Literaturgefluester

2017-10-20

Babylonisches Niemandsland

Bei den österreichischen Debuts stehen zwei Migrantinnen auf der Liste und vor zwei Wochen war ich im Literaturhaus bei einer Veranstaltung der „Edition Exil“ wo es über das Schreiben zwischen den Kulturen beziehungsweise um Gespräche mit zugewanderten Schriftsteller gegangen ist.

Dieses Thema scheint in Zeiten wie diesen, mit den Flüchtlingskrisen und dem Aufchwung der rechten Parteien modern zu sein, beziehungsweise scheint es einige Arbeitskreise zu geben, wo sich Leute mit nicht deutscher Muttersprache treffen, um in Deutsch zu schreiben und im Amerlinghaus scheint es außer der „Editon Exil“ auch  noch ein „Literarisches Kollektiv in der Zweitsprache“ zu geben, das Tomer Gardi, den 1974 in einem Kibbuz geborenen israelischen Schriftsteller, der 2016 mit seinem „Broken German“ in Klagenfurt Aufsehen erregte, eingeladen hat und heute unter dem Titel „Im Niemandsland. Über das Baylonische in der Literatur“ in der Hauptbücherein, die wahrscheinlich auch ein sehr migrantisches Publikum hat, eine Lesung mit einer Diskussion veranstaltete.

Eine junge Frau leitete ein und moderierte, stellte aber die anderen Mitglieder des Kollektivs höchstens mit dem Vornamen vor und die Lesenden waren auch nicht im Programm angekündigt.

Es scheinen aber  professionelle Schriftsteller zu sein, die irgendwann nach Wien gekommen sind und dann in Deutsch zu schreiben angefangen haben. So hat ein Ungar namens Zoltan, der Gesichte gelesen hat, erzählt, daß er schon drei Bücher in Ungarn veröffentlicht hätte und Rubia Salgados Namen habe ich mir aufgeschrieben, weil sie eines ihrer Bücher aufgelegt hatte.

Sie scheint aus Bralilien zu kommen und in Linz zu leben. Dann war noch ein Argentinier am Podum und ein Rumäne, der seine Gedichte im Stehen gelesen hat und auch ein bißchen, was zum Schreibprozess erzählte. Nämlich, daß er in Bukarest Deutsch und in Wien Rumänisch schreiben würde und auch Schwierigkeiten hatte, sich der deutschen Sprache anhzunähern.

Tomer Gardi begann mit der Lesung und las das erste Kapitel aus  „Broken German“ und als er beim Bachmannpreis gelesen hat, haben mich die Kriterien der Teilnahme auch sehr  beschäftigt, denn ich dachte bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ muß man entweder in einem deutschsprachigen Land geboren sein oder dort leben.

Tomer Gardi lebt aber in Israel, inzwischen habe ich aber ergooglet und er hat es auch nach seiner Lesung heute erzählt, daß er als Kind einige Jahre in Wien gelebt hat. Dort allerdings eine amerikanische schule  besuchte. Er hat dann auch in Berlin gelebt und offensichtlich auch in Graz. Dort war er wahrscheinlich Stipendiat oder Stadtschreiber, so daß ihm Klaus Kastberger, der jetzt ja Professor und Literaturhausleiter dort ist, ihn nach Klagenfurt eingeleaden hat und „Broken German“ ist bei „Droschl“ erschienen.

Jetzt verstehe ich die Intention des Buches, die deutsche Sprache aufzusplittern, ein Tomer Deutsch, wie Tomer Gardi nach der Frage nach dem Lektorat, beantwortete, etwas besser und die Sprache verändert sich ja auch sehr.

Früher war das Deutsch sehr durch das Französische gepägt. Jetzt reden wir halb oder sogar schon zu dreiviertel Englisch und die Migranten verändert auch das Deutsch oder es verändert sich ihre Muttersprache. So hat Ilir Ferra ja einmal erzählt, daß er gar nicht mehr alle albanischen Wörter kenne und inzwischen vielleicht ein etwas antiquiertes Albanisch spricht und so ist vielleicht auch der Titel der Veranstaltung, die babylonische Sprachverwirrung und das Niemandsland in dem man sich neu orientieren  und sich vielleicht auch für eine neue Schreibsprache entscheiden muß, zu verstehen.

Es gab dann auch eine Diskussion mit Fragen aus dem Publkum. Eine Dame erwähnte die Wiener Gruppe und fragte nach dem Einfluß von Ernst Jandl, beziehungsweise meinte sie, daß die Leute mit nichtdeutscher Muttersprache ja auch sprachlich experimentiefren würden.

Eine andere Frage war, ob man dann nicht versuchen würde, besser Deutsch als die Einheimischen zu sprechen? Da gab es ja in Frankfurt auch ein Buch einer Polin „Wir Mustermigranten“ zu diesem Thema.

Die Moderatorin verneinte das zwar sehr entschieden und meinte, sie würde gerne Jandl lesen. Ich glaube aber schon, daß ein solcher Sprachdruck da sein kann,  keine Fehler zu machen und habe, obwohl ich ja muttersprachlich schreibe, auch das Problem, ob man Fehler machen darf?

Ja denke ich immer wieder, stoße dann aber an die Grenzen der Akzeptanz und interessiere mich daher auch sehr dafür, wie sich  Sprache im Laufe der Zeit verändert und ich interessiere mich ja auch jenseits des Tellerandes für alle Arten von Literatur und so war das babylonische Niemandsland sehr interessant und „Broken German“ ist auch ein spannendes Buch und ich denke man sollte überhaupt lockerer und toleranter mit der Sprache und dem Schreiben umgehen und habe wieder sehr viel Neues für mich gelernt.

2017-06-05

Broken German

Filed under: Bücher — jancak @ 00:06
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Weiter geht es mit den Geburtstagsbüchern und diesmal ist es eines, das polarisieren könnte, nämlich Tomer Gardis „Broken German“ mit dem er im Vorjahr beim „Bachmannpreis“ gelesen hat und bei „Amazon“ gibt es gleich drei „Ein-Stern-Rezensionen“:Unglaublich schlecht. Definitiv nicht empfehlenswert, zumindest für Leute mit Anspruch auf gute deutsche Literatur, welche nicht in einem Satz gleich mal 10 Rechtschreibfehler hat“, steht da geschrieben und am Buchrücken steht „Eine erfrischende Antwort auf die „German Kulturangst“ vor der Überfremdung – für alle, die Lust auf Grenzüberschreibtung und Regelbrüche haben.“

Ja wir leben in bewegten Zeiten, wo sich viel, aber nicht alles verändert, denn daß die Leute sehr happig sind, wenn einmal die Orthographie nicht ganz stimmt und die alte statt der neuen Rechtschreibordnung verwendet wird, kann ich bei meinen Kommentaren merken, dabei habe ich kein gebrochenes, sondern wahrscheinlich ein Hauptschuldeutsch, mit dem ich mich, aufmüpfing wie ich einmal bin, wehre mich den Regeln und den sogenannten Rechtschreibordnungen anzupassen.

Andererseits kann man ja schon in Hochschulvorträgen Sätze hören, wo das German mit dem  Englisch sehr vermischt ist, wir gehen shoppen, schreiben mails etecetera, brauchen, da viele Kinder in der Schule nicht richtig Lesen lernen, eine leichte Sprache und die Kinder, die in mehreren Sprachen aufwachsen, verwenden wahrscheinlich sehr selbstbewußt ein Sprachgemisch und ich war auch einmal in Bozen und hörte einer Frau beim Reden zu, wie sie sehr selbstverständlich mitten im Satz das Deutsch ins Italienische kippte, weil ja zweisprachig aufgewachsen und beides  die Mutter oder Vatersprache, wie das so schön heißt, ist.

Aber eigentlich geht es auch, um die Flüchtlingsströme, die polarisieren und die „Gutmenschen“ und „Multikultis“ dann vielleicht auch einmal aus Trotz dazu veranlaßen, Leute zum „Bachmannpreis“ einzuladen, die vielleicht wirklich oder auch nur konstruiert, ein  broken German haben.

Bei dem 1974 in Israel geborenen Tomer Gardi, der sowohl in Tel Aviv, als auch in Berlin Literatur studierte, bin ich mir gar nicht so sicher, wie gebrochen er wirklich Deutsch spricht.

Er war jedenfalls Stipendiat in Graz und hat da, glaube ich, das bei „Droschl“ erschienene Buch geschrieben. Klaus Kastberger hat ihn nach Klagenfurt eingeladen und ich habe das Buch gelesen und muß schreiben, ich habe mir beim Lesen auch ein wenig schwer getan, all das zu verstehen, ist man das fehlerfrei korrigierte Hochdeutsh ja gewähnt und erwartet es wahrscheinlich auch und ich kriege ja auch manchmal Kommentare, daß ich zu unverständlich bin.

Ein Roman oder eigentlich ist es eine Kurzgeschichtensammlung, die mit der Sprache, der Geschichte und noch mit vielen anderen spielt, um Kafka und Goethe, Nabokov und die Herren der Akademie geht es auch und die Leichen, die man im jüdischen Museum findet und Koffer, die am Flughafen vertauscht werden und auch die Protagonisten werden das ständig, taucht doch Tomer Gardi himself auf, sitzt in Graz und schreibt sein „Broken German“, dann sind wir in Berlin und im jüdischen Museum.

Es geht, um ein nur scheinbar vergrabenes Messer und den Film der darüber gedreht werden soll. Aber eigentlich wurde das ja gar nicht vergraben, sondern von der Flughafenpolizei abgenommen, weil man damit ja in kein Flugzeug  darf und sowas habe ich 1991 in Japan auch tatsächlich erlebt, daß eine alte Dame, ein solches in ihrem Koffer hatte und auch Brot und Konserven, weil sie sich in den zehn Tagen Japanaufenthalt vorwiegend durch Mitgebrachtes ernähren wollte. Das war noch lange vor nine elefen, also auch da kein großes Tamtam und ich bin ja eine, die sehr tolerant ist und die Frage was gute Literatur ist noch immer nicht beantwortet hat.

Das heißt, ich glaube, es gibt eigentlich keine besondere und alle ist gut, die ehrlich und authentisch ist und eigentlich ist es ja auch nicht wirklich sehr verständlich, warum man keine Rechtschreibfehler haben darf, aber sehr wohl Mäuse in heißes Fett tauchen, wenn man ein Stipendium haben will.

Ich denke, daß alle Leute schreiben sollen, die das wollen, daß man dafür keine Matura und auch keine Hochschulbildung braucht und, daß sich die Sprache natürlich verändert wird, wenn die jungen Autoren Türkisch als Muttersprache haben,  Serbisch oder Albanisch, etcetera.

In dem Buch geht es sicher auch um Politik und ich wäre sehr gespannt, was mein Kritiker Uli dazu sagen würde, oder lieber nicht, denn, daß dem das auch nicht sehr gefallen könnte, daß da einer herkommt und mit der Sprache mehr oder weniger mutwillig spielt, aus dem „Goethe Institut“ eines für Kafka machen will und ständig den Herren der Akademie von seinem Besuchen im jüdischen Museum und den Leichen, die er dort gefunden hat erzählt, kann ich mir vorstellen

Wahrscheinlich eine Einbahnstraße der Literatur und ein Experiment, daß da Klaus Kastberger und „Droschl“, der ja als er noch dem Vater gehörte,  ein sehr sehr experimenteller Verlag gewesen ist und heute einer dessen Bücher man regelmäßig auf den dBp-Listen kann, wagten.

Der gebildete Durchschnittsleser wird sich wahrscheinlich schwer mit solchen Büchern tut, und „Kann der kein Deutsch?“, schreien, aber das tut Tomer Gardi ja auch und schreibt mehrmals „Wie heißt das jetzt auf Deutsch?“ oder „Was für Sprache redet ihr da? Was wir reden ist Deiutsch, sagt er. Was ihr da redet ist kein Deutsch. Die drei wollen uuns, sagt er zu seine Freude, die drei wollen uns anscheint verarschen“.

Das vielleicht auch und mich würde wirklich interessieren, wie echt oder konstruiert dieser Text, den ich für sehr wichtig, gerade in Zeiten wie diesen halte und ihn auch interessant zu lesen fand, ist und die Sprache wird sich und hat sich natürlich verändert.

Vor hundert Jahren haben die böhmischen Köchinnen in den Wiener und wahrscheinlich auch Berliner Herrschaftshaushalten „Kucheldeutsch“ gesprochen, in den Kabaretts wurde geböhmakelt und gejiddelt und sich lustig darüber gemacht.

Das mag ich wahrscheinlich genauso wenig, wie die Tschechen, wenn es um das böhmakeln des Joseph Schwejk geht, der das in Prag sicherlich nicht gemacht hat, weil seine Muttersprache ja Tschechisch nicht Dutsch war und heute reden wirm je gebildeter wir sind, alle selbstverständlich „denglisch“, wollen aber bestes Hochdeutsch oder vielleicht auch etwas Experimentelles lesen und wenn etwas einfach und linear geschrieben ist, dann ist es keine gute Literatur. Fehler darf es natürlich auch keine haben, aber dafür gibt in den Publikumsverlagen, ja die Lektoren, sofern diese in Zeiten, wie diese noch existieren, die sie ausmerzen sollen.

Ein spannendes Stück Literatur also mit der wir über uns, über die politische und gesellschaftliche Situaton nachzudenken und vielleicht auch mehr Toleranz einzufordern können.

Aber beim „Bachmannpreis“ und noch viel mehr beim „Bloggerbusterpreis“ wird natürlich nach wie vor ausgewählt und Tomer Gardi konnte, da Graz-Stipendiat in Klagenfurt lesen und bei „Droschl“ erscheinen, wenn der sein Manuskript aber einfach so und ohne Erklärung zu den Bloggern geschickt hätte, währe er höchstwahrscheinlich nicht in die Longlist gekommen, denke ich, bin gespannt, was weiter in der Sprache und in der Literatur passiert und freue mich in diesem Sinn schon auf den nächsten „Bachmannpreis“, der ja demnächst stattfinden wird.

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