Literaturgefluester

2018-11-06

Laß dich heimgeigen Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe

Filed under: Bücher,Buchpreisbloggen — jancak @ 00:01
Tags: , , ,

Jetzt  am Vorabend der Buch-Wien geht es ans öst Buchpreisauflesen, denn da hatte ich ja schon fünf Bücher gelesen, als die Liste bekannt gegeben wurde, dann habe ich den Millesi und den Jäger, die ich als PDF bekommen habe, gelesen und beim Rest, was zuerst nur der Josef Winkler und der David Fuchs war, gedacht, das mache ich sopäter, ich habe ja mit dem dBp und den anderen Neuererscheinungen genug zu tun.

Also jetzt der große Favorit und „Büchnerpreisträger“, der 1953 in Kärntnen in dem Dörfchen Kamering geborene Josef Winkler, das inzwischen wohl wahrscheinlich  Berühmtheit erlangte und zumindestens allen Deutschlehrerinnen bekannt sein wird, denn Josef Winkler ist ja auch einer, der ähnlich wie Florjan Lipus und wahrscheinlich noch einige andere, sein Leben aufschreibt und sich dabei wiederholt in endlos Schleifen das Aufwachsen in einem katholischen Bauerndorf der Nachkriegszeit und die Gewalt, die er dort erlebte, beschreibt und er tut es in einer sprachlich schönen Form, so daß die Germanisten Symposien darüber abhalten und die Leser für die der Buchpreis ja eigentlich oder ursprünglich da ist, vielleicht sagen werden „Was interessiert uns das? Das ist uns zu schwer und hochgestochen, wir wollen lieber was Unterhaltsames, nach unserem schweren Arbeitstag!“ und werden vielleicht zum Krimi greifen, der nicht auf den Buchpreislisten steht.

Ich kenne Josef Winkler zumindest vom Namenseit seinen Anfängen, hat er doch, als ich mich noch sehr dafür interessierte und glaubte, daß ich das auch einmal könne, beim Bachmannpreis gelesen und mit „Menschenkind“ gewonnen, das inzwischen ein Teil der Trilogie „Das wilde Kärntnen“ ist.

Das Buch habe ich, glaube ich, vor Jahrzehnten gelesen und wahrscheinlich nicht sehr verstanden, dann war ich  1996 auf eigene Kosten und als Publikum im Klagenfurt, wo er mit einem Kind am Arm herumgelaufen ist und, ich glaube, aus „Domra“, den Bericht seiner Indienreise gelesen, aber nicht gewonnen hat. Das Buch habe ich dann auch vom Karli zum Geburtstag bekommen und die Dramatisierung seiner „Römischen Novelle“ habe im im MQ, ich glaube, im Rahmen der Festwochen gesehen.

Da ist mir also der sich um sein Kindheit kreisende Josef Winkler ein wenig verloren gegangen, könnte man so sagen, stimmt nicht ganz, denn ich war beim Symposium in der „Alten Schmiede“ und da hat er, glaube ich, aus seinem „Abschied von Vater und Mutter“ gelesen und jetzt das öst Buchpreis Buch, das im Frühjahr bei „Suhrkamp“ erschienen ist und da an mir ohne die Nominierung vorbeigegangen wäre, obwohl es, glaube ich, im Vorjahr im „Casino am Schwarzenbergplatz“ aufgeführt wurde, bin ich wieder in die Winklerische Welt des Grauens und des Lamatierens eingetaucht und ich muß sagen, er versteht es ausgezeichnet, das in eine kunstvolle Form zu fassen, obwohl die Inhalte, wie man auch bei „Amazon“ lesen kann, schon sehr bekannt sind.

Neu für mich war, daß der kleine Josef oder Sepp schon als einjähriger mit einem Bleistift, um auf seine spätere Profession hinzuweisen, herumgelaufen ist, aber, daß die schweigsame oder im Schmerz verstummte, später Psychopharmaka nehmende Mutter ihre drei Brüder im Krieg verloren hat, habe ich schon gelesen oder gehört, auch daß er beim Tod des Vater in Tokio war, daher nicht zu seinem Begräbnis kommen konnte oder auch nicht wollte, weil der Vater ihm das verboten hat, weil sich das Dorf naturgemäß wahrscheinlich nicht darüber freute vomJosef oder Sepp in den „Dreck“ gezogen zu werden.

Das Buch, die sich immer wieder wiederholenden Inhalte der Gewalt, die das Kind wohl in der muffigen Bauernstube erlebte, das Blauschlagen des Hinters beispielsweise „Er hat blaue Würste am Arsch!“, ist, muß ich sagen, in eine wirklich künstlerische Form gebracht und darin eingerahmt.

Eingerahmt durch die Gedichte de jiddisch schreibenden Rajzel Zychlinski, die in Polen geboren wurde und 2001 in den USA gestorben wird und dann gibt es noch das Gedicht „Der Herr, der schickt den Jockel aus:/ Er soll den Hafer schneiden“, das, glaube ich, von Fontane ist, das vor jedes Kapitel gestellt wird und daher von Kapitel zu Kapitel immer länger wird, bis es schließlich in „Da geht der Herr nun selbst hinaus/ Und macht gar bald ein End daraus/ Der Teufel holt den Henker nun, / Der Henker hängt den Schlächter nun, /Der Schlächter schlacht’den Ochsen nun, / Der Ochse säuft das Wasser nun,/ Das Wasser löscht das Feuer nun,/ Das Feuer brennt den Prügel nun,/ Der Prügel schlägt den Pudel nun,/Der Pudel beißt den Jockel nun,/ Der Jockel schneidt den Hafer nun,/ Und kommt auch gleich nach Haus.“

Jockel ist, glaube ich, die Abkürzung von Jakob und so heißt Josef Winklers Vater und das Buch ist eine Ltanei, ein Zwiegespräch mit ihm in dem all das, was wir, wenn wir ein bißchen Winkler gelesen haben, schon wissen, aber noch etwas anderes, das der Aufhänger für das Buch ist, enthält.

Den Josef Winkler, steht am Klappentext, hat erst vor wenigen Jahren erfahren, daß in den „Sautratten“, wo die Gerste wuchs, die in der väterlichen Mühle gemahlen und auch das ganze Drautal mit Mehl belieferte, die Leiche des sich 1945 selbst vergiftet habenden, weil die Engländer ihn gefangene nahmen, Odilo  Globocnik, der als Leiter der Aktion Reinhart für die Vernichtung von  Juden in Treblinka Belzek und Sobibor verantwortlich war.

„Zwei Millionen ham`ma erledigt!“, wird immer wieder litaneiartig wiederholt und nun klagt der Sohn, den Vater an, wieso er ihm, der doch sonst soviel vom Krieg erzählte, das nicht gesagt hat und so er und der Rest des Drautals jahrelang, wie er schreibt verseuchtes Brot essen mußten.

Der Lebenslauf des jungen Josef, der mir aus Lesungen schon bekannt war und der auch ziemlich genauso  beschrieben in „Wikipedia“ steht, wird erzählt. Die kleinen bunten Soldatenfiguren, die dieKinder aus den „Linde-Kaffeebohnenschachteln“ sammelten, die die Verwandten bei den Besuchen mitbrachten. Die katholischen Rituale und Aufbahrungen, das Lesen der Winnetou-Bücher, die ihm aus der Sprachlichkeit und der Dumpfheit des Dorfes herausbrachten. Er hat dazu auch Geld aus der Böse seiner Mutter, die er und das finde ich ein bißchen seltsam, obwohl ich den dramaturgischen Effekt nachvollziehen kann, in dem Buch „Mame“ und den  Vater „Tate“ nennt und denke, daß er  als Kind seine Eltern sicherlich nicht so genannt hat, gestohlen.

Hat später auch Camus und Hemingway gelesen, ist nach Klagenfurt auf dieHandelschule gegangen und hat später an der damaligen Hochschule für Bildungswissenschaft, als Schreibkraft gearbeitet. Dann sind seine erste drei Bücher erschienen, die das Dörfchen  wohl erregten und er verstummte. Später kehrte er wieder in sein Elternhaus zurück, um und das mag auf dem ersten Blick seltsam erscheinen, wieder schreiben zu können. Aber ich finde gerade diese Ambivalenz das Wandern zwischen Gut und Böse, das Josef Winkler auch bei sich selbst beschreibt, diese Haßliebe, das nicht loskommen und sich immer wieder fortan wiederholen, als das Bemerkenswerte an dem Buch und an Josef Winkler literarischen Schaffen.

Ein Buch, das wahrscheinlich, wie schon beschrieben an mir vorbeigegangen wäre, ich aber sehr froh bin, daß ich es gelesen habe, denn ich habe dadurch sehr viel von Josef Winkler und seinem Schreiben  gelernt und füge ich noch hinzu, daß als ich 2000, zu Zeiten von schwarz blau eins, was allerdings ein Zufall ist, in Klagenfurt war, wurde dort gerade das Stück des  20011 verstorbenen Werner Kofler „Tanzcafe Treblinka“ aufgeführt, denn Odilo Globocniks Adjutant Ernst Lerch hat sich nicht umgebracht, sondern bis in die Siebzigerjahre in Klagenfurt ein Tanzcafe geführt, in dem Josef Winkler, als es allerdings kein solches mehr war,  öfter war, bevor er von der Abendhandelsakademie nach Hause gefahren ist.

Advertisements

2018-10-22

Gott der Barbaren

Jetzt kommt Buch elf des dBps und das fünfte der deutschen Shortlist. Ja, ich weiß, ich bin spät daran, da  schon die Siegerin feststeht, aber Stephan Thomes „Gott der Barbaren“ hat auch über siebenhundert Seiten und ein Thema, mit dem ich eigentlich nicht so viel anfange, denn ich habe ja einmal geschrieben, daß mein Interesse beim historischen Roman beim ersten Weltkrieg endet und über die Kriege in China im neunzehnten Jahrhundert, habe ich ebenfalls noch nicht so viel gehört und kenne mich auch in der Geschichte  und der Literatur Chinas nicht so aus, obwohl ich da ja einmal einen kleinen  chinesischen Literaturschwerpunkt hatte.

Beim  1972 in Hessen geborene Stephan Thome, der glaube, ich schon lang in Taipeh lebt und fließend Chinesisch spricht, ist das natürlich anders und er war auch schon mit zwei anderen Romanen, nämlich  „Grenzgang“ und „Fliehkräfte“ auf der deutschen Shortlist und ich habe sowohl „Grenzgang“, als auch „Gegenspiel“, die andere Themen behandeln, auf meinen Regalen, die Bücher aber noch nicht gelesen.

„Gott der Barbaren“ also, das Buch, das uns nach China und ins neunzehnte Jahrhundert, in den Taiping- Aufstand und den zweiten Opiumkrieg zurückführt und das beispielsweise von Sophie von „Verstand“, als das Buch des Jahres bezeichnet wurde.

Meines ist es nicht, war aber am Tag der „Buchpreisverleihung“, als ich gerade die Haratischwili las und  zu meiner Favoritin wurde, nicht ganz sicher, ob es nicht doch Stephan Thome werden würde?

Er wurde es bekanntlich nicht, was vielleicht daran liegt, daß nicht viele der schwindenden Leserschaft, die Geduld auf bringen, sich durch die siebenhundert Seiten zu lesen, obwohl ich bei „Amazon“, eine Rezension gefunden habe, wo jemand schreibt, daß er zwei Tage und zwei Nächte dazu brauchte.

Ich habe eine Woche mit jeweils am Morgen ein paar Stunden in der Badewann dazu gebraucht und tue mir noch immer schwer, den Inhalt zusammenzufassen und herauszufinden, um was es dabei eigentlich geht?

Obwohl, natürlich, es geht um den zweiten Opiumkrieg und eine christliche Aufstandsbewegung und das wird in drei Strängen, in Briefen, Zeitungsberichten, mit chinesischen Schriftzeichen, etcetera von den wichtigsten Personen erzählt.

Frauen, kann man gleich anmerken, kommen wenig in dem buch vor, obwohl sich ein großer Teil über das Entsetzen, das ihre verkrüppelten Füßen bei den Europäern auslöst, beschäftigt und es auch eine Frauenstimme gibt, die mehrere Kapitel hat, aber die kommt interessanterweise in dem Glossar, der handelden Hauptpersonen nicht vor, was ich sehr schade finde.

Die Konkubine des verstorbenen Kaisers und Mutter des chinesischen Thronfolgers, die gemeinsam mit Prinz Gong nach dem Tod des Kaisers, die Macht übernahm, kommt dagegen im Glossar vor und das ist wohl bei aller Grausamkeit vielleicht auch interessant und wenn wenn ich es richtig verstanden habe, sind das historische Personen, von Stephan Thome, dem Chinaexperten, hervorragend recherchiert.

Die wahrscheinlich, wie ich sagen würde, Hauptperson, nämlich der deutsche Missionar Philipp Johann Neukamp, der nach einer Masernerkrankung, vorrübergehend erblindete, dann in Leipzig, den Revolutionär und Freiheitskämpfer Robert Blum, kennenlernte und danach noch, als junger Mann, obwohl er nicht sehr gläubig war, als Missionar nachChina ging, dort mehrere chinesische Dialekte, lernte und sich auch Fei Lipu nannte und schließich in Amerika, als Geschäftsmann sein Leben beendete, ist, glaube ich, erfunden.

Verwirrt? Ich versuche zusammenzufassen:

Es gibt drei oder vier Handlungstränge, die die Jahre von 1850 bis 1865 in China erzählen, nämlich den schon erwähnten Missionar, der später seine Mission verläßt, sich eigenmächtig nach Nanking, wo der Aufstand stattfindet, durchschlägt, dabei auch seinen Arm verliert.

Dann gibt es den General Zeng Guofan, der Hunan Armee, der eigentlich ein Philosoph und Büchernarr wäre, von der „Gnade des Herzens“ spricht, aber aus Disziplin dann doch die Ungehorsamen und Bösen niedermetzeln läßt, dann, den des Chinesen, der sich in einem Fiebertraum für den Sohn Gottes hielt und den Taiping-Aufstand anzettelte und den Lord Elgin, den englischen Sonderbotschafter, der für die Königin, den Opiumkrieg führen soll, gibt es auch und noch eine Reihe von Neben- oder Hauptfiguren.

Das ganze sehr verwirrend und Stephan Thome muß sich wohl sehr lange und sehr ausführlich damit beschäftigt haben. Im Klappentext wurde der Zeitbezug erwähnt, da denke ich, daß, das wahrscheinlich, ein Lockmittel ist, den Leser zu den siebenhundert Seiten zu bringen, wenn man ihm sagt „Lies, dann wirst du unsere Zeit und beispielsweise die IS besser verstehen!“

Ich habe nicht sehr viel Zeitbezug gefunden, obwohl das Buch mit einer Zeitungsnotiz aus dem Dezember 2012 endet und ich tue mir, wie schon erwähnt, schwer die Handlung wiederzugeben.

Chinesische Kriege und ihre Grausamkeiten im neunzehnten Jahrhundert werden hier erzählt, von denen ich wahrscheinlich nicht sehr viel verstanden habe und mich jetzt, außer daß ich weiß, daß es sie gegeben hat, in der Geschichte wahrscheinlich noch immer nicht sehr viel besser auskenne.

Was ich aber an dem Buch besonders finde, sind die vielen kleinen Anektdoten, die es erzählt und die hängenbleiben.

Da sind die Grausamkeiten, zum Beispiel, die Rede, die der General an seine Soldaten hält, als er welche hinrichten läßt, weil sie, glaube ich, ein Huhn oder Reis gestohlen haben oder die Aufregung, in die  Lord Elgin versetzt wird, als er seinen Sekreätr Maddox beauftragt, ihm ein „Zimmermädchen“, zu beschaffen und ihm dann dieser wirklich eine zitternde verkrüppelte Gestalt bringt, die von ihm dann Madam genannt wird, obwohl sie ihn, da sie nicht Englisch spricht, natürlich nicht versteht.

Da ist auch die Übersetzung, die der Missionar Philiph seiner Braut Elisabeth, die in Hongkong, als Leiterin eines Waisenhauses tätig ist, in Pidgin-Chinesisch oder Englisch, das dort gesprochen wird, überbringt:

„Top-side allo tree no catschee bobbely. Kennst du das?“

„Über allen Gipfeln ist Ruh“, übersetzte ich.

Da fing jene Elisabeth schallend zu lachen an. Sie wird aber auch von Kopfschmerzen geplagt und wird dann von einem Vetter, des himmlischen König und Anführer der Taiping-Rebellion, Hong Jing, einem ebenfalls sehr gelehrten Chinesen und Freund von Philipp mit Akkupunkturstäbchen behandelt und siehe da die Kopfschmerzen sind weg.

Später stirbt sie aber doch und Philipp will nach Nanking reisen, verliert dort seinen Arm, wird zum König ernannt und flieht schließlich nach Amerika.

Man lernt viel in diesem Buch und versteht vieles nicht. Zumindest ist das mir so gegangen, daß mir lange nicht klar war, wer jetzt eigentlich die Barbaren sind?

Die Chinesen, die englischen Besatzer, die von den Chinesen auch „rothaarige Teufel“ genannt werden und, die die Weisheit der Chinesen, die jahrelang Schriftzeichen lernen müßen, um Beamte zu werden, wohl gar nicht erkennen und sie wohl selbst für ungebildet und barbarisch halten.

Ja, die Chinesen sind mir sehr fremd, ich habe ein paar Bücher gelesen, dabei auch eine Überraschung erlebt und darüber ein Kapitel in einem meiner Bücher geschrieben, obwohl ich nicht Chinesisch spreche und auch keine Zeit habe, das zu lernen und Stephan Thome, der das sehr wohl getan hat und sehr gut chineschisch spricht, hat ein Buch über das China des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben, das ich sehr empfehlen kann und auch hoffe, daß sich viele, obwohl man ja kaum mehr Zeit zum Lesen hat und dem Buchhandel auch die Leser und die Käufer verloren gehen, über die siebenhundert Seiten machen.

 

2018-05-31

Im Frühling sterben

Filed under: Bücher — jancak @ 00:53
Tags: , , ,

Jetzt kommt wieder ein Buch von meiner „Backlist“ und eines, das nicht auf der Longlist des dBp 2015 gestanden ist, hat sich das doch Ralph Rothmann verbeten, was im Sommer 2015 für einiges Aufsehen erregte, jetzt aber fast vergessen ist, obwohl im „Frühling sterben“ ein Roman über die letzten Tage des Krieges und das Schicksal zweier siebzehnjähriger Jungen, von denen einer nicht an die Front wollte, ein sehr eindrucksvolles Buch ist, das auf meiner Leseliste landete, weil ich es mir als 2015 auf der „Buch-Wien“ wieder beim ö1 Quizz angetreten bin, aussuchen durfte und da ich ja so viele Bücher auf meiner Liste habe und in letzter Zeit sehr viel Rezensionsexemplare bekomme habe, jetzt erst zum Lesen komme.

Den 1953 geborene Ralph Rothmann, habe ich einmal bei einer „Literatur im März-Veranstaltungen“ kennengelernt und einige Bücher von ihm gelesen, weil er offenbar schon sehr viel geschrieben hat und die kleinen aber feinen „Suhrkamp-TB-Bändchen dann meist um einen Euro zu mir gekommen.

„Im Frühling sterben“ habe ich im Hardcover gelesen und es behandelt, wie auch im Klappentext steht, die Geschichte zweier siebzehnjähriger Melkerlehringe, die im Frühjahr 1945, als keiner mehr an den Endsieg glaubte, sehr zuversichtlich waren, nicht an die Frot zu müssen, denn Melken ist ja eine kriegswichtige Tätigkeit.

Dann wollt Walter, der Vater des Ich-Erzählers, wie man dem Prolog und dem Epilog entnehmen kann, mit seiner Liesl auf ein Tanhzfest und dort blieb, den jungen Burschen nichts anderes übrig, als sich freiwillig zur Waffen-SS zu melden, denn Befehl ist Befehl.

So wurden sie schnell ausgebildet und konnten es immer noch nicht glauben, daß sie sie ausrücken mußten, kamen dann aber nach Ungarn, wo Walter das Glück hatte, nur als Fahrer, sie haben bei ihrer Ausbildung auch den Führerschein gemacht, eingesetzt zu werden, während Fiete oder Friedrich, der das Gymnasium abgebrochen hat, an die Front mußte und weil er das nicht wollte oder auch, weil seine Freundin Ortrud schwanger war, desertierte und die Kameraden hatten dann den Auftrag oder die Ehre ihn zu erschießen, denn Befehl ist Befehl und wer sich weigerte, konnte sich gleich selbst dazustellen, etwas was Liesl ihren walter, als sie ihn ein paar Monate später wieder sah, denn der Krieg war ja bald vorbei und der Iwan oder die Amis schon am Anrücken, so gar nicht glauben wollte.

Aber was sollte man machen, man konnte nicht verweigern, wie Walter ihr Auskunft gab und später, wie im Prolog zu lesen stand, am Alkohol zugrunde ging und auch schlecht hörte und seine Kriegserlebnisse offenbar nie verarbeitet hat.

„In eindrucksvollen Bildern wird das“, wie im Klappentext steht, von Ralph Rothmann beschrieben und jetzt kann man, wenn man will, das Buch mit der Longlist von 2015 vergleichen und raten oder spekulieren, ob es auf diese gekommen wäre und den Preis vielleicht gewonnen hätte.

Ein eindrucksvoller Roman über den Krieg, die Wehrmachtssoldaten und die jungen Burschen, die ohne es zu wollen, an die Front geschickt wurden, ist es allemal und auf der Kritlit, auf der ich ich  vor einer Woche war, hat Robert Streibel auch das wiederaufgelegte Buch eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten vorgestellt, dessen Freund zwar nicht desertierte, sondern Widerstand leistete und ebenfalls erschossen wurde.

2017-10-23

Die Außerirdischen

Buch sieben der österreichischen Buchpreisliste und eines, das es zum meinem Bedauern nicht auf die Shortlist brachte, denn ich habe mich, seit ich auf den „O-Töne“ davon hörte, in „Exlibris“ gab es auch einen Beitrag, darauf gefreut und mich gefragt, ob das jetzt ein Fantasy Roman ist und es diese Außerirdischen gibt oder nicht?

Der Alfred, der auch bei den  „O-Tönen“ war und „Exlibris“ hörte, vermutete es hätte mit der FPÖ und vielleicht auch mit dem Wahlkampf zu tun.

Das letztere sicher nicht, denn das ist für einen Roman sicherlich zu aktuell, um die Chance zu haben, in den Kanon aufzusteigen und der 1961 in Tel Avic geborene und schon lange in Wien lebende Doron Rabonovici, ist ein Profi.

Ich denke aber immer noch an das Symposium für Sprachkunst, wo die Frage diskutiert wurde, ob man in Leipzig oder auch in Wien das Schreiben von Fantasyromanen unterrichten solle, denn das ist es ja, was die Leser wollen und wenn ich mich so in der jungen Book Tuber-Szene umhöre, dann ist es ja genau das, was sie lesen und es auch unzäliche von Dystopien, Weltuntergangszenarien, ecetera gibt.

Es ist aber, nehme ich gleich vorweg und denke da an das diabolisch überlegene Lächeln, das Doron Rabiovici während der Lesung im Museumsquartier aufsetzte. Ein sehr politischer Roman, ein gesellschaftpoltisches Portrait, das da meisterhaft mit allen Regeln der Sprachkunst und des spannenden Romanschreiben, gezeichnet wird und es hat natürlich mit dem Holocaust zu tun, was ja auch Rabinovicis Biografie und sein Engegament gegen Waldheim mit der Gründung des republikanischen Clubs etcetera, vermuten läßt. Es wirft aber auch ganz alltägliche Fragen auf. Schließen essen wir ja alle wahrscheinlich Fleisch und es gibt die Tierfabriken und die Schlachthöfe und auch die Proteste dagegen. Den Holocaust hat es gegeben und die Kriege, die Außerirdiischen warhscheinlich nicht.

Aber die kommen in Rabinovics Roman auf die Erde,  nach Wien, wo der Protagonist Sol wahrscheinlich lebt, genau steht das, glaube ich nie geschrieben. Es wird nur das Morgenjournal erwähnt, das Sol, der Gastrokriiker eines Onlinejournals mit seiner Frau Astrid, einer Museumskuratorim, also bestes Bobo-Milieu, gebildete Mittelschicht, hört und da wird berichtet, die Außerirdischen sind, nicht nur in Wien, sondern überall auf der Welt gelandet, Panik bricht aus, obwohl Astrid das zuerst für einen Scherz oder die nochmalige Übertragung eines Hörspiels hält. Es geht aber der Strom aus. Der Nachbar und sein Kind bleiben im Lift stecken. Sol will hilfe holen und sieht, wie die Supermärkte geplündert werden und Jugendliche mit Stangen auf der Straße stehen. Das hat Rabinovici, glaube ich, nicht erfunden, sondern kann man wahrscheinlich im Fernsehen vom Realgeschehen in Südamerika oder sonstwo, recherchieren.

Die Lage beruhigt sich aber wieder, nach einigen Wochen oder Tagen, das blieb mir unklar, denn zuerst heißt es, die Banken werden geschlossen. Es gibt kein Geld und keine Versorgung, dann geht aber alles sehr bald wieder in geordneten Bahnen über und die Außerirdischen, die niemand gesehen hat, heißt es, wollen den Frieden bringen. So gibt es Friedendemostrationen und Aufmärsche und das Gastromagizin in dem Sol arbeitet und das ist, glaube ich, auch ein besonderer Clou des Autors, verwandelt sich in eine  Politshow die „Brandheiß“ heißt, den Namen hat Sol erfunden und es kommen auch Gerüchte auf, daß die Außerirdischen eine Wettkampfshow wollen, wo man sich freiwillig melden kann. Der Sieger bekommt viel Geld und außerirdische Exomobilien. Der Verlierer aber wird geschlachtet, weil die Außerirdischen gerne Menschen essen, also wieder ein Kannibalismus-Roman, das hatten wir ja schon auf der deutschen Liste und bei dem „O Tönen.“

Aber nein, bei Rabinovici geht es ja um Fiction und zuerst heißt es auch, daß sich kein Mensch da freiwillig melden wird. Dann kommen die aber natürlich, werden Märtyrer genannt, denn die Außerirdischen heißt es, können Krankheiten heilen und die Welt retten. Beweis gibt es dafür zwar keinen, aber das müße man halt, als das kleinere Übel hinnehmen.

Die Talkshow wird berühmt und ein anderer Nachbar  Sols, Elliot, ein Student der Luftfahrtstechnik meldet sich als Freiwilliger. Jetzt kommt es aber zu Protesten und Terroranschlägen gegen die Show und da tauchen dann auch die Sicherheitsleute in dem Haus auf, wo die Talkshow abgehalten wird.

Elliot und andere Champs, wie die Freiwilligen genannt werden, sollen dort auftreten und das Projekt verteidigen. Elliot tut es, bittet Sol dann aber, ihm zur flucht zu verhelfen, denn die Zustände in dem Vorbereitungscamp wären furchtbar und von Freiwilligkeit schon längst nicht mehr die Rede.

Sol tut es und Astrid verschwindet. Sie hat, wie wir erfahren, sich für Elliot geopfert, denn die Behörden haben gewußt, daß er nicht bei dem vorgetäuschten Brandt, ums Leben gekommen ist, sondern Sol ihm zur Flucht verholfen hat. Sol sucht Astrid und kommt jetzt selbst in das Lager und wird auf die Insel geschickt, die sich nicht so paradiesisch erweist, wie den Freiwilligen eingeredet wurde.Kein Luxus, sondern blanker Terror. Ein Konzentrationslager und, um die Schlachtung geht es eigentlich nicht mehr oder doch, um sie schon, es wird aber kein Fleisch verpackt und verarbeitet.

Sol trifft Elliot und Astrid wieder. Elliot wird vom Mitläufer zum Widerstandskämpfer und am Ende sind wir dort, wo wir nach 1945 und wahrscheinlich bis zur Waldheim-Affaire waren.

Sol und Astrid kommen zurück, gelten als Traumatisierte, werden interviewt, sollen aussagen, werden aber auch gefragt, wieso sie zurückkommen konnten und ob sie nicht vielleicht selbst an ihrem Unglück schuld waren?

Die Außeridischen, die ja immer noch niemand gesehen hat, sind abgezogen. Denn sie haben, hört man von den Zuständen auf der Insel nichts gewußt und wollen jetzt kein Menschenfleisch mehr. Elliot soll angeklagt werden, Astrid und Sol werden aber für ihn aussagen und das Leben geht weiter. Wieder hat niemand von etwas gewußt und wir wissen jetzt vielleicht noch immer nicht, ob wir einen Fantasyroman gelesen haben und ich könnte vermuten, daß manche jugendliche oder auch ältere Leser enttäuscht sein werden, wenn sie vielleicht unbedarft nach dem Buch griffen und etwas anderes, als erwartet zu lesen bekommen.

Und ich bin enttäuscht, daß Doron Rabinovice, der ausgefuchste, diabolische nicht auf die Longlist kam. Denn wer soll jetzt den Preis gewinnen?

Robert Menasse, der, wenn auch anders, einen ebenso politischen Roman geschrieben hat, meiner etwas naiven Mainstreamleserseele liegt aber Rabinovicis Art mehr, kommt nachdem schon deutscher Buchpreisträger, vielleicht doch nicht mehr in Frage, denn das wäre ja fad und wohl auch ungerecht, das Geld nur an einen, statt an zwei zu verteilen, Paulus Hochgatterer Geschichte ist mir zu wenig zu wenig neu, Olga Flors Roman zu kompliziert und mit der experimentellen Literatur haben es sowohl ich, als auch die meisten Bücherkäufer nicht so sehr. Da blieben nur noch Eva Menasses raffinierte Kurzgeschichten über, die ich eigentlich auch nicht so mag.

Aber ich weiß schon, der Lesergeschmack ist auch nicht der gesellschaftspolitische Fantasyroman, der keiner ist und so wird wahrscheinlich, vermute ich jetzt mal, Eva Menasse oder Paulus Hochgatterer den öStBp gewinnen und ich habe einen sehr  spannenden Roman gelesen, der uns zeigt, wie die Welt leider ist.

Die Menschen schlecht, Fleischfresser, politisch  unlorrekt, Hassposter und Dirty-Campainer, ecetera und was man dagegen machen kann, hat Doron Rabinovici uns auch nicht geseagt. Aber das weiß er wahrscheinlich ebensowenig, wie ich und es wäre auch  zu vermessen, das von einem Autor zu verlangen. Also ich habe einen sehr spannenden politischen Roman gelesen, der mit sehr gefallen hat und jetzt bin ich gespannt, wer den österreichischen Buchpreis gewinnen wird?

2017-10-22

Val di Non

Die österreichische Literatur hat den Ruf sehr experimentell zu sein und wenn man, wie ich regelmäßig in die „Alte Schmiede“ geht und vielleicht auch“Manuskripte“ und „Kolik“ liest, kommt auch, als realistisch schreibende Autorin, nicht um sie herum.

Ich lästere manchmal darüber, laße mich aber, glaube ich,  gern verführen und hinein- oder hinüberziehen und das Interessante am österreichischen Buchpreis ist, glaube ich, im Gegensatz zum deutschen, der sich ja auf den Roman beschränkt (und da sehr oft und sehr viel von den sprachgewaltigen Männern in der Midlifekrise auf ihren Listen hat), daß er sich auch mit der experimentellen Literatur beschäftigt  und bisher immer ein oder zwei  dieser „Minderheitenbücher“ nominierte  und so machte ich im vorigen Jahr in Peter Waterhouse „Auswandernden“ einem wirklich schönen und auch graphisch gestalteten Buch, eine  Entdeckung , die sonst wahrscheinlich an mir vorbeigegangen wäre.

Bei Oswald Egger, dem zweiten Experimentellen auf der heurigen Liste, ist das nicht ganz so, denn der 1963 geborenen Südtiroler, war mir nicht  unbekannt.

Bin ich doch 2003 auf ihn gestoßen, als er in Neuberg an der Mürz beim „Ernst Jandl-Preis“ las und in der „Alten Schmiede“ habe ich ihn gehört, als er dort,  „Die ganze Zeit“ vorstellte und im Vorjahr im Literaturhaus, als er den damailigen Preisträger der Literaturhäuser Ulf Stolterfoht bei seiner Tour durch diese, vorstellte.

Jetzt ist er auf der Longlist des öst Bp und „Val di non“, eine Mischung zwischen Prosa und gedichtartigen Texten mit vielen Zeichnungen ist ein wahrlich schönes Bilderbuch.

Ich habe es als PDF gelesen, was den Lesegenuß wahrscheinlich  erschwerte, ist es doch ohnehin nicht leicht, sich in die Bild- und Sprachwelt Oswald Eggers einzulassen und das Ganze dann noch auf einer Seite in eigene Worte zu fassen.

„In Oswald Eggers Val di Non wird man fabelhaft wandern oder einfach nur spazieren gehen“, schreibt „Suhrkamp“ in seinem Klappentext und Paul Jandl, der in der Zürcher Zeitung“ eine Rezension geschrieben hat und ein Egger Spezialist zu sein scheint, meint: „Val di non ist ein raffiniertes Verneinungsbuch, ein topographischen Experminent mit dem Sehen. Beim Durchwandern einer Landschaft zieht es uns in die Gesteinsmassive der Wörter und in eine  literarischeBotanik, die wirklicher sein kann und detailgetreuer, als die Wirklichkeit selbst.

Es ist das Sütdtiroler Nontal bei Lana, das im Buch durchstreift wird und das in einem Akt des Durchstreifens und der schreibenden Neuschöpfung zu irrealer Größe wächst.“

Das ist sehr wortgewaltig ausdrückt. Wenn man in das Buch hineinsieht, kommt man zuerst zu einem Zitat: „Ich singe, also bin ich, singe ich“, dann zu einer Geschichte von einer zweiköpfigen und fünffüßigen Eidechse, die auf der Aaler Alm elf Monate gelebt hat.

Das ist ein halbseitiger Prosatext, der  von einer Zeichnung, dem „Nonstaler Störungsbündel“ abegelöst wird.

So geht es durch die zweihundert Seiten.

Es kommt ein Prosatext, der sich oft, nicht immer, auf das Nontal beieht „Die Bergformen sind hier schiere, und wellig geschwungen mit einzelnen größeren Kuppeln“, beispielsweise.

Es kommen aber auch Pinien und Löwen vor, die die Realistin in mir, nicht im Nonntal zu finden glaubt und immer wird  es abgelöst von einem kurzen gedichtartigen Text, der sich oft mit der Tierwelt beschäftigt, mit dem Nonntal noch weniger zu tun hat und öfter für mich  nicht nachzuvollziehen war:

„Wie ein Hengst

der ein Elsternherz

verzehrt hat

mich verängstigt!“  oder

 

„Daß Bienen, die

der Frost oft

herabfallen ließ

Drohnen sind, stimmt?

Die von kleinen oder auch größeren meistens kopfüßerartigen Zeichnungen umgeben oder gefolgt  werden, die öfter auch eine ganze Seite ausmachen, bis dann wieder ein Landschaftstext in einer einer sehr komplizierten Sprache mit vielen Wortschöfungen, die das Lesen nicht sehr einfach machen, folgt.

Einer Bloggerin,  eine Germanistikstudentin, die das Buch zu meinem Erstaunen, auch schon besprochen hat, hat diese Textform wie sie schreibt „zunehmend verwirrend und anstrengend“, gefunden.

Da bin ich schon abgebrühter , habe mich aber auch eher rasch durch das Buch geblättert,  damit ein paar schöne Stunden verbracht und mich vielleicht nicht richtig in den Text eingelassen.

Ich habe das Lesen trotzdem genoßen, vielleicht nicht mit derselben Begeisterung, wie bei Peter Waterhouses Buch.

Dazu waren mir die Texte wohl zu abstrakt und zu verschieden in ihrer Sprachform. Wenn man aber ein paar Stunden in eine schöne Sprach- und Zeichenwelt hineinkippen will, vielleicht auch, um sich von der Alltagsrealistik, die  einen umgibt, zu erholen,  ist das wirklich schöne Longlistenbilderbuch zu empfehlen.

Da das zweite Experiment auf der Liste nicht zu mir gekommen ist und ich nur die Ausstellung von Brigitte Falkners „Strategien zur Wirtsfindung“ im Literaturhaus gesehen habe, kann ich die beiden Bücher nicht vergleichen, glaube aber fast, daß ich mir eher Oswald Egger auf die Shortlist gewünscht hätte und bin gespannt, was ich von Oswald Egger noch lesen oder hören werde.

Einen kleinen Einblick in das Buch gibt es auch hier.

2017-10-01

Die Hauptstadt

Buch fünfzehn der dBpl und das vierte dortige Shortlistbuch sowie das zweite der österreichischen Liste, ja allmählich nähere ich mich dieser an, Robert Menasses“Hauptstadt“, der sogenannte Brüssel-Roman, der eigentlich keiner ist, was man aber wahrscheinlich erst nach dem Lesen erkennt und ich sage es gleich, ein tolles Buch. Ich bin ja kein Menasse- Fan, den ich oft als sehr zynisch empfand und bei Sitzungen auch erlebte, wie er andere angriff oder fertigmachte.

Gelesen habe ich schon etwas von ihm, ich glaube, den „Don Juan“ und dann noch etwas, aber nichts gebloggt und bei Lesungen und Veranstaltungen habe ich ihn, weil ja Wiener und ehermaliger oder noch immer Stammgast des „Sperls“ auch öfter erlebt. Er geht auch gerne zu Preisverleihungen und spricht dort dien Bürgermeister oder andere Größen auf Skandale an, also ein interessanter Mann und was ich jetzt erst enrtdeckte, ein genialer Autor, denn das Buch, in dem es  genau genommen, um gar nichts geht, hat mir sehr gut gefallen.

Wenn ich so den Blogprognosen folge, bekommt Franzobel den bBp, dann würde ich Robert Menasse den Öst wünschen, obwohl, Franzobel muß ich wie Doron Rabinovici, der mir wahrscheinlich auch sehr gut gefallen wird, erst lesen.

Mein viertes Shortlist Buch unds zweite das mir dort gefällt, mit den ersten beiden hatte ich es nicht so und die anderen zwei sind sehr verschieden.

Marion Poschmanns lyrisches Prosastück, das sehr poetisch,auch einiges anprangert, Robert Menasse realistisch politisch, satirisch, sarkastisch, also etwas, was ich vom Sarkasmus abgesehen, sehr mag und auch so schreiben möchte und so finde ich es sehr toll, daß neben den vielen „Midlifemännerkrisengeschichten“, da auch was handfest Politisches auf der Liste steht, weil ich ja selbst auch so zu schreiben versuche und mit meiner „Unsichtbaren Frau“ auch gerade wieder dabei bin.

Es ist aber auch ein Buch über das Sterben und den Tod, was ich erstaunlich fand, denn Robert Menasse ist ja eigentlich noch ein junger Mann, ein paar Monate jünger als ich, also in der Blüte seines Lebens und er jongliert auch gekonnt und zynisch mit den Genres.

So würde ich „Die Hauptstadt“ als EU-Krimi bezeichnen und Auschwitz, der Holocaust, diese ewigen Themen, gibt es auch.  Robert Menasse trägt sie vielleicht zu Grabe, denn er letzte Auschwitz Überlebende stirbt ja in dem Buch und kommt daher der EU für ihre Jubiläumsfeier abhanden.

Aber zuerst geht es ja um das Schwein, das es vielleicht nicht wirklich gibt und sich letztlich als ein Phantom herausstellen könnte, das da durch Brüssel rennt.

Der Prolog fasst schon schön alle <hHauptpersonen zusammen, denn denen begegnet ja das Schwein und passiert jetzt viel oder nichts in Brüssel?

Beides natürlich, denn der letzte Auschwitz-Überlebende David de Vriend zieht in ein Altersheim, vornehm Seniorenrsidenz genannt und auch darüber macht sich Robert Menasse,  gehörig lustig.

„Wir wollen doch, daß es uns gut geht!“, sagt Schwester Josephine, die nicht als solche genannt werden will,ständig und entpuppt sich am Schuß doch als mitfühlende Frau und nicht, wie der Drachen oder der Inbegriff eines neuen Pflegeskandals, wie wir ihn in Österreich ja jetzt wieder haben.

David de Vrien,d der ehemalige Lehrer, der damals seinen Eltern und seinem Bruder im Zug nach Auschwitz, gerade noch entsprang und deshalb lebenslange Schuldgefühlen, begibt sich langsam in die Demenz und auch das wird von Robert Menasse sehr schön beschrieben.

Show not tell, liest der Zyniker etwa Schreibratgeber? Denn da liegt das Notizbuch, das die untersuchende Psychologin ihm bei seinem Einzug vorsorglich übergibt, im Eiskasten und das Wort vergessen wird kein einziges Mal erwähnt, zumindestens in diesem Strang nicht, denn es gibt ja noch andere. Den des Mordes der Anfangs passiert und der dann auf höhren Befehl und Auftrag vertuscht wird und daher einfach verschwindet und wir wissen das ganze Buch lang nicht, wer da eigentlich ermordet wurde?

Oder doch, die katholische Kirche hat es sich zum Auftrag gemacht, die isamistischen Attentäter, bevor sie morden können, selbst zu eliminieren. Ein ehemaliger Priesterzögling führt das aus und tut dabei irgendeinen Fehlgriff, so daß er auch verschwinden muß und dann gibt es ja das Schwein, das durch Brüssel rennt und natürlich auch die Schweinebauern und die Schweinelobby und Martin Susmann, der Sohn eines österreichischen Schweinebauers, der studieren konnte und jetzt in Brüssel in einer Kulturkommission sitzt, soll ein sogenanntes Jubiläumsprojekt vorbereiten.

Aber vorher fliegt er nach Auschwitz zu er einer Gedenkfeier. Zieht sich dafür so warm an, daß er im Flugzeug schwitzt, wie ein Schwein und dort bekommt er die geniale Idee in dem Projekt Auschwitz als den Ursprung der EU zu demonstrieren und den letzten Überlebenden zu präsentieren.

Aber auch dieses Projekt wird untergaben und Fenia Xenopoulou, die griechische Zypriotin, will eigentlich weg aus der Kulturkommission, denn sie will ja Karriere machen und dafür ist die Kultur ein zu unwichtiges Ressort.

Dann gibt es noch einen österreichischen Professor, der auch als Experte in einem Think Tank sitzt und über die Krise der EU referien soll. Er kommt auch auf Auschwitz bei seinen Überlegungen und reist ab und wir haben uns durch vierhundert Seiten herrlichen Zynismus gelesen, so daß ich RoberrtMenasse den einen oder den Sieg, obwohl er mir persönlich, wie schon beschrieben,  zu zynisch ist, von Herzen wünsche.

Ein tolles Buch, in dem es um alles und nichts und daher auch ein bißchen, um die europäische Union, die ich ja auch nicht so mag, geht und interessant ist auch, daß „Literaturlärm“ bei ihrer „Buchpreisbücher-Vorstellungsrunde“, das Buch als zu politisch ablehnte und Mariki Fallwickl, eine der offiziellen Buchpreisbloggerinnen scheint beim Lesen damit auch nicht weiter zu kommen.

Nun mir hat es gefallen und ich habe dasLesen sehr genossen, werde mich jetzt an das letzte LL und das letzte SL der deutschen Liste machen, die ich noch habe und mir den Lehr und den Nolte und dann noch die Peschka vielleicht zum Geburtstag wünschen und mir die zwei anderen fehlenden Buchpreisbücher, wenn es geht, beim Literaturhaus-Flohmarkt, um ein paar Euro kaufen, da mir Bücher zum Normalpreis ja zu teuer sind.

2017-09-30

Die Kieferninseln

Nun kommt Buch vierzehn der LL und das dritte Buch der Shortlist, eines das ich mir darauf gewünscht habe, denn ich habe Marion Poschmann 2013 als sie mit der „Sonnenposition“ nominiert war, sehr poetisch gefunden und es ist auch das Shortlistbuch, das mir bis jetzt am besten gefällt.

Die zwei österreichischen Bücher muß ich noch lesen und mir den Lehr erst schenken lassen, aber bis jetzt würde ich ihr den Preis wünschen, da ihn Ferdun Zaimoglu, mein ursprünglicher Wunschkanditat nicht bekommen kann.

Denn Marion Poschmann ist es mit den „Kieferninseln“ gelungen, einen sehr poetischen Roman zu schreiben, einen in dem es um die Natur, um die vielen Grünschattierungen beispielsweise und die vielen Nadelbäumesorten geht, die es in Japan gibt, aber auch einer, so würde ich es mir  interpretieren, der sehr ironisch mit dem Janpanmythos, sie zeigt auch seine Schattenzeiten auf, als auch mit dem beliebten Longlistthema der Sorgen des mittelalten intellektuellen Schriftstellers oder Professors umgeht.

Denn hier haben wir auch einen solchen, Gilbert Silvester, Privatdozent, weil es ihm entweder wegen der prekären Verhältnisse, weil ja jetzt schon alle sutdieren und er auch kein betuchtes Elternhaus hat, er scheint aber jede Menge Geld zu haben, nicht gelungen ist, an eine Professur zu kommen und sich jetzt von Projekt zu Projekt hantelt.

Momentatn forscht er über die Beziihung zwischen Bart und Gott im Film, man sieht schon die Ironie, denn gibt es das überhaupt?

Er ist verheiratet mit Mathilda einer erfolgreichen Lehrerin und er ist offenbar sehr frustriert, denn er träumt  seine Frau würde ihn betrügen und bricht deshalb gleich nach Japan auf.

So beginnt das Buch und scheint auch in der Leseprobe enthalten zu sein, denn die Blogger oder You Tuber, die sie durchsahen, haben sich an dieser Formulierung gestört und auch mir schien es anfangs unrealistisch, daß das jemand wegen eines Traums gleich tun kann, also wieder einmal viel zu viel konstruiert.

Dann schlägt man das Buch auf, ich habe das PDF gelesen und versteht , daß das durchaus nachvollziehbar ist, denn dieser Gilbert Silvester ist sehr unzufrieden. So schnappt er seine Reisetasche begibt sich auf den Flugplatz und  bucht den ersten Langstreckenflug den er bekommen kann.

Der führt ihn nach Tokyo und das ist, so scheint es, gar keine gute Wahl, denn Gilbert Silvester ist ein Vegetarier und Kaffeetrinker. In Japan trinkt man aber nur Tee. Jedenfalls schenkt ihm schon die ewig lächelnde Stewardess mit dem Geishaknoten im Flugzeug sofort Grüntee ein.

Er versucht Mathilder telefonisch zu kontaktieren. Kann sie aber nicht gleich erreichen. Dann glaubt sie ihm nicht, daß er in Tokyo gelandet ist und legt auf. Da merkt man schon, daß der Traum mit dem Betrügen ein Vorwand war, denn warum sollte er  dann versuchen sie zu erreichen, wenn er sie verläßt, weil sie ihn betrogen hat.

Am Flughafen in Tokyo kauft er sich japanische Literatur und zwar ein Buch von oder über den Dichter Basho, dann ißt er Sushi, obwohl er rohen Fisch auch nicht mag und entdeckt am Bahnhof einen jungen Mann mit einer Sporttasche und einem Ziegenbart.

Vorher hat er schon darüber nachgedacht warum die Japaner sowenig Bärte haben und der junge Mann, es ist der Student Yosa Tamagotchi, man beacgte die Namen, die offenbar auch zur genialen Ironiekonzeptierung gehören, hat vor, aus Prüfungsangst auf die Gleise zu springen und aus Angst überhaupt zu versagen, hat er sich dieses Bärtchen angeklebt, denn damit wird ihn keine japanische Firma einstellen und er erspart sich den Frust.

Gilbert Silvester, den einige der anderen Leser, als unsympathisch erlebten, tut was man in solchen Fällen tuen muß. Er beginnt zu reden, um den Studenten von seinem Vorhaben abzulenken und nimmt ihn in sein Hotelzimmer, das nur aus einem Bett und zwei spartansichen Würfel besteht, in denen aber eine ganze Minibar mit Teekocher eingebaut ist., mit. In der Reisetasche des Studenten befindet sich ein anderes Buch, nämlich ein Ratgeber zum Selbstmord, denn offenbar werden die Japaner, wenn sie versagen, in diesen gewzungen und Gilbert überredet ihn nun mit ihm zu kommen und einen besseren Platz für den Selbstmord zu finden, als ein Eisenbahngleis.

Gilbert hat aber inzwischen ganz andere Pläne, will er doch auf den Spuren der beiden Dichter Basho und Saigyo, die einmal ausgestiegen sind, eine Pilgerreise nach den Kieferinseln in Matsuschima machen. Aber erst muß er den Studenten nach den besseren Selbstmordorten begleiten. Dazwischen schreibt er immer wieder Briefe an Mathilda, um sie von seinen Erlebnissen zu unterrichten.

Der erste Ort ist ein Dach eines japnischen Sozialwohnbausilos, das scheint es in Japan auch zu geben und ist ebenfalls erbärmlch, dann fahren sie in einen Selbstmordwald, der von Marion Poschmann sehr skurril beschrieben wird.

Zuerst gibt es überall Warntafeln, „Tun Sie das Ihren Eltern und dem Staat der Ihre Ausbildung finanzierte nicht an!“

Dann liegen dort die Leichen herum, weil es kommennur einmal im Jahr die Tagelöhner, um sie wegzuräumen. Den anderen Müll lassen sie aber liegen. Also auch kein sehr geeigneter Ort. Sie müssen aber, weil es schon finster ist, dort übernachten und als sie am nächsten Morgen vor der Busshaltestelle stehen, um nach Tokyo zurückzufahren, hält er Chauffeur, es ist derselbe mit dem sie hergekommen sind nicht an, weil er sie für Geister hält, denn aus diesem Ort ist noch keiner zurückgekommen.

Von Tokyo soll es weiter zu den Kieferninsel gehen. Gilbert Silvester will aber zuerst zu den Kirschbäumen, der Student will ihm den kaiserlichen Park zeigen und ins Kabuki-Theater gehen sie auch.

In der Nacht erzählt der sehr  unsichere Student von einer Begegnung mit einem Mädchen, das er in ein Restaurant einlud, dann aber so gehemmt war, sie anzusprechen und, als sie aufs Klo ging, hat er  ihren Rock rot leuchten sehen, so daß er sie für einen Fuchs hielt.

Über die Fuchserscheinungen in Japan hat mich der deutsche Buchpreis auch schon ein Buch lesen lassen und der etwas überhebliche Gilbert meint sarkastisch, daß seine Studenten ihre Hemmungen nicht so mythisch beschreiben würden.

Sie reisen also weiter zu den Kieferinseln, beginnen Haikus zu schreiben und an einer unscheinbaren Zwischenstation, die aber einen sehr mondänen Bahnhof hat, verliert Gilbert, den Studenten. Er scheint ihn dann zwar wieder zu treffen. Aber da ist es nicht ganz klar, ob es sich dabei nicht, um Visonen handelt und es sein Geist ist, der sich vor ihm verbeugt und verrät, daß er schon seint jahrhunderten tot ist, man sieht es ist ein sehr mystisches Buch, wo die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit sehr oft verschwimmt.

Gilbert bezieht inzwischen ein Hotel, auch hier verbeugt sich der Rezeptionist, läßt ihn aus einem Fächer eine Karte ziehen und sagt, die gezogene Insel gibt es nicht mehr, die sei bei dem Tsunami umtergegangen und das Erdbeben, das es gegeben zu haben scheint, scheint überhaupt die Touristen vertrieben zu haben, so, daß Gilbert der einzige Gast ist, der die Kieferninseln mit ihren verschiedenen Farbschattierungen besichtigen will, ansonsten sind nur Baukräne zu sehen.

Es werden Haikus geschrieben, dann kehrt Gilbert ins Hotel zurück, wo der Rezeptionist gerade eine verbeulte Reisetasche wegträgt und er begibt sich auf sein Zimmer, um Mathilda anzurufen.

„Liebste Mathilda!“, würde er sagen. „Wir treffen uns Tokyo, es ist ganz einfach. Die Laubfärbung beginnt“

So endet das Buch, das eine wirklich sehr eindrucksvolle poetische Mischung zwischen Sozialkritik, Landschaftsbeschreibung und japanischer Mystik ist und in dem Marion Poschmann, wie ich es mir interpretiere, auch den vielen lebensmüden Midlifekrisismännern, ein sehr ironisches Pendant in weiblicher Sprache gesetzt hat.

2017-09-21

Außer sich

Jetzt kommt Buch zwöf der LL, mein erstes Shortlist Buch, eines von den vier mir bisher unbekannten Autoren, ein Debut, denn die 1985 in der Sowetunion geborene und in Berlin lebende Sasha Marianna Salzmann, die 2009 auch den Exil -Dramatikerpreis der Wiener-Wortstätten gewonnen hat, ist bisher als Theaterautorin bekannt und leitet auch ein Studio im Maxim Gorki Theater.

Ein Buch das hochgelobt wurden und von dem ich vorher mindestens drei verschiedene Inhaltsangaben gehört habe.

Da ist die von dem Anton der aus Deutschland mit seinen Addias- Schuhen nach Moskau zurück auf Besuch zu den Großeltern kommt und von seinen ehemaligen Freunden, die sauer sind, weil sie nicht ausreisen dürfen, als „Schwuchtel“ und „Judensau“ beschimpft wird.

Dann die von Alissa die nach Istanbul reist, um dort ihren Zwillingsbruder Anton zu suchen, das deutsche Asylbewerberheim, in dem die aus Russland emigrierte Familie zuerst wohnt, kommt auch vor und dann scheint es auch ein Transgenderthema zu geben.

Ganz schön verwirrend, aber auch etwas das neugierig auf das Buch machte, mit dem ich dann, ich schreibe es am besten gleich, nicht so ganz warm geworden bin.

Es hat, da die Autorin in Hildesheim Theater, Literatur und Medien studierte, eine sehr schöne Sprache, eine „You Tuberin“, die Russisch spricht, hat lobend, die kyrillischen Worte erwähnt, die immer wieder in dem Buch vorkommen.

Das ist ungewöhnlich, der Ton ist stark und frisch, das Transgenderthema habe ich selten so brutal offen behandelt gesehen, der Gezi Park und die politischen Unruhen in Istanbul kommen vor und irgendwo habe ich auch gelesen, daß es jetzt schick ist, seine Romanhandlungen nach Istanbul zu verlegen.

Das weiß ich nicht so genau, da ich wahrscheinlich mehr ältere Männer Mainstreamliteratur als die von aufmüpfigen jungen Frauen lese, dachte aber beim Lesen und das war nicht so ganz leicht, da die Autorin chronologisch hin und herspringt, daß es erstens eigentlich keine Handlung hat, sondern eher, wie eine autobiografische Auseinandersetzung mit seiner persönlichen und der Familiengeschichte klingt und das gilt, habe ich auch gehört, ja eigentlich nicht, als große Literatur und es ist auch nicht die erste russisch jüdische Familien-Auswanderungsgeschichte, die ich gelesen habe.

So habe ich mir beim Lesen der Geschichte, es beginnt damit, daß Ali oder Alissa, lobenswerter Weise ist dem Buch am Beginn ein Personenregister angefügt, sonst hätte ich mich nicht ausgekannt, nach Istanbul reist, um ihren verschwundenen Zwillingsbruder Anton, der seiner Mutter eine Karte von dort geschrieben hat, zu suchen, nicht leicht getan.

Eigentlich beginnt es aber mit der Ausreise aus Moskau der Familie, wo Alissa, die sich Ali nennt, ein Marmeladeglas an die Brust drückt.

In Istanbul sucht, beziehungsweise findet sie ihren Bruder nicht, lebt beim Onkel ihres Exfreundes, lernt in einem Szenelokal Katho oder Katüscha kenne, eine Frau, die sich selber Testosteron spritzt. Ali macht das auch, so sprießt der Bart und sie wird immer mehr zu Anton, zu dem es auch so was, wie ein inzestiöses Verhältnis oder eine Geschwisterliebe gegeben hat und dazwischen während sie sich zum Mann verwandelt, interessant, es wird dann auch die männliche Erzählform gewählt, wie ich es dann ja auch in „Paul und Paula“ machte, geht sie die Familiegeschichte durch.

Da gibt es Valentina und Konstantin, die Eltern, die Mutter ist Ärztin, der Vater Techniker, hat sich zu Tode gesoffen, beziehungsweise ist er vom Balkon gestürzt, was Anton, der auch eine Stimme hat, „peinlich“ nennt.

Emma und Daniil sind die Großeltern, der Großvater ist mit nach Deutschland gekommen und spricht immer davon, die Großmutter nachzuholen. Schura und Etja, die Urgroßeltern, alle oder die meisten jüdischer Abstammung, die meisten auch Ärzte, die Unterdrückung, der Krieg und die Gewalt wird auch erzählt, während sich im Gezi Park die Unruhen abspielen.

Anton, den Alissa nie findet und vielleicht auch nicht wirklich sucht, sie wird ja währenddessen selbst zu ihm, lebt eigentlich dicht an ihrer Seite, hat die gleichen Istanbuler Bekannten und sie begegnen auch einander, aber erkennen oder treffen sich nicht.

Später bin ich mit dem Buch, nachdem ich schon geschrieben habe, daß ich den Hype, um es herum, nicht verstehe und auch nicht ganz, warum es auf die Shortlist gekommen ist und es eigentlich das ist, das mir bis jetzt von den LLs am wenigsten gefällt, wärmer geworden. Die Shortlistplazierung verstehe ich noch immer nicht, sie ist mir aber eigentlich egal, weil ich  ohnehin gegen jede Platzierung bin und denke, daß das ja nicht geht und immer irgendwie, falsch und ungerecht sein wird.

Aber „Das Jahr der Frauen“ und „Das Singen der Sirenen“, Bücher von vielleicht auch noch nicht so bekannten Autoren, die ungewöhnlich, kompliziert und verwirrend geschrieben sind, die auch nicht auf die Shortlist gekommen sind, was ich auch gar nicht annahm, haben mir wahrscheinlich besser gefallen. Aber das ist natürlich nur mein subjektiver Eindruck und ich wünsche Sasha Marianna Salzmann für den Buchpreis alles Gute.

2017-01-25

Messers Schneide

Jetzt kommt eines der dünnen „Suhrkamp-Taschenbücher“, die ich mir einmal au einer der „Ein-Euro-Buchlandungskisten“ gezogen habe.

Ralph Rothmanns erster Erzählband „Messers Schneide“ und den 1953 geborenen deutschen Autor habe ich einmal bei den „Literatur im März Veranstaltungen“ im damas noch nicht fertigen Museumsquartier gehört. Was er da gelesen hat, kann ich nicht mehr sagen, Alexandra Millner, die Kuratorin hat ihn, glaube ich, vorgestellt und gelesen habe ich von dem sehr gelobten Autor, dessen  „Suhrkamp-Taschenbücher“ man  leicht in den Abverkaufskisten finden kann „Windfisch“ und „Flieh mein Freund“.

Den Gedichtband „Kratzer“ muß ich noch lesen und im „Frühling sterben“, das hochgelobte Buch über World War I, das der Autor 2015 nicht auf der LL haben wollte, habe ich anläßlich meines Ö1 Quizz bei der Buch-Wien 2015 gewonnen oder bekommen.

Am Buchrücken stehen lobende Worte von Ludwig Fels, in der Buchbeschreibung werden auf die schönen Bilder und, daß Rothmann mit seinem Erzähldebut Preise bekommen hat hingewiesen, bei „Amazon“ wo ich mich ja gerne informiere, gibt es sowohl ein als auch fünf Sternrezensionen, bei der mit dem einen Stern steht „Wieder ein gelungener Roman, an zynischen, bisweilen boshaften Betrachtungen mangelt es nicht… wunderbar zu lesen!“

Das ist wohl auch zynisch gemeint und dem kann ich entgensetzen, daß es sich bei dem hundertdreißig Buch erstens, um eine ERzählung, das steht sogar so in dem Buch, handelt und das zynische habe ich gar nicht so bemerkt und der Held ist mir auch gar nicht, wie ich auch gelesen habe, so unsympathisch, Rothmann ist aber zweifelsfrei ein großer Sprachkünstler und vielleicht auch künftiger Büchner-Preisträger.

Eine ganze Liste von Preisen hat er schon bekommen, dem es um die Sprache und die Bilder geht, wenn er vielleicht etwas sehr alltägliches erzählt.

Geht es doch um eine ambivalente Beziehung zwischen Manfred Assen, einem Dichter, der vom Taxifahren in Berlin lebt und dessen Freundin Iris, die ein Kind bekommt. Sie will es, er nicht, weil er sich vor der Verantwortung drückt, sich den an ihn dann gestellten Anforderungen nicht gewachsen fühlt, etcera.

Das ist eigentlich schon alles und beim Rest bleiben tatsächlich die schönen Worte, die Bilder, die Assoziationen hängen.

Es beginnt mit der Kindheit, mit den Schlägen der Mutter, eine Internatsszene wird erzählt, wo Schwester und Bruder im selben stregen Internat leben, wo nur der Nachtisch bekommt, der schnell ißt, die Mädchen sind da langsamer und gehen so leer aus. Der Bruder pflückt nun für die Schwester Kirschen, versteckt sie in ihrem Bett, versucht ihr das, damit sie nicht in sie hineinklatscht, nonverbal, denn während des Essens darf man nicht sprechen, zu vermitteln, die Schwester mißversteht, das Bett wird rot und der Junge muß auf Erbsen knien, während die Klosterschwester eine Stunde fromm in einem Buch liest.

Das ist es, die starken eindrucksvollen Bilder. Es gibt auch Schwierigkeiten mit dem Vermieter, der ihn aus dem Haus haben will, um die Wohnung teurer zu vermieten, in Berlin gibt es zu dieser Zeit Demonstrationen und wenn man sich damals, das Buch ist 1986 erschienen über die Sterlisation informieren wollte, mußte man zu einer Beratung ins Gesundheitsamt gehen, eine Gebühr zahlen, seinen Namen ausfüllen und bekam dann von dem Psychologen nach einem Gruppengespräch nur eine Broschüre ausgehändigt, wo all das, was er sagte, drinnen stand.

Assen ist hin- und hergerissen, ruft Iris an, dann wieder meldet er sich nicht und, als die ihm schließlich versichert es ihm schriftlich zu geben, daß er sich, um das Kind nicht zu kümmern braucht, ist es ihm auch nicht recht.

Die Schlußszene weist auf den Titel hin. Assen ist in einem Lokal, wo ein paar amerikanische Soldaten sehr brutal agieren und von den Gästen Geld wollen, er steckt das Steakmesser ein, verfolgt mit Mordlust die Soldaten, als er aber soweit ist, daß er es gebrauchen kann, hat er es verloren, so sinkt er neben einer am Boden liegenden Frau, in deren Tasche, die Soldaten vorhin hineinpissten, nur hilflos hin.

Auch ein starkes Bild, das den Helden vielleicht auch so unsympathisch macht, ich denke, es ist ein Buch der schönen Bilder und keine „Einstern-Erzählung“, aber ich würde mir trotzdem mehr Realistik und mehr Handlung erwarten, wissen, wie es Assen und Iris wirklich geht und nicht nur schöne Metahpern zu lesen bekommen, an Hand denen, ich mir die psychologischen Hintergründe selber denken muß.

Aber so funktioniert der Literaturbetrieb und so wird man ein preisgekrönter Autor, auch wenn, die Leute das Buch dann vielleicht nicht so lesen oder es als zynisch interpretieren, das weiß ich schon.

2016-11-05

Blauschmuck

Dank Herrn Leitgeb und dem „Alpha-Literaturpreis“, kann ich jetzt das dritte österreichische Buchdebut besprechen, Katharina Winklers „Blauschmuck“, von dem ich eigentlich ganz sicher war, daß es den Preis gewinnen wird, weil das Buch in dem Blogs sehr begeistert besprochen wurde und so für mich das bekannteste war.

Das Bekannteste auf der „Alpha-Liste“ und vielleicht auch auf der der öst-buchdebuts, obwohl ich, da ich inzwischen die beiden anderen Bücher gelesen habe, da nicht mehr ganz sicher bin und vergleichen, ich wiederhole es noch einmal, kann man diese drei Bücher nicht und auch nicht sagen, a ist das beste und besser als b und c.

Das kann man wahrscheinlich nie, beim dBp hatte ich aber meine klaren Empfehlungen, hier kann ich nur sagen, jedes Buch steht eigentlich für sich und da sieht man wieder, daß solche Preisentscheidungen vieleicht doch nur ein „neoliberaler Unsinn“ sind.

Am kommenden Dienstag werden wir es wissen, ob der österreichischen Arbeiterkammer, das Schicksal einer kurdischen Frau, oder die Ereignisse von 1945 in Rechnitz, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der jungen Akademiker am wichtigsten sind.

Alfred meinte, für die Arbeiterkammer wäre es bestimmt das letztere, es ist aber eine sehr literarische Sprache, in der die 1979 in Wien geborene Katharaina Winkler, die derzeit in Berlin lebt, ihr Debut geschrieben hat.

„Blauschmuck“ nennen die türkischen Frauen nämlich ihre von ihren Männer bekommenen Verletzungen, die sie in den kurdischen und türkischen Dörfern windelweich schlagen, weil sich das so geört und wenn eine Frau ohne diesen Schmuck auftritt, ist sie ein Außenseiter.

Erzählt wird die Geschichte, die, wie in dem Buch steht, auf einen realen Fall basiert, von  Filiz, die in einem kurdischen Dorf in der Türkei aufwächst und sie tut das auf eine sehr poetische Art.

In kleinen Absätzen wird, oft nur ein paar Sätze pro Seite, schildert sie das Leben im Dorf, das Aufwachsen unter ihren Geschwistern, das Hüten der Schafe und das Umgehen mit der Ehre, beispielsweise, denn  „Die Ehre steht über allem sagt Vater. Der Ehre entsteigt die Sonne. Die Ehre läßt uns ruhig schlafen.  ….Die Ehre wächst mir über den Kopf.“

Denn es ist ja nicht sehr leicht, das Leben in dem Dorf, wo man auf seine „Jungfrau aufpassen“ muß und nicht genau weiß, wie man jetzt die Kinder bekommt, vom „Kaugummi kauen vielleicht?“

Und wem das jetzt naiv erscheint, den erinnere ich daran, daß man in den Sechzigerjahren, wo ich aufwuchs, auch nicht so ganz sicher war, ob man sie nicht vielleicht doch vom Küssen oder von der Badewanne  bekommt, wenn dort jemand sein Sperma ausgelassen hat?

Filiz ist aber gescheit und so kommt auch der Lehrer zum Vater und schlägt vor, da Mädchen in der Stadt einen Beruf erlernen zu lassen. Der Vater aber winkt aber, denn da hat er schon mit seiner ältereren Tochter schlechte Erfahrungen gemacht, die hat er in das Lehrerseminar geschickt, hat sogar dafür eine Kuh oder sonst was dafür verkauft und die Tochter heiratete, wurde Bäckerin und das viele Geld war verloren.

Filiz hat aber ohnehin andere Vorstellungen, ist sie doch in den drei Jahren älteren Yunus verliebt. Das heißt eigentlich in seine Jeans und Turnschuhe, die er aus Deutschland mitbrachte, denn Deutschland ist das Land, der Jeans und Turnschuhe iund so will Filiz mit Yunus dorthin.

Der Vater ist wieder dagegen. So geht ihm die Fünfzehnjährige durch und heiratet Yunus gegen seinen Willen und kommt damit vom Regen in die Traufe. Denn, als erst einmal das Leintuch blutig ist und den Hochzeitsgästen stolz präsentiert wird, wird sie von seiner Mutter, die sie „Spinne“ nennt, schlecht behandelt und auch von Yunnus blaugeschlagen, als sie sagt, daß er „achtzehn und nicht achtzig“ ist, als er von ihr verlangt, daß sie ihm anziehen soll.

Denn er betrachtet sie fortan, als seine Sklavin und so kocht und putzt sie für ihn, bekommt ihren „Blauschmuck“.

„In unseren Dorf leben viele blaue Frauen. Viele Frauen wechseln den Blauschmuck von Woche zu Woche, einige von Tag zu Tag. Der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer. Das Werkzeug. Holz oder Eisen, und die Anzahl  der Schläge bestimmen den Blauton.“

Sie bekommt auch sehr bald drei Kinder, Halil, Selin und Seda und zieht scheinbar willenlos mit ihm von Wohnung zu Wohnung. Dort sperrt er sie mit den Kindern ein, stellt nur die Lebensmittel vor die Tür und manchmal ist er auch nett zu ihr. So hält ihn eine Krankenschwester einmal für den vorzüglichsten Ehemann und Goldschmuck zum Blauschmuck gibt es gelegentlich auch und Filiz, die inzwischen verschleiert ist und Kopftuch, um Kopftuch zu ihren Großmutterkleidern trägt, träumt immer noch von den Jeans und den Turnschuhen, die man in Deutschland kaufen kann.

Irgendwann kommt sie auch dorthin, nach Österreich nicht nach Deutschland und dreht in einem Supermakrt, wo man alles kaufen kann, was sie in ihrem Dorf nie gesehen hat, fast durch.

Langsam, langsam, obwohl sie sehr geduldig ist und ihren „Blauscmuck“, wie noch vieles andere, einfach als Los, der Frauen hinnimmt, beginnt sie sich zu wehren, bekommt von einer älteren Frau, auch Deutschunterricht und zu den Kindern kommt, da seltsamerweise, was ich in meiner Praxis beispielsweise anders erlebte, Yunus nichts dagegen hat, auch der Nikolo.

Die Kindern lernen das „Schwimmen“, wie Filiz, das in ihrer symbolhaften Sprachen nennt, viel schneller, als sie, „die bis zum Kopf im Wasser steht“.

Sie stehen einfach am heiligen Abend da und warten auf das Christkind, wie sie es in der Schule lernten, obwohl Filiz noch keine Ahnung hat, was das Christkind ist.

Sie darf aber den Führerschein machen und besteht, obwohl sie da zu vier fremden Männern in das Auto steigen muß. Sie beginnt auch heimlich Geld für die Kinder abzuzweigen und, als es Yunus wieder einmal zu bunt treibt, steht sie blaugeschlagen in einer ärztlichen Praxis,  der Arzt sagt ihr, er muß das anzeigen und die Arzthelferin empfiehlt das Frauenhaus.

„Worte wie Schutz und Ruhe, Betreuung, Sicherheit, Hilfe schweben um mich herum wie schillernde Seifenblasen. Weiß sie denn nicht, dass Yunus jedes Haus stürmt? Die Kinder umbringt? Mich? Die Frauen des Frauenhauses? Mit dem Küchenmesser?“

„Die Nachbarn“, steht auf den letzten Seiten, haben am “ 1. August 1998 die Polizei und den Notarzt verständigt“.

Die Ehe wurde geschieden, Filiz machte eine Ausbildung zu Köchin und auch die drei Kinder haben inzwischen studiert und üben inzwischen anspruchsvolle Berufe auf.

Ein sehr interessantes Buch, das mich, ähnlich, wie Tobas Nazemi auch gespalten zurückläßt.

Denn da sind zwei wahrscheinlich sehr von einander verschiedene Ebenen. Auf der eine, die sehr hochliterarisierte Sprache, die so symbolhaft ist, daß sie wahrscheinlich von keinem kurdischen Dorfmädchen, das kaum die Schule besuchte, gesprochen wird und wenn das Buch, wie beispielsweise meine „Flüchtlingstrilogie“ realistisch erzählt wäre, wäre es wahrscheinlich nicht so erfolgreich geworden und dann ist da, das ergreifende Schicksal der geschlagenenen Frauen, die einen nicht kaltlassen können.

Bei „Amazon“ gibt es eine „Einstern-Rezension“, die die Bezeichnung „Blauschmuck“ für die Gewalt an Fraun zynisch findet.

Die Autorin wird gleich belehrt, daß diese Bezeichnung von den türkischen Frauen selbst kommt, die damit ihre Würde bewahren wollen, wahrscheinlich ist es auch als Dissoziation zu interpretieren.

Andererseits weiß ich trotzdem nicht so genau, wie weit geschlagenen Unterschichttürkinnen sich trotzdem so bezeichnen, würde, da das Buch ja über eine Betroffene und nicht direkt von ihr geschrieben wurde, diesen Einwand also nicht so ganz wegweisen können.

Katharina Winkler steht mit dem Buch inzwischen auf mehreren Preislisten und natürlich ist die Beschäftigung mit diesem Themea sehr wichtig  und wenn es noch dazu in einer sehr schönen Sprache geschieht, um so besser, kann man natürlich sagen.

Ich bin auch sehr beeindruckt, habe mich selbst in der „Frau auf der Bank“ in einer viel einfacheren Sprache, auch  mit diesem Thema beschäftigt und von Katja Schneidt, die ich über Martina Gercke kennengelernt habe, auch ein anderes Buch über dieses Thema gelesen, wo auch eher nur berichtet wird.

Bin jetzt auf den Dienstag sehr gespannt und möchte eigentlich nicht in der Haut der Juroren stecken, die entscheiden sollen, was literarisch besser ist, das Schicksal einer türkischen Frau oder die Ereignisse in Rechnitz, die ja auch literarisch brillant gelöst wurden, beziehungsweise, die prekären Arbeitsverhältnisse der Generation 30 und denke wieder, daß man das vielleicht auch nicht entscheiden, sondern jedes Buch für sich stehen und zum Lesen empfehlen lassen könnte.

 

Nächste Seite »

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.