Literaturgefluester

2020-11-25

Sprache in Corona-Zeiten

Filed under: Glosse,Uncategorized — jancak @ 00:13
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Was ist skurril in diesen Zeiten und, wie skurril sind sie, wo wir alle hinter einem Virus herlaufen, um es einzufangen, auszumerzen, eliminieren oder nein, falsch, unrichtig! Nicht genügend setzen! Das dürfen wir ja nicht! Wir müssen schön zu Hause bleiben und uns isolieren! Werden massengetestet, damit wir, wenn wir brav sind, ein halbwegs schönes Weihnachtsfest, natürlich nur mit FFP2-Maske und Handschuhen auf den Fingern unsere Großeltern besuchen dürfen und vor dem Christbaum ein Weihnachtsliedchen singen können.

„Daß das passiert hängt von uns allen ab!“, sagt der Bundeskanzler.

Wenn die Zahlen jetzt nicht endlich sinken, müßen wir die Maßnahmen verschärfen und können nicht stufenweise die Geschäfte öffnen! Natürlich nicht, denn wenn dann alle ab dem sechsten Dezember, wie verrückt die Geschäfte stürmen, um sein Klopapier oder falsch, natürlich, die Adventkränze und die Geschenke für die Kinder einzukaufen? Um das zu verhindern und uns ein halbwegs schönes Weihnachtsfest zu ermöglichen brauchen wir die Massentest, um die positiv Getesten rechtzeitig zu isolieren.

“ Vor allem für die Heiminsaßen wäre das angesagt und wichtig, sie zu schützen!“, sagte er und nickt nachdrücklich mit dem Kopf.

„Gibt es Fragen?“, fragt die Pressesprecherin und die Reporterin erkundigt sich natürlich nach der Freiwilligkeit. Warum immer diese Frage und die Sorge, daß es doch Sanktionen braucht, wenn sich nicht alle freiwillig testen und brav isolieren lassen? Denn mit der Eigenverantwortlichkeit ist das so eine Sache, wie man im Sommer gesehen hat, wo sich alle unvernünftig am Donaukanal drängten!

Werden die Tests freiwillig sein und wird man, wenn man sie verweigert, sein Haus verlassen dürfen oder wird man, wie es in der Slowakei so war, die ja seit der Massentestung wieder schöne Zahlen haben, vierzehn Tage in Quarantäne müssen und gelten nicht vielleicht die, die den Test verweigern automatisch als positiv und wenn sie, wie es das Schicksal will, an einem Unfall sterben oder sich in ihrer Depression, weil sie die Einsamkeit nicht ertragen und nicht wissen, wie es nach der Krise mit ihrem Geschäft weiter geht, die Pulsadern aufschneiden, gelten die dann nicht vielleicht, als Corona-Tote, die an oder mit, aber auf jeden Fall gestorben sind!

„Stop, halt, hör doch auf mit deinen Verschwörungstheorien! Denn die wollen wir nicht hören! Die stören nur und hindern an der Einsicht! Wir ziehen alle doch am selben Strang, wenn wir ein halbwegs schönes Weihnachtsfest und vielleicht auch einen solchen Winterurlaub haben wollen! Denn da gibt es ja ein Skifahrkonzept. Mit der Maske in die Gondel, wo die Fenster offen bleiben und schön brav in Zweierreihen angestellt und bezahlt wird natürlich bargeldlos! Was ist so schlimm daran, sich zum Schutze aller ein wenig einzuschränken und was ist schlimm daran Maske zu tragen? Warum verweigerst du dich da? Schau doch nach Amerika!“, sagt der Reporter, der dort während der Präsidentenwahl weilte

„Da tragen alle Maske!“ und schüttelt den Kopf über den Kollegen, der sich darüber mokierte, daß immer mehr Menschen allein im Auto sitzen und eine solche tragen.

Im Auto und im Freien ist die Wirksamkeit nicht erwiesen! Aber wenn sich da die Menschen, um die Punschstände oder um die Würstlbuden drängen! Das muß viel mehr von der Polizei kontrolliert werden, daß die da nicht beinanderstehen und maskenlos ihre Bosna essen und ihren Punsch schlürfen!

„Den Punsch wahrscheinlich nicht, denn der ist nicht erlaubt und wir brauchen Schnelltests für die Altersheime, um die Insaßen zu schützen!“, wiederholt jetzt der Reporter und ich schüttle den Kopf. Denn was ist das für eine Corona-Sprache? Welche Entmenschlichung drückt sie aus?

Was hätte Victor Klemperer dazu gesagt?

Hätte er sich mit dem Isolieren, Absondern, Wegsperren, den Menschenmaßen und den Heimisaßen, die massengetestet werden sollen, abgefunden oder sich, statt der staatlich verordneten Entmündigung mit Abstandhalten, Maskentragen, Handhygiene und brav zu Hause bleiben, um sich und die anderen zu schützen, mehr Selbstentscheidung gewünscht?

„Das ist doch nicht so schwer!“, sagt der Reporter.

„Und unsere einzige Chance! Hör mir auf mit der Herdenimmunität, wie es die Schweden machen, denn die hat nicht funktioniert! Also brav sein Mitmenschen! Zwei Wochen kann man auf ein Buch verzichten! Du hast doch sicher ein Zweitbuch zu Haus und brauchst nicht auf die Straße gehen, das ist doch nicht schwer! Socialdistancing und Kontaktreduktion ist jetzt angesagt! Also denk daran, wenn du ein halbwegs schönes Weihnachtsfest haben willst! Denn sonst müßen wir die Maßnahmen noch einmal verschärfen und ein einzig Unvernünftiger hat zu hundert verlorenen Arbeitsplätze geführt!“, sagt der Reporter streng und ich denke „Lingua corona zwanzigzwanzig! Wegsperren, absondern, isolieren, Heiminsaßen, Zögling,Impfling, Hausarrest! Das muß doch nicht sein und kann auch anders ausgedrückt werden! Da wünsche ich mir ein anderes Sprachemenü! Das wär doch wirklich schön!“

2016-10-21

Die Auswandernden

Im Literaturbetrieb und beim Longlistenlesen erlebt man manchmal Überraschungen, obwohl ich ja eigentlich glaube mich dort ganz gut auszukennen, nachdem ich mich da  schon seit über vierzig Jahren daneben stehe.

So habe ich, als ich in der vorigen Woche überlegte, was das wohl auf die österreichische Shortlist kommen würde, ganz ehrlich nicht im Entfernstesten an Peter Waterhouse gedacht.

Ihn und Daniela Emminger habe ich weggelassen, sonst hätte ich eigentlich alle acht als  wahrscheinlich gesehen und was das Experimentelle betrifft, hätte ich mir eher Anne Cottens Verseops gewünscht, denn, als der 1956 in Berlin geborene und in Wien lebende, 2007 den „Erich Fried Preis“ bekam, habe ich, glaube ich nicht sehr viel mit ihm und seinen Büchern anfangen können, denn das Experimentelle liegt mir nun einmal nicht.

2009 hat Michael Hammerschmid den „Prießnitz-Preis“ bekommen und da hat Peter Waterhouse, die Laudatio gehalten, eine sehr sprachgenau, wie ich mich erinnern kann, die Wort für Wort, die Texte des Gewinners auseinandernahm und das ist jetzt mit den „Auswandernden“, das zweite öst Shortlistbuch das ich gelesen habe und wahrscheinlich auch lesen werde, passiert.

Eine punktgenaue Auseinandersetzung und Auseinandernehmen der Sprache und das in Bezug zu einem gerade sehr aktuellen Thema und da  habe ich gedacht, die experimentellen Sprachanalylytiker würden sich dafür interessieren.

Über die österreichischen Shortlist habe ich in den Medien und in den Blogs noch nicht sehr viel gelesen, bei der deutschen wurde allgemein bedauert, daß sie sich nicht mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzte und die Bücher der jungen Deutschen, die aus dem Iran, Saudiarabien, etcetea kommen und darüber schrieben links oder rechts liegen ließ.

Von Peter Waterhouse hätte ich mir eine Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht erwartet und es ist auch ein sehr  ungewöhnliches Buch, das da in dem kleinen „Starfruit-Verlag“ erschienen ist und das ich für einen Kanditaten für die „schönsten Bücher Österreichs, Deutschlands“ oder wo auch immer halten würde.

Denn Peter Waterhouse ist nicht der alleinige Autor, Nanne Meyer steht auch noch darauf und die 1953 in Hamburg geborene, die Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ist, hat die Illustrationen dazu geliefert oder besser ein zweites Buch dazu gezeichnet, so daß man durch die „Auswandernden“, wie durch ein Museum gehen kann.

Es beginnt auch ganz banal, nämlich mit einer Tafel, die angeblich oder tatsächlich im Einsiedlerpark hängt, ich müßte da mal nachschauen, er ist ja gleich in meiner Nähe, auf der „Am frühen Morgen des 15. Oktober 1936 holte Johann Urban, Schuldiener in der Lehranstalt für Textilindustrie in der Spengergasse, im Postamt am Hundsturm das für die Gehälter des Schulpersonals bestimmte Geld ab und durchquerte gerade den Einsiedlerpark, als ihm ein junger Mann weißen Pfeffer ins Gesicht schleuderte.“, steht.

Mit der Flüchtlingsfrau Media, die mit einigen Wörterbüchern gerade Deutsch zu lernen beginnt und der der Autor oder Ich-Erzähler dabei hilft, durchquert er den Park, bleibt vor der Tafel lange stehen,  liest und liest, kommt dabei zu Adalbert Stifter und zu Hebbel und beginnt die Sprache auseinanderzunehmen.

Denn, was weißt Flucht, ergreifen, begreifen, aufgreifen, wenn man genau hinaschaut, kommt man damit wahrscheinlich so durcheinander, wie es Katja Lange Müllers Asta tat, als sie nach zweiundzwanzig Helferjahren im Ausland wieder zurück nach Deutschland geschoben wurde.

Man sieht auch die deutsche Liste ist aktuell und der Preisträger hat ja auch, wenn auch vielleicht sehr konstruiert und abgehoben sich mit dem Flüchtlingsthema auseinandergesetzt.

Media muß sich auch mit der Sprache auseinanderetzen, sagt „Pippi Langstrupfhose und schreibt in ihre Bewerbungsschreiben „Timm“, denn so hat sie das Wort „Team“ verstanden.

Von Stifter und  Hebbel kommt Peter Waterhouse zu Charles Dickens und zur englischen Sprache, dem Namen nach hat er wohl auch englische Wurzeln und er kommt auch nach Bozen, weil er dort eine Lesung aus einem von ihm übersetzen Gedichtbandes hat.

Aber das passiert erst später in dem Buch, das immer wieder durch sehr schöne Illustrationsblöcke unterbrochen wird, wo der Inhalt des Vorher beschriebenen visuell wiedergegeben wird.

„Keine, kein, keine, ohne“, steht da mit den dazugehörigen Zeichnungen, das Messer oder Stock, das Blatt, eine Zwiebel ohne Zitrone, so genau ist das nicht zu erkennen und mit der Sprache hat man es auch nicht leicht.

Peter Waterhouse geht inzwischen aber zum Asylgerichtshof nach Wiener Neustadt, hält dort, wenn ich mich nicht irre, im Rahmen des „Mit Sprache unterwegs Projekt“ eine Rede und wundert sich, daß keine Richterinnen im Saal saßen.

Vorher hat er Medias Bescheide auseinandergenommen, die bevor sie mit ihrer Tochter das Land verließ, einen deutschen Satz auswendig lernte, um ihn den Grenzbeamten aufzusagen, die ihre Fluchtroute natürlich nicht nachvollziehen konnten.

Vom Auswandern kommt man leicht zum Überqueren und Überfahren, zum Fuhrmann aus einem Märchen oder einer Hebbel-Geschichte aus dem achtzehnten Jahrhundert, zu Zeiten der französischen Revolution, leider fehlen in dem ansonst so schönen Buch, die Quellenangaben, was da jetzt wo zitiert wurde.

Es wird aber auch von einer Freundin, einer Rechenkünstlerin erzählt, die sich ihr Todesdatum genau ausrechnete und dann wirklich punktgenau ein paar Tage vor oder nach dem 4. 4. 2002 gestorben ist und der Erzählter wachte eine Zeit danach jeweils um vier uhr früh auf und konnte nicht  mehr schlafen.

Vom Greifen zum Ergreifen, Begreifen, Auswandern und Zurückdringen, man sieht, man kann sich mit der aktuellen Situation auf verschiedene Art und Weise auseinandersetzen, man kann, wie ich es mit meiner Flüchtlingstrilogie getan habe, realistisch davon erzählen, man kann aber auch mit einer Zeichnerin eine Sprachanalyse daraus machen, kann vom Schuldiener Johann Urban, von Adalbert Stifter, Charles Dickens und anderen erzählen und dann immer wieder die absurde Sprache der Asylbescheide aufzugreifen und zu untersuchen.

Ein interessantes Buch, das ich durch die Shortlist-Juroren kennenlernen durfte, wofür ich herzlich danke, weil es sonst höchstwahrscheinlich an mir vorbei gegangen wäre.

Als Buchpreisbuch wünsche ich es mir nicht, denn dafür habe ich ja schon eine Kanditain, die heute auch beim „Grillparzer Symposium“ liest, wo bei der gestrigen Auftaktveranstaltung für mich überraschend der sehr kritische Literaturprofessor Arno Dusini auf das Buch hingewiesen hat, obwohl er sich vorher über den „Bachmannpreis“ ärgerte, aber dort haben ja heuer Tomer Gardi mit seinem Broken German und die vielleicht auch sehr experimentelle Stefanie Sargnagel gelesen und den Preis hat eine Autorin gewonnen, die auch nicht Deutsch zur Muttersprache hat.

Ob es ein Buch für die berühmte Schwiegermutter ist, glaube ich nicht, der ist es wohl zu experimentell und vielleicht auch zu schwierig zu lesen und das befürchte ich ganz ehrlich auch bei den Bücherbloggern und bin nicht ganz sicher, ob die, die Geduld aufbringen werden, sich durch die zweihundertfünfzig Seiten zu lesen, wo nicht viel passiert, es keinen Plot gibt, aber die Sprache auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wird.

Man kann aber, wenn einem das zu anstrengend ist, sich immer wieder durch die wirklich schönen Zeichnung lesen. In jedem Sinn also die große Überraschung auf der öst List ich kann das Buch wirklich jeden nur empfehlen und werde jetzt mit dem letzten Buch auf der österreichischen Liste, dem Longlist Buch von Kathrin Röggla weitermachen, die auch eine sehr experimentelle Sprachkünstlerin mit gesellschaftlichen Ansatz ist.

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