Literaturgefluester

2019-06-09

Der trübe Morgen

Filed under: Bücher — jancak @ 00:29
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Jetzt kommt nach den „Schwestern“, gleich Teil drei von Alexej Tolstois Trilogie „Der Leidenweg“ über die russische Revolution, denn den zweiten Teil habe ich ausgelassen, obwohl ich ihn mir von Stephan Teichgräber ausborgen hätte können, denn der hat ja  im November in dem Antiquariat in der Margaretenstraße alle drei Bände für das „Doml“, beziehungsweise seinem „Revolutionsworkshop“ gekauft.

Aber damals war ich noch so mit meinen Rezensionsexemplaren beschäftigt und hatte wahrscheinlich weder die deutschen noch die österreichischen Buchpreisbücher alle gelesen, so daß ich gar nicht daran dachte, mich an die mehrfach umgeschrieben und dem sozialistischen Realismus angepassten Bücher des 1945 verstorbenen Alexejs Tolstois zu machen.

Aber es kommt ja immer anders als man denkt, die Rezensionsexemplare sind ausgelesen, jetzt könnte ich mich an meine Backlist machen, wo  noch einiges wartet, aber da bin ich vom „Theodor Kramer-Sommerfest“ nach Hause gefahren,  am „Wortschatz“ vorbeigekommen und da lag der „Trübe Morgen“ diesmal nicht in der schönen Ausgabe, die Stephan Teichgräber, um zwanzig Euro erstanden hat, sondern in einer schon recht vergilbten „Globus-Ausgabe“ aus dem Jahr 1984, die vierte durchgesehene Ausgabe, aus dem „Ragusa Verlag in Moskau“, die in der UDSSR gedruckt wurde.

Das sieht man dem Papier auch an. Die Übersetzung stammt wieder von Maximilian Schick, der, wie ich „Wikipedia“ entnehme, 1884 in Moskau geboren und dort 1968 gestorben ist. Von 1882- bis 1907 lebte er in   Berlin, wo er auch studierte und war außer als Übersetzer auch als Balletkritiker tätig.

Daß ich den zweiten Teil, „Das Jahr Achtzehn“ ausgelassen habe, könnte man bereuen, denn ich habe mich, da in dem Buch keine Inhaltsangabe und auch keine Notizen zum Autor, noch ein Vorwort oder ein Nachwort enthalten ist, mit dem Lesen, beziehungsweise den Lücken recht schwer getan.

Teil eins endet mit der Revolution und dem Sturz des Zaren. Teil drei spielt, glaube ich, von 1919 bis 1920 und schildert hauptsächlich Kampfhandlungen, die sich bis in die Ukraine ziehen. Die Rote Armee und die Bolschewiken müßen gegen die „Weißen“ und die „Kosaken“ kämpfen und da bräuchte man wahrscheinlich ein historisches Vorwissen, um die Abläufe zu verstehen und dann habe ich ja, natürlich selbstgewollt, eine Lücke, was mit den Schwestern im Jahr 1918 passiert ist, was man leider auch nicht in „Wikipedia“ nachlesen kann, denn offensichtlich haben sich die Paare getrennt.

Darja ist mit einem ehemaligen Popen in einem Dorf unterwegs. Ihr Mann Iwan Iljitsch Telegen kommandiert ein Matrosenregiment, wo es auch eine Köchin namens Anissja, eine ehemalige Bäuerin gibt, die durch die Kosaken oder die „Weißen“ ihren Mann und ihre zwei Kinder verloren hat.

Katjas zweiter Mann Wadim Petrowitsch ist auf der Suche nach ihr und erfährt in einem Restaurant von einem deutschen  Offizier, daß sie noch am Leben ist.

Sie ist inzwischen als Lehrerin in der  Ukraine tätig, muß von dort aber nach Moskau flüchten, siedelt sich in ihrer ehemaligen Wohnung, die inzwischen von einem  Genossen Maslov bevölkert ist, der sie fragt, ob sie nicht wisse, „daß man in Moskau des Hungers stirbt!“, sie dann aber doch in ihrem ehemaligen Zimmer wohnen läßt, sie aber sexuell bedrängt.

So daß es gut ist, daß sie zuletzt doch zu ihrem Wadim Petrowitsch und natürlich auch zu Telegin und ihrer Schwester findet, am Ende, das ist dann schon im kalten Winter 1920, begeben sie sich alle zu einem Vortrag in ein Theater, wo auch der Genosse Lenin anwesend ist und das Buch schließt mit den dramaischen Sätzen:

„Der Würfel ist gefallen!“, sprach der Mann an der Karte, auf den Stock wie auf eine Lanze gestützt. „Wir kämpfen auf den Barrikaden für unser und der Welt Recht, ein für allemal der Ausbeutung des Menschens durch den Menschen ein Ende zu machen.“

Die Leserin weiß im Sommer 2019, daß das nicht gelungen ist und kann noch hinzufügen, daß „22. Juni 1941“, darunter steht.

Unter den „Schwestern“ in der schönen Moskauer Ausgabe ist „1921“ gestanden, so daß man raten kann, ob es sich bei Band drei schon über eine überarbeitete Ausgabe handelt, während der erste noch eine Frühform ist, das Buch ist aber in den Fünfzigzerjahren erschienen.

Anmerken kann ich auch noch, daß es einige sehr beeindruckende Stellen gibt, wie beispielsweise die, wo der Kommandant den ehemaligen Popen in eines der Dörfchen schickt. Denn es naht ein christliches Fest, die sind zwar jetzt abgeschafft, die Bauern aber noch immer gläubig und sie brauchen auch die Feste, um ihre Jungfrauen zu verheiraten und die Kinder zu taufen. Vorher liefern sie kein Getreide ab. So kommt der Pope und traut und die Mädchen haben sich auch alle mit kostbaren Kleidern herausgeputzt, die sie wohl vorher den Bürgerlichen oder dem Adel entwendet haben.

Eine zweite ist dann die, wo die Truppe um Telegen Schillers „Räuber“ mit Anissja als „Amalie“ und dem Popen als „Franz“ aufführt.

Bücher spielen in Tolstois Trilogie, beziehungsweise den zwei Teilen, die ich gelesen habe, auch eine große Rolle und ein spannendes Detail ist da, daß sich der Genosse Maslow mit dem „utopischen Sozialismus“ beschäftigt und Katja seine Bücher zeigt, wo ich mich frage, ob eines davon, vielleicht Samatjatins „Wir“ ist, mit dem wir uns bei Stephan Teichgräbers „Utopieworkshop“ ein wenig beschäftigt haben, aber das war damals vielleicht noch nicht erschienen.

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2019-06-04

Die Schwestern

Filed under: Bücher — jancak @ 07:44
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Jetzt kommt der erste Teil von Alexej Tojstois Trilogie „Der  Leidensweg“, die, wie in „Wikipedia“ steht, „Am Beispiel einer Intellektuellen Familie ein Panaroma der russischen Gesellschaft vor, während und nach der Revolution“ zeichnet.

Sonst ist im Netz nicht sehr viel über das Buch zu finden, während man  über den 1882 oder 83 geborenen und 1945 gestorbenen Alexej Tolstoi erfahren kann, daß er ein Verwandter des berühmten Lew war, in Paris und Deutschland gelebt und unter Stalin Todesurteile unterzeichnet und Schauprozessen beigewohnt hat.

Der Dichter und seine Trilogie ist über Stephans Teichgräber Revolutionsworkshop, das ich nun schon das zweite Semester besuche, zu mir gekommen.

Das heißt, das Buch hat Stephan Teichgräber in November ein einem Antiquariat gekauft und ich habe mich erst zum Lesen entschlossen, als ich Band drei in einer „Globus-Ausgabe“ im Schrank gefunden hat. Stephans Teichgräbers Anthologie, dessen erstes Kapitel von Teil eins wir ja ungefähr ein Semester lang gemeinsam mit Alexander Döblins Vierteiler über das Jahr 1918 bearbeiteit haben, stammt aus dem „Verlag für fremdsprachige Literatur Moskaus“ aus 1955, wurde von Mamililian Schick übersetzt und ist  sehr schön gestaltet.

Die ersten Kapitel, die ich also schon sehr gut kannte, zeichnen ein Bild eines sehr dekadenten verkommenen Petersburg, in das der Dichter Bessonov des Nachts in der Kutsche fährt.

Alles ist dekadent und lüstern aufgemacht. In dem Lokal „Roten Schellen“, sitzt eine Dichterin, die an Anna Achmatowa erinnern könnte. In der „Philosophischen Gesellschaft“ gibt es Vorträge und dort lernen wir auch Dascha, eine der Schwestern, ein neunzehnjähriges Mädchen, Studentin, der Rechtswissenschaft, das bei der Schwester Katja und dem Schwager, einem Rechtsanwalt, lebt, kennen.

Die Wohnung ist mit vielen futoristischen Gemälden ausgestattet, denn die ein paar Jahre ältere Schwester liebt es, sich mit moderner Kunst auszustatten. Es gibt auch jede Woche einen literarischen Salon und, daß Katja ihren <mann betrogen hat, erfahren wir auch sobald.

Die flieht nach Paris, der Schwager an die Krim und Dascha begibt sich zuerst aufs Land zu ihrem Vater, der dort Arzt ist und sich zu Tode raucht, zurück.

Auf der Schiffsfahrt dorthin verliebt sie sich in den Ingenieur Telegin und, daß das Ganze 1914 spielt, erfahren wir durch den Vater, der in der Zeitung von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo liest.

Das löst bekanntlich den ersten Weltkrieg aus, Telegin wird eingezogen, Dascha läßt sich als Krankenschwester ausbilden, um die verwundeten Soldaten in Moskau zu pflegen. Katja, die aus Paris zurückkehrt, tut es ihr gleich und Telegin gerät in österreichische Kriegsgefangenschaft.

Kommt aber zurück und nun sind wir schon im Jahr 1917, wo die Revolution beginnt. Der Zar wird gestürzt, die Dienstmädchen gehen zu Dienstmädchenversammlungen, der General erklärt den Soldaten, daß sie ihm nun die Hand geben und nicht mehr „Zu Befehl!“, sagen müssen und Katjas Mann kommt um.

Sie findet schnell Ersatz für ihn und kehrt von Moskau nach Petrograd, wo  inzwischen auch Dascha und Telegin  übersiedelt sind, zurück.

Damit endet der erste Teil, den zweiten „Das Jahr 1918“ müßte ich mir von Stephan Teichgräber ausborgen, werde aber gleich zum „Trüben Morgen“ übergehen, was dann wahrscheinlich nach der Revolution angesiedelt sein wird.

2019-01-31

Manaraga

Filed under: Bücher — jancak @ 00:27
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„Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs“, der neue Roman des 1955 bei Moskau geborenen Vladimir Sorokin, den ich schon mehrmals in Wien, in der Hauptbücherei, im Literaturhaus und im Odeon gehört und gesehen habe.

Das „Eis“ habe ich gelesen und das Spannende an dem „Meister der Grosteske“, wie er im Klappentext bezeichnet wird, ist wohl die Mischung zwischen Sci Fi und tradioneller Erzählweise, so habe ich mich jedenfalls beim „Schneesturm“ gewundert, daß das, was ich hörte, wie aus dem vorvorigen Jahrhundert mit Kutsche und Landarzt und so klang.

In „Manaraga“ geht es in die Zukunft, in das Jahr 2037, das ja bald gegenwärtig sein wird und wird man dann das Buch noch lesen? Und wieder, wie ich in letzter Zeit in einigen Büchern gelesen habe, hat der große neue Krieg Europa zerstört, die islamische Revolution hat stattgefunden und die Menschen tragen sogenannten „Flöhe“ also Chips im Ohr, die ihnen die sogenannte Weisheit zuflüstern und damit maniupulieren und richtig, gedruckte Bücher gibt es auch nicht mehr.

Das heißt die wertvollen Erstausgaben werden in Museen aufbewahrt und von dort gestohlen, denn es gibt ein Event für die Reichen und die Schönen, die sich das leisten können. Sie lassen diese Bücher stehlen und veranstalten ein sogenanntes Book´n Grill, das heißt die Meisterköche, Geza, der Ungar, auf russische Literatur spezialisiert, ist einer davon, sich ihre Steaks, etcetera auf Tolstois oder Bulgakov grillen lassen, oder das Schnitzel auf Schnitzler.

Der Phantasie ist da keine Grenze gestellt. Man könnte sich höchstens fragen, wie man ein Schnitzel oder Austern grillt? Aber dazu läßt einen Sorokins überbordendePhantasie, der oft deutsche Wörter oder Phrasen im Original verwendete, keine Zeit. Denn es ist köstlich, was er da seinen Meister über seine skurillen Erlebnisse mit seiner skurillen Kundschaft erleben läßt. Da wird ein Menü auf einem Schiff serviert. Meister Tolstoi tritt sogar persönlich oder nachgeklont auf und läßt sich seine Originalausgabe verbrennen.

Gefakt und gefläscht wird natürlich auch dabei. Einmal sind die Seiten feucht und so läßt die Crew, die gerade den „Meister und Margarita“ dreht, den Kochmeister vermöbeln und ein gefälschter „Nabokov“ taucht auch auf und die Handlung beginnt oder dreht sich weiter und da muß man eigentlich sagen, daß der Einfallsreichtum des Meister Sorokins eigentlich begrenzt ist und der sogenannte Plot einer ist, den man wahrscheinlich schon hundert oder tausendmal lesen konnte.

Der Einheitsbrei eben, wie er für die Massen, in diesen Fall digital bereitgestellt wird, während sich die Elite ihre Orignale zubreiten läßt.

Es taucht also eine gefälschte „Ada“ auf, hunderttausend Mal das selbe Original mit den selben Kaffeeflecken und die Kochgilde ruft eine Sondersitzung ein. Geza muß einige Termine deshalb absagen, der Verräter wird entlarvt und gleich hingemordet und Geza ausgewählt auf den Berg Manaraga zu fahren und die Druckmaschinen abzustellen.

Dann kommt es natürlich anders, als erwartet und das ist eigentlich platt und traugig und wenn mans bösartig will, eine simple Nachahmung von George Orwells „1984“, die Chips im Ohr werden einfach ausgewechselt und Geza ist wieder glücklich und überwältigt von der schönen neuen Welt, die ihm da geboten wird „Und der Strom meiner Tränen ergißt sich über die zarten Lenden“, lautet der letzte Satz.

Trotzdem, um nicht mißverstanden zu werden, ein spannendes Buch und ein absolutes Lesevergnügen, das sich auch leicht und schnell hinunterlesen läßt, weil es wahrscheinlich die packenden Bücherszenen sind und nicht die eher einfallslose Handlung, die hier bewegen und das im November erschienene Buch, von dem ich in den anderen Blogs und in den Medien noch nicht so viel hörte, zu einem „Meisterwerk“ werden läßt.

2016-02-03

Aserbaidschanische Falken

Der Lehrer, den ich oft bei Literaturveranstaltungen treffe, hat mich am Freitag gefragt, ob ich am Dienstag zu Bodo Hell in die „Alte Schmiede“ oder in die Hauptbücherei zu dem Russen gehe?

Bodo Hell würde mich interessieren, habe ich geantwortet, da ich aber um sechs noch eine Stunde habe, wird sich höchstens die Gesellschaft für Literatur“ ausgehen.

Dann war im Mittagsjournal zu hören, daß Alexander Ilitschewski aus dem „Perser“ liest und ich habe umdisponiert, beziehungsweise bin ich nach der Stunde, die sich fast bis sieben hingezogen hat,hingefahren und eine halbe Stunde zu spät gekommen, das heißt der Schauspieler Rafael Schuchter hat gerade etwas von Kindern die Schmetterlinge sammeln, gelesen und dann kam ich  zu den biografischen Angaben, die der Übersetzer des bei „Suhrkamp“ erschienenenen Buches, Andreas Tretner gab.

Alexander Ilitschewski, der mir bisher unbekannt war, wurde 1970 am äußersten Gipfel von Aserbaidschan geboren, studierte in Moskau Mathematik und Physik, bevor er zu schreiben begann und scheint jetzt in Jerusalem zu leben.

„Nicht so viel Biografie erzählen!“, unterbrach  der Autor, „die ist doch uninteressant“, aber für dieses Buch, der zweite Teil einer Trilo-oder Quadrologie, wie der Übersetzer noch anmerkte, offenbar nicht.

Denn in dem Kapitel, das ich halb versäumte, ist es offenbar um das Kindheitsparadies von Autor und  dem Protagonisten Ilia, einen Geologen, der in Amerika lebt, aber auf Dienstreise in seine Heimat, beziehungsweise nach Baku zurückkommt und dort seinen Jugendfreund  Chaschem, den Perser, der jetzt Biogloge im Naturschutzgebiet an der iranischen Grenze ist und sich dort mit Falken beschäftigt.

Der Held bleibt dann länger, es geht um Sufismus, Derwische, aber auch um die Falken, die in den Iran verkauft werden und am Schluß, um eine große Jagd.

Ein interessantes Buch über das der Übersetzer im Gespräch mit dem Autor sehr viel erzählte, um Fundamentalismus geht es,  um Stalin und um historische Genauigkeiten oder Ungenauigkeiten.

Um Putin nicht, das hat, glaube ich, Erich Klein, der auch im Publikum war, im Mittagsjournal den Autor gefragt und im Internet gibt es eine Seite, wo man sich die Schauplätze des Geschehens bevor oder während man das Buch liest, anschauen kann.

Und interessant, am Montag haben der Autor und sein Übersetzer das Buch in Salzburg vorgestellt.

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