Literaturgefluester

2015-12-30

Hinter der Zeit

Die 1969 in Bremen geborene und in Linz lebende Corinna Antelmann ist eine Meisterin der psychischen Ausnahmezustände, Halluzinationen und ähnlicher Krisensituationen, habe ich doch 2009 von Dietmar Ehrenreich ihren „Resistenz-Roman“ „Die Farbe der Angst“ bekommen und mich in eine Psychose eingelesen, so habe ich mir die Geschichte jedenfalls interpretiert. Dann immer wieder mal von Corinna Antelmann gehört, daß sie den „Frau Ava Literaturpreis“ gewonnen hat, daß sie ein und dann noch ein zweites Buch bei „Septime“, von denen ich ja auch schon einige Bücher gelesen habe, verlegte, zuletzt, daß sie in die GAV-aufgenommen wurde und sich letzten Oktober bei der Lesung der neuaufgenommenen Mitglieder, am Vorabend der GV vorstellte.

Da ist sie vor mir in der ersten Reihe gesessen, ich habe sie auf ihr „Resistenz-Buch“ angesprochen, sie hat ein Stück aus dem neuen Buch gelesen und mir dann ein Mail geschickt, ob ich es nicht besprechen will.

Möchte ich natürlich gerne, denn ich interessiere mich ja sehr für die deutsche und die österreichische Gegenwartsliteratur und lese mich auch gern durch das Ouvre, der vielleicht nicht so ganz bekannten Autoren und voila schon das Cover ist sehr interessant.

Da steht eine Frauenfigur auf einer Wiese, die bis zum Busen und dann wieder vom Kopf abwärts in Schnürre eingewickelt ist und da hat man schon eine erste Ahnung von dem,, was einem im dem Roman erwarten wird.

Da ist Irina, eine junge Frau und alleinerziehende Mutter einer zwölfjährigen Tochter. Sie ist Restauratorin und soll in ein tscheichisches Dorf, um dort eine Kirche zu renovieren. Aber vorher schleppt sie die Tochter in das Altersheim, in dem ihre demente Mutter lebt, denn Zoe interessiert sich im Gegensatz zu Irina für die Familiengeschichten.

Irina, die Unabvhängige hat dafür kein Interesse und sie hat sich auch von ihrem Kindesvater schon längst getrennt, hat jetzt eine Beziehung zu einem Mann namens Henrik, der mehr an ihr, als sie an ihm hängt.

Es gibt ein Sushi Essen, dann wird Zoe zu ihrem Vater gebracht und Irina fährt mit ihrer Freundin, beziehungsweise Assistentin Astrid ab nach Tschechien. Dort werden sie ihm Pfarrhaus einquartiert, der Pfarrer empfängt sie  sehr freundlich und wundert sich, daß Iriana zu erst in die Kirche und dann erst zum Abendessen will und teilt ihr mit, daß sie leider, leider, das Zimmer mit Astrid teilen muß. Das wird ein Problem, denn die neigt zum Schnarchen, so kann Irina nicht schlafen, wir erleben eine köstliche Szene und die Schlaflosigkeit ist vielleicht der Beginn der seelischen Ausnahmezustände, in die sich Irina die nächsten zweihundertfünfzig Seiten begeben wird.

Sie geht in dem Dorf spazieren, vorher hat sie in der Kirche noch einen Tomas kennengelernt und mit ihm ein Verhältnis begonnen, kommt zu einem verfallenes Gehöft, sieht Hendln darüber laufen und eine junge Frau, die sie zuerst füttert, später Bratsche spielt, aber das ist schon eine halluzinatorische Erscheinung, denn das Gehöft ist verfallen unf verwaist, da wohnt niemand mehr.

Sie lernt aber auch eine alte Frau am Friedhof kennen, eine Kräuterhexe, die ihr von dem Tod ihrer zwölfjährigen Tochter vor Jahren oder Jahrzehnten erzählt, was Irina  in Panik versetzt, kann sie doch Zoe nicht erreichen, dafür meldet Henrik sich bei ihr, von ihm will aber sie nichts wissen.

Hinter den barocken Fassaden, die sie in der Kirche restaurieren wollen, verbergen sich gotische Fresken, was zu einem Baustop führt, denn jetzt müssen neue Gutachten eingehoben werden. Das Team reist ab, Irina bleibt zurück und verliert sich in der Geschichte. Sieht, daß auf dem großen Platz vor dem Rathaus, 1942, Tschechen von den Deutschen erschoßen werden, erfährt, daß die junge Frau von einem Ivo ein Kind erwartet, dann aber vertrieben wird und wir erfahren allmählich, daß es Irinas Großmutter Vera ähnlich ging.

Vera ist die junge Frau, die das Kind auf der Flucht verlor, deshalb nicht freundlich zu ihrer Tochter sein konnte und Irina konnte das nicht zu ihr und auch nicht zu Zoe. Aber allmählich ändern sich die Verhältnisse.

Irina kommt zurück, besucht mit Zoe  die Mutter und schließlich befinden wir uns wieder in der Kirche des tschechischen Dorfes, Irina sagt „Ahoj“ zu einer anderen jungen Frau, die nur ein Wort tschechisch spricht und ihr erzählt, daß sie mit ihrer zwölfjährigen Tochter hergekommen ist, um ihr die Kirche zu zeigen, die ihre Mutter einmal restauriert hat…

So zerfließen die Grenzen von der Gegenwart in die Vergangenheit und von dort zurück in die Zukunft und Corinna Antelmann hat wirkliche ein besonderes Gespür mit psychischen Ausnahmezuständen zu spielen und uns dadurch   Geschichte beizubringen und so kann ich das Buch, allen, die ein bißchen über den Tellerrand der LL- Bücher blicken wollen, sehr empfehelen und bin  auch auf die psychischen Ausnahmezustände ihrer anderen Bücher sehr gespannt.

Werbeanzeigen

2015-04-20

Übergrenzen in der Hauptbücherei

Filed under: Veranstaltungen — jancak @ 21:54
Tags: , ,

Während in der „Alten Schmiede“ Erich Hackl und Robert Streibel aus ihren Büchern lasen, beziehungsweise vielleicht miteinader über die sogenannte Dokumetarliteratur diskutierten, ging es in der Hauptbücherei über Grenzen, denn da hat der „Septime-Verlag“  die Anthologie „übergrenzen“ vorgestellt, die von Marlen Schachinger, der Überfrau offenbar herausgegeben wurde und die die Veranstaltung sowohl moderierte, als auch selber im Duett mit Michael Stavaric ihren Text las.

Marlen Schachinger deren literarischen Aufstieg von ihrer ersten Veröffnetlichung bei der Ruth in der „Edition die Donau hinunter“ zu ihren Leseauftritten in der “ Frauen lesen Frauen- Lesegruppe des ersten Wiener Lesetheaters“ bis zu ihrer Mitwirkung in dem Schreibinstitut in Ottakring, wo Selbstpublisher nicht an den von ihr angeboteten Schreibwerkstätten teilnehmen durften.

Jetzt ist sie Doezentin an ihrem eigenen Schreibinstitut, hat zwei Bücher bei „Otto Müller“ und eines bei  „Leykam“ herausgegeben und im Februar die Betty Paoli Vorlesung im Wiener Rathaus gehalten.

Nun also auch Herausgeberin einer Anthologie, weil sie seit einigen Jahren in Laa an der Thaya,  der Grenze nicht so weit entfernt lebt und die literarischen Grenzen, wie das Fabulieren, Lügen, Flunkern, scheint sie, wie ich einem Video auf ihrer Seite entnehme, auch sehr interessieren, aber auch die physischen Grenzen, so sind in der Anthologie sowohl sehr bekannte Autoren wie  Ilia Trojanow, Karl Markus Gauss, Josef Haslinger, als auch sehr junge mit ihren ersten Texten vertreten und offenbar sowohl Österreicher als auch Migranten, wie Radek Knapp und Michael Stavaric.

Christian Jahl leitete ein und erwähnte, daß der „Septime Verlag“ das erste Mal am Urban Loritz Platz präsentiert wurde, aber 2013 gleich zwei Werke auf der „Alpha Shortlist“ standen und über den „Alpha“ für den er offenbar gerade wieder liest, habe ich mich mit ihm vor der Veranstaltung auch kurz unterhalten.

Denn es ist ja sehr spannend sich vorzustellen, wer da ab August auf der Shortlist stehen wird?

Valerie Fritsch mit ihrem neuen bei „Suhrkamp“ erschienenen Buch sicher, falls es noch nicht mehr als das dritte ist,  den Namen Karin Petschka hat er genannt, Elisabeth Klar, Harald Darer habe  ich vor kurzem gelesen. Aber jetzt zurück zu den Grenzen und zu der Anthologie und da begann Michael Staravic mit einem Text aus der „K und K Monarchie“  und von den Kaisern, die damals herrschten, von dem mit der Sissi bis zu Kaiser Franz Klammer und die Grenzen haben sich inzwischen auch verwischt.

Wer dann folgte, war der andere Migrant, der 1976 von Polen nach Österreich übersiedelt ist, nämlich der 1964 geborene Radek Knapp, der einmal bei der Exil Juroren Lesung gelesen hat, 2008 war das und ich kann mich an das Schragl oder Schragerl noch genau erinnern und daran, daß Radek Knapp noch immer nicht weiß, was das ist, aber als er 1976 zum ersten Mal in seinem Leben österreichische Grenzer gesehen hat und sich für deren Pistolen genausosehr, wie sie für seinen Paß interessierte, hat er sich mit der deutschen Spraqche schwer getan oder auch nicht, denn in Polen lief damals eine Fernsehserie über den zweiten Weltkrieg und mit den zwei Sätzen, die dort gesprochen wurden, ist er locker durch das nächste Jahr gekommen, denn in Wien spricht man sowieso nicht Deutsch, sondern Wienerisch und so wurde, der etwas ältere Radek bei einem Praktikum von Halle A nach Halle B geschickt, um dort ein Schragl zu holen, was dann aber keines war.

Sehr lustig  der Text von Radek Knapp, wie immer, der über einen großen Humor verfügt, während die Debutantin des Abends, die 1992 in Wien geborene Lisa Veronika Glawischnig es viel ernster auffaßte und einen sprachlich schönen Text von einer Selbstmörderin las.

Dann folgte Marlen Schachinger, die Autorin mit „Realitäten in Fabulatorien“ und darin schildert sie drei Gespräche die sie mit Michael Stavaric im Schanigarten des Kaffee Jelineks übers Schreiben, beziehungsweise darüber führte, wie sich eine Katze fühlt, wenn sie am nächsten Tag als Maus erwacht, bzw. was sie darüber denkt. Ein Ameisenbär kommt in dem Text auch vor und eine zerbrochene Flasche und am Ende ist alles erstunken und erlogen und die Gespräche haben so nie stattgefunden. So weit waren wir schon.

Danach gab es ein Gespräch am Podium mit dem Verleger Jürgen Schütz, der sich sehr freute, als Marlen Schachinger ihn eines Tages anrief und ihm die Anthologie vorschlug, obwohl sich Anthologien an sich nicht so gut verkaufen lassen, wo das Thema Grenzen von allen seinen Seiten diskutiert wurde und sich Radek Knapp darüber beschwerte, daß er von den Reporter immer noch als Migrant gehandelt wird, der gefälligst Migrantenliteratur zu schreiben hat.

Michael Stavaric nahm das gelassener und erzählte, daß er als er 1979 von Brno nach Laa an die Thaya übersiedelt ist, die Tschechei immer, von Österreich aber lange nicht sehr viel gesehen hat.

Dann war er Sekretär bei Jirsi Grusa und Thomas Klestil war der österreichische Bundespräsident, Vaclav Klaus der tschechische und wenn man nicht weiß, wer wer ist, konnte man das sehr leicht verwechseln, genauso wie im Prager Telefonbuch immer noch sehr viele deutsche Namen stehen und im Wiener tschechische.

Spannend also die Anthologie der Grenzen, die von Marlen Schachinger durchaus auch literarisch bzw. graphisch verstanden wurde, so daß in dem Buch wahrscheinlich auch sehr experimentelle Gestaltungen enthalten sind und die dann noch zur Diskussion im kleinen Kreis beziehungsweise zum Kaufen des Buches aufforderte.

Bloggen auf WordPress.com.