Literaturgefluester

2018-07-06

Tausend deutsche Diskotheken

Jetzt kommt ein tolles Debut, das fast an mir vorbeigegangen wäre, denn ich habe, ganz ehrlich Michel Decars „Tausend deutsche Diskotheken“ vor allem des Covers wegen mit dem schreienden oder lachenden Männergesicht für ein Klamaukbuch eines Kabaretisten gehalten, die ich ja nicht mag,  da ich ab bezüglich Büchern schlecht nein sagen kann…

Dann habe ich auf der „Ullstein-Blogseite“ noch etwas von „Entweder ist es Literatur oder es macht Spaß“ gefunden. Bin auch nicht viel klüger wurden und habe dann eine herrliche Parrodie auf einen Thriller oder Krimi, die ja im Sommer von den Urlaubsfreifen so gern gelesen oder auch für sie geschrieben werden, gefunden.

Einen in totaler Thomas Bernhardscher Manier, hat sich da der 1987 in Augsburg geborene Schriftsteller, Dramatiker und Hörspielregisseur, also auch einer unter dreißig, der aber schon mit dem „Kleist Förderpreis“ ausgezeichnet wurde und mit Jakob Nolte, der ja heuer in Klagenfurt liest, eine Zeitlang unter dem namen Decar Nolte, schrieb, ausgedacht.

„Passen Sie auf, sagte ich zu Courcelles, im Prinzip fing es damit an, dass Mauke zu mir sagte..!“, fängt es an und geht dann auf ungefähr dreihundertfünfzig Seiten so weiter, daß einer, ein abgefakelter Privatdetektiv, der, sehr schön realistisch, sowohl Schwierigkeiten mit dem Finanzamt, als auch mit den Frauen, der Alice, der Conny und der Marlene hat, erzählt, wie imJahr 1988, die BRD fast von der DDR übernommen wurde und ich fragte ich, nach dem ich den hunderttausendsten Thomas Bernhard-Verschnitt mit wirkliche Vergnügen gelesen habe, warum das nicht im Sommer 1989 geschah, denn das wäre ja noch einmal eine Parodie aufs Auge gewesen, aber nun ja, es ist auch so ganz schön faustisch, wie Decar da den Krmilesern einen Spiegel vor die Augen hält, aber ob, die eine Thomas Bernhard-Parodie in der nichts, aber auch gar nichts passiert, so einfach lesen wollen!

„Falsch!“, werden jetzt die Lektoren und die Kritiker schreien.

„Falsch, Tante aus Wien, da bist du wieder einmal schön eingefahren, denn es passiert ja sehr viel darin!“

Jawohl, natürlich, selbstverständlich, die Bundesrepublik wird auf den Kopf gestellt oder ist in Gefahr zusammenzubrechen, wie ja heute, wie ich höre und lese, genau das gleiche mit der EU passiert und die Rechten und vielleicht auch die Linken darüber streiten, ob jetzt Angela Merkel zurücktreten soll oder nicht und ob es gut oder schlecht war, daß Deutschland schon aus der WM hinausgeschmissen wurde?

Aber schön der Reihe nach. Da ist also Frankie, der Privatdetektiv der eigentlich das Finanzamt München verklagen will, sein Rechtsanwalt Branco Invancic, der eigentlich ein Bauspezialist ist, hält ihn davon ab und der verbringt seine Nächte damit, daß er Baccardi Cola in denMünchener Diskotheken sauft. Da spricht ihm um 22 Uhr an einem Montagabend im Juli eine Schöne an und fragt ihn, ob er mit zu ihr kommen will?

Sie bringt ihn aber in kein Liebesabenteuer, sondern zu Bahnvorstand Mauke, der ihm einen Auftrag gibt. Denn der wurde am sechsten Juli aus einer Diskothek angerufen, wo es gerade einen Madonna-Song zu hören gab. Ein Erpresser oder sonstiger Anrufer wollte ihm treffen, ist dann nie erschienen und Frankie Boy soll nun danach suchen.

Das alles erzählt unser Bernhard-Typ dem Herrn Courcelles von dem wir erst auf seite Dreihundert oder so erfahren, daß er ein Vernehmungsbeatmer ist, denn Frankie wurde inzwzischen, als er mit einer Waffe in der Hand gegen die ostdeutsche Grenze lief,  in ein Wiesbadener-Gefängnis eingeliefert.

Der Vernehmer, der von Franke großspurig über das Fürchterlichste vom Fürchterlichsten auf Dreihundertseiten belehrt wird, hört ihm zu und lutscht und das ist wohl auch eine vergnüglichesSpitze in der Satrie an einem Himbeerzuckerl, während frrankie Eiskaffee und Fritten mag  und natürlich Barcardi- Cola an dem er sich durch seineTour durch die deutschen Diskotheken hemmungslos betrinkt und auch noch geschlagen wird, so daß er eine ramponierte Nase und noch einige andere Blessuren auf seiner Tour abbekommt, wo sich niemand erinnern kann, wo um Mitternacht dieser Song gespielt wurde?

So nährt sich das Buch von Vermutungen, der oberste Bahnvorstand, also Maukes Chef ist ein „Maulwurf“ und er muß ihn ans Messer liefern, belehrt Mauke seinem Detektiv, als der keine Lust mehr hat und aussteigen will. Dann wird der Gute aber selbst verhaftet und die Tour weitet sich über den Münchener Raum, wo alles begonnen hat, auf ganz Deutschland aus.

Frankie fühlt sich dazwchen verfolgt, entwickelt auch eine Parnoia und muß nach Berlin, bevor er   gegen die Grenze rennt und vom Verfassungsschutz, er ihn offenbar tatsächlich schon beobachtet hat, einkassiert wird,  in ein Wiesbadener Gefängnis gebracht wird und dort dem Beamten großspurig seine Geschichte erzählt:

„Bis hierher sind Sie astrein gewesen, lieber Courcelles, also werden Sie jetuz bitte nicht dilettantisch. Bekennen Sie sich zur westlichen Zivilisation, zum Rechtsstaat. Meine Mutter wird sich schreckliche Sorgen machen, wie Sie sich denken können, wird krank vor Angst sein. Ich fordere Sie also ein letztes Mal dazu auf, Beweise vorzulegen, die mich belasten, oder diese lächerliche Anklage fallen zu lassen. Es liegt ganz in Ihrer Hand. Ich weiß, wie sehr Sie hier unter Druck stehen, Courcelles, mehr, als jeder andere weiß ich, wie groß die Gewalt derer ist, die auch Sie bedrohnen. Aber ich weiß, dass sie die richtige Entscheidung treffen werden!“

Und so weiter und so fort. Großmaul Frankie wird  aus dem Gefängnis entlassen. Fährt mit seiner Mutter am Schluß der Geschichte nach Italien, wo er Postkarten kauft und dann natürlich eine an seinen Verfassungsschutzbeamten Courcelles schreibt und ich frage mich, wie Thomas Bernhard dieses herrliche Sommerbuch, das die Leser auch ein bißchen auf die Schaufel nimmt, gefallen hat?

Und würde mich wirklich freuen wenn es auf die Dpb-Liste kommt, wo man dann auch sehen kann, wie das mit der Unterscheinung zwischen U und E funktionier und wie die professionellen Kritiker damit umgehen werden?

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