Literaturgefluester

2016-07-16

Der Fisch der zu ihm gesprochen hatte

Eine in der „Bibliothek der Provinz“ erschienene Erzählung des, wie  in der Biographie steht, 1958 geborenen bildenden Künstlers, Schriftstellers, Regisseurs, Schaupielers und Stadtstrawanzers Thomas J. Hauck, der  schon viele Bücher geschrieben hat und den ich im Mai bei den „Wilden Worten“ kennenlernte.

Jetzt hat er mir das zweiundsiebzig Seiten dicke Büchlein geschickt, das er, glaube ich, auch im Cafe Prückl vorgestellt hat.

„Manfred P. T. Ellermann taucht in eine seltsame Geschichte, eine Geschichte voller Poesie, Melancholie und großem Erwarten. Ein Traum? Eine Vision? Realität? Er weiß es nicht und wird es vielleicht nie erfahren, wenn es da nicht einen Duft gäbe…“, steht am Buchrücken und beginnen tut das Buch, das von Geogia Wölfle illustriert wurde, mit dem lapidaren Satz: „Manfred P. T. Ellermann war am 7. Februar in Zirl in Tirol losgegangen, um zu vergessen.“

Dabei gab es gar nicht so viel, was er zu vergessen hätte, jedenfalls nichts Schreckliches, denn er war in seiner Stadt angesehen, hatte einen guten Beruf, Ehrenämter, eine Frau, zwei Kinder, eine Villa, alles also was man so braucht und trotzdem stimmte etwas nicht in seinem Leben, so daß es in ihm zu einem fortwährenden Grollen kam, zu einem Gewitter, von dem seine ewig putzende und den Sex verweigernte Frau „Na, schatzi heut gibts ka Gewitter und morgen a net!“, nichts merkte, so daß er plötzlich, nachdem er in der Zeitung gelesen hatte, daß Gehen gut für das Vergessen ist, aufsteht und mit seiner Aktentasche in Richtung Westen marschiert.

Am Abend ißt er in einem Gasthaus eine Forelle, läßt sich die Fischgräte einpacken und nimmt sie mit auf seine weitere Reise, auf der er bis nach Straßburg kommt.

Seine Uhr bleibt stehen oder eigentlich, geht sie zurückwährt, so daß er nach und nach bis in den Dezember kommt und in Straßburg quartiert er sich zuerst in ein Hotel, in dem er schon einmal war, dann in eine verwunschene Hinterhofpension ein, um zum Bahnhof zu gehen und auf eine Frau zu warten, von der nicht weiß, ob und wann sie kommt.

Dabei findet er eine Christbaumkugel, die er für ein Kücken hält, in dem Pensionszimmer gibt es eine Spinne, die er in sein Umfeld einbezieht, er ernährt sich von Croissants, die ihn an den Mond erinnern.

Und das Vergessen verwandelt sich ein eine vage Erinnerung und der Suche nach einer Vergangenheit, die es vielleicht nie gegeben hat.

Ein Traum? Eine Vision? Realität? Die Midlifekrise, die man mit vierzig, wenn man eine sexmüde Frau und zwei ewig lernende Kinder hat, schon einmal bekommt oder der Weg in die Demenz?

Kann die so ausschauen, daß man, in dem man auf einmal alles hinter sich, sein langweiliges, kompromißverseuchtes Leben und sich in seine Träume, seine Sehnsucht, seine nicht gelebte Vergangenheit zurückzieht?

Vielleicht. Die Psychologin könnte es sich vorstellen und es läßt sich auch herrlich nachdenken und weiterphilosophieren bei dieser Parabel, die uns der umtriebige Vielschreiber schenkte.

Ein Geruch, ein Parfum und noch vieles anderes, spielen dabei auch eine Rolle.

Am Ende hat Manfred P. T. Ellermann Bluttränen im Gesicht  und geht immer weiter ins Nichts. Hört noch „wie sein Fisch, sein Kücken und seine Spinne zu ihm sprachen:“ Du hättest sie nie loslassen sollen, nie. Verstehst du? Und Manfred P. T. Ellermann nickt unter Tränen und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: „Ja, ich weiß, Fisch, ja, ich weiß Kücken, ja, ich weiß Spinne“, und ging so lange, bis er im Nichts verschwunden war.“

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2016-05-09

Vom Literaturarchiv zu den Wilden Worten

Seit ich im November auf der Buch-Wien bei Ö1 Quizz mitgemacht habe, ich ich Mitglied im Ö1 Club und kann mich da für Veranstaltungen und Themenführungen anmelden. So bin ich heute Nachmittag mit dem Alfred im Literaturarchiv der Nationalbibliothek gewesen, wo seit den Neunzigerhahren Nachläße, Vorläße etcetera archiviert, aufgearbeitet, etcerta werden und es seit einem Jahr auch das Literaturmuseum im Grillparzerhaus gibt, wo ich erst vorige Woche in der Sonderausstellung war.

Das trifft sich gut, habe ich gedacht, mein literarisches Wissen durch eine Führung im Literaturarchiv aufzufrischen, das ich in der Hofburg in der Gottfried von Einem Stiege befindet und ich war da auch schon einmal vor Jahren als Alexandra Millner ihr Buch über „Spiegelmotive in der Literatur“ vorstellte.

Im Salzburger Literaturarchiv sind wir im Jänner mit Margot Koller gewesen und dort haben sie uns eines von Stefan Zweigs Notizbücher, das jetzt auch in den „Berührungen“ vorkommen wird, aus dem Tresor geholt, diesmal führte Volker Kaukoreit, die Gruppe von ausgewählten Ö1 Hörern und den kenne ich als ich einmal für den „Tag der Freiheit des Wortes“, der ja morgen wieder im Literaturhaus stattfindet, ein Interview im Radio Orange machte und er bezüglich einer „Fried Veranstaltung“, weil er ja im Vorstand der „Erich Fried Gesellschaft“ ist und auch immer zu den „Erich Fried Veranstaltungen“ ins Literaturhaus kommt  und ich da einmal auch etwas von ihm beziehungsweise Heinz Lunzer bezüglich eines Zitats aus einem Reiner Kunze Buch etwas von ihm wissen wollte.

Er saß also vor einem Pult im Lesesaal und fragte sein Publikum, was es glaube, was das Literaturarchiv für Aufgaben hat?

Die Vorläße, die Nachrichten, die Handschriften, die Tagebücher, die Briefe, etcetera der österreichischen Literaturen ab 1900 sammeln und ihre Schriften herausgegeben und außerdem seit einem Jahr auch noch das Literaturmuseum bestücken, wer im Literaturarchiv gesammelt wird, kann man sich im Netz genau ansehen, es gibt auch Kriterien für Vorlaßankäufe, denn wenn jemand mit den Gedichten seiner Oma kommt, ist das ja nicht so interessant, nein die Dichter müssen schon Fried, Jandl, Kafka, Drach, Doderer, etcetera heißen und Robert Schindel hat einen Vertrag abgeschloßen, daß er auch seine Mails zur Verfügung stellt, denn die Briefe werden ja jetzt nicht mehr mit der Hand geschrieben und Originalmansukripte wird es bald auch keine mehr geben.

Noch gibt es sie aber und sie werden archiviert und die österreichischen Dichter vor 1900, wie Grillparzer beispielsweise werden in der Wien-Bibliothek aufbewahrt.

Danach ging es zu den Schachteln und Volker Kaukroreit und zu  einem Buch mit den berühmten Skizzen Doderers zu seinen Dämponen, die ich, glaube ich, schon einmal in der Nationalbibliothek gesehen habe,  der Fried Spezialist, holte ein Notizbuch von Erich Fried hervor und ließ es durch die Runde gehen, dazu gab es, damit die Führung spannender ist, die Kopie aus dem Paß des siebzehnjährigen Frieds, als der Österreich verlassen mußte.

Einen Vorbereitungszettel zu einer Lesung gab es auch zu sehen, beziehungsweise einen wo Stichworte aufnotiert waren, woraus Fried später das Gedicht „Auf der Suche“ machte, das wurde auch verteilt, dann ging es hinauf zu den Räumen mit den Archivschachteln, Volker Kaukoreit führte herum und zeigte uns dann sein Zimmer mit den vielen Fried Schachteln.

Dreihundert Nach-oder Vorlässe werden im Literaturarchiv betreut, dreißig betreut er, sein Spezialgebiet ist aber Fried, worüber er auch eine Dissertation geschrieben hat, weshalb erals Spezialist nach Wien geholt wurde, um den „Fried Nachlaß“ aufzuarbeiten.

Thomas J. Hauck

Thomas J. Hauck

Wahrscheinlich wird auch der 1969 verstorbene Gerhard Fritsch im Literaturarchiv gesammelt und wahrscheinlich gibt es dort seinen berühmten Roman „Fasching“ zu bewundern, hätte ich gedacht, dennn der wurde jedenfalls in der „Alten Schmiede“ im Rahmen der „Grundbuchreihe“ vorgestellt und da hätte es auch gut gepaßt anschließend hinzugehen, nur leider hat die Führung bis viertel acht gedauert, so daß wir zu spät gekommen wären und Alfred wollte ohnehin lieber zu den „Wilden Worten“ ins Amerlinghaus gehen, wo der 1958 geborene Thomas J. Hauck seinen „Berlin Moabit Blues“ vorstellte, eine Erzählung über zwei einsame Typen, einen Alkoholiker und eine Frau, die auch gerne Tokaier trinkt, die sich in Moabit herumtreiben auf der Straße, am Markt, im Beisel, etcetera, er sucht eine Frau, gibt eine Annouce auf und traut sich dann nicht anzurufen, sie hat eine Tochter in Griechenland, die ihr mal vor Jahren eine Karte von der Akropolis schickte. Jetzt trinkt sie Tokaja, singt vom griechischen Wein, will dort hinreisen und  hört die Schafe blöken.

Thomas J. Hauck, der auch Schauspieler ist und in Berlin lebt, hat auch schon einige Kinderbücher geschrieben, eines davon stellt er auch am Mittwoch im Cafe Prückl vor und in der anschließenden Diskussion ging es um Einsamkeit, skurrile Typen und er erzählte, daß es zu beiden Figuren Vorbilder in seiner Umgebung gegeben hat und er sich dann die Geschichten darum ausgedacht hat.

Danach ging es um mein eigenes Literaturarchiv beziehungsweise Buchbestand aufzufrischen, zu den offenen Bücherschränken und da gab es von Egon Friedell „Die Rückkehr der Zeitmaschine“, die ja, glaube ich, auch im Literaturmuseum besprochen wird, von Kurt Palm, von dem ich jetzt nachschauen müßte ob er im Archiv archiviert wurd, seinen „Residenz-Roman“ „Bringt mir die Nudel von Gioachino Rossini“ und ein Buch einer „Bod-Publisherin“, die ja nicht gesammelt wird, aber wahrscheinlich auch ganz spannend ist.

Und hier mein Wunschgedicht vom letzen Mal mit ein paar „Wurfgeschichten-Worten“. Mal sehen was Richard Weihs daraus für mein elektronisches Literaturarchiv machte:

„Heute past einach gar nichts:

Die Rasierklinge kratzt elendiglich,

das Dosenbier schmeckt schal

und du lässt dich von mir nicht einmal daraus verühren.

Naja – und die Lügen der Frauen waren auch schon einmal origineller.“

Mit Stefan zweig und Heimito von Doderer aufder Wolke hat das nichts zu tun, aber die habe ich ihm auch nicht angegeben.

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