Literaturgefluester

2017-03-13

Tiere für Fortgeschrittene

Weiter geht es mit den Neuerscheinungen und  mit den Tieren. Denn „Kiepenheur & Witsch“ hat dieses Frühjahr gleich zwei Bücher herausgegeben, die „Tiere“ im Titel haben.

„Tierchen unlimited“ und „Tiere für Fortgeschrittene“ und der Unterschied ist, daß es sich bei Eva Menasse, um eine Erzählsammlung handelt und man könnte jetzt noch kritisch anmerken, daß ich mich eigentlich weder für Tiere noch für Erzählbände so besonders interessiere.

Aber ich bin eine Namensammlerin und wähle meine Lektüre bevorzugt nach den Autorennamen aus und Eva Menasse, die Halbschwester vom Robert, 1970 in Wien geboren, seit 2003 in Berlin lebend, kenne ich wahrscheinlich spätestens durch ihren Roman „Vienna“ für den ich eine meine ersten „Thalia-Rensionen“ geschrieben habe, die auch erschienen ist.

„Mit den „Quasikristallen“ hat sie den „Alpha“ und auch andere Preise bekommen und wie im Klappentext steht eine Sammlung mit skurillen Tiergeschichten, die sie in Zeitungen fand.

Grund genug daraus Geschichten zu schreiben, die das moderne Großstadtleben mit seinen Höhen und Tiefen beziehungsweise Alltagskurlitäten, die das Leben und das Sterben umfassen.

Das Buch ist dem 2014 verstorbenen Filmemacher Michael Glawogger gewidmet und im Anhang gibt es eine Liste, wo die Tierzitate erschienen sind.

„Schmetterling, Biene, Krokodil“ heißt die erste Geschichte und der Notiz ist zu entnehmen, daß Bienen und Schmetterlinge ihre Nahrung an seltsamen Orten finden, so setzten sie sich beispielsweise auch auf Krokodile, um deren Tränen aufzusammeln und dann kommt die Geschichte von einer Tom genannten Frau, die mit ihrem Sohn und den zwei Kindern ihres Mannes Georg in einer Patchworkfamlie lebt.

Eine Woche sind die beiden Kinder, Karo und Jonas bei der Mutter, die andere beim Vater und bei ihr und das führt zu Überlebenskämpfen, denn, die Mutter ist so unzufrieden und beschuldigt Tom immer die Kinder schmutzig oder unvollständig angezogen zurückzubringen, so daß sie alle ihre Kleider zweimal kaufte und in den Kleidungsstücken auch Erkennungszeichen angebracht hat. Jetzt geht es aber eine Woche in eine „Touristenfabrik“ in die Türkei, das heißt in einen all inclusive Urlaub ans Meer.  Aber Tom ist nicht gut drauf, ist doch gerade ihr Jugendfreund Martin gestorben und dann spricht sie in dem Hotel noch ein alter Mann an, der sie für seine Schwester hält.

Interessant, die Assoziationskette könnte man meinen und vielleicht nicht viele Übereinstimmungen finden, aber Eva Menasses Erzähleisterschaft, die aus „pointierten Witz, Geheimnis und melancholischen Ernst“ besteht, wird im Klappentext ausdrücklich gelobt.

In „Raupen“ geht es um die „Tabakschwärmerraupen“, die sich ungewollt selbst ihr Grab schaufeln und das erscheint wahrscheinlich jenem alten „Despoten“ als Ausweg, dessen Frau an Demenz erkrankt ist und der sich jetzt gegen die Veränderungen, wie Wohnungsumbau, Annehmen von Dienstleistern beziehungsweise Pflegehelfern zur Wehr setzt,  die ihm seine Töchter aufschwatzen wollen,  in dem er sich, in den zur Pensionierung geschenkt bekommenen Direktorensessel setzt, sich Pornofilme auflegt und an seiner eigenen Todesanzeige schreibt.

Und die „Igel“, die in den von Mc Donald`s erzeugten „Mc Flurry Eisbechern“ verhungern, tauchen dann in Geschichte drei, wo es, um ein Luxusweibchen geht, das nichts gelernt hat und nichts kann, als Champagner zu trinken und sich von ihrem erfolgreichen Ehemann aushalten zu lassen, tatsächlich auf.

Sie rettet einen solchen armen Igel in einem Luxushotel, wo das Paar, beziehungsweise, die Frau Urlaub macht, der Gatte mußte dazwischen zu seinen Aufsichtsratsitzungen und angelte sich einen Liebhaber  und hat  dabei höchstwahrscheinlich ein liebesleeres Leben, wie das bei den nichtberufstätigen Luxusweibchen eben so ist.

Zu den „Schafen“, die ihre Wolle selbst abwerfen, ist Eva Menasse eine bizarre Geschichte von einer Kolonie eingefallen, in die während oder nach einer Krise, vielleicht ist die Welt zusammengebrochen, eine Reihe von ausgewählten Wissenschaften und Künstlern eingeladen werden, um eine unbestimmte Aufgabe zu lösen. Schafe gibt es dort nicht, nur Blattläuse und Mücke, eine Katze, die man nicht füttern und Zitronen die man von bestimmten Stellen nicht pflücken darf.

In Amerika wurde einmal ein betrunkener Autofahrer dabei erwischt, daß er ein totes „Possum“ wiederbeleben versuchte, das läßt Eva Menasse jetzt einen bekannten Regisseur bei einem Reh machen und da ihre Protagonisten ja bevorzugt der Mittelschicht, den Intellektuellen, sowie den Reichen und den Schönen angehören, haben diese dann auch Probleme, wenn sie so offen und „multikulti“ sind, daß  sie ihre Kinder in eine öffentliche Schule geben wollen.

Wie das mit dem „Hai“ im „Haus des Meeres“ zusammenhängt, habe ich nicht ganz verstanden oder ja, denn der gehört dort eigentlich nicht hinein.

Das Kletterverhalten von „Schlangen“ bringt Eva Menasse zu einer komplizierten Beziehungsgeschichte, beziehungsweise einen Neuanfang, in dem ein abgeschlagenes Bein eines Tisches eine große Rolle spielt und, daß „Enten“ gleichzeitig schlafen, als auch nach Feinden Ausschau halten können, habe ich schon irgendwo gehört.

Eva Menasse macht eine Urlaubsreise daraus, die von Panikattacken und Flugangst gequälte Jenna fährt mit ihrem Mann Ben und dem Sohn Sammy im Auto auf Urlaub nach Italien. Dabei machen ihre Kleinhirnhälten gleich mehrere Arbeitsprozesse durch. Geht sie dabei doch in die Holocaustvergangenheit ihrer Familie zurück, während sie sie sich mit ihrem Mann beim Fahren abwechselt, den kleinen Sohn beruhigt und ihm schließlich ein Kuscheltier in einer Tankstelle kauft.

Grandiose Meisterleistung diese Verbindung von tierischen Eigenschaften zu menschlichen Schicksalen und ihren Neurosen, Ängsten, könnte man so sagen.

Manches war  für mich leicht nachvollziehbar, anderes, wie schon erwähnt, eher schwierig bis unverständlich und am Cover prangen neuen Käfer und schillern von grün bis rot in allen Farb-und Formnuancen, obwohl von Käfern in den acht Geschichten eigentlich auch nicht die Rede war.

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