weißen Kleid, einem Schleier, roten Rosen, Luftballons, vielen Geschenken, Brautjungfern und was sonst noch so alles dazugehörte.

Daß  der Bräutigam Moritz war, hatte sie damals noch nicht gewußt und es sich nicht vorstellen können. Sie hatte sich aber ganz ehrlich, ganz heimlich immer vorgestell, daß der Vater sie an den Altar führte und die Mutter und die Schwester ihre Treuzeugen waren und hatte das Schwesternliebe genannt. Das war ein schöner Traum gewesen, der spätestens jetzt zerplatzte, weil auf der Vermählungsanzeige  Natalies Name, wenn auch nur mit einem „N.“ und ohne Doktortitel, wie sie eseigentlich vermutet hätte, stand. So daß sie sich energisch und unter Tränen wieder zur Ordnung zurückrief. Denn was machte es, daß da N. Schmidt statt Dr. med. Natalie, Psychoanalytikerin stand? Gar nichts machte das.

Die verhasste Schwester würde  Moritz heiraten. Die Eltern standen, als glücklich Einladende auf dem teuren Büttenbillet und sie hatte von der schadenfrohen Natalie zwar eine Einladung bekommen, die sie ihr aber sicher nur geschickt hatte, um sie zu ärgern und von Moritz war kein Wort der Entschuldigung gekommen. Er war stillschweigend aus ihrem Leben verschwunden.  Hatte ihr nicht einmal erklärt, warum er ihr am Valentinstag eine langstielige teure Rose verehrte und drei Monate später Natalie heiratete, obwohl sie sein Kind in ihrem Bauch trug. Gut, das wußte er nicht. Konnte es nicht wissen, denn sie hatte ihm nichts davon geschrieben und würde es auch Natalie und ihren Eltern nicht verraten, damit die sie nicht auslachen und den Kopf über ihre Naivität schüttelten und das Kind würde sie trotzdem bekommen. Moritz Kind, von dem er nie eine Ahnung haben würde, denn sie würde natürlich nicht zu seiner Hochzeit fahren, dachte sie entschloßen und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann gab sie sich einen Ruck, griff sowohl nach dem Büttenbillet, als auch zu dem Abtreibungsfolder, nahm beides in die Hand und begann beides langsam und sorgfältig in hunderttausend kleine Schnipsel zu zerreißen.

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