Literaturgefluester

2019-12-25

Balg

Buch fünf der Schweizer Buchpreisliste, das Schweizer Buchpreislesen ist zu Ende und nach den großen Katastrophen und der Weltuntergangsstimmung, die Sibylle Berg von England ausgehend über ganz Europa ausbreitete, erzählt die 1981 am Bodensee aufgewachsene Tabea Steiner, die offenbar Lehrerin ist oder war vom kleinen Unglück in einer Familie, die sich auch zu einer großen Katastrphhe ausbreiten kann.

Balg ist die Bezeichnung eines unerzogenes Kindes und Timon ist ein solches, ein verhaltensauffälliges Kind, das durch die Unfähigkeit der Erwachsenen in die Verhaltensstörung hineingetrieben wurde.

Die Jugendämter können wohl wahre Lieder davon singen, aber das Wort Jugendamt kommt in dem Buch höchstens einmal vor, während die Kindergärtnerinnen den kleinen Timon weil er die anderen Kinder gebissen hat, in ein Extrazimmer sperren und die Schulleiterin, die Eltern in die schule holen und den Jungen von der Schule ausschließen, weil er die Lehrerin bestohlen hat und dabei hat alles so schön angefangen.

Chris und Antonia sind aufs Land gezogen, damit ihr Junge es einmal besser hat und in einer schönen Umgebung aufwächst. Antonia kommt von dort her, ihre Mutter lebt hier und kann sich, was ja auch sehr gut ist, gleich um ihn kümmern, wenn Antonia arbeiten geht.

Dann beginnt es gleich passend am Weihnachtsabend, Timon krabbelt zum Christbaum, schluckt irgendwas, Chris beschuldigt Antonia, die sich betrinkt, obwohl sie ja noch stillt. Dann verläßt Chris sie, zieht in die stadt, Antonia muß zu arbeiten beginnen, die Großmutter ist auch überfordert und die Kindergärtnerinnen schimpfen, weil Timon die anderen beißt.

Dabei gibt es einen Lichtblick im Dorf, Valentin, der war mal Lehrer, jetzt ist er Postbote, denn da ist einmal etwas ganz Schlimmes passiert, man weiß nicht genau was, ahnt, daß es umMißbrauch geht, daß Valentin zu lang geschwiegen hat und daß Antoina jetzt stinksauer auf ihn ist und seine Frau und seine Tochter haben ihn deshalb auch verlassen. Der alte Valentin ist es aber, der sich um Timon kümmert, er schafft sich auch Hase für ihn an und kauft ihm Süßigkeiten, als Antonia davon erfährt, droht sie mit der Polizei und verbietet Timon zu ihm zu gehen.

Dann schickt die Großmutter Timon auf einen Bauernhof, wo es ihm gefällt, Antonia holt ihn von dort weg und das Kätzchen das er gerne will, darf er auch nicht haben.

Antonia findet einen neuen Freund, der den Jungen nicht leiden kann, der Vater zu dem kontakt besteht und der eine neue Familie hat, kauf ihm ein Fahrrad, Antonia verkauft es und kauft sich dafür einen Mantel, den er zerschneidet, dann rückt er aus, verstckt sich in einer alten Käserei, Valentin gibt ihm Essen und läßt ihn bei sich duschen, während  Antonias Freund, dem sie sein Verschwinden verschweigt, auch nicht zur Polizei geht, sondern nur seine Hadybewegungen verfolgt, sein Zimmer bezieht und ihn zur Großmutter schickt.

Man sieht, es passiert viel in dem Buch, alles machen alles falsch, es ist sehr beeindruckend, das Elend in den Familien zu verfolgen, obwohl manches wieder etwas unlogisch und übertrieben scheint, kennt man solche Geschichten der Sprachlosigkeit, der Mißverständnisse, der Überforderungen, die zu Verhaltensstörungen und Traumatisierungen führen.

„Atemlos erzählt Tabea Steiner von einer grausamen Kindheit: ein verzweifelt zärtliches Buch über die Liebe und die Sprachlosigkeit“, hat Dana Grigorcea auf den Buchrücken geschrieben und man sieht wie vielfältig und unterschiedlich die heurige Buchpreisliste war, die einen auch zum Nachdenken bringen läßt.

Ein Debut kann ich noch verraten, ist es auch gewesen, obwohl es nicht auf die Bloggerdebutshortlist gekommen ist.

Und hier gehts zum Adventkalender und zum 25. Türchchen der „Nika, Weihnachtsfrau“.

2019-12-22

GRM-Brainfuck

Buch vier der „Schweizer Buchpreisliste“ und das Siegerbuch, der im Frühjahr erschienene Roman, der 1962 in Weimar geborenen und in Zürich lebenden Sibylle Berg von der ich schon ihr Kolumnenbuch „Gold“ und das  2012 auf der Schweizer Liste gestandene „Vielen Dank für das Leben“ gelesen hatte, das mir Klaus Khittl für meine Recherchen bezüglich „Paul und Paula“ geborgt hat.

Mit „Der Mann schläft“, ist sie, glaube ich, 2009 auf der deutschen Buchpreisliste gestanden und „Der Tag als meine Frau einen Mann fand“, steht auf meiner Leseliste für das nächste Jahr und das erste Mal habe ich von Sibylle Berg etwas gehört, als ich das „Nähkästchen des Schreibens“, ein Romanschreibratgeber, den ich einmal von einem dieser Selbstzahlerverlage bekommen habe, gelesen habe, denn da wurde ihr „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“, sehr gelobt.

Eine interessante Frau und eine interessante Autorin, die als Dramatikern vor kurzem auch den Nestroypreis gewonnen hat, da hätte sie Walter Famler eigentlich für sein „Utopie Festival“ einladen können oder auch nicht, denn „GRM-Brainfuck“ ist mehr eine Dystopie, als eine Utopie und was für eine, eine die den Rahmen sprengt, die verstört und betroffen macht, eigentlich keinen Plot und keine Handlung hat, die eine oder einen aber  nicht kalt lassen kann, denn es sprengt jeden Rahmen und sagt viel über die Zeit aus, in der wir leben und so ist es wohl auch kein Zukunftsroman, denn es ist ja wieder schon fast alles da, was hier beschrieben wird, auch wenn es wieder in der nächsten Zukunft spielt.

Utopische oder dystopische Romane scheinen jetzt ja sehr modern zu sein,  jeder scheint sie zu schreiben und jeder will sie lesen, wohl auch vielleicht, um von der eigenen Zukunftsangst abzulenken und sie zu verdrängen und da hätte ich gedacht, nur 1984 oder die „Schöne neue Welt“ wären solche, weit gefehlt.

Ich habe ja bei Stephan Teichgräber ein „Utopie-Workshop“ besucht und mich da ein bißchen mit dem utopischen Roman beschäftigt, dann die von Helmut Krauser und Andrej Kubicek gelesen und die vorige „Literatur im Herbst“ hat ja auch davon gehandelt.

Dann ist das Erscheinen von „GRM-Brainfuck“ im Frühjahr dieses Jahres wohl an mir vorbeigegangen. Das Schweizer Buchpreislesen hat es aber wieder eingeholt und mich auf das Buch aufmerksam gemacht.

Ich habe Sibylle Berg sowohl bei der „Buch Wien“ als auch bei der „Buch Basel“ daraus lesen oder erzählen gehört und war  von ihrer sehr trockenen zynischen Art, wie sie darüber berichtet hat, sehr beeindruckt.

Worum geht es nun in dem Buch, das in der nahen Zukunft in England spielt? Der Brexit ist vollzogen, die EU, glaube ich, abgeschafft, die Monarchie ist das auch und alle bekommen, was erst einmal tröstlich klingt und das ja auch viele wollen, ein bedingungsloses Grundgehalt, man muß sich nur dafür einen Chips einsetzen lassen und wird dadurch total überwacht und bekommt, wenn man sich fehl verhält, Punktabzüge, so daß man nicht mehr mit der U-Bahn fahren darf, etcetera, wie es ja in China schon passieren soll.

Das ist die Handlung, das, was Sibylle Berg in Wien und Basel darüber erzählte und das, was auf den Beschreibungstexten zu lesen ist und ist nur ein ganz kleiner Teil davon.

Vier Jugendliche, Don, Karen, Hanna, Peter, in der englischen Unterschicht aufgewachsen, die alle ihre Eltern verloren haben und denen auch Gewalt zugefügt wurde, machen da nicht mit, verweigern sich, rücken nach London aus, leben da im Untergrund, bekommen Kontakt zu Hackern und interessieren sich auch für „Grime“,  das ist eine Art Rap, die für diese Zeit und für diese Schicht typisch ist.

Sibylle Berg scheint auf ihren Lesetouren auch mit diesen Musikern aufzutreten. In Wien und in Basel war sie ohne diesen da und es geht auch nicht nur um die Grime-Musik, sondern, um den Niedergang der Mittelschicht, den Sieg der künstlichen Intelligenz , die Angst an die Chinesen verkauft zu werden, etcetera.

In einem sehr rasanten Tempo, mit dem man kaum mitkommt, wird auf den sechshundert Seiten plot- und handlungslos vom Untergang dieser Welt erzählt.

Schicksale werden aufgezählt, wo ein Mann seine Frau und seine Kinder erschießt, beispielsweise, weil die Frau querschnittsgelähmt ist, die Versicherung aber nicht bezahlt und er die Versorgung nicht schafft.

Die handelnden Personen werden steckbriefartig vorgestellt „Frau Cäcilie, Ausbildungsnachweis: Wachdienst, Armeedienst, ehrenhaft entlassen, Gesundheitszustand 1a, Psychische Probleme diverse“, zum Beispiel, man hetzt durch das Buch und denkt vielleicht darüber nach, was noch normal ist in der Welt, in der wir leben und an die Angst, die wir vor der Zukunft haben.

Von  der Geldabschaffung, den Überwachung oder, wie die  Verschwörungstheorien  alle lauten, die man sich im Netz und bei You Tube ansehen kann und Sibylle Berg meint auch, daß die, die sich für das Grundeinkommen, für das man später dann noch sinnlos arbeiten muß, registrieren, die neu gewonnene Kreativität in You Tube-Videos ausleben kann und ich habe ein gutes Buch gelesen, das den „Schweizer Buchpreis“ sicher verdient, aber auch verstört und man wohl nur denken kann,  „Wie kommen wir da heraus ?“

Mir ist während des Lesens auch noch eingefallen, daß es vielleicht gut sein könnte, „1984“ wieder zu lesen, um zu sehen, wie weit das, was da beschrieben wurde, schon eingetroffen ist und wie weit uns die Wirklichkeit schon überholt hat?

2019-12-21

Unhaltbare Zustände

Nun geht es in die Schweiz zum Schweizer Lesen und zu Buch drei des „Schweizer Buchpreises“ nämlich Alain Claude Sulzers „Unhaltbare Zustände“ der schon 2012 mit „Aus den Fugen“ auf der Schweizer Liste gestanden ist, das Buch habe ich im Sommer in Locarno gelesen, das neue habe ich nach Basel mitgenommen, bin aber neben der „Buch-Basel“ und dem siebenten „Nanowrimo“ und der Stadtbesiichtigung nicht zum Lesen gekommen und nun habe ich das Buch gelesen, das ein sehr langsames altmodisches ist und das mich mehr beeidruckt hat, als das von dem Künstler der plötzlich den Konzertsaal mitten im Spiel verläßt, obwohl es wahrscheinlich, um einen ähnlichen tragischen Ausnahmezustand geht und der 1953 Geborene, den ich auch bei der Lesung im Volkshaus Basel hörte, wohl ein Meister darin ist.

Ein sehr langsames und altmodisches Buch, das im jahr 1968, wo sich alles änderte und das neue Leben in die Schweiz und da wohl in die Stadt Bern mit dem Bärengraben eintritt und auf dem Münster die Vietcongfahne gehießt wird, spielt und da von einem älteren wohl sechzigjährigen Schaufensterdekorateur handelt, der im „Quatre Saisons“ schon seit Jahrzehnten für die Gestaltung der Schaufenster zuständig ist.

Ein etwas altmodischer Herr, unverheiratet, der bis zu ihrem Tod bei seiner Mutter lebte, ein wenig schrullig wohl, wie ihn Sulzer, der ja auch schon über sechzig ist, sehr gekonnt, aber wohl auch sehr klischeehaft schildert.

Nun holt ihm die neue Zeit, die er nicht mehr versteht ein und er wird durch einen neuen Schausfensterdekorateuer ersetzt, der lebende Figuren, sprich Schauspielschüler in die Schaufenster setzt und Robert Stettler bleibt über und zerbricht daran, gibt es ja auch keine Frauen in seinem Leben, die Mutter ist tot, sondern nur eine Liebe oder Schwärmerei zu einer Rundfunkpianistin namens Lotte Zerbst, wohl auch schon eine ältere Dame. Ihr schreibt er Briefe und fängt auch Bier zu trinken an und sie, die in ihrer Jugend von ihrem russischen Klavierlehrer mißbraucht wurde, wäre wohl auch nicht abgeneigt, ihn zu treffen.

Allein der Zufall spielt dagegen, das geplante Schostakowitsch-Konzert, das sie in seiner Stadt geben soll, wird wegen dem Einmarsch in die CSSR abgesagt und als sie dann doch kommt, um Chopin zu spielen, findet sie seine Adresse nicht und er hat da schon längst seinen Abgang, sprich letzten großen Coup geplant.

Das ist wieder etwas dramatisch und ich würde das wohl eher banaler schildern, aber Stetter, der seinem Widersacher vorher verfolgte und auch einen Denuziationsbrief an die Geschäftsleitung schrieb, als er ihn mit ein paar jungen Leuten aus seiner Wohnung gehen sah, auch das ist vielleicht ein bißchen dick aufgetragen, reagiert am Ende viel moderner, als der strahlendene Konkurrent, als er sich nämlich nackt in in das Schaufenster setzt und dadurch einen wahren Auflauf erregt.

Blöd ist nur, daß er damit wahrscheinlich nicht nur in die „Irrenanstalt“ kommt, sondern, daß Lotte Zerbst auch an dem Schaufenster vorbei geht und entsetzt über den „armen Irren“ ist, wie sie ihm später in einem Brief mitteilt.

Einen Prolog und einen Epilog, gibt es auch und ich habe ein spannendes Buch gelesen und bin wieder ein Stück weiter in die Schweizer Literatur  eingedrungen und habe vielleicht auch von Alain Claude Sulzer, den ich, wenn ich mich nicht irre, 1996 kennenlernte, als ich da einmal nach Klagenfurt zum „Bachmannpreis“ als Zuschauerin gefahren bin, etwas mehr erfahren.

2019-11-16

Der Sprung

Jetzt kommt das zweite Schweizer Buchpreisbuch „Der Sprung“, der 1985 in Arau geborenen Simone Lappert, die auch als Lyrikerin tätig ist, das ich nach Basel mitgenommen habe und an dem ich infolgedessen fast eine Woche gelesen habe.

Eine junge Frau steht am Dach eines Hauses und springt hinunter oder nicht. Die Polizei wird gerufen, die Feuerwehr stellt Sprungbretter auf und um den Platz herum lagern sich, die Schaulustigen, um das Ganze zu beobachten. Jemand schreit „Spring doch endlich!“, eine andere „Die müßte man erschießen!“

So etwa hat es Sinone Lappert in den Frankfurt-Videos erzählt, die ich gesehen habe, beschrieben und dann noch hinzugefügt, daß das Buch nach einem identen Fall geschrieben wurde, wo all das oben Beschriebene  passiert ist.

Simone Lappert hat einen spannenden Roman daraus gemacht, wo in drei Tagen, die Geschehenisse und die einige der dabei Gewesenen beschrieben wird.

Dazwischen wird der Sprung geschildert und man bekommt  heraus, daß es eigentlich kein Selbstmordattentat war, aber doch einiges ungewöhnlich war, denn Manu, die Frau am Dach, eine Gärtnerin wurde ausgesperrt, schmeißt aber dann  mit Dachziegeln, um sich herum und Psychiatrieerfahrungen werden auch geschildert.

Und auch die Geschichten, der darum handelnden Personen werden zum Teil liebevoll erzählt, zum Teil erscheint das Ganze dann wieder zu übertrieben und viel zu viel.

Da gibt es die Schwester Astrid, die eigentlich Bürgermeisterin werden will und nun nicht weiß, ob sie sich zu Manu bekennen soll oder nicht? Es gibt den Freund Finn, der von der Polizei nicht zu ihr gelassen wird. Dann gibt es die Geschichte eines Polizisten, der während er Manu zum Aufgeben bringen soll, eine Retraumatisierung erlebt. Es gibt die Geschichte eines Hutmachers, der eine demente oder nicht demente Mutter hat, die im Altersheim, um sich schießt und dann die berührende Geschichte von der Geschäftsfrau, deren Laden schon längst nicht mehr geht, weil sie den Zug der Zeit verpasst hat, aber weil alle sich an Manu delegieren wollen und daher auf dem Platz ein großes Picknick machen, geht das Geschäft plötzlich wie nie und die Figuren aus den Überraschungseiern sammelt Theres auch, eines deroriginellsten Details, was aber eigentlich mit der Handlung nicht so viel zu tun hat.

Es gibt ein dickes gemobbtes Mädchen, das während der drei Tage einen unerwarteten Aufchwung nimmt. Es gibt die Frau, die „Man sollte sie erschießen!“, schreit und die sich dann als traumatisierte Lokführerin entpuppt, der das Ganze selbst einmal passiert ist.

Es gibt noch viel viel mehr und das Ganze schwankt meiner Meinung nach zwischen sehr spannend und sehr übertrieben.

Der Stil, wie das Ganze aufgebaut ist, ähnelt, glaube ichd,  meinem Schreiben und man kann sich auch die Frage stellen, ob das wirklich so ist, daß die Leute auf  Badetüchern vor dem Haus liegen und mit dem Handy das Geschehen filmen und „Spring doch endlich!“, schreien.

Ein interessantes Buch, das nicht den Schweizer Buchpreis gewonnen hat, ich habe aber ein Autogramm von Simone Lappert drinnen und war auch sehr beeindruckt davon.

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