Literaturgefluester

2018-02-05

Bananama

Die 1985 in Freudenstadt geborene  Simone Hirth hat schon mit ihrem ersten Roman, der „Notunterkunft“ bewiesen, daß sie einen eher ungewöhnlichen Stil hat und auf eine ungewöhnliche Art und Weise vielleicht ganz gewöhnliche Themen erzählt..

Mit ihrem zweiten Buch „Bananama“, das mir „Kremayr & Scheriau“ freundlicherweise mit dem Aufdruck, daß ich es nicht vor dem inklusive vierten Februar besprchen soll, schon vor Weihnachten geschickt und ich habe mich daran gehalten, obwohl es bei „LovelyBook“ schon wochenlang mehrere Besprechungen gibt.

Das hat den Vorteil, daß ich die vorher lesen konnte und während des eigenen Lesens feststellt, daß ich offenbar ein anderes Buch gelesen habe Auf jeden Fall etwas anderes, als am  Klappentext steh. Denn da werden die Erlebnisse eines sechsjährigen Mädchens beschrieben, das mit seinen Eltern ausgestiegen ist,  die sich von Tag zu Tag verändern, immer bedrohlicher werden und es gibt auch Tote im Garten.

Das, was ich  gelesen habe, hat mich stark an die Achtzigerjahre und die Zeit erinnern, wie wir mit der Anna zwar nicht ausgestiegen sind, aber auch Vollwertprodukte kauften und sie in eine alternative Kindergruppe und später in eine freie Schule gaben.

Handies und Niedrigsolaranlagen hat es damals noch kaum gebeben und auch noch kein wirkliches Internet. So habe ich mir die ganze Zeit gedacht, das ist doch heute nicht mehr so, bis ich daraufgekommen bin, daß die 1985 geborene, da vielleicht ihre eigene Kindheit beschreibt, die sie trotz allem Bemühen der Eltern und so habe ich das empfunden, als sehr bedrohlich und einsam erlebt und weil eine gute Literatur ja überhöht sein mußt, enthält das Buch auch surreale Elemente, wie die Toten in Garten und das Alter, der namenlose Ich-Erzählerin kann, glaube ich, auch nicht stimmen, denn die, die mit ihren Eltern nach „Bananama“, sprich in ein Niedrigenergiehaus mit Garten gezogen ist, geht schon in die Schule. Der Vater stellt ein Schild mit „Bananama“ vor das Haustür und zwingt den Schulbus dort zu halten. Später meldet er das Kind aber von der Schule ab und unterrichtet selbst, weil man in der Schule ja nur „unnütze“ Sachen lernt und lehrt die sechsjährige Sachen, wie Permakultur, Globalisierung, oder Biosphärenpark.

Nun gut, wir haben die Anna wohl auch etwas überfordert. Aber vor sechs fährt man nicht mit dem Schulbus in die Schule. Aber, die Phantasie ist ein weites Land und das alternativ erzogene Aussteigerkind, fühlt sich fortan in dem Niedrigsolarhaus mit Garten sehr allein und isoliert. Schokoladeriegeln darf es nicht essen und die Nachbarin, die gelegentlich welche brachte, ist bald verschwunden, Freunde gibt es nicht.

Es gab aber vorher ein altes Haus, in dem die Großmutter wohnte mit vielen Einmachgläsern wohnte. Beides ist bald verschwunden. Die Familie übersiedelt in das neue Haus. Die Aussteiger haben Internet, und bestellen dort sehr viele Sachen. Der Vater geht zum Tauschkreis, im Garten wachsen Unmengen von Obst und Gemüse, nur keine Banananen, denn die gab es nicht nur nicht in der DDR, die Eltern eßen sie aber nicht, sondern lassen sie verroten und die Mutter bestellt, dann etwas anderes, um asiatisch zu kochen.

Die Mutter wird von Ich-Erzählerin überhaupt als sehr seltsam erlebt. Das Kind wünscht sich Spielsachen oder eine Schwester. Die Mutter sagt „Industriespielzeug kaufen wir nicht, ich nähe dir, wenn ich den Kopf frei habe eine Puppe!“ und vergißt dann darauf.

Der Vater hält Reden von einem superfreien Kind und einem superfreien Leben und hält dann die Demokratie doch für eine nutzlose Form, weil man die Menschen ja zu ihrem Glück zwingen muß und erzählt dem Kind Geschichten von Bettlern, die nie mit den guten Gaben zufrieden sind und vom Staat Grundsicherung verlangen und sich dafür Luxusartikel kaufen.  Das Kind kind denkt sich dann die Geschichten mit offenen Ausgang weiter. Es begräbt auch Wörter, weil es mit dem Verschwinden nicht zurechtkommt, fühlt sich von toten Tieren bedroht und wünscht sich mit einem Koffer fort.

Später taucht dann die Großmutter auf, die wie sich herausstellt, dement geworden in ein Pflegeheim gegeben wurde, die sich nun, obwohl sie die Eltern nicht erkennt, ihr Kirschenkompott zurückholen will.

Das bringt das Kind zum Handeln. Es klaut den Eltern Geld und haut ab, um sich in die Stadt und unter Menschen zu begeben. Geht in ein Kleidergeschöft um sich ein Prinzessinnenkleid zu kaufen, sowie Bananen und eine Schokoladecreme, schläft dann als Rapunzel in einem Turm, der sich als Spielplatz entuzppt und das Buch schließt mit einem offenen Ende, was eine der Testleserinnen sehr verstörte und ein anderer Testleser wußte mit dem Titel nichts anzufangen. Aber ja das ist ja Janosch und „Ach, so schön ist Panama“ und der Vater liest das dem <kind vor, wir auch wir es der Anna oft vorgelesen haben, füge ich die 1953 geborene Nicht-Aussteigerin hinzu.

Ja, es ist ein verstörendes Buch, von einer verstörenden Kindheit mit Eltern, die eigentlich alles richtig machen wollten und dabei doch Isolation und Angst auslösten.

Etwas, was ich nachvollziehen kann und am Klappentext mit „Auf beklemmende Weise geht Simone Hirth den Widersprüchigkeiten und Absurditäten unserer Gesellschaft auf den Grund. Dabei kratzt sie mit herrlich ironischen Blick an der Utopie eines sicheren Lebens, bis diese endgültig zerbricht.“

Dem kann ich zustimmen, obwohl das Mädchen hat sich ja befreit, in dem es aufbegeherte und weggelaufen ist und wenn es Glück hatte, begannen die Eltern oder andere Personen verständisvoll darauf zu reagieren und eine, wenn auch viel kleinere Absurdität unseren Lebens könnte daran bestehen, in ein Buch „Sperrfrist bis 4. Februar!“ zu drucken, während es schon Wochen früher diesbezügliche Leserunden gibt.

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2016-09-24

Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft

Filed under: Bücher — jancak @ 00:21
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Kleine LL-Lesepause, denn ich habe mir ja die beiden „K&S“- Debuts bestellt und jetzt den ersten Roman, gefördert vom Lande der 1985 in Deutschland geborenen Simone Hirth bestellt, die  am Leipziger Literaturinstitut studierte und jetzt in Gablitz als Lektorin und Autorin tätig ist, die Buchpräsentation habe ich auch schon gehört und so einen kleinen Eindruck in das Buch bekommen, wo Roman draufsteht, der wieder eigentlich wahrscheinlich kein solcher ist, sondern, wie Simone Hirth selber sagte, eine Anzahl von Trümmerelementen“, Trümmerstückchen, die sie, glaube ich, auch auf kleinen Notizzettelchen sammelte.

Der Titel verdient aber vielleicht einen Sonderpreis und ich selbst, ich weiß nicht, ob das meine Leser wissen, habe mich mit diesen Themen ja auch schon sehr oft beschäftigt und tue das vielleicht immer noch.

Denn da gibt es ja die Fragmente von Felizitas Fee der schönen Obdachlosen und auch viele andere arme depressive Frauen in meinen Texten, die aussteigen, sich ihr Geld von der Bank abholen und dann in den Wald wollen, um nicht mehr wiederzukommen, etcetera

Meine Sprache war wahrscheinlich nicht so präzise, daß ich damit ein Stipendium bekommen hätte und in Leipzig hätte man mich wahrscheinlich auch nicht genommen, die Themen sind aber gleich und beschäftigen vielleicht auch viele junge Autoren, nicht alle wahrscheinlich, eher die mit einer sozialen Ader oder einer persönlichen Betroffenheit. Simone Hirth lie?ja auvch so etwas anklingen, daß sie vieles in dem Buch selber ausprobierte, sich die Zähne beispielsweise einmal mit einem Minzblatt putzte, wenn ich mich nicht irre und nichts durcheinanderbringe.

Trotzdem ruft diese Fragmentsammlung, bei mir, der psychotherapeutisch geschulten chronisch Schreibenden viele Fragen auf, die erste hätte ich schon fast in der „Gesellschaft“ gestellt mich dann aber nicht getraut, um nicht ins falsche Fahrwasser zu geraten.

Denn, wie ist dieser Text zu verstehen und, um was handelt es sich bei der namenlosen Heldin? Diese Frage stellte Ursula Eibel und die Autorin meinte, daß ihr eigentlich gar nicht aufgefallen wäre, daß die Heldin keinen Namen hat. Es passt aber zu den Fragmenten, ist die Heldin ja selbst höchstwahrscheinlich ein solches, aber was ist jetzt ihr Psychogramm? Ist ihr Aussteigen eine Psychose, die da beschrieben wird und im Realfall gerät man wahrscheinlich bald in die Fänge der Psychiatrie und der Sozialarbeiter, die sich dann zu kümmern versuchen oder amtlich einschreiten.

Obdachlose gibt es aber, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben und die stierln dann wahrsc heinlich auch die Mülltonnen leer und bedienen sich vielleicht auch bei den Baumärkten oder klauen Bierkartons in Supermärkten. Es gibt aber auch die „Gruft“ und andere Sozialeinrichtungen und die kommen in dem Buch nicht wirklich vor.

Es könnte aber auch ein Traum sein, eine Phantasievorstellung und dann wären wir vielleicht  in Michelle Steinbecks Nähe, die mit ihrem „Vater“ inzwischen auf die Schweizer Shortlist gekommen ist.

Die Trümmerfrauen und die Kriegshelme kommen auch vor und das scheint jetzt mir ein wenig aus der Zeit gefallen und nicht ganz zum Sujet passend, denn das waren wohl eher die Fragen von Simone Hirths Mutter oder Großmutter, die nach dem Krieg, die Städte aus dem Trümmern wieder aufbauen, sich auf Trümmerfeldern Karotten anpflanzten und die Fundstücke am Schwarzmarkt verkauften.

Man kann das Buch, das Statt Kapitelzahlen Nägel hat, grob in drei Teile aufgliedern, im ersten haust die Heldin im Keller, über ihr wurde das Elternhaus niedergerissen, wahrscheinlich weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnte, es gibt auch einen Hausmeister, der dann arbeitslos wurde. Aber ein Einfamilienhaus beschäftigt öchstwahrscheinlich gar keinen solchen. Es gibt einen Bruder mit dem die Heldin kommuniziert, den es wahrscheinlich nie gegeben hat, sie spricht mit ihrem Schuster, ihrem Gynäkologen, zu denen sie nicht mehr geht, schreibt Briefe an Freunde, die sie nie bekommen werden, weil sie kein Geld für eine Briefmarke hat….

Sie ist eine Fleischertochter und irgendwann einmal irgendwie ausgestiegen. Jetzt haust sie aus dem Nichts, kommunziert mit Phantomen und stellt sich aus einem gefundenen Handbuch der Betriebswirtschaft ihre eigene Kosten-Nutzenrechnung auf.

„FAUSTREGEL NR 2:  Wo kein Elternhaus mehr ist, da ist man nicht mehr zu Hause.

„FAUSTREGEL NR 3:  Wo man nicht mehr zu Hause ist, da kann man nicht mehr bleiben!“

Allso zieht sie aus dem Keller aus und baut sich ihre Notunterkunft hinter einer Hagenbuttenstaude. Einen toten Maulwurf gibt es auch, das erinnert wieder an Michelle Steinbeck, Simone Hirths Stil ist aber viel realistischer.

Sie klaut Nägeln, Dübeln, Äxte, Samen aus dem Baumarkt, wird erwischt, muß abarbeiten, belauscht die Gespräche zufälliger Passanten, pfanzt sich einen Garten an, plündert die Mülltonnen und findet tote Ratten vor ihrem Haus. Es werden auch böse Parolen aufgesprüht und es betreten, so daß sie es in einem dritten Teil auch verlassen muß und dann doch in eine Beratungsstelle kommt.

Dort wird ihr aber gleich eine Gründerfibel in die Hand gedrückt, sie bekommt auch einen kostenlosen Gründerkurs, sie meldet sich an für das Gewerbe „KLEINERE  RÄUMUNGS- UND AUFBAUARBEITEN“, fetziger „Trümmern“ genannt, bekommt auch gleich eine Wohnung zugeteilt und arbeitet später lustig vor sich hin. Hat zwar keinen Computer, aber eine Steuernummer und ein Handy und ich denke angesichts der Debatten, um die Grundsicherung, werden sich jetzt vielleicht einige Arbeitslose denken „So einfach ist das nicht!“ und so bleibe ich mit vielen Fragen zurück, denke, daß man mir, wenn ich sowas eingereicht hätte, den Text wahrscheinlich mit der Anmerkung „unrealistisch“ zurückgeschickt hätte.

Aber ich habe ja keine perfekte Sprache, bin keine Lektorin, habe auch nicht in Leipzig studiert, fand den Text trotz meiner vielen Fragen, wahrscheinlich bin ich mehr für das Ausarbeiten der Trümmerstellen und gegen das allzu Fragmentarische, sehr interessant und bin jetzt  gespannt, ob er vielleicht im nächsten Jahr bei den O-Tönen zu hören sein oder auf der „Debutpreis-Liste“ stehen wird?

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