Literaturgefluester

2017-11-30

Das Genie

Jetzt kommt Buch drei der Blogger-Debut Shorlist, die jetzt ja bekanntgegeben ist und für mich eine große Überraschung war, da drei der dort nominierten Bücher bisher an mir vorbeigegangen sind.

Obwohl von Klaus Cäsar  Zehrers „Genie“ hätte ich eigentlich etwas wissen können, ist das buch doch auch auf der Shortlist des „Bayrischen Debutpreises“ gestanden, den Franzobel schließlich gewonnen hat. War aber nicht so und bei Anna Jeller habe ich es auch erst vor ein paar Tagen in der Auslage entdeckt.

Das Buch, das wieder eher eine fiktionale Biografie als ein Roman ist, befaßt sich mit einem eigentlich psychologisch interessanten Thema, nämlich mit den Schicksal eines Wunderkindes, von dem ich auch noch nie etwas hörte, was vielleicht wieder ein Beiweis ist, wieviele Wunderkinder hundert Jahre später vergessen sind und vielleich,t als Sonderlinge durch das Leben gingen, denn auch von William James Sidis, 1998 in New York geboren, 1944 in Boston verstorben, habe ich noch sie etwas gehört, obwohl er einen Psychologen als Vater hatte und das Buch auch die „Genies“ heißen  hätte können, denn, wenn sie das so zugetragen hat, wie Zehrer es schildert,  war der Vater, Boris Sdis auch ohne die „Sidis-Methode“, die er  für die Erziehung seines Sohnes erfunden hat,  ein solches und wahrscheinlich genauso hochbegabt.

Das über sechshundert Seiten Buch widmet auch einen großen Teil, ein Drittel würde ich mal schtzen, der Vorgeschichte, erzählt also, wie Boris Sidis aus der Ukraine nach Amerika kam.

Er war der Sohn wohlhabender Juden, es wurde ihm auch eine ausgezeichnete Erziehung zuteil. Er kam aber, weil er das Volk  unterrichten wollte, mit der Obrigkeit in Konflikt, kam ins Gefängnis, wurde dort mißhandelt und flüchtete  nach Amerika.

Dort verschenkt er als erstes das Geld das ihm die Eltern mitgegeben haben, trennt sich von seinen Gefährten, dann mietet er sich in einerm Obdachlosenasyl ein, nimmt Arbeit in einer Fabrik an, nur um drei Tage später dem Besitzer zu sagen, wie er alles besser machen kann.

Der macht das auch und entläßt Boris, der verbringt die nächsten Tage in einer Bibliothek und staunt über das viele Wissen das es dort gibt, er kann aber ohnehin schon ein paar Dutzend Sprachen, Englisch muß er noch lernen, verdingt sich weiter in Fabriken, unterrichtet in seiner Freizeit Arme.

So lernt er Sarah Mandelbaum kennen, auch eine Auswanderin aus der Ukraine und bekommt mit ihr 1998 den Sohn William James, der nach dem berühmten Psychologen William James genannt wurde, bei dem Boris inzwischen studiert hat. Sarah hat als eine der ersten Frauen Medizin studiert, ist aber viel lebenspraktischer als ihr Mann, der die Hypnose entdeckt und Freud für einen Scharlatan hält, gegen den er kämpfen muß.

Da unterliegt er, wie die Geschichte beweist, denn Boris Sidis ist inzwischen wahrscheinlich vergessen.

Als das Kind auf die Welt kommt, beschließt er mit Sarah gemeinsam es mit der Sidis-Methode zu einem Wunderkind zu machen.

Bei „Wikipedia“ kann man klar und knapp nachlesen, daß der einen IQ über 250 hatte, mit achtzehn Monaten lesen konnte, mit acht schon vier Bücher geschrieben hat,  mit elf an der Harvard University zu studieren begann, dort einen Vortrag über die „Vierte Dimension“ hielt, vierzig Sprachen konnte und sich für Eisenbahn und Straßenbahnsysteme interessierte. Er zog sich  später zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück und starb 1944 an einer Gerhinrblutung, steht da lapidar.

Klaus Cäsar Zehrer macht ein über sechshundert Seiten dickes Buch daraus, das interessant und leicht zu lesen ist, wie schon einige der Mitblogger bemerkten und viel aus der Psychologiegeschichte und dem Leben der Wunderkinder erzählt und so faßbar macht, daß die meist sozial hinter ihrer intellektuellen Entwicklung nachhinken und wenig Freunde haben, weil sie mit den Menschen, die sie nicht verstehen, nicht viel anfangen können.

Der Vater ist ja auch ein bißchen so. Die praktische Mutter muß ihn zu einem Sanatorium zwingen, dort putzt und schrubbt sie selbst, während der Vater gegen Freud hetzt, seine Patienten verliert und schließlich an einem Schlaganfall stirbt.

Es gibt noch eine jüngere Schwester, für die aber wahrscheinlich zu deren Glück, keine Zeit war, die Wundermethode an ihr anzuwenden. Wahrscheinlich hielt man die für Mädchen auch nicht  so wichtig. So studierte sie zwar auch Soziologie, konnte später ihren Bruder, als der aus sämtlichen Systemen hinausgefallen war, aber immer unterstützen.

Der Vater war in den Systemen auch nicht drinnen und wahrscheinlich war William James Sidis ein Asperger-Typ den man damals noch nicht kannte, wie der Vater an der sozialen Verbersserung der Menschheit aber interessiert. So war er auch an einer Demonstration beteiligt, wo er Martha Foley, die Liebe seines Leben kennenlernte, die aber von dem Sonderling nicht viel hielt und er hielt nicht viel von der Sexualität, nannte sie verächtlich oder angewidert „koitieren“ und verärgerte damit seine Studenten, als er nach seiner Promotion, er war ein Universalgenie, als Assistent beginnen wollte.

Er arbeitete in Zeiten des ersten Weltkrieges an einem Institut, das vom Kriegsministerium bezahlt wurde und kündigte dort entsetzt, als er entdeckte, zu was er mibraucht werden hätte können oder wurde. Er nahm  aus diesem Grund nur mehr einfache Arbeiten an, verwarf sich mit seiner Mutter, die ihm Undankbarkeit vorwarf, floh auch vor der Presse, beziehungsweise hatte er einen Prozeß mit dem „New Yorker“, die seinen Sonderlingstatus genüßlich auf einigen Seiten zelibrierte.

Er liebte schon als Kind das Straßenbahnfahren, war später auch Schaffner, sammelte die Fahrkarten und gab unter einen anderen Namen, auch Bücher über Straßenbahnsystem hinaus.

So taumelte er durch das Leben, er verlor sämtliche Prozesse, denn über eine öffentliche Person kann man ja die Wahrheit sagen, daß sie ungepflegt ist und soziale Probleme hat, ohne daß es die Persönlichkeitsrechte verletzt. Es kommt dann  doch zu einer Einigung mit der Zeitung. So hat er sechhundert Dollar in der Unterhose, als ihm die Wirtin bewußtlos am Gang findet. Er kommt ins Spital und da kommt es nach Zehrer zu einer Verwechslung, die ihm den Gang ins Jenseits erleichtet, aber wahrscheinlich etwas kitschig ist.

Die Schwester und die Mutter kommen angereist, die Mutter wartet am Gang, die Schwester sagt ihm „your mother is here!“

Er versteht Martha, ist entzückt und stirbt mit dieser Information selig vor sich hin.

Ob es so oder anders war, wissen wir wahrscheinlich nicht. Ich werde dem Buch bis jetzt, die zwei anderen habe ich noch nicht gelesen, den dritten Platz geben und mich für Platz eins für Julia Webers Poetik entscheiden, die ja auch in die Sozialkritik geht und dann an Juliana Kalnays Surrealismus und kann nur wieder betonen, wie unterschiedlich diese Shortlist von ihren Stellen her ist.

Aber das ist wahrscheinlich das Tolle daran, obwohl man diese journalistisch aufbreitete Biografie des 1969 geborenen Zehrers, nicht wirklich mit der sprachlichen Poetik der beiden Sprachschulabsolventinnen vergleichen kann.

Äpfel und Birnen, wie ich  immer schreibe und Bücher sind auch nicht vermessbar. Es gibt aber sehr viele und sie sind sehr unterschiedlich geschrieben und so haben Bozena Anna Badura, Janine Hasse und Sarah Jäger aus den vierundsechzig eingereichten Büchern sehr unterschiedliche Bücher ausgewähl und bin auf die zwei anderen, die mich noch erwarten, schon sehr gespannt.

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2016-11-26

Nachts ist es leise in Teheran

Von Buch fünf der „Shortlist des Blogger-Debutpreises“ habe ich schon im oder vor dem Sommer, als ich mich gerade mit der Longlist des dBp beschäftigt und geraten habe, was da wohl darauf stehen wird, gehört, hat doch Tobias Nazemis Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“ sehr gelobt und ihre Sprache mit der von Valerie Fritsch verglichen.

Nun wissen meine Leser höchstwahrscheinlich, daß ich es mit den Sprachräuschen nicht so sehr habe und Valerie Fritschs“Winters Garten“, die ich ja an sich für ein großes Talent halte, ein wenig kitschig fand.

Dann gab es bei Tobias Nazemi, dem Schwärmer, noch ein Interview, das er mit der 1988 in Deutschland geborenen Tochter iranischer Eltern, die in Hildesheim studierte und 2012 im Klagenfurter Literaturkurs war, führte, in dem sie betonte, daß ihr die Sprache, wichtiger, als der Plot wäre und ich dachte höchstwahrscheinlich „Uje schon wieder!“, war aber interessiert und habe das Buch, bei meinen Herbstleseplanartikel auch erwähnt, es ist aber entgegen Tobias Nazemis Vermutung nicht auf die Longlist gekommen und ich war ersteinmal mit anderen beschäftigt, habe ich ja fast die gesamte deutsche LL, die halbe österreichische und dann noch die drei österreichischen Debutanwärter gelesen und da war ich ja voll überzeugt, daß Katharina Winkler den Debutpreis gewinnen wird und daß das Buch, weil „Suhrkamp“, da ein wenig spräöde war, im Rahmen des „Alpha“, den sie natürlich auch gewinnen wird, zu mirkommt.

Sie hat nicht gewonnen und das Buch ist zu mir gekommen,  den öst. Debutpreis hat Friederike Gösweiner bekommen, die ja auch auf der Longlist des „Blogger-Debuts“ gestanden ist, bei der ich ja sehr überraschend und in letzter Minute dazugekommen, auch mitjuriere und so habe ich jetzt nach „Blauschmuck“, „Weißblende“ meine beiden Favoriten, bei denen mir bei beiden etwas fehlte, auch den Roman über eine persische Flüchtlingsfamilie, einer jungen Nachwuschsautorin, die auch im Sozialbereich tätig ist, gelesen.

Ein Thema das ja einigen Bloggern auf der dBp Liste fehlte, eines, das mich während des letzten Jahrens beim eigenen Schreiben stark beschäftigte, da habe ich mich ja in der sogenannten Flüchtlingtrilogie mit der jungen Syrierin Fatma Challaki beschäftigt, die mich ja auch in den „Berührungen“ nicht wirklich losgelassen hat.

Der 1963 geborene Exilungar Akos Doma  hat sich in seinem auf die Longlist gekommenen „Weg der Wünsche“ mit diesem Thema beschäftigt und beschreibt darin, die Flucht nach Deutschland einer ungarischen Familie, die bei den Kritiker nicht so besonders gut weggekommen ist.

Die Sprache sei nicht besonders, hat, glaube ich, Marina Büttner gefunden, hier ist es anders und ich sage es gleich vorweg, es waren keine Sprachräusche, die mich bei diesem Buch erwarteten, sondern eine sehr sehr dichte Schilderung des Leben in Teheran und das der Exil-Irander in Deutschland während der letzten vierzig Jahre und der damit verbundenen politischen Veränderungen.

An Hand einer Familie, Behsad, Nahid, Laleh, Morad, Tara  und in vier Abschnitten, die von 1979 bis 2009 und dann noch, glaube ich, ein bißchen in die Zukunft führen, tut die junge Autorin das und ihr ist dabei das Kunststück gefunden, in jedem Kapitel einen ganz besonderen Ton zu finden, dier die Veränderungen sehr eindeutig beschreiben.

Da geht es zum Beispiel in das Jahr 1979 nach Teheran, der Schah wurde gerade verjagt und der junge Kommunist Behsad, wird von den Frauen der Familie, der Mutter, den Tanten, etcetera aus der Küche geschickt, weil die sich während des Kochens unterhalten wollen und dabei keinen Mann brauchen können.

Er ist in die schöne Literaturstudentin Nahid verliebt, die er bei den revolutionären Versammlungen trifft, er wird mit seinen Freunden zur Revolution aufs Land geschickt, ein Freund wird dabei verhaftet, so begibt er sich später mit seiner Frau und den zwei schon geborenen Kindern ins Exil nach Deutschland und dort triffen wir, zehn Jahre später Nahid wieder, die diesen Teil erzählt.

Die Flüchtlingslager sind überstanden, es gibt die erste kleine, dann die spätere größere Wohnung, die Kinder sprechen schon viel besser Deutsch, wie die Mutter, der von den wohlwollenden Nachbarinnen, ein Studium nahegelegt wird.

Die Nachbarinnen sind freundlich und stricken Pullover für die Kinder und Nahid sitzt da und fühlt sich fremd, versteht vieles nicht, kommt mit den Höflichkeiten nicht zurecht, will keine Almosen und Hilfen, kann sie dennoch nicht ablehnen und die Sorge, um die Familie und die Freunde in Teheran, die jetzt die Ayatollahs über sich ergeben lassen müssen, verhaftet werden und verschwinden, breitet sich auch über all dem aus.

Wieder zehn Jahre später geht es zurück in den Iran, Nahid, die ihr Politikwissenschaftsstudium inzwischen abgeschlossen hat, fliegt mit den beiden Töchter der sechzehnjährigen Laleh und dem Nesthäkchen Tara, schon in Deutschland geboren, auf Verwandtenbesuch, Mo der Bruder hat ein anderes Ferienziel, der Vater darf oder traut sich nicht, weil er verhaftet werden könnte.

Laleh, die sechzehnjährige, die in der Schule bei den Politspielen immer die Rolle des Irans übernehmen muß, erzählt diesen Teil und schildert, wie man für die Fotoaufnahmen für das Visum, ein Kopftuch aufsetzen muß, es verrutscht und alle lachen. Nehads  Manto, der, der die Arme und die Schultern züchtig verdeckt, wahrscheinlich der, mit dem sie damals ausreiste, ist inzwischen altmodisch geworden und die Familie, die Tanten und Cousinen lachen nach der Ankunft darüber. Geschenke werden ausgepackt, die Frauen gehen zum Friseur und zur Kosmetikerin und die hat eine so aufgebauschte Frisur, daß man sich gar nicht vorstellen kann, wie das auf der Straße vorgeschriebene Kopftuch darauf passte.

Das alles sieht und erlebt die Sechzehnjährige, die von Cousins und Freunden der Familie angerufen wird, die sie gar nicht kennt und zur Witwe von Behsad Freund Peyman, der in den Wirren umgekommen ist, auf Besuch gehen muß.

In einer Milchbar unterhalten sich dann die Jugendlichen und wieder zehn Jahre später, wird Laleh schwanger sein, während Morad oder Mo, wie er genannt wird, sich in seiner Sutdenten-WG, in die halb Ägypterin Maryam verliebt von ihr auf eine Demonstration gegen die Studiengebüren geschleppt wird, während sich in Teheran gerade die grüne Revolution mit Demonstrationen und Aufständen nach der Wahl von Ahmadinedschad abspielt, die bekommt er nur über Facebook und You Tube oder aus den Erzählungen seiner Eltern und seiner Schwester Tara mit, denn Mo ist eigentlich unpolitisch und eigentlich an dem Iran seiner Vorfahren nicht besonders interessiert.

Jedes dieser Kapitel ist in einem anderen Ton geschrieben und das ist, glaube ich, die Sprachkunst der Shida Bazyar, die dazu keine Worträusche braucht und Kunstsprache braucht, sondern eigentlich recht einfach und und schlicht daherkommt und meiner Meinung nach geht es in dem Buch vorwiegend, um den Inhalt, obwohl es stimmt, daß es keinen Plot mit Höhepunkten und Spannungsbögen hat, sondern die Gefühle und die Identitätsverwirrungen einer  entwurzelten Familie erzählt, die höchstwahrscheinlich auch sehr viel Autobiografiesches hat, auch wenn es, um eine erfundene Familie geht.

Am Schluß gibt es ein Glossar, in dem auch die Wendungen erklärt werden, die immer wieder vorkommen und die wieder sehr dicht das sprachliche Doppel oder auch Sprachlosigkeit, der in Deutschland lebenden „Ausländer“ zeigen, bei denen die Großmutter exra langsam sprechen muß, damit sie von ihren Enkel verstanden wird.

Ein poetisch dichtes Bild, das in das Leben einer iranisch-deutschen Familie sehr anschaulich hineinführt und die dazu keine Kunstsprache, wie beispielsweise Katharina Winkler für ihre Protagonistin braucht, es reicht, daß jeder in dem Buch, anders denkt und spricht.

Der Vater hat noch die persische Tradition, die Mutter, die Abwehr, von den ach so freundlichen Deutschen, die sie gar nicht so freundlich empfindet, nicht übernommen zu werden, die älteste Tochter ist aufmüpfig und neugierig, der Sohn eher ahnungslos und die jüngste Tochter wird vielleicht noch einmal zehn Jahre später, für eine Woche ihr Internet abschlalten und dann, während sie mit ihrer inzwischen schon erwachsenen Nichte im Auto fährt, vom Sieg der iranischen Revolution überrascht werden, die die die Familie vielleicht wieder zurück in ihre Heimat bringen kann, die, sie, füge ich hinzu, am Ende gar nicht mehr finden wird, denn vierzig Jahre Aufenthalt in Deutschland haben einen wohl geprägt und verändert und ich habe, ähnlich wie in dem Buch von Deva Manickavasagan einen kleinen Einblick in das Leben fremder Kulturen und seiner revolutionären Veränderung bekommen und außerdem meine persönliche Favoritin für den Blogger Debutpreis gefunden, weil für mich neben der Sprache, auch der Inhalt sehr wichtig ist.

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